Der Löwentempel von Musawwarat es Sufra

(Struktur II C)

Ein Kilometer südöstlich von der Großen Anlage entfernt, direkt neben dem großen Hafir lagen seit der Antike die Trümmer eines meroitischen Tempels. Dessen detaillierte Reliefs erregten schon Mitte des 19. Jahrhunderts das Interesse von Karl Richard Lepsius, dem Begründer des Ägyptologischen Institutes an der heutigen Humboldt-Universität zu Berlin. Die von ihm „Südost-Tempel“ genannten Ruinen befanden sich leider schon damals in einem bedauernswerten Zustand. Nur einige Säulen ragten aus dem Schutt heraus.


Aufbau des LTM

Schon während der ersten Forschungskampagne der Humboldt-Universität zu Berlin im Jahre 1960 hatte die Ausgrabung des Tempels oberste Priorität. Als enormer Glücksfall stellte sich dabei heraus, dass die Blöcke der Außenwände wohl schon in der Antike einstürzten und vom Sandboden durch die Jahrhunderte konserviert worden waren. Somit konnte das einzigartige Kulturdenkmal auf Veranlassung der sudanesischen Altertümerverwaltung an Ort und Stelle wiedererrichtet werden. In einer Zeitspanne von nur 10 Jahren wurden die Ruinen des Tempels vollständig abgetragen, erforscht und schließlich in alter Pracht neu aufgebaut. 1970 bildete die Eröffnung des rekonstruierten Löwentempels den vorläufigen Höhepunkt der Arbeiten der Humboldt-Universität zu Berlin in Musawwarat. Der Tempel wurde ausführlich publiziert und bildet so einen festen Bestandteil im Forschungsdiskurs über die Meroitische Epoche. Im Hinblick auf eine Baumschutzpflanzung durch das Sudan Civilisation Institut, welche die Reliefs vor weiteren Verwitterungen schützen soll, wurden in jüngster Zeit weitere Grabungen in der Umgebung des Tempels unternommen.

 
 

Ansicht von Süden
(Foto Katharina Aldenhoven)
Der Löwentempel gehört zum Typ der meroitischen Einraumtempel (L. 14,91 m, Br. 9,13 m, H. 4,7 m). Sein Eingang ist durch einen großen Pylontorbau gekennzeichnet. Das Gebäude ist ostwestlich orientiert. Der einzige Innenraum ist durch zwei Reihen von jeweils drei Säulen gegliedert. Das Bauwerk errichtete man aus dem örtlich anstehenden Sandstein in der so genannten Schalenbauweise, wobei der
 
Mauerkern, zwischen zwei Mantelschalen aus großformatigen Hausteinen, größtenteils aus Schutt gebildet wurde. (Bruchsteine und Steinsplitt in Erdmörtel) Zur Ableitung des Regenwassers versah man den Tempel in jeder Längswand mit zwei löwenförmige Wasserspeiern. In die wiedererrichtete Anlage wurde eine Dachkonstruktion aus Palmrippen, Matten und Lehmschlag auf den von Säulen getragenen Querbalken eingefügt.

Die qualitativ hochwertigen Reliefs und Beischriften liefern einzigartige Informationen zu Religion, Kunst, Sprache und Geschichte des Reiches von Meroe. Durch die in ägyptischen Hieroglyphen abgefassten Beischriften der Reliefs kann der Bau des Tempels in die Regierungszeit des Königs Arnekhamani im späten 3. Jh. v. Chr. datiert werden. Auch der Kronprinz Arka, der spätere Ergamenes II., wird genannt. Die weiteren Inschriften, welche meist aus Hymnen an die einzelnen Gottheiten bestehen, ähneln in ihrem Konzept den Tempelinschriften in Philae. Nach dem Ägyptischen Vorbild sind die Reliefs an den Außenwänden vertieft und an den Innenwänden erhaben gearbeitet.

Der Löwentempel von Musawwarat war dem nubischen Löwengott Apedemak geweiht. Die Reliefs zeigen sowohl einheimische als auch aus Ägypten übernommene Gottheiten.

Auf den außerordentlich gut erhaltenen Außenwänden ist der König mit dem Prinzen von einer Göttin beschützt beim Tempeldienst vor verschiedenen Gottheiten zu sehen. Die auf der südlichen Außenseite gezeigten männlichen Gottheiten haben alle einen kriegerischen Aspekt.Im Gegensatz hierzu sind auf der nördlichen Außenseite sowohl weibliche als auch männliche Gottheiten paarweise dargestellt und vermitteln hier einen friedlichen und fruchtbaren Eindruck. Dieser Gesamtdarstellung folgend tritt auch der Tempelherr, der Löwengott Apedemak, auf der nördlichen Seite als friedlicher segenspendender Gott auf, welcher dem

Relief von Apedemak auf der Südseite
(Foto Katharina Aldenhoven)
König „Leben und Dauer“ überreicht. Seine Abbildung auf der südlichen Seite hingegen zeigt ihn als kriegerischen Gott, der einen Gefesselten hält und mit Pfeil und Bogen bewaffnet ist. Auf der westlichen Rückwand befindet sich eine leider sehr stark zerstörte antithetische Darstellung. Sie zeigte auf der einen Seite den König vor Apedemak und auf der anderen den König vor dem ebenfalls einheimischen nubischen Gott Sebiumeker.


Nordwand mit Reliefs von Götterpaaren
(Foto Katharina Aldenhoven)

Der Pylon war anscheinend undekoriert. Allerdings fanden sich im Füllmauerwerk des Pylons dekorierte Reliefblöcke eines Vorgängerbaus, der nicht mehr rekonstruiert werden konnte. Wenige Reliefblöcke dieses ersten Pylons schmücken heute die sudanarchäologische Sammlung der Humboldt-Universität zu Berlin. In die heutige Pylonrekonstruktion konnte vom Vorgängerbau nur das Relief eines gefesselten Krokodiles eingebaut werden. Die Eingangstür wurde ursprünglich von Rundstab, Hohlkehle, Uräenfries und dem, vor der Türschwelle aufgefundenen heute im Nationalmuseum in Khartum befindlichen, Dreikopf bekrönt. Zwei sitzende Löwenfiguren rahmen den Eingang ein.



Säulen im Innenraum
(Foto Katharina Aldenhoven)

Leider sind die Reliefs im Inneren des Tempels nur schlecht erhalten. Dies mag daran liegen, dass sie nicht wie die Außenwände direkt einstürzten, sondern noch längere Zeit aufrecht standen und so den Witterungseinflüssen ausgesetzt waren. Meist ist nur noch die untere Hälfte der Reliefs zu erkennen. Im Inneren des Tempels sind die Darstellungen im Gegensatz zu den Außenwänden in einzelne komplizierte Szenen unterteilt. Wieder ist der König mit unterschiedlichen Gottheiten besonders mit dem Tempelherrn Apedemak und dem meroitischen Reichsgott Amun dargestellt. Hier spielen aber nicht nur Opfer und Grußszenen, sondern auch die Erwählung und Krönung des Königs eine Rolle. Der Themenbereich dieser Abbildungen umfasst mehrere vielschichtige kultische Aspekte.

Auch die Säulen sind in erhabenem Relief dekoriert. Ihre Bilder zeigen wieder den König vor verschiedenen Gottheiten oder auch Szenen, in denen nur Götter vorkommen, sowie mythische Szenen mit heiligen Tieren und Pflanzen. An einigen Stellen kann noch erkannt werden, dass auch die Säulen mit Beischriften versehen waren.

Die Reliefs des Löwentempels weisen einige markante Prallelen zum später errichteten Löwentempel in Naqa auf, so dass man die Entwicklung des Stils nachvollziehen kann.

Von der ehemaligen Tempelausstattung fanden sich nur noch wenige Gegenstände und Fragmente, u. a. der Dreikopf, welcher sich heute neben anderen Fundstücken als Leihgabe in der Studiensammlung unseres Institutes befindet.

Katharina Aldenhoven

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