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S u c h r o b o t e r
Schriftenreihe herausgegeben vom
Forschungszentrum Populäre Musik
der Humboldt-Universität zu Berlin

in: PopScriptum 04 - Rechte Musik
© Lutz Neitzert, 1995



Dorfmusik in den Modernen Zeiten

Der Rechtsrockproduzent Torsten Lemmer

Lutz Neitzert, Deutschland


«Der Fall Egoldt ist exemplarisch für das Entstehen des gesamten Nazi-Musik-Business, das sich jahrelang ohne größere Widerstände als ein Underground-Ding unter vielen entwickeln konnte...Bei 'Rock-O-Rama' fand sich eine musikalisch interessierte Minderheitenkultur ein, die aufgrund ihrer unterschiedlichen Herkunft oft nur den kleinsten gemeinsamen Nenner besetzte: die nirgendwo sonst vertretene Vielfalt an Punk- und New Wave-Singles. Zum Stammpublikum gehörten neben der lokalen Punk-Szene ebenso die Mitarbeiter des...Musikmagazins 'Spex'...Schon damals waren sich die Geister uneins über den pluralen 'Rock-O-Rama'-Weg...bei Egoldt (konnten) offensichtlich all jene Bands auf ein offenes Ohr hoffen, deren politische Ausrichtung trotz aller Punk-Attitüden eher...reaktionär war. Und dies stand oft genug diametral zu den Ansprüchen seiner progressiv eingestellten Käuferschaft...Egoldt selbst (gab) sich aber niemals explizit als Anhänger faschistischer Ideologien zu erkennen...!» [1]

Herbert Egoldt gründete sein Label Rock-O-Rama (Köln u. Brühl) bereits 1977, und auch intimere Kenner der Szene beruhigten sich damals erstaunlich schnell über das Auftauchen solcher Bands wie Skrewdriver (des in England auch parteipolitisch aktiven Neofaschisten Ian Stuart-Donaldson) oder Böhse Onkelz. Gedeckt sah man sich dabei nicht zuletzt durch (sozialpsychologische) Erklärungsmodelle, wie sie federführend das «Centre for contemporary cultural studies» Birmingham (Willis, Clarke u.a.) [2] entwickelt hatte: Subkulturen haben seit den Zeiten des Rock'n'Roll immer schon provoziert durch quasi bloß strategischen Tabubruch. Jugendliche sichten das in ihrer Lebenswelt vorgefundene Reservoir an Symbolen und okkupieren es nach dem Maß des darin virulenten Provokationspotentials - d.h. im Grunde meinen sie das ja alles gar nicht so!
Linke Punk-Bands wie die Sex Pistols, die bei ihren Auftritten mit Hakenkreuzen als T-Shirt-Design Skandal machten, schienen diese Sicht dazumal ja auch aktuell und sinnfällig zu bestätigen. Also versuchte man das Phänomen «Fascho-Rock» zunächst einmal nach immanenten (vor allem auch ästhetischen) Kriterien zu fassen und im exklusiven Szenediskurs zu halten. Als dann mit der Rock-O-Rama-LP «Der nette Mann»/Böhse Onkelz zum erstenmal in Deutschland eine Rechtsrockplatte von der Bundesprüfstelle für jugendgefährdende Schriften indiziert wurde, da war es nur folgerichtig, daß 1987 die Zeitschrift «Spex» sich als Reaktion auf das Medienecho mokierte über die «besorgt sozialdemokratische Arschlöcherfraktion, (die einen) Popanz 'Faschometaller' (aufbaut)» [3]. Fünf Jahre später dann, im November 1992, titelte man selbst:

«The Kids are not alright: Der Neonazi-Underground, von dessen Existenz man in den Achtzigern wohl wußte, der einen aber aufgrund von Unter-vielem-anderen-gibt-es-auch-das-Irrelevanz nicht interessierte, beginnt plötzlich durch aktuelle Anlässe gestärkt aus seinem Schattendasein herauszutreten - wer hätte schon damit gerechnet, daß die 'Onkelz' mal Platz 5 der LP-Charts erreichen würden!» [4]

Im Zuge des von den Ereignissen in Rostock, Mölln und Solingen angefachten Medien-Hype 1992/93, der selbst noch die letzte Garagenband zum Trendsetter hochspielte, ehe die Journalisten das Thema allzubald schon wieder als hinreichend abgefeiert ad acta legten, war der Name Egoldt/Rock-O-Rama zum Synonym für das rechte Plattenbusiness geworden. Dabei hatte die Szene nach 1989 längst einen neuen (und der Zeit gemäßeren) Geschäftsführer: Torsten Lemmer.
Spätestens mit ihm endete die Exklusivität der nationalistischen Jugendmusik (als ein «Unterground-Ding unter vielen») und im wiedervereinigten Deutschland erhielt die Szene (im Kontext der Asyldebatte und der anschwellenden Reden vom neuen Selbstbewußtsein der Nation) eine populistische Ausrichtung: [5]
Eine Jugendbewegung formiert sich als Speerspitze der Stammtische!

Torsten Lemmer steht für dieses Programm.
1970 in Düsseldorf geboren, profilierte er sich zunächst vor allem als Manager der Gruppe Störkraft.
Ganz anders als Egoldt, den die Öffentlickeit kaum je einmal zu Gesicht bekommen hat, sucht Lemmer offensiv jede Kamera und jedes Mikrophon. Den Umschlag seines 1994 erschienenen Buches «Skinhead-Rock / Eine notwendige Klarstellung über nonkonforme Musik» schmückt denn auch ein Foto, welches ihn zusammen mit Jörg Petritsch und Stefan Rasche (beides Mitglieder von Störkraft) in der SAT 1-Sendung «Einspruch» zeigt. In einem eigenen Kapitel darin listet er zudem ausführlich all seine Trophäen aus der Zeit des großen Medienrummels noch einmal auf:

«Das Medienjahr für nonkonforme rechte Skinheadmusik war 1992 gekommen...Mehr als 80 Artikel veröffentlichte die Lokalpresse innerhalb von drei Monaten...Der englische Musikkanal MTV opferte einen ganzen Tag, via Satellit europaweit über rechte Rockmusik zu berichten...(Darin ein) Interview-Ausschnitt mit dem Sänger der Band 'Störkraft' und deren damaligem Manager Torsten Lemmer...Zuvor gab es einen Auftritt in der ältesten Talkshow Deutschlands, der 'NDR-Talkshow', die über Kabel in alle deutschen Haushalte gelang(te) und...via Satellit in die ganze Welt ausgestrahlt wurde...Der größte Diskussionsstoff wurde allerdings durch die Sendung von Ullrich Meyers 'Einspruch' ausgelöst...In seiner Moderation war Ullrich Meyer ein fairer Talkmaster...(Weitere Berichte) über 'Störkraft' (gab es dann) u.a. in 'Spiegel TV'(RTL),'Akut'(SAT 1),'Report'(ARD) und 'Frontal'(ZDF)...Das größte und bedeutendste Nachrichtenmagazin in Deutschland, 'Der Spiegel' aus Hamburg, führte ein großes Exclusiv-Interview mit der Gruppe 'Störkraft'...Bis dahin ein Novum, denn zuvor war es noch keinem...rechten Künstler oder Politiker gelungen, in so einer breiten Form in den 'Spiegel' zu gelangen...» [6]

1989 beginnt Lemmer eine journalistische Ausbildung im einschlägig bekannten Verlag «Mehr Wissen» (Düsseldorf-Langenfeld) des rechten Buchhändlers Kurt Winter, dort, wo heute auch sein eigenes Buch und ebenfalls das von ihm herausgegebene Fanzine «Moderne Zeiten» produziert werden.
Als Macher der Jugendzeitung «Appell» und später als Chefredakteur der Stadtillustrierten «Pinboard» wurde Lemmer bald zu einer schillernden (und für Parteistrategen interessanten) Figur im Umfeld der nordrhein-westfälischen Republikaner, ehe er sich dann mit einer Reihe anderer REP-Renegaten (darunter auch Kurt Winter) zu einer «Freien Wählergemeinschaft» zusammenschloß und von 1989-93 als gewählter Volksvertreter (in der Funktion eines Fraktionsgeschäftsführers) in das Kommunalparlament seiner Heimatstadt einzog.
Im «Rororo-Handbuch Rechtsextremismus» schreibt Bernd Wagner:

«(Die FWG-Düsseldorf) hat enge Verbindung zum 'Deutschen Hochleistungskampfkunstverband' in Solingen, der seinerseits Kontakte zur inzwischen verbotenen 'Nationalistischen Front' pflegte sowie nach deren Verbot zur Sozialrevolutionären Arbeiterfront'...» [7]

Die Lokalpresse beschäftigte er fortan mit Aktionen [8] wie etwa der Reise eines von ihm gegründeten «Jugend-Oppositions-Stammtisches» zu einem Störkraft-Konzert - oder, indem er gemeinsam mit Jörg Petritsch eine internationale Pressekonferenz zum Thema Rechtsrock ins Düsseldorfer Rathaus einberief:

«Dort gaben sich Journalisten aus Holland, Belgien, Luxemburg und Frankreich die Klinke in die Hand. An...Torsten Lemmer trat sogar ein Fernsehsender aus Japan heran.» [9]

Als weitere ihm wichtige Details aus seinem Lebenslauf nennt er im Umschlagtext:

«In der Saison 1991/92 Pressesprecher des Football-Bundesligisten 'Bulldozer'...
Zeitgleich...Mitglied im Musterungsausschuß der Bundeswehr...
Von 1988-93 Vorsitzender des ältesten Nachwuchsjournalistenverbandes, der 1952 gegründeten Landesjugendpresse NRW e.V. ...»

Auch jenseits aller Verschwörungstheorien gibt das Personal der Lemmer'schen Unternehmungen und die Bandbreite seiner Projekte durchaus einen Einblick in das fortgeschrittene Stadium der Verflechtungen innerhalb der rechten Szene in Deutschland.
So gehört er (zeitweise als Mitherausgeber) zum Stamm der seit 1987 in Köln erscheinenden Zeitschrift «Europa vorn». Zu seinen Redaktionskollegen zählen dort u.a. Marcus Bauer (Redakteur auch der «Jungen Freiheit», des zur Zeit sicherlich einflußreichsten neurechten Publikationsorgans), Wolfgang Strauss (Autor auch bei «Criticon», «Nation + Europa» und in den «Staatsbriefen»), Torsten Paproth («Schlesien-Aktivist») und (v.i.S.d.P.) Manfred Rouhs.
Der Jurist und rechte Jungunternehmer Rouhs (Ex-Vorsitzender der «Jungen Nationaldemokraten» und, wie Lemmer, Ex-Republikaner) saß von 1989-94 als Abgeordneter der «Deutschen Liga für Volk und Heimat» im Parlament der Domstadt. In seiner (seit kurzem im Billiglohnland Ukraine gedruckten und auch über eine Erlanger Mailbox verbreiteten) Postille finden sich (14-tägig in ca.15000 Exemplaren) immer auch mehrseitig Kaufangebote für Tonträger mit rechter Rockmusik. Neben Produkten aus dem Hause Lemmer vor allem solche seines eigenen Labels «M(anfred) R(ouhs) Records». Als Zugpferd über die rechtsradikale Szene hinaus versucht er hier seit einiger Zeit (den der NPD nahestehenden) Rene Heizer («Balladen für Deutschland») zu promoten, der mit einer (potentiell hitparadentauglichen) eingängig melodiösen Popmusik und «patriotischen» Texten durchaus ein größeres Publikum erreichen könnte.
Zuallererst jedoch sieht sich «Europa vorn» als ein Forum der «Neuen (und nicht mehr ganz so neuen) Rechten».

«Orientiert an der französischen 'Nouvelle Droite' gelang es den Zeitungsmachern..., rechte Akademiker wie Hellmut Diwald ('93 verstorbener Historiker aus Erlangen/L.N.), Bernard Willms (Politologe an der Uni Bochum/L.N.), Reinhold Oberlercher (zu Apo-Zeiten '68 noch ideologischer Vordenker und führendes Mitglied des SDS!/L.N.) oder Emil Schlee (Europaparlamentarier der Republikaner/L.N.) zu verpflichten und im eigenen Lager ein beachtliches Renommee zu gewinnen.» [10]

Als weitere Autoren des Blattes tauchen u.a. auf: Hans-Helmuth Knütter (Politologe an der Uni Bonn und wissenschaftlicher Beirat der Bundeszentrale für politische Bildung), Herbert Hupka (Vertriebenenfunktionär), Armin Mohler (ehemals stellvertretender Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Chef der Siemens-Stiftung, Schönhuber-Berater und Privatsekretär Ernst Jünger's, daneben Kolumnist der «Jungen Freiheit») und -nicht zu vergessen- Alain de Benoist (seit vielen Jahren Kopf der rechten Intelligenz in Frankreich und mit seiner - Antonio Gramsci entwendeten - These von der insbesondere auf dem Gebiet der Publizistik und der Alltagskultur zu erobernden «kulturellen Hegemonie» erklärtes Vorbild für die Strategen einer «konservativen Revolution» auch hierzulande).

«(Europa vorn tritt) für die Herausbildung einer...vereinigten Rechten ein, die das gesamte... Spektrum von Befreiungsnationalisten über Nationalkonservative bis zu religiös motivierten Lebens- und Umweltschützern umfassen soll.» [11]

Anfang der 90er Jahre gründete Lemmer dann zusammen mit ebenjenem Manfred Rouhs, mit Andreas Zehnsdorf (Skinhead-Führer aus Essen und Hrsg. des Fanzines «Frontal»), Kurt Winter und Mitgliedern der Gruppe Störkraft drei parallel operierende Firmen:

  • das Label "DORFMUSIK",
  • den Vertrieb "MODERNE ZEITEN/CREATIVE ZEITEN"(dort erscheint auch das gleichnamige Musikjournal)
  • und die Plattenfirma «FUNNY SOUNDS & VISION».

Exklusiv unter Vertrag steht bei ihm (neben Störkraft) vor allem eine ganze Reihe von Bands einer neuen Generation (gegründet allesamt in den Jahren 1993/94): (u.a.)

  • 08/15 (Düsseldorf, «Stark angekündigt in verschiedenen TV-Programmen, nicht zuletzt in 'Spiegel-TV'» [12]),
  • Rheinwacht (Düsseldorf),
  • Schlagzoig (Mettmann),
  • Bomber und
  • Tollwut (beide aus Meerane/Sachsen). [13]

Im Vertrieb hat Lemmer außerdem fast alle einschlägigen Fascho-Gruppen aus dem In- und Ausland (nebst Fanartikel) - sowie einige der literarischen Szene-Bestseller: Schirinowski, «Mäxchen Treuherz», eine Schönhuber-Biographie (u.ä.m.).

Bei allem Dilettantismus, der Lemmer's Aktivitäten anhaften mag (und der sicher auch ganz bewußt von ihm kultiviert wird, solange sich der größte Teil seiner Kundschaft aus Skinhead-Kreisen rekrutiert, die einen allzu augenscheinlichen Professionalismus kaum goutieren würden), geben seine Operationen und programmatischen Äußerungen dennoch gewisse Anhaltspunkte für mögliche Tendenzen und Potentiale innerhalb der rechten Jugendszene.
Natürlich weiß Lemmer sehr gut, daß die Entwicklungsmöglichkeiten des Skinhead-Milieus (gerade auch in Sachen Medienpräsenz) mittlerweile längst ausgereizt sind.
Anders als Rock-O-Rama, das schon aus geschäftlichem Interesse (im Schatten des Kölner Plattenkaufhausgiganten «Saturn») nie versucht hat, seine Nische im Independent-Markt zu verlassen, ergreift Lemmer jede sich bietende Chance, über den engen Zirkel der «Glatzen» hinaus eine andere Klientel zu erreichen. So finden sich in seinem Programm Rockabilly-Bands [14] (wie etwa die Gruppe Schlagzoig) oder auch Heavy-Metal-Combos, die sich dem rechten Lager zuschlagen, wie etwa Saccara (im Zusammenhang mit dieser Band weist Lemmer übrigens immer wieder hin auf die Verbindungen der renommierten Frankfurter Plattenfirma «Bellaphon» zum rechten Musikgeschäft. Nicht nur, daß dort seit '91 die Böhsen Onkelz lukrativ unter Vertrag stehen, auch Platten ebenjener Band Saccara wurden und werden von «Bellaphon» vertrieben - ebenso, laut Lemmer, in Kooperation mit den Labels «Music Enterprises» und «Skull-Records», Tonträger der Gruppen Kahlkopf und Boots & Braces).
Lemmer's Ziel ist es, seine Produkte letztlich in jenen rechten Mainstream einzuspeisen, den die Böhsen Onkelz [15] mit sechsstelligen Verkaufszahlen (und das ohne jegliche kommerzielle Werbung und trotz des Boykotts durch fast sämtliche große Plattengeschäfte!) angebahnt haben.
Das Reservoir für seine Dorfmusik in den Modernen Zeiten, das findet sich pointiert charakterisiert im Aufsatz von Claus Leggewie und Jörg Bergmann über die «konformen Rebellen»:

«'Konforme Rebellen' nennen wir sie, weil sie sich nicht avantgardistisch vom Werterepertoire des Mainstreams abheben, sondern seine Geltung wieder mit Macht herbeiführen wollen - gegen die multikulturelle Unübersichtlichkeit und die sozialen Anomien einer kraftlos gewordenen Konsumgesellschaft. Selbst die scheinbar so abstoßende und ausgestoßene Subkultur der Skinheads ...verkörpert diese Paradoxie konformen Rebellentums. So sehr sie sich in Erscheinung, Habitus und Aktion von den 'Spießern' unterscheiden, so sehr verteidigen sie als 'Randgruppe mit Stolz'...deutsche Normalität gegen alle von außen kommenden Devianzen...(Die)'kleinen' Leute und 'ehrlichen' deutschen Arbeitnehmer...,(jenes bedrohte) Milieu, das sie wieder in die Mitte der in ihren Augen übermäßig pädagogisierten und intellektualisierten Gesellschaft rücken möchten...Deren Ethos Leistung, Disziplin, Nation - haben sie verinnerlicht und verteidigen es gegen die Alternativkultur der Werteumstürzer, die...am authentischsten durch die 'grüne Lehrerin' verkörpert und durch den soldatischen Großvater konterkariert wird!» [16]

Große Hoffnungen setzt (nicht nur) Lemmer dabei auch auf tümelnde Liedermacher wie etwa Frank Rennicke, dessen Konzerte und Platten (CD:«Ich bin nicht modern, ich fühle deutsch») in den «Modernen Zeiten» immer wieder euphorisch rezensiert werden.

«Die...verschiedenen Schienen der Rechtsrockmusik müssen um viele weitere Komponenten erweitert werden. So sollte z.B. auch Techno- und Discomusik mit nonkonformen Texten versehen werden. Auch auf dem Sektor der selbstironischen Blödelmusik, wie sie z.B. Mike Krüger betreibt, sollte sich ein rechter Barde finden lassen, der in dieser Form die Probleme ganz unkompliziert und auf lustige Art und Weise anreißt...Durch die Erweiterung der rechten Musik auf die hier genannten verschiedenen Musikrichtungen wird erreicht, daß automatisch auch die Hörerschichten...erweitert werden...(Auf dem neuen Medium) Video...könnte (sich das Publikum) ein Bild machen, daß es sich bei den nonkonformen Musikern nicht um Krawallbrüder...handelt, sondern um junge anständige und ordentliche Kämpfer für ein besseres Deutschland...» [17]

Die Suche gilt also verstärkt Musikern mit dezenterer Tonlage und stammtischkompatiblen Texten.
Mit besonderem Interesse registriert er da natürlich auch Artikel wie den folgenden aus dem eher altbacken ewiggestrigen Theorieorgan «Nation + Europa»(Dezember'92):

«Gerade jetzt (erschienen ist) die ...LP der Heidelberger Band 'Aufruhr', die den Titel 'Freiheit' trägt und die 'allen Völkern gewidmet ist, die zu dieser Zeit im nationalistischen Befreiungskampf stehen'. Lobenswert ist anzumerken, daß es den fünf Musikern dieser Gruppe gelungen ist, vom 3-Akkord-Gehobel wegzukommen, und zwar immer noch harte, aber auch anspruchsvolle Musik zu machen, deren Texte nicht von oberflächlichen 'Blut & Ehre'-Parolen überquellen...» [18]

In seiner Programmschrift projektiert er darüberhinaus:

«(Man könnte) sich vorstellen, daß z.B. auch eine gezielte Werbeanzeige in...Sportfachblättern mit...hoher Auflage ein neues Publikum ansprechen würde. Gezielt wäre dies möglich, wenn beispielsweise eine...Musikgruppe einen Tonträger mit Texten zu einem bestimmten Sportereignis wie der Fußballweltmeisterschaft herausbringt. Dieser Versuch wäre es wert, denn hier besteht nicht der direkte Verdacht, mit rechtem Gedankengut in Verbindung gebracht zu werden...» [19]

Bei «Funny Sounds & Vision» erschien 1994 eine CD unter dem Titel «WM-Blöker»/eine Koproduktion der Gruppen Rheinwacht und 08/15 - darauf debütierte Lemmer übrigens als Sänger.
Weiter schreibt er:

«(Auch könnte man Musiken als Soundtracks für Videospiele) Computerfirmen vorschlagen, die nicht unbedingt firm in dem sind, was Rechtsrock ist...,(um so) bei den Computerfreaks einen Durchbruch zu erzielen, denn im Begleitheft wird selbstverständlich auch der Musiker erwähnt, der für die musikalische Untermalung verantwortlich zeichnet. Da es sich um Instrumentalstücke handelt, wäre hier zumindest ein Einstieg in die etablierte Musikwelt erreicht!» [20]

Den größten Reiz jedoch übt auf ihn zur Zeit sicherlich die (massenbewegende) Techno-Szene aus. Einige Projekte in diesem Revier hat er bereits lanciert oder gefördert (Standarte oder auch eine Platte mit dem Titel «Techno Town»).
Interessant in diesem Zusammenhang ist vielleicht auch ein Artikel, der im Oktober'93 in der «Jungen Freiheit» erschienen ist. Unter der Überschrift «Stahlgewitter als Freizeitspaß» hieß es dort:

«Die Parties der Tekkno-Szene gleichen makabren Totenfeiern einer Epoche...(und sprechen eine andere Sprache als die der Moderne)...Macht, Gewalt, Ekstase, Geschwindigkeit, Totalität von Herrschaft und Unterordnung - diese Schlagworte bieten ganz brauchbare Eckpunkte zur Markierung des ästhetischen Gehalts von Tekkno. Dieser augenscheinliche Gegensatz zur Welt des Rock'n'Roll zeigt sich auch im düsteren Schein der Laserbatterien, die auf breiter Front im Kunstnebel die Halle durchfluten und an die Scheinwerfer der Luftaufklärung erinnern... Selten sieht man tausende Menschen so lustvoll und mit Hingabe ihren Führern folgen. Zum einen führt der gnadenlose Schlag der Musik, zum andern die - in auffallend gestrengem Ton gehaltenen - Kommandos der DJs...!» [21]

Ebenfalls vom Feuilleton der «Jungen Freiheit» (November'94) mit freudigem Erstaunen kommentiert wurde übrigens Lemmer's Faible für die deutsche Romantik:

«Bands des 'nationalen' Musiklagers haben die Romantik entdeckt. Verwundert reibt man sich die Augen, wenn man auf den Covers statt Totenköpfen...oder Flaggen...nun echte Kunst entdeckt!» [22]

So verpaßte Lemmer den jüngsten Veröffentlichungen seiner Bands Rheinwacht (CD: «Neue Macht»), 08/15 (CD: «Die Schonzeit ist vorbei») und Tollwut (CD: «Der Alptraum beginnt») als Illustration jeweils ein Gemälde von Caspar David Friedrich («Der Wandrer über dem Nebelmeer», «Die gescheiterte Hoffnung» bzw. «Die Abtei im Eichenwald»).
Ob jedoch Lemmer's Wirken zuletzt tatsächlich im eher Skurrilen steckenbleiben wird (und auch, welches Kaliber mögliche Nachfolger und Mitstreiter haben werden), das bleibt abzuwarten. Aufgezeigt hat er jedenfalls schon heute, welche Stoßrichtungen die rechte Jugendmusikszene und ihre Macher zukünftig einschlagen könnten.

VATER RHEIN

«Morgens aufstehen, das fällt mir schwer
denn meine Liebste liegt neben mir
Sehen die Augen auch trübe aus
der Chef, der wartet, ich muß raus

Refrain:
Trinken, heiter, lustig sein
fällt uns leicht am Vater Rhein
Sitzen, lachen, gröhlen, schrein
hier bei uns am Rhein

Auf der Arbeit geht es ran
hier steh ich täglich meinen Mann
Jeder träumt vom Wochenend
vielleicht spielt irgendwo 'ne Band

Auf dem Weg nach Hause komm ich dann
voll Durst an meiner Kneipe an
Freunde rufen:'Mensch, komm doch rein!'
laß uns besoffen sein.»

(Rheinwacht/Text:TORSTEN LEMMER)


Endnoten

  1. R.Christoph/Redakteur der Zeitschrift «Spex»
    Christoph, Ralph: Hitler´s back in the Charts again. In: Annas, Max/Christoph, Ralph: Neue Soundtracks für den Volksempfänger. (ID Archiv), Berlin 1993, S. 112 f. 

  2. Willis, Paul: Profane Culture. (Syndikat) Frankfurt/Main 1982. Clarke, John: Jugendkultur als Widerstand. (Syndikat) Frankfurt/Main 1979. 

  3. Jenal, Christa: Jugendgewalt im Spiegel der Musikkultur. In: Mitteilungen des Landesjugendamtes-Landschaftsverband Westfalen-Lippe, Nr. 114/1993. 

  4. Diederichsen, Dietrich: Mark Terkessidis, The kids are not allright. In: Spex 11/92, Köln, S. 28ff. 

  5. In England war es die "National Front", die mit "White Noise" das erste genuine Oi!-Musik-Label gründete, im französischen Brest vertreibt und produziert der Politaktivist Gael Bodilis mit seiner Firma "Rebelles Europeens" (Adresse ausgerechnet in der "Rue Jean Jaures"!) viele Platten auch deutscher Fascho-Bands, und in Rußland sucht gerade Wladimir Schirinowski immer wieder Kontakt zur rechten Musikszene (gerne mischt er sich medienwirksam unter das Publikum des Heavy-Metal-Rassisten Troitski, und als Chefredakteur seiner parteieigenen Jugendzeitschrift bestellte er den Rechtsrocker Jerikow).
    Nicht Avantgardisten tummeln sich heute im Umfeld dieser Jugendszene, sondern agitierende Populisten! 

  6. Lemmer, Torsten: Skinhead-Rock (Mehr Wissen) Düsseldorf 1994, S. 58. 

  7. Neben den mutmaßlichen Brandstiftern von Solingen trimmte sich im «Hak Pao Kampfsportclub» (unter Aufsicht eines V-Mannes des nordrhein-westfälischen Verfassungsschutzes, wie man heute weiß) Lemmer neben Störkraft, den Mitgliedern der «Bergischen Front» und den beiden Naziführern Christian Worch und Meinolf Schönborn. Einer der Köpfe jener «Sozialrevolutionären Arbeiterfront» ist übrigens Andreas Pohl, Mitglied der Berliner Skinhead-Band Kraft durch Froide; Bernd Wagner (Hg): Handbuch Rechtsextremismus. (Rororo) Hamburg 1994, S.44. 

  8. Für Weihnachten ´92 kündigte er ein Benefiz-Konzert von Störkraft an zugunsten der «Deutschen Kinderkrebshilfe» (die Organisation erwirkte daraufhin ein Verbot und konnte die Veranstaltung in letzter Minute verhindern). Und als es Ende ´93 bei Gericht darum ging, den (wegen Volksverhetzung) angeklagten Jörg Petritsch vor einer Gefängnisstrafe zu bewahren, da veröffentlichte Lemmer eine neue CD der Band, darauf ein flammender Aufruf gegen den Ausländerhaß. In seinem Fanzine «Moderne Zeiten» gab es dazu ein Störkraft-Interview mit gleichfalls abwiegelnden Tönen - der letzte Satz darin allerdings lautete (wohl gerichtet an die rechte Kundschaft): «Reden ist Silber und Schweigen ist Gold!» (und am Fuß der Seite als kleingedruckte Randbemerkung «Feind liest mit!») Zuletzt verschaffte er seinem Rechtsrockbuch ein gewisses Medienecho dadurch, daß er hierin ein Foto abdruckte, welches ihn Hand in Hand mit einem (wohl ahnungslosen) bayrischen Justizstaatssekretär zeigte. Darunter als angebliches Zitat des Politikers: «Ich wünsche Ihnen ein gutes Gelingen für Ihr Erstlingswerk!» 

  9. Lemmer, Torsten: a.a.O., S. 58. 

  10. Lange, Astrid: Was die Rechten lesen. (Beck) München 1993, S. 99. 

  11. Handbuch Rechtsextremismus, a.a.O., S. 170. 

  12. Moderne Zeiten, 4/93, S.1. 

  13. Unter dem Titel «Klänge einer neuen Generation» erhältlich auch ein Sampler mit Aufnahmen der genannten Bands. 

  14. Assoziiert wird dieser Musikstil innerhalb der Szene natürlich immer auch mit dem Südstaaten-Rassismus in den USA. Vorbild ist hier die englische Gruppe Klansmen (ein Projekt des Skrewdriver-Sängers Stuart-Donaldson). 

  15. Erstaunlich wenige ihrer jungen Hörer nehmen der Band ihre Vergangenheit noch übel - es scheint kaum zu kümmern. Und die sozialdarwinistischen Positionen ihrer neueren Songs aufzuklären, das ist ein sehr schweres pädagogisches Geschäft. 

  16. Leggewie, Claus/Bergmann, Jörg: Die Täter sind unter uns. Beobachtungen aus der Mitte Deutschlands. In: Kursbuch Nr.113. Deutsche Jugend (Rowohlt) Berlin 1993, S.35.
    Jugendstudien, wie u.v.a. die des "Leipziger Instituts für Jugendforschung'92" zeigen, daß dieses Reservoir durchaus kein geringes ist. 

  17. Lemmer, Torsten: a.a.O., S. 115f. 

  18. Handbuch Rechtsextremismus, a.a.O., S. 181. 

  19. Lemmer, Torsten: a.a.O., S.116. 

  20. ebenda S.120. 

  21. Junge Freiheit 10/93, S.28. 

  22. ebenda 45/94, S.20. 


© 1995 Lutz Neitzert / PopScriptum mailto:fpm.webmaster@rz.hu-berlin.de