Berliner Journal für Soziologie
 
 Home
 Aktuelles Heft
 Vorschau
 Archiv
 Bestellung
 Kontakt
 Manuskripte
 English Version

 

 

Die neue Online-Ausgabe des
Berliner Journal für Soziologie
finden Sie unter:
www.bjs-digital.de

 

Berliner Journal für Soziologie
Humboldt-Universität zu Berlin
Institut für Sozialwissenschaften
Unter den Linden 6
D-10099 Berlin
Tel.: 030-2093-4355/-4356/-4357
Fax: 030-2093-4365
BJournal@sowi.hu-berlin.de

 

 

 

Stand 29.04.2007

Archiv



Inhalt - Heft 4/2005



DER ANALYTISCHE TOCQUEVILLE - ALEXIS DE TOCQUEVILLE ZUM 200. GEBURTSTAG

Harald Bluhm/Hans-Peter Müller
Editorial     S. 443

Alexis de Tocqueville
Bericht über die Demokratie in der Schweiz     S. 447
          Zusammenfassung

Raymond Boudon
Tocquevilles Plädoyer für eine neue politische Wissenschaft     S. 459
          Zusammenfassung

Richard Swedberg
Tocqueville als Wirtschaftssoziologe     S. 473
          Zusammenfassung

Jon Elster
Grundzüge kausaler Analyse in Tocquevilles Über die Demokratie in Amerika"     S. 495
          Zusammenfassung

Christofer Edling/Peter Hedström
Analytische Soziologie in Tocquevilles Demokratie in Amerika     S. 511
          Zusammenfassung

Matthias Bohlender
Demokratie und Imperium. Tocqueville in Amerika und Algerien     S. 523
          Zusammenfassung



Essay

Heinz Steinert
Die Reise nach Amerika, damals und heute. Tocquevilles Forschungsprogramm und kulturindustrielle Politik     S. 541



Review Essay

Harald Bluhm/Skadi Krause
Viele Tocquevilles? - Neuere Interpretationen eines Klassikers     S. 551










Zusammenfassungen Heft 4/2005


 

Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 4

Alexis de Tocqueville
Bericht über die Demokratie in der Schweiz
Alexis de Tocqueville hielt den Vortrag "Über die Demokratie in der Schweiz" am 15. Januar 1848 in der AcadÈmie des sciences morales et politiques im unmittelbaren Vorfeld der europaweiten politischen Revolutionen von 1848. Äußerlich geht es in dem Bericht um Antoine …lisÈe Cherbuliez' Buch "De la dÈmocratie en Suisse" (Band 1 und 2, Paris 1843). Cherbuliez (1797-1869) war Anwalt und Professor für politische Ökonomie und Staatsrecht in Genf. Aus einer konservativen Sichtweise hat er eine kritische Darstellung der Demokratie in der Schweiz in ihrer ganzen Breite gegeben, angefangen von den Kantonen, Institutionen, über Sitten und Moral bis zur Religion. Tocqueville geht weit über die Vorlage hinaus und entwickelt einige grundsätzliche demokratietheoretische Überlegungen. Der Vortrag besteht aus fünf Abschnitten: einer historischen Einbettung und Deutung des Wandels in der Schweiz als demokratischer Revolution, einer Skizze der Demokratie in den Kantonen, gefolgt von einer Darlegung der modernen Idee der Judikative mit einem Vergleich ihrer Realisierung in der Schweiz und New York, einer institutionellen Analyse der föderalen Regierung der Eidgenossenschaft und einem abschließenden Ausblick auf anstehende Veränderungen. Diese Abschnitte sind redaktionell durch Absätze gekennzeichnet.
Tocqueville unterscheidet ältere direkte Formen der Demokratie, die er als Überbleibsel des Mittelalters bewertet, von neuen Institutionen repräsentativer Demokratie. Die politischen Umwälzungen in der Schweiz sind ihm ein Exempel für die These der unaufhaltsamen Durchsetzung demokratischer Verhältnisse. Dennoch kritisiert er das Schweizer Institutionensystem als unentschieden und ineffizient. Allerdings wird die direktdemokratisch-föderative Verfasstheit, so Tocqueville, durch die Zentralisierung zwangsläufig zu repräsentativ-bundesstaatlichen Strukturen gedrängt. Diese Prognosen werden schon im Frühjahr 1848 bei der Ausarbeitung einer bundesstaatlichen Verfassung der Schweiz, die im September in Kraft tritt, bestätigt.
Zur Inhaltsübersicht






 

Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 4

Raymond Boudon
Tocquevilles Plädoyer für eine neue politische Wissenschaft
Auch wenn Alexis de Tocqueville einen geringeren Einfluss auf das französische Denken des 19. Jahrhunderts ausgeübt hat als FranÁois Guizot oder Auguste Comte, so ist er uns dennoch näher. Sein Werk stellt nicht nur einen Eckpfeiler der Ideengeschichte dar, es ermöglicht uns vielmehr ein besseres Verständnis moderner Gesellschaften - insbesondere der französischen. Seine große Originalität, derer er sich vollkommen bewusst war, beruht zu großen Teilen auf seiner Methodologie. Seine "neue politische Wissenschaft" ist durch fünf Charakteristika gekennzeichnet: Erstens beruht sie auf dem Prinzip der Wertfreiheit; zweitens ist ihr Ziel die Erklärung der sozio-politischen Phänomene mit Hilfe einer allgemein-wissenschaftlichen Vorgehensweise; drittens schreibt sie der vergleichenden Vorgehensweise eine strategische Rolle zu; viertens sieht sie ihre Aufgabe in der Suche nach konditionalen Gesetzen, wobei diese als Resultate individueller Verhaltensweisen im Sinne Webers interpretiert werden und charakteristische gesellschaftliche Prozesse aufzeigen sollen; fünftens schließlich definiert sie den Begriff der "guten Theorie" ausgehend von Kriterien, die in der Erkenntnistheorie auch noch heute allgemein anerkannt sind. Die Modernität der Tocqueville'schen Methodologie erklärt die Stärke seiner Analysen im zweiten Band von "Über die Demokratie in Amerika" sowie in "Der alte Staat und die Revolution", den beiden Werken, die hier vor allem Berücksichtigung finden werden. Seine Methodologie erlaubt es Tocqueville, kontinuierlich wirkende, grundlegende Tendenzen der modernen, insbesondere der französischen Gesellschaft zu identifizieren. Daher rührt der Eindruck zeitloser Jugend, den Tocquevilles Werk vermittelt.
Zur Inhaltsübersicht






 

Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 4

Richard Swedberg
Tocqueville als Wirtschaftssoziologe
Im Gegensatz zur breiten Rezeption der Analysen Tocquevilles zu Politik, Religion und Recht hat seine Beschäftigung mit ökonomischen Themen nur wenig Aufmerksamkeit erfahren. Dieser Missstand soll im Folgenden behoben werden. Dargestellt und kritisch betrachtet wird Tocquevilles Wissen über die Ökonomie, wobei vor allem untersucht wird, auf welche ökonomischen Phänomene er sich konzentrierte und wie er diese analysierte. Im Zentrum der Diskussion stehen dabei seine Werke Über die Demokratie in Amerika und Der alte Staat und die Revolution, doch auch einige seiner kleineren Schriften werden berücksichtigt. Tocqueville schrieb vor der Durchsetzung der modernen Ökonomie, und es gibt wenig Berührungspunkte zwischen seiner Art der Analyse und beispielsweise jener eines John Stuart Mill oder moderner Ökonomen. Andererseits besteht aber, wie hier dargelegt wird, eine deutliche Affinität zwischen Tocquevilles Analyse der Ökonomie und jener der Wirtschaftssoziologie.
Zur Inhaltsübersicht






 

Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 4

Jon Elster
Grundzüge kausaler Analyse in Tocquevilles "Über die Demokratie in Amerika"
Alexis de Tocqueville schrieb "Über die Demokratie in Amerika", um seine französischen Landsleute davon zu überzeugen, dass ihre Ängste vor einer Demokratie nach amerikanischer Art unbegründet seien. Zu diesem Zweck nutzte Tocqueville sowohl Modelle aus der politischen Psychologie wie solche sozialer Kausalität. Letzteren widmet sich der folgende Beitrag, und es sind diese Modelle kausaler Mechanismen, die "Über die Demokratie in Amerika" auch heute noch lesenswert machen.
Zur Inhaltsübersicht






 

Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 4

Christofer Edling/Peter Hedström
Analytische Soziologie in Tocquevilles Demokratie in Amerika
Die analytische Soziologie versucht, komplexe soziale Prozesse zu erklären, indem sie diese sorgfältig in ihre Teile zergliedert und im Anschluss daran den Blick auf ihre wichtigsten, sie konstituierenden Aspekte richtet. Durch dieses Vorgehen lassen sich die entscheidenden Elemente und Mechanismen sozialer Prozesse erkennen und verstehen. Im Folgenden arbeiten wir gemeinsame Merkmale von Tocquevilles Über die Demokratie in Amerika und der gegenwärtigen analytischen Soziologie heraus und behaupten vor diesem Hintergrund, dass der von Tocqueville verfolgte Erklärungsansatz in vielerlei Hinsicht als Vorläufer der analytischen Soziologie gelten kann. Um die spezifischen Kennzeichen von Tocquevilles Zugang verdeutlichen zu können, werden seine Charakteristika jenen anderer klassischer Ansätze gegenübergestellt. Ein Grund dafür, warum es sich auch nach 200 Jahren noch lohnt, Tocqueville zu lesen, ist, dass sein Zugang als frühes Beispiel für die Erklärungskraft des analytischen Ansatzes in der Soziologie gelten kann. Angesichts der methodologischen und theoretischen Fortschritte seit dem Erscheinen von Über die Demokratie in Amerika ist das Werk allerdings eher als Klassiker interessant, als dass es den Rang einer Pflichtlektüre für das Studium der Soziologie reklamieren könnte.
Zur Inhaltsübersicht






 

Berliner Journal für Soziologie 15, Heft 4

Matthias Bohlender
Demokratie und Imperium. Tocqueville in Amerika und Algerien
Im Zentrum des Aufsatzes steht der Versuch, Tocquevilles Rechtfertigung der Kolonialisierung Algeriens aus seiner sozialen und politischen Analyse der Demokratie in Amerika zu erklären. Die Eroberung und Besiedlung Algeriens ist für Tocqueville die Möglichkeit, die unaufhaltsam expansive und gewaltförmige Seite der demokratischen Lebensform zu nutzen, um die Gefährdungen, die zugleich von ihr ausgehen (Individualismus, Konformismus, Gleichgültigkeit), zu kompensieren. Mit dem imperialen Projekt zur Errichtung einer nordafrikanischen Kolonie sollte eine konformistische und erwerbsorientierte Bourgeoisie zu einer politisch führenden und tugendhaften Klasse erzogen und dem demokratischen Frankreich wieder der gebührende machtpolitische Platz unter den europäischen Nationen eingeräumt werden. Erst spät erkennt Tocqueville, dass der brutale Verwüstungskrieg des französischen Militärs gegen die indigene Bevölkerung sich als das genaue Gegenteil erweist: nämlich als Brutstätte für Rassismus, Gewalt und Unterdrüßckung.
Zur Inhaltsübersicht