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K o n t a k t / I m p r e s s u m
S u c h r o b o t e r
Schriftenreihe herausgegeben vom
Forschungszentrum Populäre Musik
der Humboldt-Universität zu Berlin

in: PopScriptum 04 - Rechte Musik
© Margitta Fahr, 1995



Frank Rennicke - Der "Nationale Barde"

Margitta Fahr, Deutschland


«Er sucht Sie - Hörst Du auch lieber Frank Rennicke als Buschmusik? Nationaler Deutscher (23, 177 cm) sucht liebe Frau mit Sinn für Romantik, der auch der Kampf für ein besseres Deutschland nicht fremd ist. Wenn Du Dir in den Stürmen der Zeit den Sinn für das Wahre und Echte des Lebens bewahrt hast und Interesse an einer dauerhaften Beziehung hast, so schreibe bitte unter Chiffre 'wahr und echt'.» [1]

Solche und ähnliche Kleinanzeigen in rechten Zeitungen und Zeitschriften wie «Europa vorn» und der «Jungen Freiheit» belegen eindeutig, wie tief verwurzelt der Liedermacher Frank Rennicke im Alltagsleben seiner Konsumenten ist.
Gewiß hat es schon vor Rennicke Versuche innerhalb des rechten Spektrums der Bundesrepublik gegeben, Ideologeme, Traditionen und Emotionen über Musik zu vermitteln. Erwähnt werden sollen nur die Editionen der E. Hocheder + Co. KG aus Düsseldorf, die unter dem Label «Historische Tondokumente» Originalaufnahmen von Liedern, Märschen und Ritualen aus der Zeit des Nationalsozialismus vertreibt (zumeist in Verbindung mit Goebbels-, Hitler-, von Schirach-Reden), Chöre von SS-Traditionsverbänden und Wehrmachtseinheiten (in der Regel auf MC), die regionalen Chöre der Wiking - Jugend, die Spielmannszüge der inzwischen verbotenen FAP, der legale Vertrieb von Liederbüchern (völkisch strukturierte Gruppen [«Liederbuch des Stammes Burgund»], landsmannschaftliche Vereinigungen, Wiking - Jugend, Wehrmacht) sowie der illegale Vertrieb von Liederbüchern der HJ, SS, SA.
Einzelne Versuche, die eigentlich links besetzte Liedermacherszene politisch zu nutzen, blieben beinahe folgenlos, wie die Beispiele von Ingo Halberstadt (heute: René Heizer/«Balladen für Deutschland») und Gerd Knesel zeigen.
Seit 1989 hat die rechte Szene nun in dem Ehninger Frank Rennicke ihren Hausbarden, ebenso beliebt bei pubertierenden Nachwuchsneonazis beiderlei Geschlechts wie bei gestandenen Politaktivisten, rechtsextremem Urgestein und älteren Damen, die mit Wehmut die BDM-Knoten bei den Mädchen der Wiking-Jugend betrachten. Was macht den unauffälligen, schmächtigen 30jährigen aus dem schwäbischen Ehningen so erfolgreich bei seinen Gesinnungsgenossen? Bei seinen Konzerten (nach eigenen Angaben 1991: 65; 1992: 45; 1994: 300) wirkt Rennicke verkrampft, er verfügt nur über einen begrenzten Vorrat an Melodien und Gitarrengriffen und es fehlen ihm sowohl Musizierfreude als auch jeglicher mitreißender Schwung. Der gelernte Handwerker und jetzige Umschüler Frank Rennicke weiß sehr wohl um seine musikalischen Grenzen, wenn er davon spricht, nur «Schabernack» mit seiner Stimme und seiner Gitarre zu treiben. Auch sein Anhang erkennt die musikalischen Defizite, nimmt sie aber in Kauf: «Seine Lieder sind textlich einfach nur genial, musikalisch einfach (Gitarre), aber einwandfrei. So richtig rüber kommt das alles zwar nur bei 'nem 'Live'-Auftritt...» [2] Die «Junge Freiheit» formuliert es noch drastischer: «Textliche und musikalische Schwächen zeigen, daß das Projekt noch entwicklungsfähig ist.» [3]
Der Vater des rechten Barden flüchtete Ende der fünfziger Jahre aus der DDR und ließ sich im Braunschweigischen nieder, zwanzig Kilometer von der deutsch-deutschen Grenze entfernt. Das Elternhaus schätzt Rennicke als eher bürgerlich-liberal ein, was zu erheblichen Auseinandersetzungen führte, als sich der Halbwüchsige ins völkisch-nationale Lager orientierte. Er schloß sich der NPD an, war Jugendführer der Wiking - Jugend (WJ) und engagiert sich kräftig für die Deutsche Liga für Volk und Heimat. Sein Versandhandel umfaßt neben Informationsschriften von WJ und Deutscher Liga auch WJ-Liederbücher, Kassetten, Bücher wie «Gattenwahl zu ehelichem Glück und erblicher Ertüchtigung» von H.F.K. Günther («Rasse-Günther»), «Der Nationalismus - Deutschlands verlorener Sohn kehrt heim» von Andreas Behrens, juristische Ratgeberhefte für Rechtsextremisten, Karten mit den «völkerrechtlich gültigen Grenzen» des Deutschen Reiches, Tonkassetten über den Obersalzberg und das Kehlsteinhaus (Hitlers Teehaus über dem Berghof). Zu den Lieferungen bekommt der Kunde auch unaufgefordert Flugblätter der ultrarechten Unabhängigen Freundeskreise («Der Kampf geht weiter! Denn die Zeit ist reif!»), des Südtiroler Heimatbundes, der Deutschen Liga («Stopp der Hetze gegen deutsche Patriotinnen und Patrioten! Konsequente Bestrafung der Nestbeschmutzer!») und der rechtsextremen Monatspostille Nation und Europa («Schindluder mit Deutschlands Geschichte...Sch[w]indlers Liste»).
Erste musikalische Erfahrungen machte Rennicke in der Kirche, dort besuchte er im Alter von etwa zwölf Jahren einen Gitarrenkurs. Nach einigen Jahren Pause, in denen Diskotheken seine musikalischen Bedürfnisse begrenzten, fand er in der Wiking-Jugend zurück zum Instrument und zum Gesang. Keine ungewöhnliche Entwicklung, gehörte doch die Bewahrung deutscher Volkstänze und deutschen Liedgutes, vor allem aus der Zeit des Nationalsozialismus) zu den wesentlichen Elementen der Jugendarbeit in der WJ im Sinne der Pflege des Deutschtums.
Seit knapp zwölf Jahren beschäftigt sich Rennicke mit «nationalen» Liedern. Seiner Ansicht nach singen «viele linke Liedermacher ...ausnahmslos gegen ihre deutsche Heimat. Warum, so fragte ich mich, findet sich hier kein nationaler Deutscher, es umgekehrt denen gleichzutun?»

Rennicke setzt Musik und Gesang bewußt als politisches Transportmittel ein. An Vorbildern benennt er Wolf Biermann, Hannes Wader und Reinhard Mey. Von Wader versucht er das Tremolo zu kopieren. Von Mey übernahm er den Hang, betonte Silben auf unbetonte Taktteile zu setzen und vice versa.
Die Bedeutung von Frank Rennicke für die rechtsradikale/-extreme Szene sollte durchaus auch unter dem Aspekt der seit nunmehr fast fünfzehn Jahre laufenden Versuche einer «Kulturrevolution von rechts» betrachtet werden. Gestützt auf Theorien des italienischen Kommunisten Antonio Gramsci entwickelten neurechte Vordenker, im besonderen der Franzose Alain de Benoit, ein Konzept, das die Entwicklungsprozesse der westlichen Gesellschaften analysiert und den sich bereits vollziehenden Paradigmenwechsel einrechnet. De Benoit befaßt sich in seinem Buch «Kulturrevolution von rechts» sehr ausführlich mit Gramsci. Er folgt dessen Ansicht, daß eine Transformation der Gesellschaft durch die Machtübernahme auf allen kulturellen Bereichen möglich ist, «daß man auf die Struktur der politischen und ökonomischen Macht Einfluß ausüben kann, indem man auf den 'Überbau' der Kultur und der Ideen einwirkt» [5].
De Benoit hält Gramscis Revolutionstheorie für «prophetisch» und greift Gramscis Mittel der «permanenten Überzeugungsarbeit» auf: «den Appell an das Volksempfinden, die Umwertung der herrschenden Werte, die Schaffung 'sozialistischer Helden',...die Förderung der Folklore, des Gesangs etc.». De Benoit sagte bereits in der ersten Hälfte der 80er Jahre die «langsame Verschiebung der Mentalitäten von einem Wertesystem in Richtung auf ein anderes» voraus, und er erkannte sehr treffend

«einen weiteren Charakterzug der gegenwärtigen Gesellschaften, den man im Hinblick auf die kulturelle Macht nicht unerwähnt lassen darf: Die Tatsache, daß die liberalen westlichen Regime 'aufgrund ihrer eigenen Natur' gegen diese Transformation der Mentalitäten und diese Infiltration der Geister sehr schlecht gewappnet, ja gänzlich waffenlos sind. Die liberalen Mächte sind nämlich Gefangene ihrer eigenen Prinzipien, und sie sind es in doppelter Hinsicht: Einerseits ist in einer pluralistischen politischen Ordnung die freie Konkurrenz notwendigerweise aller vorhandenen Ideologien garantiert, und die Gesellschaft kann die subversiven 'Ideologien' nicht zur Verantwortung ziehen, ohne selbst tyrannisch zu werden...Der Staat kann den Besitz von Waffen oder die Verwendung von Sprengstoff (sic!) verbieten, aber er kann nur sehr schwer, ohne das Prinzip der freien Meinungsäußerung anzutasten, die Verbreitung eines Buches oder die Aufführung eines Schauspiels verbieten, die jedoch, wenn es darauf ankommt, Waffen darstellen können, die gegen ihn gerichtet sind.» [6]

In diesem Kontext bekommen selbst marginale Elemente von Kultur und Lebensweise ihre Funktion zugewiesen und - funktionieren, wie sowohl der Liedermacher Rennicke als auch die zahlenmäßig stetig zunehmenden Rechtsrockbands unüberhörbar beweisen. Interessant die bewußte Transformation von traditionell «linken Phänomenen», wie eben Rockmusik, Liedermacher, Hausbesetzungen, Straßenschlachten mit der Polizei, Staat-System-Justiz-Büttel als Feindbilder, «APO» - von - rechts-Ideen bis hin zur Übernahme linker Slogans. Daß Rennicke von rechten Intellektuellen wie Andreas Molau als Medium der «Kulturrevolution von rechts» gewertet wird, führt er sehr prägnant in dem oben bereits erwähnten Artikel in der «Jungen Freiheit» aus:

«Bevor sich in dieser Republik eine wirkliche Rechtsverschiebung durchsetzen kann, die sich nicht nur darauf beschränkt, daß in irgendwelchen Parlamenten, so wichtig das auch sein mag, ein paar Republikaner sitzen, muß noch einiges geschehen...Die Formel von dem Gewinn der kulturellen Macht darf keine Leerformel sein. Was den Rechten fehlt, das ist nicht nur ein Umfeld,...es ist vielmehr ein ganzes Lebensgefühl, die Identität. Es fehlen die Lieder, und es fehlt die Literatur ebenso wie die Kunst...Rennicke ist inzwischen zum Politikum geworden.» [7]

Frank Rennicke - Mein Kamerad

Frank Rennicke - Mein Kamerad

Frank Rennicke ist eine der Schlüsselfiguren für den Einstieg in die rechte Szene. Mit schlichten Texten von Fremdautoren bzw. noch schlichteren aus eigener Feder bietet er ein simplifiziertes, völlig verzerrtes Bild der Vergangenheit, schreckt nicht vor 'heimattreuem' Kitsch zurück, expliziter Volksverhetzung, der nackten Verherrlichung des Zweiten Weltkrieges und des millionenfachen Sterbens.
Die Produktion «Mein Kamerad» ist konzeptionell als politischer Gegenpol zu dem Film «Stalingrad» entstanden. Gewidmet sind die dreizehn Titel «den deutschen Soldaten und europäischen Freiwilligen». Mit letzteren ist die Waffen-SS gemeint, den wahren Helden im Gegensatz zur Soldateska der Sieger. Denen werden im Klappentext (Autor: Fritz Reinhard)

«Verbrechen an unschuldigen deutschen Menschen und untadeligen deutschen Soldaten [vorgeworfen]...es ist deren verlogene Heuchelei von Moral und Menschlichkeit, die bei Kennern der wirklichen Ereignisse nur Ekel hervorrufen kann. Diese Leute haben kein Recht über den ritterlich kämpfenden deutschen Soldaten zu urteilen. Wer, so stellt sich die Frage, kämpfte damals wirklich für ein geeintes Europa der Vaterländer, eine friedlich gemäß den Schöpfungsgesetzen geordnete Welt und eine gesunde Heimat für alle Völker?» [8]

Hier avanciert jeder Wehrmachtssoldat und SS-Mann zum Ritterkreuzträger, hier gibt es keine «gefühllose Mordmaschine"...Der deutsche Soldat verteidigte Volk und Vaterland und fühlte, daß die Feindmächte nichts Gutes mit uns und für die Welt im Sinne hatten».
Die Texte der Lieder auf diese MC sind alle nicht von Rennicke. Die meisten Autoren wagen nicht, mit ihrem Klarnamen aufzutreten. Gemeinsam ist allen Texten die schwülstige Landsknechtsromantik, die Heroisierung des Todes und die Vision eines zukünftigen Sieges, verknüpft mit Bildern von rauschenden Wäldern und blühender Heide.

«Kommst Du nach Osten in Steppe und Sumpf und weiter zum Wolgastrand;
so grüß uns're toten Soldaten dort, die Helden in fernem Land.
Sag': In der Heimat da blüht jetzt der erste Mohn,
und die Stare, sie brüten schon;
kräftig und hoch steht im Felde der Klee
und die Lerchen steig'n wie eh' und jeh.
Sag' es den Toten, behutsam und leis',
vergiß es nicht - sie liebten Deutschland ja so heiß!» [9]

«Er schläft in seinen Waffen, im deutschen Soldatenkleid.
An Brust und Stirne klaffen |:ihm Todeswunden so weit.:|

Er schläft an einer Eiche, in ihren Wurzeln warm;
es hält der Baum die Leiche |:wie einen Sohn im Arm.:|

Und junge wilde Rosen und Waldvergißmeinnicht,
das für den Namenlosen |:um eine Träne spricht.:| [10]

Das unverhüllte Anknüpfen an den Wertehorizont des Nationalsozialismus, die kritiklose Übernahme seiner Feindbilder, die Verehrung seiner Protagonisten versucht Rennicke mit seinem Bild von der Gegenwart zu verknüpfen. Das wird in seinen anderen Produktionen, «Protestnoten für Deutschland», «Unterm Schutt der Zeit», «An Deutschland», «Sehnsucht nach Deutschland» und «Ich bin nicht modern...Ich fühle deutsch», viel deutlicher. Ebenso deutlich wird das Anliegen für die Konsumenten formuliert:

«Ob Marschgesang oder Heimatlied - hier singt ein junger Deutscher für seine geschändete Heimat. Wer den nationalen Gedanken, die jungen Streiter für die Freiheit Deutschlands und das Bewußtsein für vergangene Werte wirklich verstehen will, der sollte einmal in die Lieder von Frank Rennicke hineinhören.» [11]

Die Genres der Lieder:

1. Heimat-, Vertriebenenlieder

Kassettencover und Liederheft zu «Sehnsucht nach Deutschland»zeigen die ehemaligen deutschen Ostgebiete und vergleicht deren Fläche mit anderen Ländern bzw. Landesteilen: «Ostpreußen mit Memelland ist fast so groß wie die Schweiz...Sudetenland ist größer als Hessen oder Israel». Der bei Rennicke unverhältnismäßig oft strapazierte Heimatbegriff ist sentimental verwaschen und stellt der verklärten fernen Vergangenheit ein haßverzerrtes Bild der deutschen Gegenwart gegenüber:

«Wo ich hör' den Quellbach flüsteren, klingt ein strophisches Gedicht.
Und die Tannen von Rominten säuseln in dem Mondeslicht.
Seh' in ihm vertraute Dörflein, Felder, Burgen, Städte ruhn!
Wildes Veilchen - blau am Hange, dufte mir so ferne nun...» [12]

«Der Autor Eberhard Warm (Jahrgang 1910) denkt als alter Mann an seine Kindheit im Osten Deutschlands zurück. An eine Kindheit, wie wir sie uns im Nachkriegsdeutschland durch Überfremdung, Verstädterung und Technisierung in einem übervölkerten und vergifteten Teilstück unserer Heimat kaum noch vorstellen können. Heimat - wie könnte dieser Begriff besser bildlich dargestellt werden, als durch einen See in Masuren in der Abendsonne, über den ein Storch zieht und an dessen Ufer ein Elch still sein Haupt hebt?»

«Die Grenze ist eine Linie quer durch das Land,
von der See bis nach Schlesien gezogen.
Sie ward gezeichnet von Menschenhand,
doch die Hand, die sie zog, hat gelogen...
Die Wahrheit heißt so, daß drüben wie dort
Deutschland, die Heimat liegt !
Oder - Neiße - Grenze nie -
Oder - Neiße Schandgrenze nie!!!» [13]

«Die Oder-Neiße Gebiete gehören nach dem Völker- und Selbstbestimmungsrecht sowie durch geschichtliche und kulturelle Leistungen untrennbar zum deutschen Ganzen. Die Oder-Neiße-Grenze ist keine 'Friedensgrenze', sondern eine aus Rache und Haß diktierte 'Kriegsgrenze'...Die Wiedergutmachung dieser Verbrechen muß standhaft verlangt werden.»

Der Refrain dieses Liedes (Text: Wolfgang Federau) wird in großem Bogen geführt und ist mit kräftigem Hall versehen. Dadurch bekommt er etwas Choralhaft-Eindringliches. Live dürfte dieser Effekt sich nicht einstellen.

Der Titel «Restdeutschland» (Text: Schütte) auf Rennickes zweiter Veröffentlichung, «Unterm Schutt der Zeit», behandelt zwar thematisch ebenfalls Deutschland in den Grenzen der Nachkriegsära, überrascht aber durch die unverhohlene Stellungnahme zu Hitler:

«Du wunderschöndes deutsches Land,
wie bist Du klein geworden!
Zerstückelt und in Feindeshand,
|:besetzt von fremden Horden:| ...

Und schob die Schuld auf jenen Mann,
der nur den Frieden wollte;
und dem sein Volk, verblendet dann,
|:nur schnöden Undank zollte:|

Doch was er einst an Werten schuf,
wird niemals ganz vergehen,
oh Deutschland, höre unsern Ruf:
|:Einst wirst Du neu erstehen:|» [14]


2. Die Anbetung des «Reiches»

Das oben zitierte Lied ist ein typisches Beispiel für die Fetischisierung des «Reiches» an sich, die einhergeht mit der Verzerrung und Pervertierung historischer Ereignisse und Prozesse. In Interviews spricht Rennicke bezeichnenderweise vom Nationalsozialismus als den «verteufelte[n] zwölf Jahre[n]». Die Symbolik der Reichsfarben wird selbstverständlich sowohl von ihm als auch von der ganzen Szene bemüht. Ob auf Plakaten, CD-, MC-Cover, Demonstrationen, Aufnähern, Buttons, die Fahne des Norddeutschen Bundes, die Reichskriegsfahne oder die Reichsdienstflagge gezeigt werden, ist eigentlich bedeutungslos, denn es geht ausschließlich um die Farben: Schwarz-Weiß-Rot, die Farben des Kaiserreiches, des 2. Deutschen Reiches und die Farben des 3. Deutschen Reiches ! Das Hakenkreuz darf nicht gezeigt werden, aber die Farbe genügt als Substitut für das Symbol ! Das Kassettencover von «An Deutschland» ist nicht nur mit den Farben des Reiches geschmückt, sondern zeigt auch die bei Erscheinen des Tonträgers schon bundesweit verbotene Balken-Sigrune, Kennzeichen der 1983 verbotenen Aktionsfront Nationaler Sozialisten/Nationaler Aktivisten (ANS/NA) von Michael Kühnen. Weiterhin sind zu sehen: madr, die Lebensrune und die 1990 ebenfalls bereits in einigen Bundesländern (Bayern!) verbotene Odalrune (die ältere Odinsrune, eines der stärksten Runen- und Heilszeichen), das Kennzeichen der Wiking - Jugend. In «Odalrune», auf der Kassette «Unterm Schutt der Zeit», wird die Kraft der Rune beschrieben:

«Odalrune, auf schwarzem Tuch,
weh' voran uns, trifft uns auch der Fluch.
Du Zeichen allein, kannst die Freiheit nur sein,
weh' voran, ein Leben lang!»

Ahnenkult und Farbenmystik prägen auch den Text von «Wir bleiben deutsch» («An Deutschland»):

«Wir bleiben deutsch - wir sind nicht tot zu kriegen !
Wir bleiben deutsch, von Norden bis nach Süden.
|:Einst wird im deutschen Lande
doch die Freiheit siegen !
Allvater weiß auch schon,
wann das geschieht:| ...

Wir bleiben treu dem Erbe uns'rer Ahnen !
Wir bleiben treu dem deutschen Volk und Land !
|:Wir halten hoch im Geist
die schwarz-weiß-roten Fahnen,
weil unter diesen
Deutschland neu erstand:|»

An dieser Stelle muß angemerkt werden, daß Frank Rennicke mit den Namen von Textdichtern und Komponisten sehr willkürlich umgeht. Warum er sich scheut, den Autor von «Über Länder, Grenzen, Zonen» auf der gleichen Kassette zu benennen, ist nicht nachzuvollziehen. Üblicherweise wird nur die erste Strophe des Gedichtes gesungen:

«Über Länder, Grenzen, Zonen
hallt ein Ruf, ein Wille nur;
überall wo Deutsche wohnen,
zu den Sternen dringt der Schwur:
Niemals werden wir uns beugen,
nie Gewalt für Recht anseh'n.
Deutschland, Deutschland über alles
und das Reich wird neu ersteh'n.» [15]

Gesungen wird sie, wie die Schlußzeilen ahnen lassen, auf die Melodie des «Deutschlandliedes». Rennicke bietet allerdings eine eigene Vertonung an.
Der Text wurde 1972 von dem ehemaligen SPD-Bundestagsabgeordneten und Vertriebenenfunktionär Herbert Hupka geschrieben. Hupka konvertierte wegen seiner heftigen Ablehnung der Ostpolitik der sozialliberalen Koalition zur CDU. Sein Liedertext ist zur Ersatzhymne der ultrarechten Szene avanciert.

Rennickes letzte Produktion (abgesehen von der «Best of»-CD «Auslese»), die MC «Ich bin nicht modern - Ich fühle deutsch» hat den Reichsgedanken nur in einem Lied erfaßt: «Ewiges Deutschland»:

«...eins bleibe Schicksal
und Wille zugleich:
Ewiges Deutschland -
Heiliges Reich !
...höher als Leben
und mehr als der Tod,
bleibt was uns Glück
und Erlösung zugleich:
Ewiges Deutschland -
Heiliges Reich!»


3. Die Anbetung der «Märtyrer des Reiches»

Wenn man nach den Top Ten der Rennicke - Schlagerparade fragt, erscheint ein Titel immer auf den vordersten Plätzen: der Hymnus an Rudolf Hess, den Hitler-Stellvertreter, der bis zu seinem (umstrittenen) Tod 1987 im Kriegsverbrechergefängnis in Spandau einsaß. Hess wird als Kultfigur in der rechtsextremen Szene gehandelt, er ist der «Saubermann» in der tiefbraunen Führerriege des Nationalsozialismus. Sein enthusiastisch bejubelter «Friedensflug» nach Großbritannien in der Nacht vom 10. zum 11. Mai 1941 wird zum willkommenen Anlaß, einen der Paladine Hitlers mit dem Glorienschein eines Friedensengels zu versehen: Hess hatte keine Gelegenheit mehr, den Rußland-Feldzug und somit den Krieg zu verlieren, Hess schied vor der Wannsee - Konferenz und der praktizierten Endlösung aus der Politik aus und - Hess, «der einsamste Gefangene der Welt», sprach in Nürnberg während des Internationalen Militärtribunals die Worte aus, die sich die anderen Angeklagten nicht auszusprechen wagten: «Ich bereue nichts. Stünde ich wieder am Anfang, würde ich wieder handeln, wie ich handelte. Auch wenn ich wüßte, daß am Ende ein Scheiterhaufen für meinen Flammentod brennt.» [16]

Der Tod von Hess war ein Fanal für die europäische extreme Rechte, wie sich in den alljährlichen Aufmärschen bis 1993 zeigte. Der Rudolf-Hess-Marsch 1991 in Bayreuth wurde zur Kulisse für Frank Rennicke, der vor ein paar Tausend Alt- und Neonazis seine Hess-Hymne singen durfte:

«Mit Rudolf Hess ist uns ein Held geboren,
er ist uns Lehrer, Vorbild und Garant !
Die deutsche Jugend sollt' alles von ihm hören,
damit Wahrheit und Lüge leicht erkannt !

Nicht mal das Grab des Helden darf man ehren,
weil es der Sieger Art und Wille ist -
doch wir wollen immer stolz sein Erbe lehren,
bis der Tag kommt, er allen Vorbild ist!» [17]

Das Textheft zu «Sehnsucht nach Deutschland» offeriert eine ganze Seite Informationen über Hess: Eine Kurzbiographie, den gerahmten Spruch vor dem Kriegsverbrechertribunal in Nürnberg (den Rennicke auch als Poster und Postkarte über seinen Versand anbietet) und als Buchtip das im rechtsextremen Druffel Verlag in Leoni am Starnberger See verlegte Werk von Wolf-Rüdiger Hess: «Mord an Rudolf Hess?» (auch von Rennicke vertrieben).
In seinem letzten Interview, in der Berlin-Brandenburger Zeitung [der nationalen Erneuerung] vom Februar/März 1995, bekennt sich Rennicke wiederum zu Hess:

«An Geradlinigkeit und Treue, an menschlichem Charakter und Idealismus wohl einer der größten Söhne unserer Heimat. Es ist nicht nur der Rudolf Hess als Stellvertreter, sondern meines Erachtens besonders der als einsamster Gefangener der Welt, der auch im Kerker seine Heimat und Ehre nicht aufgab. Jeder nationale Aktivist sollte sich mit seinem Schicksal beschäftigen und ihm nacheifern.» [18]

Interessant, wie Rennicke hier die Klippe umgeht, Hess als Stellvertreter Hitlers namentlich zu benennen.
Im Gespräch mit den Machern eines rechten Fanzines erklärt Rennicke auf die Frage nach seiner Position zu Hitler:

«Schon wieder eine Frage, die ich nur vorsichtig beantworten kann. Nur soviel: Er war gewiß nicht das 'Untier', wie es uns alltäglich beigebracht wird. Wenngleich er auch seine Fehler hatte und manche falsche Entscheidung traf, so glaube ich doch, man sollte auch seinen Einsatz objektive sehen. Die Geschichte wird gewiß in absehbarer Zeit über ihn ein anderes besseres Urteil sprechen.". Unter dem Interviewtext sind ein Foto von Rennicke zu sehen, ein Adler, Parolen wie "Du mußt an Deutschland glauben" und: Alles gutes wünschen wir A.H..» (Das Fanzine erschien zu Hitlers Geburtstag.) [19]

Mit Adolf Hitler verbunden ist auch eines der wenigen, lustigeren Rennicke-Lieder verbunden. Ansonsten ist Frank Rennicke, auch in seinen Anmoderationen bei Live-Auftritten, so humorlos wie der größte Teil seiner Klientel. Der Spaß am Musizieren wird hier substituiert durch das Sendungsbewußtsein.
In der Titelzeile des Liedchens «Ohne Adolf geht nichts mehr» sitzt im «O» von «Adolf» ein kesser Smiley in Form eines zwinkernden «Führers». Der Text (Eulenspiegel) berichtet mit augenfälligem Stolz von der großen Popularität Adolf Hitlers:

«Landauf, landab, im kleinen wie großen,
wirst Du immer auf's neue auf «Adi» gestoßen.
Ihn hat die Welt früher kaum so gekannt,
wie heute, nachdem er schon lange verbrannt.
Und hängt Dir der Rummel zum Halse heraus,
der Zirkus mit Adolf, der stirbt nicht mehr aus.
Gewöhn' Dich daran, und fällt es auch schwer -
denn ohne Adolf läuft heute nichts mehr.» [20]

Bei der dazugehörigen Musik mogelt Rennicke ungeniert. Als Ursprung gibt er «traditionell» an, realiter verwendet er die Melodie des Titels «A Glass Of Champaigne» der britischen Pop-Gruppe Sailor.


4. Das Wahre, das Echte, die Maid

Der Wertehorizont des «Reiches», neben der militärisch-kämpferischen Manneszucht, wird im wesentlichen auf die sogenannten klassischen Tugenden beschränkt: das «Gute, Wahre, Echte», Stolz, Einigkeit, Mut, Treue, Fleiß, Ordnung und - Glaube. Der «Reichsgedanke» erscheint nun als Ersatzreligion, «Oh Deutschland, sei besonnen, wir ziehn Dich aus der Höll'.» [21]
Das Glaubensprinzip spiegelt sich besonders wider in dem Titelsong der Kassette «Unterm Schutt der Zeit»:

«Glaube eins nur und bewahre immer
Dir noch einen letzten Hoffnungsschimmer
deutscher Mensch in der Zerrissenheit ! ...

Glaube an die Not der deutschen Seele
aber auch an ewige Befehle...
Glaube an die Welt, die Dir entrissen...
Was nicht taugt für Deutschland sollst Du lassen,
nur was echt ist, halte griffbereit !
Grabe nach des Deutschtums echter Krume,
sei teilhaftig an diesem stillen Ruhme...»

Eine Stufe unter Liebe, Glauben und Hoffnung (fast ausschließlich in bezug auf das «Vaterland») steht die Liebe zur deutsche Maid:

«Und dann seh ich sie von weitem stolz dort steh'n,
als deutsches Mädel erhobenen Hauptes geh'n;
sauber ihr Wesen, so prächtig ihr Kleid...
Ihr Blick ist so klar und die Worte so rein,
ihr Wesen birgt mehr als nur der Schein...
Denn deutsch ist ihr Wesen und deutsch ihre Art,
Anmut und Tugend in sich gepaart...»

Dieses Lied widmet Rennicke «stellvertretend für alle deutschen Frauen, die es noch wert sind, als solche bezeichnet zu werden, meiner Frau Ute» [22].
Die Minnelieder des Barden sind durchgängig kitschig, asexuell und hölzern im Versmaß:

«Deine stille Art, Dein grader Gang,
ja, das lieb' ich so an Dir.
Die Verständlichkeit, die Dinge recht
und richtig zu sehen mit mir.» [23]

oder:

«Kleine Erika, warst mir so nah,
sah in dir stets den Freund mit Herz.
Auf dich war Verlaß,
deine Lieblingsworte war'n: "Ach was ?!"
hattest immer Zeit, warst frohgelaunt -
hast mich oft erstaunt.» [24]

Derartig unbedarfte Lyrik könnte den Liebesbriefchen pickliger Vierzehnjähriger entnommen sein.
An Rennickes Versen läßt sich ablesen, daß er kein realistisches Verhältnis zu sich und seinen Produkten hat. Wer dauernd sein «Deutschtum» im Munde führt, sollte eigentlich ein ehrfurchtsvolleres Verhältnis zu seiner Muttersprache an den Tag legen und sie nicht ständig vergewaltigen.


5. Die Feindbilder

Geradezu pathologisch haßerfüllt sind Rennickes Auslassungen zu Ausländern und zur multikulturellen Gesellschaft. In der multikulturellen Gesellschaft erblickt er

«die Endlösung (sic !) der Völker und Kulturen» [25]; «schon andere Völker und Kulturen sind an der Vermischung zugrunde gegangen...Multi-Kulti-Rassenkrieg...Die Rassenunruhen in Los Angeles werden auch wir in ähnlicher Form erleben dürfen. Wie z.B. in Solingen. Dort hatten wir Deutsche mit den Türken bereits das Vergnügen.» [26]

Offene Ausländerfeindschaft kennzeichnet Lieder wie «Sonntags abends in Berlin»:

«Sonntags abends in Berlin,
wenn die Türken dann durch Kreuzberg zieh'n,
packt mich kalte Wut, Angst bei der Nacht -
mein Volk, mein Volk, was hat man mit dir gemacht ?!» [27]

und «Die neue Internationale» (Melodie: die 'alte' Internationale !)

«Strömt herbei Ihr Völkerscharen,
immer rein ins deutsche Land,
und knechtet dann die Deutschen
und stellt sie an die Wand.

Strömt herbei ihr fremden Scharen,
immer rein in unser Land,
ob' s Türken, ob Tartaren,
hier wird jeder anerkannt...

Schwarze, Rote, Braune, Gelbe,
Vater. Mutter, Tochter, Sohn.
Und von Rhein bis Spree und Elbe
Deutschland als Sozialstation.

Wenn nicht alle Zeichen trügen,
kommt demnächst ein neuer Schwall.
Sei's in Flügen, sei's in Zügen:
Babylon ist überall.» [28]

Die neue Internationale
Die neue Internationale

Die Worte sind von Gerd Knabe, der übrigens auch Autor des Buches «Lachen mit Adolf Hitler» ist. Rennicke kommentiert den Text der «neuen Internationale» folgendermaßen:

«Nach dem Wunsch der 'Menschheitsbeglücker' soll die Vielfalt der Völker in Sprache und Kultur, Aussehen und Charakter abgeschafft werden...Nirgends in der Welt bedeutet Multikultur friedliches Nebeneinander - es herrscht Mord und Totschlag.»

Als aktuelles Beispiel für Unheil, geschaffen durch multikulturelles Nebeneinander, glaubt Rennicke Südafrika ausgemacht zu haben:

«...das Land dort am Kap wird noch in diesem Jahrhundert in Blut und Tränen aufgehen - geschaffen von Leuten, die sich 'Demokraten' und 'Humanisten' nennen. Die Schwarzen werden sich gegenseitig abschlachten, der Kommunismus eine neue (schwarzafrikanisch gefärbte) Kurzblüte erleben und die Weißen abgeschoben, sofern überlebt, ihren Besitz vernichtet wissen. Das Chaos kommt. Wir sehen gerade den Anfang vom Ende.» [29]

Besonders scharf in den fremdenfeindlichen Formulierungen sind die Lieder auf Rennickes Kassette «Ich bin nicht modern...Ich fühle deutsch.». Die bundesdeutsche Nationalhymne verballhornt er mit volksverhetzenden Äußerungen:

«Deutsche Frauen, deutsche Treue,
deutscher Wein und deutscher Sang -
was ist davon noch geblieben,
Deutschland, von dem alten Klang ?!
Deine Werte sind zerschlagen Schmutz finde man heute schön:
Türkenfrauen, Judastreue, Billigschampus und Gedröhn!» [30]

Auch die Mär von den Ausländern, die deutsche Frauen vergewaltigen, feiert bei Rennicke fröhliche Urständ':

«Was tatet Ihr, als Millionen Ausländer kamen,
sich deutsche Töchter nahmen...» [31]

Noch eindeutiger erfüllt den Straftatbestand der Volksverhetzung das «Lied von der deutsch-polnischen Freundschaft», gelegt auf die Melodie von «Morgen, Kinder, wird's was geben...».

«Saufen, streiken, nix arbeiten,
das ist auch ein Lebensstil;
deutsche Schweine, Hitlerowskis,
na, sie werden schicken viel...

Spenden kommen viel zu wenig,
zu uns armes Polenland,
darum Matka, pack die Koffer,
fahr'n jetzt ins verhaßte Land,
wo man uns so gern' behält -
dort gibt's auch für's Nichtstun Geld.

Doch das Spiel wird Grenzen haben,
einmal endet jeder Spaß -
wenn die Deutschen seh'n den Schaden,
merken diesen Neid und Haß;
schwere Wahrheit muß wohl sein,
wenn Deutsche holen Breslau heim!» [32]

Weitere Feindgruppen, die Rennicke besingt, sind «Linke»:

«Rote Ratten - rote Ratten,
zerschlagt doch diese Brut;
rote Ratten - rote Ratten:
Schützt euer Hab'
und schützt auch euer Gut,
schützt auch euer Blut !...
grabt sie in den Löchern ein,
das Land sei rattenfrei!  [33],

Homosexuelle:

«Verherrlicht die Inzucht, die schamlose Liebe,
man weckt, ja man fördert die krankhaften Triebe.
Es gehen bedenkenlos, frei aller Strafen,
die abartig Liebenden öffentlich schlafen.
Die Männer mit Männern, die Weiber mit Weibern...
Man kennt keine Scham, keine Anstandsgefühle...» [34]

und vor allem Amerikaner. Die USA sind für Rennicke «der mieseste Kapitalistenstaat». Auf der Kassette «Sehnsucht nach Deutschland» verbindet er den Text zu «Uncle Sam» (Melodie: Ja, so woarn's die oalten Rittersleut) mit einer Karikatur desselben, das Gesicht eine üble, einen Juden darstellende Fratze. Im Text auch ein Hinweis auf «Weltkrieg Nummer Zwei»:

«Gesiegt hat nun Democrazy [35] -
um's zu beweisen zeigt man sie:
Gerechtigkeit, nimm deinen Lauf,
den Gegner hängt man einfach auf.»

Bemerkenswert ist Rennickes Erklärung auf der Schlußseite des Textheftes zu «Sehnsucht nach Deutschland»:

«Hiermit betont der Herausgeber, weder das Ansehen noch die Würde von Verstorbenen oder noch Lebenden gemäß §§ 130 und 189 StGB verunglimpfen oder angreifen zu wollen. Die Würde des Menschen ist gemäß Artikel 1 des Grundgesetzes der BRD unantastbar. Leider sorgten viele Zeitgenossen durch ihr eigenes Auftreten für eine Entwürdigung ihrer Person. Tote können dies jedoch nicht mehr. Daher hofft der Herausheber, daß so mancher Zeitgenosse demnächst durch sein Ableben zu einer Besserung seines Ansehens beiträgt.» [36]

6. Frank Rennicke und das Liedgut der Wiking-Jugend

Rennicke hat durch seine Mitwirkung an den beiden Produktionen der Wiking - Jugend «Wir singen Kampf- und Soldatenlieder» sowie «Wir singen» wesentlich dazu beigetragen, Lieder aus der Zeit des Nationalsozialismus unter seiner Zuhörerschaft zu verbreiten. Besonders die Kassette «Wir singen Kampf- und Soldatenlieder»; erfüllt den Zweck einer Propagandaproduktion. Im Vorwort heißt es dementsprechend:

«Die Wiking-Jugend bekennt sich zum Wehrwillen und zur Einsatzbereitschaft im Streit um die Lebensinteressen unseres Volkes. Sie hält diejenigen in Ehren, welche in den Waffengängen der großen Kriege für unser Volk und unseren gesamten Artraum ihr Leben ließen.»

Die Sprache, die hier gepflegt wird, ist geprägt von der Terminologie des 3. Reiches. Ebenso deutlich wäre sie bei einigen der Liedern, aber hier wurde der Strafverfolgung geschickt vorgebeugt:

«Manchem wird die gelegentliche Abweichung vom ursprünglichen Wortlaut auffallen. Dies liegt daran, daß dort bekannte, rechtliche Klippen umschifft werden müssen...Es tut den Liedern jedoch keinen Abbruch. Die Wiking-Jugend singt sie !»

Ja, das tut sie in der Tat. Und so verwundert es auch nicht, wie sehr sich die Liederbücher von Hitler-Jugend und Wiking-Jugend gleichen.
Zu den «entschärften» Liedern zählt beispielsweise das «Ihr Sturmsoldaten jung und alt»:

verboten in der Textfassung:

«Ihr Sturmsoldaten jung und alt,
nehmt die Waffe in die Hand,
|:denn der Jude haust ganz fürchterlich
im deutschen Vaterland:|

Wenn der Sturmsoldat ins Feuer zieht,
ja, dann hat er frohen Mut,
|:und wenn das Judenblut vom Messer spritzt,
dann geht's noch mal so gut:|»

gesungene Fassung:

|:denn derFeind, der haust ganz fürchterlich
im deutschen Vaterland:|

|:und wenn die schwarz-weiß-rote Fahne weht,
dann geht's nochmal so gut.»


Die Indizierung

Inzwischen sind folgende Produktionen von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften auf den Index gesetzt worden:

  1. «An Deutschland»,
  2. «Unterm Schutt der Zei»,
  3. «Sehnsucht nach Deutschland»,
  4. «Wir singen Kampf- und Soldatenlieder»
  5. .

Was heißt das ?
Frank Rennicke darf die Tonträger und die Texte

  • nicht einem Kind oder Jugendlichen anbieten, überlassen oder zugänglich machen
  • nicht an einem Ort, der diesen zugänglich ist oder von ihm eingesehen werden kann, ausstellen, anschlagen, vorführen oder sonst zugänglich machen
  • nicht im Wege gewerblicher Vermietung oder vergleichbarer gewerblicher Gewährung des Gebrauchs, ausgenommen in Ladengeschäften, die Kindern und Jugendlichen nicht zugänglich sind und von ihnen nicht eingesehen werden können, einem anderen anbieten oder überlassen.

Beantragt wurden die Indizierungen am 17. März 1994 durch das Bundesministerium für Frauen und Jugend. Am 31. Mai 1994 wurden die Indizierungen rechtskräftig. Rennicke nennt die Begründungen «willkürlich», seiner Ansicht nach zeugten sie «von einer mittelalterlichen Inquisitionseinstellung» und reihten sich nahtlos «in die Reihe von Buchindizierungen ein, mit denen seit Jahren jegliche Kritik an Staat- und Geschichtsforschung unterbunden wird» [37].

In den Begründungen für die Indizierungen heißt es, die Produktionen seien geeignet, «Kinder und Jugendliche sozialethisch zu desorientieren».
Da die Begründungen im wesentlichen für alle Tonträger gleich sind, pars pro toto Auszüge aus der Indizierungsentscheidung zu «Unterm Schutt der Zeit»:

«Die Texte der Lieder verbreiten revisionistisches Gedankengut und lassen keinen Zweifel daran aufkommen, daß erklärtes Ziel derjenigen, die diese Botschaft verkünden, die Wiederherstellung des Reiches in den ursprünglichen Reichsgrenzen ist...Gereimte Texte zu eingängigen Melodien prägen die revisionistische Aussage der Lieder unauslöschlich in das Gedächtnis des Zuhörers. Denkbare Wirkungen bei Kindern und Jugendlichen sind dabei sowohl unreflektiertes Übernehmen von revisionistischem Gedankengut als auch eine mögliche Identifikation mit dem Ziel, Deutschland in den Grenzen von 1937 wiederherzustellen. Die Texte der Musikkassette[n] laufen dem den Frieden zwischen den Völkern erstrebenden Grundgesetz zuwider, da sie die Oder-Neiße-Linie nicht als polnische Grenze anerkennen.»

Im Zusammenhang mit der Kassette «Sehnsucht nach Deutschland» weist die Bundesprüfstelle ausdrücklich darauf hin, daß «in den Texten Gewaltanwendung als Mittel zur Wiederherstellung des Reiches propagiert» wird.
Da muß sich die BPS fragen lassen, warum sie die «Protestnoten für Deutschland» nicht auch indiziert hat. Da ist die Gewalt als Mittel der Wahl ebenso klar ausgedrückt:

«Wir kommen, wir kommen nun mitten hinein.
Wir kommen, wir kommen, die Zukunft soll es sein.
Lange schon wurde diskutiert,
heute packen wir endlich den Verrat,
denn wer die Ehre gerne verliert,
der soll sie verlieren durch unsere Tat.

Wir kommen, wir kommen nun mitten hinein.
Wir kommen, wir kommen, die Zukunft soll es sein.
Deutschland heißt unser Vaterland,
und schwarz weht die Fahne im Winde.
Europa leistet Widerstand,
daß es sich selber wiederfindet.

Reaktion und falsche Richter
schlägt der Freiheitskampf unserer Nation.
Bauern, Arbeiter und Dichter,
jetzt wartet nicht mehr, wir kommen schon.

Wir kommen, wir kommen nun mitten hinein.
Wir kommen, wir kommen, die Zukunft soll es sein.
Beseitigt diese Herrschaft bald !
Wenn dem Volke die ganze Macht,
brecht die Ketten der Gewalt
und ein loderndes Feuer entfacht!

|:Wir kommen, wir kommen, die Revolution !
Wir kommen, wir kommen, wir kommen schon !:|»

Bei der Betrachtung von «Wir singen Kampf- und Soldatenlieder» stand die Verherrlichung bzw. Verharmlosung des Krieges im Vordergrund. Die Bundesprüfer halten für indizierungswürdig, daß die Texte den Krieg «als romantisches Abenteuer schildern, das dem Soldaten - auch über seinen Tod hinaus - Ruhm einbringt».

Rennicke hat gegen die Entscheidungen Einspruch eingelegt. Er hält die «bloße Behauptung» der Bundesprüfstelle, daß die Tonträger «nationalsozialistisches Gedankengut bzw. rechtsextremes Gedankengut verherrlichen würden und zu Gewalttaten auffordern würden» für «unwahr».
Im übrigen beansprucht er für sich das Grundrecht nach Artikel 5 III GG: «Kunst und Wissenschaft, Forschung und Lehre sind frei. Die Freiheit der Lehre entbindet nicht von der Treue zur Verfassung.»
Hier hat Rennicke offensichtlich eine Gesetzeslücke entdeckt ! Die Treue zur Verfassung wird vom Gesetzgeber nur für die Lehre explizit gefordert.


(Nachträgliche) Tumulte um ein Konzert

Besonders im Osten kann Frank Rennicke auf eine treue Zuhörerschar bauen. Deshalb veranstaltet er immer wieder Konzerte in kleinerem oder, wenn es mit den zuständigen Genehmigungsbehörden klappt, auch mal in größerem Rahmen. Am 9. Juli 1994 hatte es geklappt, das zuständige Ordnungsamt beim Polizeipräsidium Frankfurt/Oder hatte das «Gitarrenkonzert» im Klubhaus von Rüdersdorf bei Berlin genehmigt. Obgleich der Anmelder nicht einmal seine Adresse angegeben hatte, sondern nur ein Postfach, wurden die Sachbearbeiter nicht stutzig.
Am späten Nachmittag des 9. Juli waren die Berliner S-Bahnzüge in Richtung Erkner voller Jugendlicher, mit und ohne Bomberjacken und Springerstiefeln. Berliner Funktionäre der rechtsextremen Szene trafen sich am S-Bahnhof Friedrichshagen mit Kameraden aus dem gesamten Bundesgebiet unter den Augen von zwei Hundertschaften Berliner Polizei. Am Ende waren es 900 Personen, die zum ehemaligen Kulturhaus pilgerten, eskortiert von zwei Hundertschaften Berliner Polizei. Der Bürgermeister der kleinen Gemeinde, die zu DDR-Zeiten berüchtigt wegen ihres Knastes, raufte sich die Haare, als der Jungsturm Deutschlands anrückte. Seine Bitte an den Einsatzleiter, die Versammlung aufzulösen, blieb fruchtlos. Kurz nach Beginn des Konzertes rief Bürgermeister Wilfried Kroll die Polizeidirektion an. Wieder ohne Erfolg. Eine Journalistin hatte den Aufmarsch ebenfalls beobachtet, den Lagedienst des Polizeipräsidiums Frankfurt/Oder informiert und Material über Rennicke gefaxt. Der Lagedienst versprach, den Einsatzleiter zu benachrichtigen. Fünfeinhalb Stunden durfte Rennickes weit gereiste Fangemeinde ihrem Idol ungestört huldigen, zum Schluß sangen alle tiefbewegt das Deutschlandlied. Dann wurde der Saal ordentlich saubergemacht. Als die Kulturhauschefin voller Empörung feststellte, daß eine Ernst-Thälmann-Büste einen Liebhaber gefunden hatte, wurde scharf von den eigenen Sicherheitsleuten durchgegriffen. Die Büste kam wieder auf ihren Platz.
Das Konzert hatte ein Nachspiel. Die Gemeindevertretung stellte Strafantrag. Frankfurts Polizeipräsident Hartmut Lietsch und der brandenburgische Innenminister Alwin Ziel wurden heftig angegriffen. Die CDU nutzte die Gunst der Stunde (zwei Monate vor den Wahlen) und forderte den Kopf des ungeliebten Innenministers. Der mußte am 21. Juli vor dem Innenausschuß zu dem mißglückten Polizeieinsatz Stellung beziehen. Der Einsatzleiter, Polizeirat Wolfgang Schadow, wurde erst einmal vom Dienst suspendiert. Ihm wurde vorgeworfen, eine Anweisung des Innenministers, die Veranstaltung zu unterbinden, nicht befolgt zu haben. Ein Bauernopfer... Das Innenministerium wußte seit dem 1. Juli von dem bevorstehenden Konzert. Rennicke war nicht zum ersten Mal in der Region. Ein Jahr zuvor hatte das Frankfurter Verwaltungsgericht das Verbot eines als «Geburtstagsfeier» getarnten Konzertes bestätigt. Veranstalter war damals das Förderwerk Mitteldeutsche Jugend, eine Nachfolge- und Ersatzorganisation der verbotenen Nationalistischen Front.
Nicht immer hat Frank Rennicke soviel Glück. Am 5. Oktober 1994 wurde ein Konzert in Stuttgart-Weilimsdorf, das noch durch die Gründung einer «Kameradschaft Stuttgart» gekrönt werden sollte, durch einen harten Polizeieinsatz verhindert, mit Tränengas, Festnahmen, erkennungsdienstlicher Behandlung aller Beteiligten.
Es wird jetzt immer schwerer für den «rechten Reinhard Mey», einen Saal zu finden. Die veranstaltenden Organisationen, die sich Konzerte mit ihm getraut haben, sind mittlerweile fast alle verboten: Nationalistische Front, Wiking-Jugend, FAP, Deutscher Kameradschaftsbund...
Die ersten Epigonen stehen auch schon Gitarre bei Fuß; vor wenigen Wochen führte der Jugendverband der «Nationalen e.V. (JNS) im «von 'Antifa'-Kriminellen zerstörten nationalen Jugendclub» der Stadt Guben einen «Liederabend der nationalen Solidarität durch». Vor etwa 60 Jugendlichen sorgte ein junger Kamerad mit Gitarre und fester Stimme für gute Laune.» Im Repertoire hatte der «Nachwuchs-Liedermacher» hauptsächlich Lieder von Rennicke.

Frank Rennicke ist zweifellos eine Kultfigur der rechtsextremen Szene, die bei der «deutschfühlenden Zuhörerschaft» ein gefährliches Konglomerat aus Emotionen, militantem Tatendrang und neonationalsozialistischen Einstellungsmustern produziert.
Wie sagte die FAP über den «nationalen Barden», den Jugendführer der Wiking-Jugend aus dem Gau Schwaben:

«Diese Musik kommt aus dem Herzen,
wenn nicht gar aus dem Blute unseres Volkes.»


Endnoten

  1. Europa vorn, hrsg. von Manfred Rouhs, Nr. 80, Köln 1. Februar 1995, S. 4. 

  2. Der Hammer, hrsg. von B. Schöppe und B. Golombek, Nr. 2, Köln 1991. 

  3. Andreas Molau. In: Junge Freiheit, Nr. 36/94, 2. September 1994. 

  4. Frank Rennicke: Ich will meinen Beitrag leisten., in: Berlin- Brandenburger Zeitung der nationalen Erneuerung, 3. Jg., Nr. 15, Februar/März 1995, S. 6. 

  5. Alain de Benoit: Kulturrevolution von rechts. (edition d, SINUS-Verlag GmbH) Krefeld 1985, S. 43. 

  6. ebenda, S. 48. 

  7. ebenda, S. 50. 

  8. Frank Rennicke: Mein Kamerad. 10/92. 

  9. Unsere Toten., Text: Ursel Peter

  10. Er fiel für Deutschlands Freiheit., Text: Friedrich Stolze

  11. Fritz Reinhard: Frank Rennicke - ein Sänger für Deutschland. In: Unterm Schutt der Zeit, 4/89. 

  12. Frank Rennicke: Sehnsucht nach Deutschland, 10/90. 

  13. Die Grenze - Polen ist Binnenland. In: Sehnsucht nach Deutschland. 

  14. Restdeutschland., Text: Schütte. In: Unterm Schutt der Zeit. 

  15. Guido Knopp/Ekkehard Kuhn: Das Lied der Deutschen. Schicksal einer Hymne., (Ullstein) Berlin/Frankfurt 1990, S. 123. 

  16. Wolf-Rüdiger Hess: Mord an Rudolf Hess ? (Druffel Verlag) Leoni am Starnberger See 1990, S. 46. 

  17. Damals im Mai., Text: Frank Rennicke. In: Sehnsucht nach Deutschland. 

  18. Berlin-Brandenburger Zeitung, a.a.O. 

  19. Der Bunker, Lingen 2. Quartal 1993, S. 6. 

  20. Sehnsucht nach Deutschland. 

  21. Ein Licht führt uns voran., Text: Wieland Karsten und Frank Rennicke. In: Sehnsucht nach Deutschland. 

  22. Sehnsucht im Herzen, Text: Frank Rennicke. In: Sehnsucht nach Deutschland. 

  23. Ich streiche durch dein Haar., Text: Frank Rennicke. In: An Deutschland. 

  24. Erika., Text: Frank Rennicke. In: Ich bin nicht modern...Ich fühle deutsch., 1993. 

  25. Der Hammer, a.a.O. 

  26. Berlin-Brandenburger Zeitung, a.a.O. 

  27. Unterm Schutt der Zeit. 

  28. Sehnsucht nach Deutschland. 

  29. Berlin-Brandenburger Zeitung, a.a.O. 

  30. Ausland, Ausland über alles., Text: Gerd Knabe. In: Ich bin nicht modern... 

  31. Ihr Alten, Euch gilt unser Wort., Text: von Gause. In: Unterm Schutt der Zeit. 

  32. Text: Erich Lehmann. In: Ich bin nicht modern...Ich fühle deutsch. 

  33. Text: Magdalena Stamm. In: ebenda. 

  34. Die Frucht vom Baume der Sieger., Text: Alexander Hoyer. In: An Deutschland. 

  35. Hervorhebung durch F. Rennicke;
    Gemeint sind die Todesurteile des Nürnberger Militärtribunals. 

  36. Hervorhebung durch Autorin. 

  37. Fritz Reinhard in: Indizierung!, Druckschrift von Frank Rennicke, Eigendruck 6/94; als Absender gibt Rennicke an: PF xxxx, 71135 Ehningen, Besetztes Deutschland. 


© 1995 Margitta Fahr / PopScriptum mailto:fpm.webmaster@rz.hu-berlin.de