23.6. - 2.9.99
montags bis freitags von 12.00 - 18.00 Uhr
Austellungseröffnung: 22 Juni 1999, 19.00 Uhr
Nahe der makedonischen Hauptstadt Skopje liegt die Vorstadt Schuto Orizari, eines der größten und ausgeprägtesten Roma-Zentren ganz Jugoslawiens. Während der blockfreien Periode unter Tito wurde die Roma Gemeinde in Skopje staatlich unterstützt, so zum Beispiel wurde eine Roma-Theatergruppe gegründet. Bis zum heutigen Tag ist Schuto Orizari das Zentrum für das kulturelle, intellektuelle und politische Bewußtsein der Roma. "Es ist ein äußerst lebendiger Ort, Shuto Orizari", meint Christian de Lutz, "kleine Hütten stehen neben neu erbauten Villen, Mercedeswagen begegnen Lastesel in kleinen Seitenstraßen. Während ich durch Shutka schlenderte, stieß ich auf eine Hochzeit. Ein Gespräch bei türkischem Kaffee mit dem Onkel der Braut, Enver Jonuz, war eine meiner interessantesten Konversationen in Makedonien: eine unvoreingenommene Bewertung der ethnischen Spannungen und ökonomischen Probleme in Makedonien ohne jene ethnischen Stereotypen, denen man in Diskussionen über ähnliche Themen mit Makedonen und Albanern begegnen kann."
Die ausgestellten Bilder in der Kleinen Humboldt-Galerie dokumentieren unterschiedliche Lebenssituationen der Roma: angefangen von alltäglichen, beinahe idyllischen Dorfszenen in Rumänien, lachenden Kindern und Pferdewagen bis hin zur makedonischen Hochzeitsgesellschaft, die voller Lebensenergie singend und musizierend auf der Straße feiert – diese Fotografien sind geprägt von einem beinahe genrehaften Ton und von einer ruhigen, statischen Komposition. Im Gegensatz dazu vermitteln die Fotografien der Roma aus der tschechischen Stadt Most in verwahrlosten Wohnblöcken Ungleichgewicht und Bewegung und lassen Fragen offen. Die Bahnhofskinder in der bulgarischen Hauptstadt Sofia sind es schließlich, die den Betrachterstandpunkt ins Schwanken bringen: die abgestumpften Kindergesichter, Klebstoff schnüffelnd und abwesend, tragen die Provokation und menschliche Blöße an die Bildoberfläche.
In Christian de Lutz Fotografien verbinden sich künstlerisch-ästhetischer und fotodokumentarischer Charakter. Von allen Fotografien geht eine Nähe aus, die den persönlichen Kontakt mit den Portraitierten erkennen läßt.
Der aus New York stammende Künstler Christian de Lutz hat sich vor fünf Jahren in Prag niedergelassen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat er sich in seiner Heimatstadt vorwiegend mit Malerei, Installationen und Kunstphotographie beschäftigt. Das aufkommende Interesse für den Photojournalismus geht mit dem Umzug nach Mittelosteuropa einher.
Das Jahr 1994 war Beginn und die Stadt Prag der Ausgangsort für alle folgenden Reisen in die Länder Ex-Jugoslawiens, Rumäniens, der Slowakei, Bulgariens, Albaniens und Rußlands. Auf diesen Reisen hat de Lutz Fotodokumentationen über aktuelle politische Themen erarbeitet, wie zum Beispiel 'Krieg und Vertreibung in Bosnien', 1995/96, 'Die russischen Präsidentschaftswahlen', 1996 und 'Die Wahlen in der Türkei', 1999. Darüber hinaus hat Christian de Lutz in den letzten Jahren immer wieder ein Thema verfolgt, gleichsam ein Leitmotiv - das Thema der Roma, eine der größten Minderheiten Europas. Diese Reportage wird in dieser Form erstmalig in Deutschland als Fotoausstellung zu sehen sein.
Abgesehen vom bildkünstlerischen Aspekt, den die Fotoausstellung den Sommer über in der Kleinen Humboldt-Galerie den Besuchern bietet, soll dieser Ort auch als Kultur- und Diskussionsforum dienen. Die Vernissage wird durch Live-Musik zweier Roma-Musiker untermalt. Dem interessierten Publikum darüber hinaus die Möglichkeit geboten, sich über das Thema der Roma in Osteuropa zu informieren. Zwei Tage nach Eröffnung der Ausstellung wird ein Informations- und Diskussionsabend mit Vertretern der Romani Union Berlin/ Brandenburg stattfinden.
Die von der Europäischen Union geförderte Romani Union hat sich die Umsetzung zweier Gesetze zum Ziele gemacht ('Rahmenübereinkommen zum Schutz nationaler Minderheiten' und 'Europäische Charta für regionale Minderheitensprachen'), die vom Europarat verabschiedet worden sind und seit Juni 1998 in der Bundesrepublik gelten. In diesem Zusammenhang sind sie Ansprechpartner in sozialen Fragen (z. B. juristische Beratung, Flüchtlingsbetreuung) und bieten auch ein kulturelles Forum (Lesungen in Romanes, Roma Konzerte, etc.). Das Gespräch mit Vertretern der Romani Union Berlin/ Brandenburg am Info-Abend ist eine Chance, auch vor dem Hintergrund des Kosovo-Krieges über aktuelle Probleme der ethnischen Miderheit der Roma zu sprechen.
Die Fotografien von Christian de Lutz schlagen eine Brücke von der Kunstfotografie zu den Problemen der größten ethnischen Minderheit auf dem Balkan.
(Regine Rapp)
Vernissage: 22. Juni 1999 um 19 Uhr; mit Live-Musik der Roma-Musiker Slobo (Gitarre) und Dejan (Akkordeon)
Informations- und Diskussionsabend über das Thema 'Roma im Wandel Europas' mit Vertretern der Romani Union Berlin/ Brandenburg: 24. Juni 1999 um 19 Uhr im Demo-Raum des Rechenzentrums, HU-Hauptgebäude.
weitere Informationen: Regine Rapp (Tel: 030-44053918; regine_rapp @ hotmail.com)