Berliner Journal für Soziologie
 
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Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Inhalt - Heft 3/2005



GEGENWÄRTIGE RUSSISCHE SOZIOLOGIE

Frank Ettrich
Editorial     S. 305

Alexander Bikbov
Fragliche Autonomie. Zur Lage der Soziologie im heutigen Russland     S. 309
          Zusammenfassung

Anton N. Olejnik
Gefängnis und Gesellschaft. Die institutionelle Kongruenz von Gefängniskultur und russischer Wirtschaft und Gesellschaft     S. 331
          Zusammenfassung

Michail Sokolov
Der Kultus der Sicherheitsdienste in Russland     S. 351
          Zusammenfassung

Sergej Uschakin
Die Verführung durch die große Zahl. Stil und Konsum im neuen Russland in Zeiten symbolischen Defizits     S. 361
          Zusammenfassung

Stefan Troebst
Jalta versus Stalingrad, GULag versus Holocaust. Konfligierende Erinnerungskulturen im größeren Europa     S. 381
          Zusammenfassung

Hans-Jörg Trenz
Das Kino als symbolische Form von Weltgesellschaft     S. 401
          Zusammenfassung

Sighard Neckel
Emotion by Design. Das Selbstmanagement der Gefühle als kulturelles Programm     S. 419
          Zusammenfassung










Zusammenfassungen Heft 3/2005


 

Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 3

Alexander Bikbov
Fragliche Autonomie. Zur Lage der Soziologie im heutigen Russland
Die Autonomie der Wissenschaft Soziologie ist nicht einfach eine Frage der Freiheit oder Befreiung von politischen Restriktionen in Forschung und Lehre. Sie lässt sich auch nicht auf das Problem der unrestringierten organisatorischen Etablierung des Faches reduzieren. Mindestens ebenso wichtig ist die Entwicklung wissenschaftlicher Klassifikationen, die den epistemologischen Bruch zwischen außerwissenschaftlichem und wissenschaftlichem Diskurs in der Soziologie erst möglich machen. Informiert von der französischen wissens- und wissenschaftssoziologischen Tradition (von Durkheim bis Bourdieu) geht der vorliegende Text der Frage nach, ob und inwiefern sich die heutige russische Soziologie in ihrem Applikations-, Gegenstands- und Methodenverständnis von den Vorgaben der rein politisch-administrativen Einführung des Faches in der Sowjetunion der 1960er Jahre gelöst hat. Analysiert wird dafür das disziplinäre Feld, zum einen am Beispiel administrativ herausragender Repräsentanten, zum anderen anhand (institutionalisierter) theoretisch-methodologischer Grundpositionen dieser SoziologInnen, die bis heute den Lehrbuch-Kanon des Faches bestimmen. Der Autor kann für die sowjetisch/russische Soziologie der 1960er- 90er Jahre auf personeller und disziplinärer Ebene ungeachtet der gravierenden historisch-politischen Veränderungen in diesem Zeitraum ein hohes Maß an Kontinuität ausmachen. Noch immer dominiert die umgebrochene Übersetzung politischer Differenzierungen in soziologische Kategorisierungen als "gesunder Menschenverstand" der Disziplin. Auch für die postsowjetische Soziologie lässt sich daher von einer unabgeschlossenen Professionalisierung sprechen.
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Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 3

Anton N. Olejnik
Gefängnis und Gesellschaft. Die institutionelle Kongruenz von Gefängniskultur und russischer Wirtschaft und Gesellschaft
Im Mittelpunkt des Aufsatzes steht die These einer Kongruenz von Normen, kollektiven Repräsentationen und Verhaltensorientierungen in sowjetischen und postsowjetischen Haftanstalten (—kleine Gesellschaftž) und wichtigen Teilbereichen der russischen Gesellschaft (—große Gesellschaftž). Der Autor entwickelt seine Argumentation in Anknüpfung an unterschiedliche theoretische Diskussionen, verfolgt selbst im Wesentlichen einen —institutions-as-norms approachž. Phänomene der fehlenden oder mangelnden Differenzierung von Tätigkeitssphären, der Personifizierung sozialer Beziehungen, eines Normendualismus und der unvollständigen staatlichen Gewaltkontrolle werden analysiert und als Untermauerung der These von der institutionellen Kongruenz von Gefängniskultur und —Gefängnissubkulturž in der Gesellschaft, hier vor allem in der Wirtschaft, herangezogen. Die partikularistische Teilungslogik in —Unserež und —Fremdež ist der zentrale Inklusions-Exklusions-Mechanismus, der Gefängnis und Gesellschaft in Russland sozial strukturiert. Die als empirische Belege zitierten Interviewsegmente entstammen empirischen Untersuchungen, die Ende der 90er Jahre erfolgten.
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Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 3

Michail Sokolov
Der Kultus der Sicherheitsdienste in Russland
Den Geheimdienst im heutigen Russland wird eine Ů gerade im internationalen Vergleich Ů auffällige Verehrung entgegengebracht. Sei es in der Popmusik, in der weit verbreiteten Fantasy-Literatur, im aktuellen Kino sowie in Umfrageergebnissen Ů überall finden sich Anzeichen dafür, dass den Geheimdiensten ein institutionelles Charisma im Sinne von Edward Shils zukommt. Die für dieses Phänomen üblicherweise vorgebrachten Erklärungen, die auf eine angebliche Kontinuität zur Sowjetzeit, auf die Effektivität der Geheimdienste oder auf ihre Manipulationskünste gegenüber einer allzu leicht verführbaren Öffentlichkeit abstellen, können, wenn überhaupt, nur zum Teil überzeugen. Der Essay unterbreitet einen alternativen Erklärungsversuch, der bei dem zeitweiligen Verfall der Staatsmacht in der ersten Hälfte der 1990er Jahre seinen Ausgangspunkt nimmt. Die Erfahrung des teilweisen Verlusts des staatlichen Gewaltmonopols bei einem gleichzeitigen Anstieg der kriminellen Bedrohung bedeutete für die meisten Menschen in Russland eine existenzielle Erschütterung, die in dem vorherrschenden Gefühl der potenziellen Zerbrechlichkeit aller sozialen Ordnungen ihren Ausdruck findet. Vor diesem Hintergrund ist es gerade die Ambivalenz der Geheimdienste Ů ihr nach außen hin vermittelter Eindruck der Makellosigkeit, während ihren verborgenen Aktionen gleichzeitig der Ruch einer zweiten, einer grausamen und gewaltsamen Wahrheit anhaftet Ů, was fasziniert und sie zu Hoffnungsträgern einer stabilen sozialen Ordnung werden lässt.
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Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 3

Sergej Uschakin
Die Verführung durch die große Zahl. Stil und Konsum im neuen Russland in Zeiten symbolischen Defizits
Der Artikel präsentiert Ergebnisse einer empirischen Untersuchung, in der russische Jugendliche und junge Erwachsene nach ihren Bildern vom Lebensstill der so genannten "neuen Russen" befragt wurden. Die Ergebnisdiskussion steht im Zusammenhang einer sich als individualistisch verstehenden Richtung der Konsumsoziologie, die von den Arbeiten Simmels und Bourdieus inspiriert ist. Der expressiv-öffentliche Konsum, wie die Befragten ihn mit den neuen Russen assoziieren, erweist sich als eine stark geschlechtsspezifisch geprägte Handlungsweise, die vorwiegend Männern zugeschrieben wird. Zugleich überraschen die Formen und das Sortiment dieses imaginären Konsums durch ihre Vorhersagbarkeit und ständige Wiederholung. Neben den aus der Sowjetepoche mitgeführten kulturellen Prädispositionen und Gewohnheiten drückt sich hierin die Funktionslogik einer Kultur aus, die durch ein Defizit an symbolischen Ausdrucksmitteln gekennzeichnet ist. Die Betonung quantitativer anstelle qualitativer Eigenschaften des Konsums ist unter den Bedingungen einer zahlenmäßigen Begrenzung verfügbarer Statussymbole ein nahe liegender Ausweg, um überhaupt so etwas die Distinktion zum Ausdruck zu bringen. Nicht die Feinheit, sondern die Überzeugungsmacht der großen Zahl ist es folglich, was im postsowjetischen Russland den Unterschied markiert.
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Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 3

Stefan Troebst
Jalta versus Stalingrad, GULag versus Holocaust. Konfligierende Erinnerungskulturen im größeren Europa
Durch das Europa der Nach-Wende-Zeit verlaufen zwei erinnerungskulturelle Trennlinien, die immer deutlicher zutage treten: Während für den —alten Westenž der Holocaust zunehmend zum Gründungsmythos wird, steht für die neuen EU-Mitglieder die Erinnerung an die sowjetische Hegemonie, verkörpert im GULag, im Vordergrund. Zugleich ist die Osthälfte Europas erinnerungskulturell in die Russländische Föderation auf der einen Seite und etliche anderen Republiken der implodierten UdSSR und deren ehemalige Satelliten auf der anderen gespalten. Während aus Moskauer Sicht der Erinnerungsort Stalingrad für den eigenen —Sieg über den Faschismusž und die —Befreiung Europasž steht, wird diese Perspektive in Ostmitteleuropa vehement verworfen. Hier symbolisiert stattdessen der —Verrat des Westensž in Jalta den Beginn eines neuerliche Besatzungsregimes. Aber auch über diesen Konflikt bezüglich der Vergangenheitsdeutung hinaus unterscheiden sich die Staaten und Gesellschaften des GUS-Bereichs, Ostmittel- wie Südosteuropas bezüglich ihrer Erinnerungskultur, wie durch eine Unterteilung in vier Kategorien deutlich gemacht wird.
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Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 3

Hans-Jörg Trenz
Das Kino als symbolische Form von Weltgesellschaft
Filmische Ausdrucksmittel unterscheiden sich von den kulturellen Repräsentationen traditionaler Gesellschaften durch ihre dekontextualisierten, technisch reproduzierbaren und massenhaft konsumierbaren Verbreitungsmöglichkeiten, die nur noch lose an die bestehenden kulturellen und politischen Räume des Nationalstaats gebunden sind. Diese bereits von Benjamin und Kracauer in aller Schärfe formulierten analytischen Einblicke in eine Soziologie des Kinos sollen in ihrer Wirkungsgeschichte gewürdigt und vor dem aktuellen Horizont von Weltgesellschaft diskutiert werden. Eine Soziologie des Kinos vermag dann Aussagen und Hypothesen darüber zu treffen, wie sich eine geteilte —Weltkulturž als institutionalisierter Möglichkeitsraum symbolischer Ausdrucksformen aus einer Vielzahl von Einzelkulturen ausdifferenziert und letzteren zugleich neuartige Entfaltungsmöglichkeiten anbietet.
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Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 3

Sighard Neckel
Emotion by Design. Das Selbstmanagement der Gefühle als kulturelles Programm
Der Prozess gesellschaftlicher Gefühlsregulationen ist in der soziologischen Theoriegeschichte als Ausbreitung von Selbstzwängen und Rationalisierung beschrieben worden. Demgegenüber stellte sich die Lockerung emotionaler Disziplin im 20. Jahrhundert als Informalisierung von Emotionsregeln dar. Die gegenwärtigen Programme emotionaler Selbststeuerung hingegen, wie sie in aktuellen Konzepten von Arbeit und Management, von Beratung, Training und Therapie vorfindbar sind, deuten daraufhin, dass sich mittlerweile der Gegensatz von Disziplinierung und Informalisierung aufzulösen beginnt. Im Gefolge einer modernen Wettbewerbsgesellschaft, die ihren ökonomischen Fluchtpunkt im Markterfolg findet und kulturell von Prozessen der —Subjektivierungž begleitet wird, breiten sich Programme des Selbstmanagements aus, die sich vor allem der kognitiven Veranlassung und des strategischen Einsatzes von Gefühlen widmen. Gefühle werden dadurch nicht mehr allein nur zum Objekt subjektiver und sozialer Kontrolle. Vielmehr zielt modernes Selbstmanagement auf die —Optimierungž des emotionalen Erlebens und Darstellens ab, wofür das Konzept der —Emotionalen Intelligenzž beispielhaft ist. Derartige Programme einer modernen Emotionalisierung von Gesellschaft und Ökonomie hinterlassen jedoch den paradoxen Effekt, erst zu jener —affektiven Neutralitätž hinzuführen, der sie vermeintlich begegnen wollen.
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