Die Große Anlage, ein Zentrum für fromme Pilger

Das Zentrum von Musawwarat es Sufra ist zweifellos die Große Anlage, die in napatanischer und meroitischer Zeit, vom 5. Jh. v. Chr. bis zum 4. Jh. n. Chr, den religiösen Mittelpunkt des Tales bildete. In ihrer Konzeption ist die Große Anlage in ganz Afrika beispiellos. Innerhalb eines ausgedehnten Areals findet sich ein labyrinthartiges Ensemble von Tempeln auf künstlich errichteten Terrassen, die durch ein kompliziertes System von langen Gängen, Rampen und Höfen miteinander verbunden sind. (Abb. 1 - Übersichtsplan)

Dieser Komplex kann in mehrere Bauperioden unterteilt werden, die anhand älterer Architekturelemente rekonstruiert werden. Frühere Tempel waren zu bestimmten Zeiten abgerissen und an Ort und Stelle in etwas veränderter Ausrichtung wieder aufgebaut worden, faszinierend ist dabei die leichte Orientierungsänderung. So scheinen Gestirne bzw. ein einzelner Stern wichtige Anhaltspunkte bei der Errichtung der Bauwerke gewesen zu sein.
Von den drei Tempeln der Großen Anlage sticht vor allem der Zentraltempel ins Auge. Im Zentrum der Großen Anlage gelegen, ragt er über die restlichen Ruinen und bildet, da er auf höherem Niveau errichtet wurde, einen imposanten Blickfang. (Abb. 2)
 

Abb. 2: Blick auf den Zentraltempel
(Foto Katharina Aldenhoven)


Abb. 3: Säule vom Zentraltempel
(MittSAG 13, Titelbild)

 

Es handelt sich bei diesem Tempel um einen Einraumtempel mit vier Säulen im Inneren und einen umgebenden Peripteros mit einer doppelten Säulenreihe an der Vorderseite. (Abb. 3) Die Säulen im Eingangesbereich sind mit Relief- darstellungen von Göttern, Göttinnen und nackten Jünglingen geschmückt, die als hellenistisch beeinflusst gedeutet werden können.

Neben zwei Eingängen besaß der Zentraltempel vier große Fenster, die fast bis zum Boden reichen. Ihr Zweck ist unklar, noch erkennbare Mauerausspa- rungen legen jedoch die Anbringung von Fensterrahmen nahe. Die Eingänge waren ursprünglich von den berühmten Dreiköpfen gekrönt, einer davon befindet sich heute in Berlin. Die figürlich gearbeiteten Dreiköpfe
aus Sandstein stellen immer eine Götter-oder Göttinnentriade dar. Ebenfalls beeindruckend ist die Elefantenante des Zentraltempels, die gänzlich zu einem großen Elefanten gearbeitet wurde. (Abb. 4) Solch Einfallsreichtum ist bezeichnend für die kuschitische Kunst.

Welcher Gottheit der Zentraltempel geweiht war, lässt sich heute leider nicht mehr mit Sicherheit feststellen. Von der Architektur des Tempels ausgehend scheint es sich um einen einheimischen Gott gehandelt zu haben, eventuell war der Tempelherr der löwenköpfige Apedemak, der mächtigste Gott des kuschitischen Pantheons.

In einigen Bereichen der um das Zentralheiligtum liegenden Höfe fanden sich große Pflanzengruben, die zu der Annahme

Abb. 4: Elefantenante
(Foto Katharina Aldenhoven)
führten, dass es sich um eine Art Tempelgarten gehandelt haben mag. Zur Pflege der Pflanzen dienten mehrere große Ziegelwasserbecken, die teilweise anschließende Wasserleitungen besaßen.

Abb. 5: Blick von Norden auf den
Tempel 200 (Foto Katharina Aldenhoven)
Neben dem Zentraltempel findet sich im Norden der Großen Anlage noch ein weiterer Einraumtempel, der ebenfalls auf einer Terrasse erbaut wurde. (Abb. 5) Er ist mit dem Zentraltempel durch einen Gang verbunden. Die zahlreichen Gänge, die man in der Großen Anlage antrifft, waren nicht gedeckt, die Höhe der Mauern genügte jedoch, um einen Einblick von den Höfen zu vermeiden.
 
Der dritte und letzte Tempel der Großen Anlage befindet sich im Osten des Komplexes und ist auf einer weitaus niedrigeren Terrasse erbaut. (Abb. 6) Er besteht aus einem Hauptraum mit sechs Säulen und einem vorgelagerten Säulenportikus mit Zugangsrampe. Seine architektonischen Schmuckelemente sind einzigartig für die Große Anlage. Es finden sich Rundstab und Hohlkehle, stark erhabene Reliefs, sowie zu Elefanten gearbeitete Eckbasen. Ein weiteres interessantes Detail sind Pfostenlöcher im vorderen Bereich der Terrasse. Möglicherweise handelt es sich um Reste einer Baldachinkonstruktion. Vergleichbares findet sich an keinem anderen Tempel der Großen Anlage.


Abb. 6: Tempel 300 der Großen Anlage
(Foto Veronica Hinterhuber)

Beeindruckend ist die Eingangsgestaltung dieses Heiligtums. Der Eingang, der mit Schlangenreliefs dekoriert ist, wird von vier Löwen flankiert. Zwei dieser Löwen werden von Götterstatuen an der Leine geführt. Bei den Gottheiten handelt es sich um Arensnuphis und Sebiumeker, zwei einheimische Götter, die häufig in ihrer Funktion als Tempelwächter rechts und links des Tempeleinganges dargestellt wurden. (Abb. 7)


Abb. 7: Rekondtruktion Tempel 300
(MittSAG 14, Abb. 20)

Neben den Tempeln birgt die Große Anlage noch weitere Besonderheiten, die Komplexe 400-600. Während es sich beim Komplex 400 um ein kleines mehrräumiges Gebäude, eventuell eine Priesterwohnung, handelt, besteht der Komplex 500 aus diversen Höfen und Räumen im Westen des Zentraltempels. Im Komplex 500 ist vor allem die so genannte Westkapelle von Interesse. Sie birgt den einzigen chronologischen Fixpunkt zur Datierung der Großen Anlage. Eine reliefierte Säule liefert die fragmentarische, von Prof. Priese rekonstruierte, Kartusche des Königs Arnekhamani, der von 238-215 v. Chr. herrschte.
 

Abb. 8: Erotisches Graffito
(MittSAG 13, 2002, Abb. 1)
Ein erotisches Graffito an der südlichen Außenwand des Baues warf einige Fragen auf. (Abb. 8) Möglicherweise weist es darauf hin, dass in diesem Bereich der Vollzug des Rituals der „Heiligen Hochzeit“ durchgeführt wurde. Die Große Anlage könnte demnach der Ort gewesen sein, an dem das kuschitische Königspaar in einer rituellen Vereinigung den Thronfolger zeugte. Dieses Ritual spielte in Vorderasien eine elementare Rolle, in Ägypten findet es sich in etwas abgewandelter Form im kosmogonischen
Amt der Gottesgemahlin wieder. Die erwählte königliche Frau garantierte dort in ihrer Verbindung mit dem Demiurg für den Erhalt der Schöpfung.

Neben weiteren erotischen Graffiti könnte auch ein Raum im Komplex 500 als Indiz für dieses Ritual gelten, indem sich ein in den Boden gelassenes Gefäß befand, das möglicherweise als Räuchergrube diente. Dieses Räuchergefäß zieht eine interessante Parallele zu den heutigen sudanesischen Hochzeitsbräuchen, bei denen sich die Braut einer wohlriechenden Räucherung unterzieht.

Als letzter Komplex ist noch der Komplex 600 zu nennen, bei dem es sich um zwei Höfe am Westrand der Großen Anlage handelt.

Über die Bedeutung der Großen Anlage gab es lange Jahre verschiedene Spekulationen. Mittlerweile wurde der schlüssigsten Interpretation der Vorzug gegeben und der riesige Komplex wird als religiöses Zentrum für Pilger gedeutet.

Von dieser Jahrhunderte währenden Funktion als Pilgerstätte zeugen Tausende von Graffiti, die sich an den Wänden der Großen Anlage finden (Abb. 9) Die relevanteste Erklärung dieser besonderen Ritzzeichnungen ist sicher die Annahme, dass es sich um Hinterlassenschaften frommer Gläubiger handelt, die zu den alljährlichen hohen Feiertagen in das Tal von Musawwarat strömten. Interessanterweise gibt es nämlich keine Besiedlungsspuren, die auf eine ganzjährige Bewohnung dieses Gebietes deuten würden.


Abb. 9: Graffito
(Foto Veronica Hinterhuber)

Mit dem Löwentempel von Musawwarat es Sufra bildet die Große Anlage eines der wichtigsten Kultzentren des antiken Sudan.

Veronica Hinterhuber

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