Community Hearing Aid (CHA)

Offizielle Website: communityhearingaid.de



CHA Technologie Entwicklung

Abbildung: Pilotierung der Signalverarbeitungskette und Hardware-Prototyping.


Machbarkeitsstudie: Community Hearing Aid (CHA)

Im Rahmen einer internationalen Kooperation wird eine Machbarkeitsstudie zur Entwicklung, dezentralen Produktion und Bereitstellung des Community Hearing Aids (CHA) durchgeführt. Das Projekt adressiert die globale Herausforderung des altersbedingten Hörverlusts, welcher insbesondere Populationen in einkommensschwachen und technologisch unterversorgten Regionen überproportional belastet.

Als primäre Forschungs- und Pilotstandorte fungieren dabei Brasilien und Deutschland. Ziel ist die Schaffung einer inklusiven Alternative zu den hochpreisigen, stark miniaturisierten Geräten der etablierten Hörgeräteindustrie, deren oligopolistische Marktstruktur weite Teile der Weltbevölkerung systematisch von der Versorgung ausschließt.

1. Technologische Pilotierung und kulturspezifische Grundlagen

Die technologische Machbarkeit wird zunächst durch die Pilotierung der vollständigen Signalverarbeitungskette evaluiert. Hierbei kommt die Open-Source-Entwicklungsplattform openMHA zum Einsatz, um verschiedene Mikrofon-Array-Konfigurationen – darunter Linear- und Kopfbügel-Arrays – im Rahmen eines partizipativen Designprozesses vergleichend zu untersuchen. Flankiert wird diese technologische Evaluation durch die Erhebung empirischer Daten im primären Zielmarkt Brasilien. Dabei werden kulturspezifische Anforderungen an die audiologische Versorgung sowie bestehende Zugangsbarrieren systematisch analysiert.

2. Stakeholder-Integration und medienethische Evaluierung

Ein zentraler Paradigmenwechsel der Studie besteht in der Abkehr von globalisierten Lieferketten zugunsten partizipativer, lokal verankerter Produktionsnetzwerke. Zu diesem Zweck wird eine direkte Feldkooperation mit audiologischen und medizinischen Einrichtungen in Brasilien etabliert, um kontextspezifische Nutzeranforderungen im Einklang mit den WHO-Richtlinien zur Hörversorgung zu definieren. Parallel dazu erfolgt eine fundierte medienethische sowie technikfolgenabschätzende Evaluierung des Ansatzes. Dabei wird untersucht, inwiefern sich traditionelle brasilianische Wirtschaftsformen mit Konzepten solidarischer Ökonomien – wie etwa dem Commoning – verknüpfen lassen. Darüber hinaus wird der verantwortungsvolle Einsatz Künstlicher Intelligenz („AI for good“) zur Wissensstrukturierung innerhalb dieser Netzwerke bewertet.

3. Nachhaltiges Design und regulatorische Rahmenbedingungen

Um das CHA als zertifiziertes Medizinprodukt in den Markt zu überführen, bedarf es einer ganzheitlichen Betrachtung von Design, Produktion und Regulatorik, die standardkonformen Prozessen genügt. Hierzu wird die regionalspezifische Implementierung nachhaltiger Prozessabläufe, Prinzipien der Kreislaufwirtschaft sowie der Materialverfügbarkeit in Brasilien erforscht und in Design-Workshops überführt. Darauf aufbauend wird eine effiziente Regulatory-Affairs-Struktur etabliert, um die normative Konformität in den anvisierten Zielmärkten sicherzustellen.

4. Cluster-Simulation und Entwicklungsprozess für die Marktreifephase

Die Skalierbarkeit und Resilienz des Modells werden durch die Simulation einer clusterbasierten Mikroökonomie evaluiert, woran sich eine Synthese der Ergebnisse aller Untersuchungsebenen anschließt. Die validierten Ergebnisse dieser Machbarkeitsstudie bilden das strukturelle und konzeptionelle Fundament für ein anschließendes Projekt zur Erlangung der Marktreife. Im Fokus der nächsten Entwicklungsphase steht die branchenübergreifende Zusammenarbeit zur Schaffung einer neuartigen Hörgerätelösungen (Cross-Innovation). Durch die gezielte Verknüpfung des technischen Entwicklungsstrangs mit dem kollektiv getragenen Geschäftsmodell sollen komplementäre Stärken der beteiligten Partner synergetisch genutzt werden. Dieser Wissenstransfer zielt auf die Realisierung einer skalierbaren Pionierlösung, die über rein technologische Produktverbesserungen hinausgeht und die langfristige wirtschaftliche Tragfähigkeit der dezentralen Wertschöpfungsstrukturen am Markt sichert.


Projektbeteiligte

Isabell Schrickel, HU Berlin, Medienwissenschaftlerin. Arbeitet im Projekt an den kultur- und medienwissenschaftlichen Grundlagen für die Entwicklung des Hörgeräts. Sie analysiert und konzeptioniert nachhaltige und solidarische Geschäftsmodelle im Zielmarkt Brasilien und verortet die CHA in aktuellen Debatten um assistive Medien.

Shintaro Miyazaki, HU Berlin, Medienwissenschaftler. W1-Professur für Digitale Medien und Computation, Leitung Teilprojekt HU Berlin. Forschung zum Verhältnis von Commoning, Komputation und Medientheorie.

Sebastian Kreusler, Audictive Berlin, Entwickler von Audioelektronik und -hardware sowie Berater im Themenfeld Medientechnik. Er ist bei CHA zuständig für Auswahl und Systemdesign der Hardwarekomponenten des Projekts.

Matheus Xisto, FATEC Sao Paulo, Ausbildung in den Bereichen Grafikdesign und Marketing, derzeit Student des Studiengangs Agrarwirtschaft an der Technischen Hochschule des Bundesstaates São Paulo (Fatec) in Mogi das Cruzes und Praktikant im Projekt „Community Hearing Aid“ (CHA).

Anton Schlesinger, AS GmbH Berlin, arbeitet in den Bereichen Akustik und Audiologie. Nach dem Abschluss seines Diplomstudiums an der Technischen Universität Ilmenau widmete er sich im Rahmen seiner Promotion an der Technischen Universität Delft der Hörtechnik und Audiologie. Im Zentrum seiner wissenschaftlichen Arbeit stand dabei die Optimierung der Sprachverständlichkeit in Hörsystemen. Darauf aufbauend erwarb er in der Medizintechnik Erfahrungen in der praxisnahen Konzeption und Entwicklung bildgebender Verfahren. Im Fokus seines aktuellen Wirkens steht das Projekt „Community Hearing Aid“ (CHA).