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Die neue Online-Ausgabe des
Berliner
Journal für Soziologie
Stand 29.04.2007 |
ArchivInhalt - Heft 3/2006
Frank Ettrich Hans-Joachim Schubert Jürgen Gerdes/Thomas Faist Frank Hillebrandt Stephan Moebius Sabine Fromm/Hans-Jürgen Aretz Ursula Mense-Petermann Schaderpreis für Gesine Schwan S. 413
Zusammenfassungen Heft 3/2006Berliner Journal für Soziologie 16, Heft 3 Hans-Joachim Schubert
Die Integration von Bildungsaufsteigern mit türkischem Migrationshintergrund wird nicht durch die Assimiliation
an deutsche bei gleichzeitiger Aufgabe kultureller Orientierungen der Herkunft begleitet. Bildungsaufstieg
motiviert die individuell-strategische Integration deutscher und türkischer Identitätsmerkmale,
weil neue diversity managment-Konzepte internationaler Organisationen Berufschancen eröffnen.
Auch Prozesse sozial-emotionaler Integration verlaufen "selektiv", weil die Sozialisation in
deutschen Bildungsinstanzen zu emotionaler Distanz von ethnischen Herkunftsgemeinschaften führt,
während der soziale Anschluss an Gemeinschaften "Deutscher" nur unvollständig gelingt. Diese starken
Individualisierungsanforderungen führen zu Fragen kulturell-authentischer Integration, die jenseits sozialer
Klasse und ethnischer Gemeinschaft in einer neuen Immigrantenkultur beantwortet werden. Solche
öffentlichen Diskurse motivieren Distanzen zu deutschen und türkischen Lebenswelten zugunsten kommunikativer
Integration und Bindung an Verfahren. Bildungsaufsteiger lehnen essenzialistische Zuschreibungen
ab, konstruieren hingegen im Prozess projektiver Integration hybride Identitäten, posttraditionale
Gemeinschaften und aktive Vertrauensbeziehungen. Berliner Journal für Soziologie 16, Heft 3 Jürgen Gerdes/Thomas Faist Der Artikel gibt einen Überblick über den politischen Prozess, der zu einem in ländervergleichender Perspektive
unüblichen Ergebnis der Reform des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts Ende der 1990er Jahre
geführt hat. Die Kombination zweier sehr widersprüchlicher Elemente des geltenden deutschen
Staatsangehörigkeitsrechts ein außergewöhnlich weitgehendes und liberales ius soli und die Aufrechterhaltung
einer im Vergleich zu anderen europäischen Immigrationsstaaten äußerst restriktiven Haltung
gegenüber doppelten Staatsbürgerschaften muss als ein im Wesentlichen unintendierter Kompromiss
zweier politischer Lager betrachtet werden, die sehr verschiedene Überzeugungen über die Integration
von Immigranten und der Gesamtgesellschaft vertreten. In diesem Artikel wird die These vertreten, dass
die Verzögerung und die Gestalt der jüngeren Reform des deutschen Staatsangehörigkeitsrechts nicht
zumindest nicht in den letzten etwa 15 Jahren auf die Kontinuität eines ethnischen Nationsverständnisses
zurückzuführen ist, wie dies über Jahre zur Erklärung der restriktiven staatsangehörigkeitsrechtlichen
Regeln Deutschlands in der Literatur prominent und wiederkehrend behauptet worden ist. Die deutsche
Politik des Staatsangehörigkeitsrechts erklärt sich vielmehr aus einer persistenten parteipolitischen und
ideologischen Konfliktstruktur, die wiederum durch zentrale institutionelle Merkmale des politischen
und rechtlichen Systems gefördert worden ist. Die sich polarisierend gegenüberstehenden, aber innerhalb
eines republikanischen Selbstverständnisses zu verortenden Auffassungen beziehen sich auf sehr unterschiedliche
Interpretationen der Funktion der Staatsbürgerschaft und des relativen Verhältnisses der
Aufgaben von Staat und Bürger. Insbesondere wird auf der einen Seite Bürgerschaft als Aktivität und auf
der anderen Seite Staatsbürgerschaft als Rechtsinstitut akzentuiert. Berliner Journal für Soziologie 16, Heft 3 Frank Hillebrandt Soziologische Praxis- und Systemtheorie lassen sich nur schwer miteinander vermitteln. Der Aufsatz
zeigt zunächst die Gründe dafür an den wichtigsten erkenntnistheoretischen Grundentscheidungen der
beiden Theorien auf. Die Ergebnisse dieses Theorienvergleichs werden dazu genutzt, Gemeinsamkeiten
zwischen der Praxistheorie Bourdieus und der Systemtheorie Luhmann’scher Provenienz an den im Kern
konvergenten Gegenstandsbestimmungen beider Theorien zu konturieren. Die zentrale These des Beitrages
ist, dass sich beide Theorien erst dann vermitteln lassen, wenn die Konvergenz in den scheinbar unterschiedlichen
Bestimmungen der Sozialität als Praxis (Bourdieu) bzw. als Kommunikation (Luhmann)
herausgearbeitet wird. Erst dann lassen sich die Einsichten Bourdieus in die dauerhafte Reproduktion sozialer
Ungleichheit mit den Einsichten Luhmanns in die stabile Reproduktion funktionaler Differenzierung
mit dem Ziel zusammenführen, die Theorien vertikaler und horizontaler Differenzierung wechselseitig
anzureichern. Berliner Journal für Soziologie 16, Heft 3 Stephan Moebius Geben, Nehmen, Erwidern das ist die Grundformel des Gabentausches, wie sie Marcel Mauss in seinem
1925 publizierten Essay über die Gabe entwickelt und ausgearbeitet hat. Das 1980 von dem französischen
Soziologen Alain Caillé und dem Schweizer Anthropologen Gérald Berthoud initiierte Mouvement
Anti-Utilitariste dans les Sciences Sociales kurz M.A.U.S.S. knüpft in spezifischer Weise an
Mauss’ Essay an: Das Ziel der in Deutschland kaum bekannten M.A.U.S.S.-Gruppe besteht in der Etablierung
eines dritten Paradigmas, dem Paradigma der Gabe, mit dessen Hilfe ein "dritter Weg" zwischen
methodologischem Individualismus und methodologischem Holismus eingeschlagen werden soll.
Der Beitrag geht nach einer Verortung der Gruppe im soziologischen Feld Frankreichs zunächst auf die
soziologiehistorische Grundlage der Gruppe, also Mauss’ Gabe-Theorem, ein, um dann in einem zweiten
Schritt ihre theoretischen Grundannahmen zu analysieren, die das dritte "Paradigma der Gabe" fundieren
sollen. Die Verortung der Gruppierung innerhalb des Feldes gegenwärtiger soziologischer Theoriebildung
soll anhand der von Caillé vollzogenen Absetzung von Pierre Bourdieu in knapper Form präzisiert
werden. Abschließend werden einige Kritikpunkte formuliert, die sowohl den methodologischen als auch
den allgemein-soziologischen Impetus der M.A.U.S.S.-Gruppe betreffen. Berliner Journal für Soziologie 16, Heft 3 Sabine Fromm/Hans-Jürgen Aretz Im März 2005 erzwangen institutionelle Investoren die Rücknahme des Übernahmeangebots der Deutschen
Börse AG an die London Stock Exchange und später den Rücktritt des Vorstandvorsitzenden und
des Aufsichtsrats des Unternehmens. An diesem Vorgang lässt sich exemplarisch die Veränderung der
Aktiengesellschaften in Deutschland von Insidersystemen zu Systemen mit Insidern und Outsidern und
der damit zusammenhängende Wandel ihrer Corporate Governance aufzeigen. Im Konflikt zwischen den
"Principals" und "Agents" der Deutschen Börse AG wird erstens die "Hybridisierung" verschiedener
Governance-Systeme deutlich. Entgegen den Annahmen einer "Pfadabhängigkeit" oder einer Konvergenz
der verschiedenen Kapitalismusvarianten hin zum US-Modell des marktbasierten Kapitalismus
deutet der Konflikt um die Deutsche Börse AG auf einen Wandel, bei dem gleichzeitig Pfadabhängigkeiten
und Konvergenzen zu beobachten sind. Zweitens wird deutlich, dass eine Marktöffnung der Unternehmen
nicht zwingend zu einer stärkeren Marktsteuerung führt, sondern dass durch diesen Prozess
vielmehr neue Optionen der unternehmenspolitischen Steuerung evoziert werden. Berliner Journal für Soziologie 16, Heft 3 Ursula Mense-Petermann Der Aufsatz geht von der Beobachtung eines Wandels der Organisationsstrategien und -strukturen
grenzüberschreitend tätiger Unternehmen (Transnationalisierung) aus und fragt vor diesem Hintergrund,
welche Bedeutung solche Prozesse der Transnationalisierung für das Verhältnis von Organisation und
Kultur und für die Theoretisierung dieses Verhältnisses haben. Die These ist, dass die Debatte um neue,
transnationale Organisationsformen und deren Chancen und Grenzen, die wesentlich unter Rekurs auf
"Kultur" geführt wird, die ablaufenden Prozesse genauer fassen und über die derzeit dominante Debatte
um weltweite Konvergenz oder bleibende Divergenz von Organisationsstrukturen hinaus kommen
könnte, wenn die international vergleichende Organisationsforschung eine grundbegrifflich-theoretische
Umstellung auf einen praxistheoretischen Kulturbegriff vornehmen würde. Nach einer kritischen Sichtung
"klassischer" Konzeptionen des Verhältnisses von Organisation und Kultur wird auf der Basis dieser
Kritik ein praxistheoretisch informierter Vorschlag zur Neu-Konzeptualisierung dieses Verhältnisses
vorgelegt.
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