Geomorphologie

Musawwarat liegt inmitten eines weiten Beckens, in dem mehrere Wadizuflüsse zusammen treffen. Eine geschlossene Schichtstufe kann nicht beobachtet werden. Die Sandsteintafel ist in unzählige Teilstücke zerrissen und enge Kastentäler, können mit weiten Ausräumungsbecken wechseln. Ein Gewirr von Plateauresten und Zeugenbergen vervollständigen das Landschaftsbild.
 

Landschaftsform im Becken von Musawwarat
(Foto Katharina Aldenhoven)
   

In der offenen Landschaft sind mit der intensiven fossilen Bodenbildung und der sehr jungen äolischen Phase, nur zwei Bodenbildungsphasen deutlich zu trennen. Im Bereich der Großen Anlage hingegen finden sich Hinweise auf weitere Prozesse der Bodenbildung und Sedimententwicklung. Von Bedeutung ist hier das Vorhandensein einer Umlagerungsdecke, welche in Material und Farbe zwar weitgehende Parallelen zur unter ihr liegenden Schicht aufweist, aber nicht deren markantes und prismatisches Gefüge besitzt. Die Umlagerungsdecke ist z. T. plattig, teilweise polyedrisch-massiv gegliedert. Steine, auch frische Sandsteine, sind z. T. in Hangrichtung eingeregelt. Meroitische Scherben finden sich an der Basis bzw. im Schichtverband. Die makromorphologischen Merkmale dieses Kolluviums deuten daraufhin, dass an der Entstehung sowohl Verlagerungsprozesse an flachen Hängen als auch anthropogener Materialeintrag beteiligt waren.

Die Umlagerungsdecke im Bereich der Großen Anlage wird nach obenhin durch ein feinsandig-schluffiges Sediment begrenzt, was auf fluviale Prozesse mit geringer Fließgeschwindigkeit bzw. das Vorhandensein von Standgewässern hinweist. In der darüber liegenden jüngsten Entwicklungsphase schließlich finden wir die äolischen Sedimente, welche mit der obenliegenden Flugsanddecke ihren Abschluss finden.

Klima- und Vegetationsgeschichte lassen sich im Bereich des Beckens von Musawwarat nach den vorliegenden Erkenntnissen in einem kurzen Überblick wie folgt darstellen: Nach einem Klimaoptimum um 10.000 B. P. mit dem Übergang von Feucht zu Trockensavanne im Nordsudan veränderte sich das Vegetationsbild allmählich in Richtung Trockensavanne-Halbwüste, so wie es heute für diesen Raum charakteristisch ist. Man rechnet mit einer Abnahme der Jahresniederschläge von Nj = 700 – 900 mm auf Nj = 100 – 200 mm. Die Veränderungen erfolgten dabei nicht gleichmäßig sondern in Sprüngen und Schwankungen, welche sowohl zu mehrjährig feuchteren als auch zu extrem trockeneren Verhältnissen führen konnten. In baulicher Hinsicht manifestierten sich die klimatischen Bedingungen in der Anlage von großen Becken zum Auffangen und Speichern des Regenwassers. Ein solcher Hafir ( hafar , arab. „graben“), mit 250 m Durchmesser nicht ohne Grund der Große Hafir genannt, ist etwa 500 m südöstlich der Großen Anlage noch heute zu lokalisieren.


Der Hafir von Musawwarat mit seinem antiken
Begrenzungswall
(Foto Katharina Aldenhoven)


Neben den antiken baulichen Überresten der Großen Anlage finden sich in deren Umgebung weitere Zeugnisse anthropogener Landschafts- veränderungen. Die Bergbauhinterlassenschaften, in denen die Kuschiten nach Eisen- erzen, Erdfarben und Rohstoffen für die Keramikherstellung (Kaolinit) schürften, zählen genauso dazu wie die Steinbrüche, in denen der relativ

Antiker Steinbruch
(Foto: K. Aldenhoven)
 
weiche Sandstein für den Bau der antiken Anlagen gewonnen wurde. Zwei große Sandsteinabbaugebiete mit insgesamt 12 Steinbrüchen liegen, von der Großen Anlage aus betrachtet, in südöstlicher und west-nordwestlicher Richtung.

Für die Gewinnung des Sandsteins bevorzugten die antiken Prospektoren Insel- bzw. Schildinselberge sowie gerundete Sporen von sonstigen Plateauresten. Zu den unterschiedlichen Abbau- verfahren gehörten u. a. das selektive Herauslösen oberflächennaher freigewitterter Blöcke, der Abbau von natürlichen Felskanten an den terrassenförmigen Oberhängen der Insel- und Schildinselberge sowie die Weiterleitung von natürlich abgegangenem Rohmaterial aus dem Haldenhang zum Bergfuß.

Die Steinhauer benutzten dabei für das Abbrechen der Blöcke einfache Werkzeuge wie Hebel aus Holz und Brechstangen. Aber auch hochwertiges Handwerksgerät war im Einsatz, wie die Analyse der Meißel-Schrotgrabenwände zeigt. Neben den Spuren von – für den Steinabbau fast ungeeigneten – Meißeln aus Bronze, lassen sich dort Werkzeugspuren von eisernen Meißeln, mit zu Stahl geschmiedeten Spitzen erkennen.

Der chronologische Ablauf des Steinabbaus im Gebiet von Musawwarat beginnt nach den bisherigen Erkenntnissen der Montanarchäologie vermutlich im frühen 6. Jh. unter König Aspelta. Mit dem frühen 4. Jh. hält das Eisen Einzug in die Abbautechnologie. Die Weiterentwicklung der Meißeltechnik zur Schlagbohrtechnologie ist für die Regierungszeit des Königs Arnekhamanis im späten 3. Jh. gesichert. Mit der letzten kuschitischen Bauperiode, durch Hintze in die spätmeroitische Zeit (etwa 1. Jh. bis 3. Jh. n. Chr.) datiert, endete schließlich die Steingewinnung in Musawwarat.


Meißelspuren
(Foto: K. Aldenhoven)

Bernd Kriens

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