Musawwarat

Forschungsgeschichte

Die Beschäftigung Europas mit den ägyptischen Altertümern war auch der Beginn des Interesses an den Denkmälern Nubiens. Angeregt wurde es durch Aegyptiaca, die die Kuriositätenkabinette der Adligen bereicherten. und besonders durch die napoleonische Expedition 1799-1801 nach Ägypten, an der viele Wissenschaftler teilnahmen, deren Ergebnisse in der Description de l'Égypte veröffentlicht wurden. Ein Teil des Interesses galt den Nilquellen, die weit über die ägyptische Grenze nach Süden führte.


Fritz Hintze vor dem Löwentempel (1968)
(Foto U. Hintze)

Die ersten europäischen Besucher waren 1822 Louis Maurice Adolphe Linant de Bellefonds und Frédéric Cailliaud, die zahlreiche Zeichnungen anfertigten. Ihnen folgte 1837 Fürst Hermann Ludwig Heinrich von Pückler-Muskau. Der erste wissenschaftliche Reisende war Karl Richard Lepsius, der im Auftrag des preußischen Königs Friedrich Wilhelm IV. 1842-1845 Ägypten und den Sudan bereiste. Im Verlauf seiner Reise kam er am 2.2.1844 in Musawwarat es-Sufra an, wo er die Säulen des Löwentempels kopierte. Danach folgten noch Reisen mehrerer Ägyptologen an diesen Ort, unter ihnen auch James Henry Breasted, der dort vom 15.-16.11.1906 fotographische Aufnahmen im Auftrag des Oriental Institute Chicago machte, welche leider bis heute nicht veröffentlicht wurden.

Von der Erstbeschreibung des Ortes 1822 bis zu archäologischen Grabungen dauerte es noch 135 Jahre. 1957 wurde an der Humboldt-Universität zu Berlin das „Institut für Ägyptologie“ gegründet, dem Fritz Hintze vorstand. Bereits im Winter 1957/58 wurde unter seiner Leitung eine Erkundungsexpedition (Survey) durchgeführt. Erst 1960 erhielt die Humboldt-Universität zu Berlin die Grabungskonzession. Die Grabungen dauerten von 1960 bis 1968. Ein Teil der Funde verblieb im Sudan, während ein anderer Teil als Leihgabe an das Ägyptische Museum (Ost-Berlin) und an das „Institut für Ägyptologie“ der Humboldt-Universität zu Berlin ging. Die Folge dieser Ausgrabungen war, daß das Institut 1968 umbenannt wurde in „Bereich Ägyptologie und Sudanarchäologie/Meroitistik“. Im selben Jahr mußten jedoch die Grabungen aus Geldmangel und politischen Gründen eingestellt werden. Erst 1995 – nach der Wiedervereinigung und der Neugründung des Instituts an der Humboldt-Universität zu Berlin – konnten die Grabungen mit finanzieller Unterstützung der DFG wieder aufgenommen werden.

Die Funde, die an das „Institut für Ägyptologie“ der Humboldt-Universität zu Berlin gingen, sind die Studiensammlung der Sudanarchäologie, die ein Teil des „Instituts für Ägyptologie“ war. 2004 wurde durch Studenten der Humboldt-Universität zu Berlin damit begonnen, diese Sammlung ins Internet zu stellen und damit der Öffentlichkeit zugänglich zu machen.


Einführung

Musawwarat es-Sufra (wörtlich „Gelbe Bilder“) liegt, 160 km nördlich von Khartoum und 40 km östlich des Nils, im Wadi es-Sufra.

Der Ort wurde von Fritz Hintze, dem ersten Ausgräber und Professor des „Instituts für Ägyptologie“ an der Humboldt-Universität zu Berlin, in 3 archäologische Bereiche geteilt (I-IV). Die Gebäude erhielten als Bezeichnung die Nummer ihres Bereichs und einen Buchstaben des lateinischen Alphabets.

Karte von Musawwarat
Karte von Musawwarat (zum vergrößern bitte anklicken)

Bereich I:

Der Bereich I enthielt die „Große Anlage“ (IA), die in ihrem Innern 6 weitere Anlagen besaß.

Neben der „Großen Anlage“ existieren noch 2 weitere Gebäudekomplexe, die „Kleine Anlage“ (IB) und die „Kleinste Anlage“ (IC). Die „Kleine Anlage“ besteht aus 2 Bereichen: während der eine mit Sandsteinblöcken (der „Blockbautrakt“) errichtet wurde, ist der andere mit Hilfe einer Kombination von Sandsteinplatten und Ziegeln (der „Plattenbautrakt“) erbaut worden. Diese Anlage kann in 2 verschiedene Phasen eingeteilt werden. Die erste begann vermutlich um 300 v.Chr. und beinhaltete den Blockbautrakt und wahrscheinlich eine weitere Anlage, welche durch die Errichtung des späteren Plattenbautraktes zerstört wurde. Die zweite läßt sich nur durch den Vergleich mit Keramik aus anderen Orten ungefähr in den Zeitraum vom 1.Jh.v.Chr.-2.Jh.n.Chr. datieren. Kleine Teller und Fragmente von Opferständern werden durch den Vergleich mit Ägypten als rituelle Gegenstände interpretiert. Becher und Kochtöpfe könnten zu einer Küche gehört haben. Andere Räume werden als Orte der Bierherstellung gedeutet. Ferner beinhaltete die „Kleine Anlage“ mehrere Magazinräume. Stimmt die Interpretation der einzelnen Raumfunktionen, dann kann man die gesamte Anlage als Lagerungsort von Opfergegenständen ansprechen.

Südlich der „Kleinen Anlage“ liegt die „Kleinste Anlage“ (IC), die aus einem Haus mit 4 Räumen besteht. Mit der darin gefundenen Holzkohle konnte eine C 14 -Datierung vorgenommen werden. Das Ergebnis dieser Untersuchung deutet auf eine Nutzung des Hauses im 1.Jh.v.Chr. hin. Über die Funktion des Gebäudes ist jedoch nichts bekannt.

Zu diesem Bereich I gehört noch ein weiteres Gebäude (ID), das 200 m südlich der „Großen Anlage“ liegt. Von diesem Bau sind nur noch die Fundamente einiger Mauern erhalten. Vermutlich wurde das Gebäude (ein Tempel?) absichtlich abgetragen und dessen Blöcke in den anderen Anlagen dieses Bereichs verbaut. Aufgrund des schlechten Erhaltungszustandes ist weder die Funktion erkennbar noch die Datierung möglich.

Etwa 250 m nördlich der „Großen Anlage“ liegt der Nordfriedhof (IF), in dem 8 Gräber in ausgeraubtem Zustand gefunden wurden. Die Toten lagen darin in Hockerstellung auf der rechten Seite liegend, wobei der Kopf Richtung Süden mit dem Blick nach Osten zeigte. Als Beigaben wurden Keramikgefäße gefunden. Da die Gräber ausgeraubt wurden, ist nicht eindeutig bestimmbar, wieviel an Beigaben sie ursprünglich besaßen. Eine nicht erklärbare Ausnahme ist das Begräbnis in N-8. Da Blöcke aus der „Großen Anlage“ für die Gräber verwendet wurden, können diese erst angelegt worden sein, nachdem die „Große Anlage“ nicht mehr in Betrieb war – d.h. nach 350 n. Chr. Dies sind die sog. „Noba“- Gräber, die in die postmeroitische Epoche – von 350 – 600 n. Chr. – eingeordnet werden.

Ein Siedlungsplatz (IG), an dem nur Keramikscherben gefunden wurden, gehört ebenfalls zum Bereich I.

Bereich II:

In diesem mittleren Bereich liegen weitere Tempel: Der sog.„Sebiumeker-Tempel“ (IIA) ist ein Einraumtempel mit einem Pylon am Eingang, dessen Reliefverzierung nur noch im Fußbereich erhalten ist. Daneben befindet sich der „Löwentempel“ (IIC) und der „Statuentempel“ (IID). Zum Löwentempel gehört noch eine Umfassungsmauer (IIE). In diesem Bereich wurde auch eine Wasserleitung (IIF) gefunden. Ein Werkplatz (IIG) wurde vor dem Eingang von IIA („Sebiumeker-Tempel“) entdeckt, an dem sich Mulden mit Stuckresten befanden. Möglicherweise wurde hier Stuck (Putz?) für Arbeiten am Tempel hergestellt. Ein Siedlungsplatz (IIJ), an dem sich Keramikscherben und Reibsteine fanden, gehört ebenfalls dazu, wie auch der „Große Hafir“ (Wasserauffangbecken).

Bereich III:

Hier befindet sich ein Mehrraumtempel (IIIA), bei dem unklar ist, wem er gewidmet war. So wird er einfach als „Südtempel“ bezeichnet. Die Interpretation der Architektur ist nicht ganz eindeutig. Entweder handelte es sich um einen von 2 Säulen getragenen Vorraum mit 3 Sanktuaren oder um einen Vorraum mit einem Sanktuar und 2 Nebenräumen. In christlicher Zeit wurde dieses Gebäude in eine Kirche umgewidmet. Dazu gehört auch ein christlicher Friedhof.

500 m südwestlich dieses Tempels befindet sich ein Gebäudekomplex (IIIB), der aus 2 Bauten besteht. Ob er eine sakrale Bedeutung hatte, ist unklar – wie auch dessen Datierung.

Im Bereich von IIIC befinden sich zwei Steinbrüche.

Ein Siedlungplatz (IIID), an dem Keramikscherben gefunden wurden, gehört ebenfalls dazu.

Bereich IV:

Darin befindet sich ein Friedhof aus nachmeroitischer Zeit.

Datierungsmethoden:

Die Datierungen sind für viele Gebäude unsicher.

Da keine antiken Schriftquellen über diesen Ort existieren, ist man dabei auf die Keramik-Chronologie angewiesen. Diese Art der chronologischen Einteilung von Keramik ist aus Musawwarat allein nicht möglich, weil es keine Stratigraphie der Keramikbefunde dort gibt. Somit kann die in Musawwarat gefundene Keramik nur durch Vergleiche mit anderen Orten, an denen es eine gute stratigraphische Einteilung der Keramik gibt, eingeordnet werden. Problematisch ist, daß die Keramikentwicklung nicht an jedem Ort gleich gewesen sein muß. Dies kann bei Vergleichen zu Verzerrungen der Datierung führen.

Auch die C 14 -Datierung ist bei einer Abweichung von 80 Jahren zu ungenau.

Birgit Schiller

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