164. Ausstellung der Kleinen Humboldt Galerie
Auf der Suche nach der verlorenen Kunst
Eine Ausstellung über Kunst mit dem Internet
Mo bis Fr 12 – 18 Uhr 25.04.01 – 21.06.01
Vernissage am 24.04.2001 um 19 Uhr
In Zusammenarbeit mit dem Förderverein Kleine Humboldt Galerie e.V., dem Rechenzentrum und der Kustodie der Humboldt Universität

Seit der Entstehung des World Wide Web 1992 / 1993, dem bildorientierten Internet, ist die Zahl der Kunstsites – Repräsentationen von Museen, Akademien und anderen Kunstinstitutionen, Homepages von Künstlern – gestiegen. Der Kunstmarkt hat Einzug gehalten ins Internet. Netzkunst, das sind jedoch weniger eingescannte Kunstwerke oder mit dem Computer erzeugte virtuelle Welten. Die Begriffe >Netzkunst<, >net.art< oder >Webart< umfassen künstlerische Arbeiten, die ausschliesslich für das WWW konzipiert worden sind. Sie verstehen es demnach nicht nur als Ort der Kunst, sondern auch als ihr Medium mit dessen spezifischen Eigenschaften sie operieren und in dem sie existieren.
Netzkunst setzt sich mit den technischen Möglichkeiten und Bedingungen des Internets auseinander. Sie kann durch Unterbrechung gewohnter Verhaltensweisen den vertrauten Umgang mit dem Medium reflektieren. Sie kann sich aber auch als nicht zugänglich erweisen und ironisch mit den Erwartungen des Internetusers spielen. Netzkunst ist temporär, vergänglich und ortlos. Ihre Materialien sind das Netz: HTML, Browser, vernetzte Kommunikationsstrukturen. Sie ist Teil der immateriellen Datenströme, die nur über ihre Internetadresse zu verorten und zu finden sind. Netzkunst gibt es nicht als Original. Jede kann sich Netzkunst von jedem Ort aus ansehen.
Für konventionelle Kunstinstitutionen kann das Ausstellen von Netzkunst ein Problem darstellen. Nicht nur ist Netzkunst schwierig zu archivieren, sondern auch die Verkäuflichkeit sowie die Ausstellbarkeit erfordern einen anderen Umgang mit dieser Kunst, die kein materielles Objekt ist, sondern ein offenes, flüchtiges Werk. Zudem bleibt mancher Netzkunst der Einzug in den konventionellen Kunstbetrieb verwehrt. So wird die Frage nach dem, was Kunst sei, erneut gestellt. Es ist jedoch auch eine besondere Eigenschaft der Netzkunst selbst, sich von traditionellen Kunstinstitutionen abzugrenzen, da Netzkünstler zu Recht feststellen, Netzkunst sei bereits „ausgestellt“, da man sie von überall aus im Netz betrachten kann. Sie erheben den Anspruch für sich, eine Art demokratischere oder auch populäre Kunst zu produzieren. Doch leider entspricht dies nicht der Realität beim Surfen im Internet, da man auf Netzkunst meist nicht zufällig stösst.
Das Ausstellungsprojekt >bin ich drin? – auf der suche nach der verlorenen kunst< ist weniger eine Ansammlung von Höhepunkten der Netzkunst als ein Anstoss, die Kunst im Netz zu suchen und zu finden. Dazu stehen im Gang der Kleinen Humboldt Galerie drei Computer mit Netzzugang. Über Links auf der Homepage des Projekts findet man zu der ausgewählten Netzkunst. An der Wand der Galerie hängen etwa 40 Ausdrucke der Netzkunst superbad.com von Ben Benjamin, der mit visueller Collage und Textfragmenten arbeitet. Inmitten der Bilderflut aus dem Netz, den vielen bunten Grafiken, findet man einen 100 mal 220 cm grossen Ausdruck eines anderen Werkes: unendlich, fast... von Holger Friese, das lediglich aus einem einzigen Blau und kleinen Sternen besteht.
An jenem Werk von Holger Friese merkt man, dass man Netzkunst eben nicht ohne das Netz verstehen kann. Denn es macht einen Unterschied, ob man ein blaues Bild betrachtet oder im Netz auf eine Homepage stösst, die lediglich aus einem Blau zu bestehen scheint. Aus diesem Grund sind alle weiteren Werke nur über den Computer zugänglich. So wie man sich über die Definition von Netzkunst nicht einigen will, so ist die Ausstellbarkeit dieser Kunstform ein unsicheres Terrain. Die Kleine Humboldt Galerie versteht sich weniger als Ort der Kunst, denn als sozialer Raum, in dem Standpunkte und Perspektiven zur Internetkunst vertreten, ausgelotet und verunsichert werden.
Diese Positionen werden in unterschiedlichen Medien betrachtet. Die Ausstellung in der Galerie ist eines der Medien, das für ein Publikum gedacht ist, dem Internetkunst bisher ein Fremdwort, kommerzielle Suchmaschinen hingegen vertrautes Spielzeug waren. Was zu sehen sein wird, ist weniger eine Ansammlung von Höhepunkten der Netzkunst als ein möglicher Zugang zur Kunst mit dem Internet. . Die Liste der hier gezeigten Netzkunst liesse sich jederzeit erweitern oder verändern. Zwei weitere Medien sind mündliche Vorträge und schriftliche Beiträge, in denen Künstler, Kuratoren, Kritiker und Kulturschaffende die Thematik Internetkunst schärfen und erweitern. Schriftliche Beiträge erscheinen in der Berliner Gazette, mit der sich das Ausstellungsprojekt im Mai extern verlinkt. Die Berliner Gazette erscheint als Mini-Feuilleton im elektronischen Briefformat jeden Mittwoch und kann kostenlos unter www.berlinergazette.de abonniert werden. Über www.dubistdrin.kulturserver.de ist das Ausstellungsprojekt von jedem Ort aus zugänglich. Der Fokus liegt nicht auf der Ausstellung in der Galerie, sondern in der vernetzten Struktur der untereinander verlinkten Medien.
netzkünstlerInnen
Yael Kanarek world of awe
www.worldofawe.net
Ben Benjamin superbad
www.superbad.com
Holger Friese und Max Kossatz antworten
www.antworten.de
Holger Friese unendlich, fast...
www.502.org/friese/ende.html
douglas davis der kollaborative satz
http://ca80.lehman.cuny.edu/davis/Sentence/sentence1.html
gary simmons wake
www.diacenter.org/simmons/wake.html
heath bunting readme
www.irational.org/heath/_readme.html
jodi
http://oss.jodi.org
walter van de cruijsen, luka frelih, vuk cosic ascii art
ensemble
http://www1.zkm.de/~wvdc/ascii/java
mark napier shredder
http://www.potatoland.org/shredder
mark napier pulse
http://potatoland.org/pulse
zero&one zero&one
http://www.0100101110101101.org
Mit freundlicher Unterstützung von Siemens