31. Jahrgang - Heft 1 - 2014: Der Messias. Jüdische und christliche Vorstellungen messianischer Figuren

Inhalt

Zu diesem Heft

1. Beiträge zum Thema

JOHN J. COLLINS, The Messiah in Ancient Judaism

DANIEL BOYARIN, Der Menschensohn in 1. Henoch und 4. Esra. Andere jüdische Messiasse im 1. Jahrhundert

OTTO KAISER, Der Messias nach dem Alten und Neuen Testament

WALTER HOMOLKA, Die Messiasvorstellungen im Judentum der Neuzeit

WERNER KAHL, Lebensrettung durch Jesus-Power. Christus/Messias im sub-saharischen Afrika

STEFAN TRINKS, Von König David bis Kanye. Der Messias im Musikvideo

2. Visitationen

GERLINDE STROHMAIER-WIEDERANDERS, „Gnadenstuhl“ als Bezeichnung für das Trinitätsbild

Autoren dieses Heftes


Abstracts

JOHN J. COLLINS, The Messiah in Ancient Judaism

Der Begriff „Messias“ leitet sich vom hebräischen Wort māšîaḥ ab, das dem Wortsinn nach „Gesalbter“ bedeutet. Im modernen Sprachgebrauch bezieht sich der Begriff des Messias jedoch auf eine Gestalt, die eine wichtige Rolle in der Endzeit spielen wird. Am häufigsten ist das der König, der die davidische Linie wiederherstellen wird. Allerdings finden wir in den Qumrantexten auch Bezüge zu priesterlichen und prophetischen Messiassen. Der Begriff kann auch einen himmlischen Erlöser meinen, wie er als „Menschensohn“ in den Bildreden des äthiopischen Henoch (1 Hen) begegnet. Die Erwartung eines davidischen Messias folgte der Verheißung, die gemäß 2 Sam 7 Gott David gegeben hatte, dass einer seiner Nachkommen für immer als König in Jerusalem regieren werde. Nach der babylonischen Eroberung Jerusalems im Jahr 586 v. Chr. war dies nicht mehr der Fall und so kam die Erwartung auf, dass Gott die Linie Davids wiederherstellen werde. Nach einer Welle von Erwartungen im späten sechsten Jahrhundert v. Chr. kam die messianische Erwartung bis zur hasmonäischen Zeit zum Erliegen (im späten zweiten und frühen ersten Jahrhundert v. Chr.). Durch die Machtergreifung der Hasmonäer kam es zu ihrem Wiederaufleben. Die Erwartung von gesonderten königlichen und priesterlichen Messiassen in den Qumranschriften können als kritische Replik auf die Hasmonäer gelesen werden, die beide Ämter in Personalunion vereinten. In den meisten Fällen wurde der königliche Messias als ein siegreicher Krieger erwartet, der die Heiden vertreiben werde. Diese Erwartung spiegelt sich auch im aramäischen Fragment 4Q246 wider, in dem von einem messianischen König als „Sohn Gottes“ und „Sohn des Höchsten“ die Rede ist. Es gab jedoch noch eine andere Strömung von Erwartungen, die sich auf einen Prophet richtete, der den Weg des Herrn bereiten werde und ein Wundertäter sein werde. Josephus beschrieb verschiedene Versuche, den einen oder anderen dieser Entwürfe in der Zeit bis zum Aufstand gegen Rom im Jahr 66–70 n. Chr. in die Tat umzusetzen.

While the Hebrew word māšîaḥ simply means “anointed one”, its modern counterpart “messiah” refers to a figure who will play an important role in the eschatological time. Most often this is the king who will restore the Davidic line. In the Dead Sea Scrolls, however, we also find mention of priestly and prophetic “messiahs”, and the term can also be applied to a heavenly redeemer figure, as we find in the Similitudes of Enoch (1 En). The expectation of a Davidic messiah arises out of the promise to David in 2 Sam 7 that one of his descendants would always reign as king in Jerusalem. After the Babylonian conquest of Jerusalem in 586 BCE, this was no longer the case, and so the expectation arose that God would restore the Davidic line. After a flurry of expectation in the late sixth century BCE, however, messianic expectation was dormant until the Hasmonean period (late second and early first century BCE). Then it arose in reaction to usurpation of the monarchy by the Hasmoneans. The expectation of separate royal and priestly messiahs in the Scrolls can be read as a critical reaction to the Hasmoneans, who combined the two offices. In most cases, the royal messiah was expected to be a warrior who would drive out the Gentiles. This is true even of the Aramaic 4Q246, which refers to the messianic king as “Son of God” and “Son of the Most High”. There was, however, another strand of expectation that focused on a prophet who would prepare the way of the Lord and be a miracle-worker. Josephus describes various attempts to actualize one or other of these models in the period leading up to the revolt against Rome in 66–70 CE.

DANIEL BOYARIN, Der Menschensohn in 1. Henoch und 4. Esra. Andere jüdische Messiasse im 1. Jahrhundert

Der Beitrag argumentiert dafür, dass der Begriff „Menschensohn“, der im Judentum des 1. Jahrhunderts kein eigenständiger Titel war, auf der Grundlage von Daniel 7 als Bezeichnung für den als Gottmensch erwarteten Messias Verwendung fand. Diese Vorstellung finden wir ebenso in den Parabeln Henochs wie auch in der Rede über den „Menschen“ in 4. Esra wieder. Zu Zeiten Jesu warteten Juden auf einen Messias, der sowohl menschlich als auch göttlich und der Menschensohn wäre, eine Vorstellung, die sie aus Daniel 7 bezogen. Nahezu die gesamte Christuserzählung – sicherlich mit bedeutenden Umformungen – findet sich in den religiösen Vorstellungen einiger Juden wieder, die noch nichts von Jesus wussten. Für seine Anhänger erfüllte Jesus die Vorstellung des Christus; dieser Christus war keine Erfindung, um Jesu Leben und Tod zu erklären.

The argument of the article is that the term “Son of Man”, while not an independent title in first-century Judaism was used on the basis of Daniel 7 as a name for the Divine-human expected Messiah. We find it as such in the Similitude of Enoch and in the form “Man” in IV Ezra as well. Jews at the same time of Jesus had been waiting for Messiah who was both human and divine and who was the Son of Man, an idea they derived from Daniel 7. Almost the entire story of the Christ – with important variations to be sure – is found as well in the religious ideas of some Jews who didn’t even know about Jesus. Jesus for his followers fulfilled the idea of the Christ; the Christ was not invented to explain Jesus’ life and death.

OTTO KAISER, Der Messias nach dem Alten und Neuen Testament

Die Erwartung des Messias im Alten Testament als des gesalbten Königs aus Davids Geschlecht und seinem sakralen, richtenden, lehrenden und Land verteidigenden Amt findet nach dem Neuen Testament in Jesu Leben, Lehren, Sterben, Auferstehen und seiner Wiederkunft als Weltenrichter ihre spezifischen Entsprechungen. Aber als der leidende Gottesknecht, der für die Sünde der Welt gestorben ist, steht er nicht nur im Kontrast zu den alttestamentlichen, sondern auch allen üblichen Vorstellungen von Gottes erlösendem Handeln.

The expectation of a Messiah as the anointed King of the Davidic Dynasty with his fourfold office as cultic mediator between God and his people, just regent, wise teacher of his people and defensor of his country has its correspondence in the picture of Jesus as the savior in the New Testament. But by his peculiarity as the suffering servant who is rising from death it is in contrast to all human concepts of God.

WALTER HOMOLKA, Die Messiasvorstellungen im Judentum der Neuzeit

Sind der „Messias“ und die Erwartung seiner Ankunft noch zentrale Vorstellungen im gegenwärtigen Judentum? Der Beitrag geht der Frage nach, in welchen Zusammenhängen die Messiasvorstellung in der Neuzeit eine Rolle spielt und was sie heute noch leistet, um das Verhältnis zwischen Gott und Mensch im Judentum zu beschreiben.

Are the “Messiah” and the expectation of his arrival yet central ideas in contemporary Judaism? The article deals with the question of the contexts in which the messianic concept has a role in modern times and what it still contributes to describe the relationship between God and man in Judaism.

WERNER KAHL, Lebensrettung durch Jesus-Power. Christus/Messias im sub-saharischen Afrika

Das Christentum ist in vielen Regionen des sub-saharischen Afrika von den Bevölkerungen unter dem Paradigma der Charismatisierung indigenisiert worden. Viele verstehen Christus in ihren Mutter-Sprachen als Retterfigur, d. h. als Subjekt, das gewillt und fähig ist, lebensbedrohliche Geister zu überwältigen, damit sich ein Leben in Fülle für die Gläubigen einstellen kann. Afrikanische Theologen und Theologinnen stimmen mit dieser Bestimmung der grundlegenden Funktion Christi als Lebensretter grundsätzlich überein.

In many regions of sub-Saharan Africa, Christianity has been indigenized by the people under the paradigm of Charismatization. To many, Christ is conceptualized in their mother-tongues as a saving figure, i. e. as subject willing and able to overcome life-threatening evil spirits so that life in fulness might become a reality for believers. Academic theologians basically agree with this interpretation of the main function of Christ, the saviour of life.

STEFAN TRINKS, Von König David bis Kanye. Der Messias im Musikvideo

Musikvideos sind Seismographen der – auch religiösen – Sehnsüchte inzwischen zweier Generationen. Sie sind Taktgeber der heutigen Jugendkultur und dabei ganz besondere Artefakte. Wie Musikvideos wirken, lässt sich an einem Motiv zeigen, das in der Forschung bisher keine Beachtung gefunden hat: die Figur des Messias. Religiöses Bildgut in Musikvideos ist dabei nicht ein Element unter anderen – gerade die Entwicklung des Hip-Hop belegt die enge Verwandtschaft von Musik und Christentum. In diesem Artikel wird daher die Sympathie gegenüber musiktheatralen Darstellungen im Alten Testament genauso diskutiert wie die Auseinandersetzung heutiger Popgrößen mit biblischen Bildbeständen.

Video clips are seismographic. They register the beat of, in the meantime, two generations and function as visual storehouses of knowledge. As artifacts, they demonstrate how our culture is constituted, an argument that is to be developed here using the example of a motif, which has been neglected in research so far: the figure of the Messiah. Religious iconography in video clips is not just one of many themes – especially the history of Hip Hop reveals the intimate relationship between music and Christianity. This article therefore discusses both the sympathetic reception of musical-theatrical sequences from the Old Testament and the widespread reference to biblical imagery by today’s pop stars.

GERLINDE STROHMAIER-WIEDERANDERS, „Gnadenstuhl“ als Bezeichnung für das Trinitätsbild

Das Bild der Trinität in der abendländischen Kunst zeigt Gottvater, der das Kreuz mit Christus oder der den toten Sohn ohne Kreuz hält, und die Taube des Heiligen Geistes. Dieses Motiv hat in der Kunstwissenschaft den Namen „Gnadenstuhl“ erhalten. Dieses Wort stammt aus Luthers Bibelübersetzung (Röm 3,25), womit er das Opfer Christi bezeichnet. Luther verwendet den Begriff auch sonst öfter, allerdings nie für die Trinität. Auch für das evangelische Trinitätsbild wird kein neues Motiv entwickelt, sondern man folgt weiter, besonders im 16. Jahrhundert, der ikonographischen Tradition.

In the iconography of the Latin Church exists an image of the Holy Trinity showing God the Father holding the cross with Jesus on it and the dove of the Holy Spirit. The historian F. X. Kraus had erroneously named this motif “Gnadenstuhl” because Luther translated “hilasterion” in Rom 3.25 with this word. But the Greek term means Christ’s sacrifice and not the Trinity. Protestant iconography does not differ in this respect from that of the mediaeval church.

Berliner Theologische Zeitschrift - Heft 1 - 2014: Der Messias. Jüdische und christliche Vorstellungen messianischer Figuren
 
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