PopScriptum Homepage


E d i t o r i a l
 T h e m e n
K o n t a k t / I m p r e s s u m
S u c h r o b o t e r
Schriftenreihe herausgegeben vom
Forschungszentrum Populäre Musik
der Humboldt-Universität zu Berlin

in: PopScriptum 2 - Musikindustrie
© Hans Runge, 1994



Beobachtungen

Hans Runge, Deutschland

Als Berliner Musiker konnte man noch vor einigen Jahren ganz gut leben,
wenn man sich Mühe gab,
sogar Karriere machen.
Heute ist es schwieriger geworden.

Ich habe den deutschen Punkrock und die Neue Deutsche Welle aktiv miterlebt Es war eine Zeit, in der die Musiker und ihre Bands Ideale und Ideen hatten, neue Wege gehen wollten und eine Chance sahen, mit diesen Wegen erfolgreich zu sein. Heute muß ich mitansehen, wie die Pop- und Rock-Musik-Szene ganz langsam ausblutet. Unmerklich und leise, Studios investieren nicht mehr, verlagern ihren Schwerpunkt zum Filmsynchron, hören ganz auf. Musiker wandern in andere Berufe ab und bis auf ein paar Newcomer trauen sich nur noch wenige, einen professionellen Start mit viel Arbeit und hohem finanziellen Risiko zu wagen: «es hat ja sowieso keinen Zweck», «man bekommt ja doch keinen Plattenvertrag», «woanders kann ich wenigstens noch ein bißchen was verdienen» - die typischen Argumente. Zugegeben, ein paar Erfolgreiche gibt es immer: Snap, Die Prinzen, Die Fantastischen Vier, Dieter Bohlen, Frank Farian - aber es gibt nur wenige so erfolgreiche Musiker und Produzenten. Die Meinung, «Wenn der Markt nicht mehr hergibt, muß man den Beruf wechseln» ist ökonomisch vernünftig, akzeptieren kann ich sie nur ungern. Wenn es nämlich so weitergeht, wird sich die deutsche Pop-Kultur in einigen Jahren auf eine kleine elitäre Gemeinde von Musikschaffenden beschränken, die von den Plattenfirmen ausgewählt, die Marktlücke «deutschsprachige Pop-Musik» mit ein Paar Acts pro Jahr füllt - oder ist es vielleicht jetzt schon so?

Viele in der Branche halten Musik für etwas Besonderes. Ist sie ja auch, aber marktwirtschaftlich betrachtet ist sie nur die «Software» für etwas viel Größeres: den Unterhaltungs-Elektronik-Markt - weltweit mehrere hundert Milliarden Dollar schwer. Gäbe es keine Musik, würde sich niemand die neue HiFi-Anlage anschaffen. Um über die Musik Einfluß auf den Unterhaltungs-Elektronik-Markt nehmen, kaufen sich internationale Konzerne in Schallplattenfirmen ein. Neuestes Beispiel sind die Versuche, die Mini-CD oder die DCC über das Musikprogramm beziehungsweise über verschiedene Künstler zu etablieren. An sich könnte das einem kleinen Musiker ja egal sein, aber mißtrauisch werde ich, wenn ich mir dann die veröffentlichten Künstler dieser Unternehmen anschaue. Es sind zum überwiegenden Teil internationale Künstler, der nationale Anteil wird immer kleiner. Zu der internationalen Hardware die internationale Software! Es ist nun einmal Tatsache, daß bei verschiedenen Produktgruppen (zu denen auch die Musik gehört!), international vermarktete Produkte - zum Beispiel Coca Cola oder Marlboro - wirtschaftliche Vorteile gegenüber den nationalen Produkten haben. Bis auf Musik, die in der jeweiligen Heimatsprache interpretiert wird, wird ein internationaler Act in den Medien, von den Schallplattenfirmen, aber auch von den Einzelhändlern in der Regel immer bevorzugt.

Daß man als nationales Produkt meistens nur zweite Wahl ist, erlebt man als Musiker, wenn es beispielsweise um den Veröffentlichungstermin des eigenen Albums geht: «Um Gottes Willen, auf keinen Fall vor Weihnachten da veröffentlichen doch die ganzen Amis!» Keine Chance. Die internationalen Produkte beherrschen den Markt der kleine deutsche Künstler wird vor Weihnachten gnadenlos an die Wand beziehungsweise in die hintersten Regale gedrückt.

Mit dem Verschieben des Veröffentlichungstermins, könnte man ja noch leben, aber mir sträuben sich die Nackenhaare, wenn ich einer Schallplattenfirma einen interessanten deutschsprachigen Künstler anbiete, dann von einem A&R (Artist und Repertoire-Manager!) einer großen Company folgendes hören muß: «Warum sollen wir wieder einen deutschen Künstler produzieren. Das kostet doch mindestens 100.000,- DM für die Produktion und noch mal 50.000,- DM für das Marketing. Wenn ich einen amerikanischen mittleren Act einkaufe, der dort schon in den Charts war, ist die Produktion eingespielt, abgeschrieben und die Gefahr, daß der Act ein Flop wird, sehr gering. Inklusive dem Koffer mit Plakatentwürfen, Fotos, Video, Badges, Figurierung usw. zahle ich im voraus nur eine Mark». Daß man die Hälfte des Gewinns an die ausländische Company abgeben muß, wird bei dem geringen Risiko gern in Kauf genommen. Als Ökonom kann ich diese Gedanken verstehen und würde wahrscheinlich in dieser Position selbst so handeln. Als kleiner deutscher Musiker stimmen mich solche Gedanken nachdenklich, vor allem, wenn ich in die Charts sehe und den Eindruck habe, daß der Anteil von deutschen Acts wieder geschrumpft ist.

Neben den Kosten gibt es noch ein anderes Argument, das die Entscheidung einer Schallplattenfirma für den Einkauf eines Künstlers beeinflußt: der Erfolg eines Künstlers wird vor allem durch die Medien bestimmt und die haben aus unverständlichen Gründen oft Vorurteile gegenüber nationalen Künstlern, «Die deutschen Musiker haben ja sowieso keine Ahnung» oder «es kommt ja doch nur Schrott aus Deutschland». Diese ablehnende Haltung gegenüber deutschen Musikern kann man in allen Bereichen, bei Presse, Rundfunk und Fernsehen feststellen. Das Dumme ist, mit diesen Vorurteilen werden oft Programme gestaltet. Private und öffentliche Sender buhlen um die Gunst des Hörers. Das ist am erfolgreichsten mit leicht verdaulicher Kost aus den Charts, hoch und runter, möglichst alles in englisch. Was dabei vor die Hunde geht ist die deutsche Pop- und Rock-Szene.

Warum werden nicht die staatlichen Subventionen für Pop-Musik auf das Level der Subventionen für Klassische Musik angeglichen? Die Klassische Musik, die sich aus eigenen Mitteln keinen Tag allein tragen könnte, wird staatlich subventioniert, daß einem «nicht so erfolgreichem Pop-Musiker» nur die Tränen in die Augen schießen können.

Warum werden nicht endlich TV-Sendungen mit nationalen Musikbeiträgen gefördert? (Der Beitrag ist im Frühjahr 1993 entstanden und konnte deshalb die Gründung von VIVA nicht berücksichtigen - Die Red.) Ich stelle mir da so eine Art deutsches MTV vor, ein Forum im Fernsehen, in dem sich junge Künstler vorstellen können. Jetzt sagen de Negativdenker wieder, daß es nicht so viele gute Beiträge aus Deutschland gibt, um so eine Sendung zu füllen. Aber warum nicht? Weil die Plattenfirmen kein Geld für Videos ihrer nationalen Künstler ausgeben, weil es keine Sendeplätze gibt. Eine Katze, die sich in den Schwanz beißt!

Wann wird endlich eine Quotenregelung für die Rundfunksender eingeführt? Sicherlich ist solch eine Maßnahmen eine Art Subvention oder eine Art Schutz der einheimischen Musikindustrie, aber warum sollen landwirtschaftliche Güter schützenswerter sein, als das Kulturgut Musik? Nur, weil die Landwirtschaft eine gut funktionierende Lobby hat? In anderen Ländern Europas wie in Frankreich oder Schweden hat man es meines Wissens durch diese Maßnahme auch geschafft, die einheimische Musik zu fördern beziehungsweise zu erhalten.

Die Quotenregelung ist ein Ansatz, die bei den Sendern beziehungsweise den Redakteuren auf wenig Verständnis stößt Aber wenn es nur darum gehen würde, in vollkommener Freiheit zu machen, was man wolle, spielten die Sender nur noch Werbung und Charts, vorgegeben von einem Computer! Gegen den vom Gesetzgeber oder Medienräten teilweise vorgeschriebenen Anteil an Informationen im Rundfunkprogramm haben die Redakteure nichts, das erhält ja ihre eigenen Jobs. Was aus den Jobs der einheimischen Pop- und Rockmusiker wird, ist ihnen egal. Die einzige Einnahmequelle eines Musikers ist der freie Markt, in dem er Platten verkaufen und Konzertsäle füllen muß. Er ist auf die Medien angewiesen, ohne die er diesen Markt niemals erreicht. Das scheinen die Redakteure, die mit Vorliebe Titel aus den amerikanische Charts spielen, und die damit ständig internationale Künstler sponsern, oft zu vergessen.

Schon lange wünsche ich mir für die deutschen Musiker eine Lobby, die sich speziell für die musikschaffenden deutsche Pop- und Rock-Musik-Szene einsetzt (und nicht für die deutsche Musikindustrie - Schallplattenfirmen, Handel, GEMA -, die macht ihren Hauptumsatz nämlich mit internationalen Acts und hat damit einen Interessenkonflikt!) und gegebenenfalls gesetzliche Änderungen zum Schutz und zur Förderung dieser Szene durchsetzt. Aber wer macht das? Die Gründung und die Arbeit des Referats Pop- und Rockmusik beim «Senator für Kulturelle Angelegenheiten von Berlin» ist ein wichtiger Schritt. Viel Positives konnte diese Abteilung in Berlin bewirken, vom Ausbau von Übungsräumen bis hin zur Verbesserung der Auftrittsmöglichkeiten, nicht zu vergessen den Senatsrock-Wettbewerb. Aber was wirklich fehlt, ist die massive Hilfe zur Selbsthilfe - keine Übungsräume, sondern das wirtschaftliche Weichenstellen, damit das Musikschaffen so erfolgreich wird, daß sich die Bands den Ausbau Ihrer Übungsräume selbst finanzieren können. Eine Erhöhung des Anteils von in Deutschland produzierter Musik (auch fremdsprachiger) in den Programmen der Sender würde wenigstens zum Teil einen Nachfragesog in den Absatzkanälen der Tonträger auslösen, weil sich mehr deutsche Künstler mit ihren Songs der breiten Bevölkerung vorstellen könnten. Die Tonträgerunternehmen würden mit einer höheren Veröffentlichungsquote deutscher Künstler reagieren und wären eher bereit, das Produktionsrisiko zu übernehmen und Newcomern den Start zu ermöglichen. so hätten auch mehr Musiker die Möglichkeit, sich «Live» auf der Bühne dem Publikum zu stellen, was heute ohne Schallplattenvertrag fast unmöglich ist.

Mit ein paar kleinen Hilfen könnte sich die Szene erholen, junge Künstler hätten wieder bessere Perspektiven. die alten Haudegen würden nicht in andere Berufe abwandern und die Tonstudios hätten wieder mehr Aufträge, könnten weiter investieren und damit den internationalen technischen Standard halten. Neue eigenständig nationale Musikrichtungen wie einst der Deutsche Schlager oder die NDW, hätten wieder eine größere Chance, sich auf einer breiten Basis zu etablieren und vielleicht auch wieder wirtschaftliche Zeichen zu setzen.


©  1994 Hans Runge /  PopScriptum  mailto:fpm.webmaster@rz.hu-berlin.de