Der internationale Musikmarkt (Umsatz 1999: $ 38,5 Milliarden) wird (noch) von fünf 'Majors' (BMG, Sony, EMI, TimeWarner, Polygram/Universal) beherrscht. Rund 90% aller Tonträger werden von diesen Giganten hergestellt und/oder weltweit vertrieben. Auch in Lateinamerika haben sie den Markt unter sich aufgeteilt. Für kleine Firmen bzw. Label bleiben nur Nischenmärkte oder die Vorarbeit für die 'Majors' übrig.
Auf der Rangliste der Absatzmärkte für Tonträger nimmt Lateinamerika (Umsatz 1999: $ 1,89 Milliarden) nach Auskunft der IFPI (International Federation of the Phonographic Industry) einen abgeschlagenen vierten Platz ein, nach Nordamerika, Europa und Asien. Und das, obwohl der lateinamerikanische Markt in den Jahren von 1994 bis 1997 ein enormes Wachstum aufwies, vor allem seit dem internationalen Erfolg lateinamerikanischer Musik seit etwa 1996/97 und dem achtfachen Grammygewinn Santanas 1999. Ein weiterer Grund für das Wachstum war sicherlich der Preisverfall im Bereich der Unterhaltungselektronik seit 1994, besonders in Brasilien, wo fast die Hälfte aller Tonträger auf dem Kontinent abgesetzt wird. Auch die Einführung neuer digitaler Techniken hat das Wachstum voran getrieben. Nur 1997/98 stagnierte die Wachstumskurve aufgrund der Wirtschaftskrisen in Lateinamerika und Asien. Denn besonders in der Dritten Welt sind es die Konsumgütermärkte, die schnell und heftig auf Krisen reagieren, wie André Midani, Präsident von Warner Music Latin America, in einem Interview erklärte. Eine Entwicklung, die sich noch 1999 in einem Rückgang des Umsatzes bemerkbar machte.
Tab.1: Tonträgerabsatz der wichtigsten lat. Märkte 1999 (in Mil. Stück)
| Argentinien | ||||
| Brasilien | ||||
| Chile | ||||
| Kolumbien | ||||
| Mexiko | ||||
| Venezuela |
Quelle: IFPI
Um ihre Position in den nationalen Märkten Lateinamerikas zu verbessern - sie verkaufen bisher im Durchschnitt nur 80% der Tonträger dort - haben fast alle 'Majors' nationale Ableger gegründet. So werden sie zu 'nationalen' Konkurrenten für die wenigen verbliebenen 'Indies' (Independents), kleinen nationalen Labeln, die kein globales Kapital im Rücken haben, um Krisen zu überstehen und im Wettbewerb auf Dauer zu bestehen. Fast alle bekannten lateinamerikanischen Musiker sind inzwischen bei einem der 'Majors' unter Vertrag: Los del Río (Mexiko) bei BMG International, wie auch die inzwischen aufgelöste Gruppe Soda Stereo (Argentinien) und Nicole (Chile). Polygram Latino hat mit Mercedes Sosa (Argentinien), Control Machete (Mexiko) und Chico César (Brasilien) unter anderen drei Superstars an Bord, während EMI/Warner mit den Enanitos Verdes (Argentinien), Maná und Luis Miguel (Mexiko) aufwarten kann. Bei Sony schließlich sind Shakira (Kolumbien), José Luis Rodríguez(Venezuela) und Myriam Hernández zu hause. Den 'Majors' ist klar geworden, daß das wirtschaftliche Potential eines Landes nur dann voll erschließbar ist, wenn die nationalen kreativen Ressourcen dieses Landes erschlossen werden. Auch andere haben das begriffen: So gründete die spanische PRISA-Gruppe (Herausgeber z.B. von El País) gemeinsam mit Universal Anfang des Jahres ein neues Label - MuXXIc Latina - um an den Gewinnen aus lateinamerikanischer Musik mitzuverdienen. Gleichzeitig entwickeln sich die 'Majors' immer mehr zu Multimedia-Unternehmen, die ihre Produkte global mehrfach verwerten. So wird ein Hit wie 'La vida loca' von Ricky Martin weltweit nicht mehr nur als Tonträger in den eigenen Musikgeschäften vermarktet, sondern auch als Videoclip in den eigenen TV-Stationen, als DVD oder neuerdings auch als MP3-File über das Internet. Um sich für den virtuellen Markt fit zu machen, wollten EMI und AOL/TimeWarner im Sommer 2000 fusionieren, wurden aber aus kartellrechtlichen Gründen gestoppt. Nun befindet sich EMI in Verhandlungen mit BMG.
Die 'Indies' dienen fast nur noch dazu, Künstler zu entdecken, sie national bekannt zu machen und dann an die 'Majors' weiterzureichen. Sie habe nicht die ökonomische Kraft ihre Talente international zu vermarkten. Auch erreichen sie nicht die Absatzzahlen, die notwendig sind, um die Kosten für ein aufwendig produziertes Album hereinzuholen. 'Indies' überleben nur in speziellen Nischen (Techno, Darkmetal etc.), die allerdings in Lateinamerika nicht die Rolle spielen, die sie auf dem europäischen Markt einnehmen. Hoffnungen setzen alle 'Indies' neuerdings auf das Internet, das eine weltweite Direktvermarktung ohne hohe Kosten ermöglicht. Aber noch beträgt die Distribution von Musik gerade mal ein Prozent des gesamten Musikmarktes, auch wenn dieses Thema durch die Prozesse der Musikindustrie gegen Onlineanbieter wie Napster oder MP3.com in aller Munde ist.
Die einzigen 'Indies' (wenn diese Bezeichnung hier noch angebracht ist), die in Lateinamerika der Strategie der 'Majors' bisher widerstehen konnten, sind die Tochterfirmen von transnationalen - soll heißen lateinamerikanischen - (Medien)Konzernen. In Mexiko Musart und Fonovisa, Tochter des Konzerns Televisa, in Brasilien Siglu/Somlivre (Globo) und in Kolumbien Sonolux und Codiscos. Das einzige 'Indie' Venezuelas, Rodven, wurde 1995 von Polygram Venezuela aufgekauft. Außer den erwähnten gibt es natürlich viele Mini-Label, die manchmal lokale Bedeutung haben.
Tab.2: Aufteilung der wichtigsten lat. Märkte in % (1996)
| Argentinien | ||||||
| Brasilien | ||||||
| Chile | ||||||
| Kolumbien | ||||||
| Mexiko | ||||||
| Venezuela |
Quelle: IFPI
Ein wichtiger Markt, der untrennbar mit dem lateinamerikanischen zusammenhängt, ist der spanischsprachige Markt in den USA. 28 Millionen Menschen lateinamerikanischer Herkunft lebten 1997 in den USA. Der Latino-Musikmarkt hatte 1997 das höchste Wachstum aller Teilmärkte in den Vereinigten Staaten aufzuweisen, 23% in einem Markt der zur selben Zeit nur um 5% wuchs. Dieser Trend hielt auch in den folgenden Jahren an. Der Puertoricaner Ricky Martin, Jennifer Lopez aus Mexiko u.a. Stars, die in den vergangenen beiden Jahren internationale Hits landeten, wurden auf diesem Markt 'groß' gemacht und nicht in Argentinien oder Mexiko. 1999 hatte Latin-Music einen Anteil von 4% am US-Markt. In den USA ist der Latino-Markt dreigeteilt in die Gebiete Texas und Umgebung (Tejanomusik), New York (Salsa, Pop, Jazz) und Miami (Pop, Salsa, Schnulzen). Die wichtigste Rolle spielt jedoch Miami, auch für die lateinamerikanischen Märkte (s.u.).
Die 80% Umsatzanteil der 'Majors' in Lateinamerika werden im Gegensatz zu früher nur noch zu rund einem Drittel mit einem internationalen (angelsächsischen) Repertoire erzielt. Nationale und regionale Interpreten garantieren inzwischen die Absatzzahlen. Auch den internationalen Markt erobern sie inzwischen immer öfter, u.a. Dank des Erfolges der sog. Weltmusik in den 80er und 90er Jahren, der den Boden dafür bereitete. Der Anteil internationaler Musik macht in den meisten Ländern nur noch zwischen 25% und 38% aus. Dabei läßt sich ein höherer Anteil in den Ländern feststellen, die auch einen höheren Anteil an nationaler Rockmusikproduktion haben (Argentinien, Chile). In Argentinien machte der Verkauf nationaler und regionaler Musik 1996 62% aus. Dabei werden diese Zahlen von regionalen 'Megastars' wie Luis Miguel (Mexiko), dessen 97er Album 'Romances' sich bisher rund 800.000 Mal verkaufte, nach oben getrieben. Argentinische Interpreten, die auch regionale Bedeutung erlangt haben, wie Fito Paez ('Euforia') oder Soda Stereo ('Unplugged'), verkauften im eigenen Land von ihren Alben hingegen nur 130.000 bzw. 30.000 Einheiten (ab 30.000 verkaufter Einheiten gibt es in Argentinien eine Goldene Schallplatte). Verkaufsfördernd wirkt sich natürlich die Verleihung eines Grammys - des Oscars für Musiker - aus, wie man 1998 am Album 'Fabulosos Calaveras' der Gruppe Los Fabulosos Cadillacs sehen konnte.
Der brasilianische Musikmarkt ist der größte der Region und der sechstgrößte der Welt (1999: 668,4 Millionen US-Dollar). Auch hier dominiert die nationale Musik. Gruppen wie Olodum (Samba-Reggea) oder Sepultura (Heavy Metal) verkaufen regelmäßig von ihren Alben große Stückzahlen. Zu dieser Marktsituation trägt in Brasilien auch die große nationale Diversität an Musikstilen bei: Samba in Río, Maracata (afro-brasilianische Marschmusik) im Nordosten, Lambada in Belém und viele andere Stile sowie die daraus entstehenden Fusionen (MangueBeat, FunkBrasil) sorgen für eine Dominanz der nationalen Musik. Zwei Phänomene kennzeichnen den brasilianischen Musikmarkt. Zum ersten konnten die brasilianischen Künstler stark von der Integration des Landes in den Mercosur profitieren während spanischsprachige Interpreten zwar vermehrt, aber nicht im selben Ausmaß in Brasilien Erfolge feiern konnten (ausgenommen Megastars wie Ricky Martin, die überall auf der Welt gleich großen Erfolg haben). So konnte sich Carlinhos Brown mit 'A Namorada' in Kolumbien an die Spitze der Hitparade setzen und Skank gelang das gleiche in Chile. Zum zweiten gibt es in Brasilien viele Gruppen, welche die Gewinne aus ihrer Musik in soziale Projekte investieren. Olodum - im engeren Sinne keine Musikgruppe, sondern eine Bewegung - unterhält in ihrem Herkunftsviertel Schulen und soziale Einrichtungen für Jugendliche. Und die Rapper von Racionais MC haben in ihrem Viertel Spielfelder für verschiedene Sportarten bauen lassen. In Brasilien bildet auch die (Pop)Musik evangelischer Prediger einen bedeutenden Markt.
In Mexiko, dem zweitgrößten Markt in Lateinamerika, wurden 1999 73,2 Millionen Tonträger (Wert: 626 Millionen US-Dollar) verkauft. Der Markt mußte sich von der Peso-Krise (1994) erholen. Doch durch den Erfolg der TexMex-Musik in den USA wird dies schnell gelingen. Die erfolgreichsten Musikstile - Ranchera, Zaga oder Mariachi - werden häufig so transformiert - oder deformiert, wie Kritiker sagen -, daß sie sich gut auf dem US-Markt verkaufen. Eine Besonderheit Mexikos ist, daß dort die nationale Rockmusik (Maná etc.) eine größere (wirtschaftliche) Rolle spielt als in allen anderen lateinamerikanischen Ländern.
Die Märkte der anderen lateinamerikanischen Staaten sind - mit Ausnahme von Kolumbien - sehr stark von der regionalen Musikproduktion dominiert. In Costa Rica zum Beispiel gibt es nur eine Handvoll nationaler Bands von Bedeutung (auch wenn Editus 1999 den Grammy gewonnen haben). Die Hitparaden werden von gesamtlateinamerikanischen Größen (Rubén Blades, Oscar de Leon) und internationalen Stars angeführt. Nur in Kolumbien können nationale Stars wie Carlos Vives oder Shakira, die allerdings auch auf dem Weg sind, regionale Stars zu werden, sich in den Hitparaden behaupten.
Eine Sonderstellung - wen wundert's - nimmt Kuba ein. Seit der Revolution von 1959 kam kaum noch ausländische Musik auf die Insel. Die Musikproduktion war gering, das staatliche Label EGREM produziert auch heute nicht mehr als 50-60 CD's jährlich. Viele Jahre kam aber auch keine Musik von dort, ein Grund für die Entstehung der Salsa in New York. Seit 1994/95 - spätestens aber seit dem Buena Vista Social Club-Boom - treten kubanische Musiker wieder verstärkt im Ausland auf und spielen dort auch Platten ein. Denn der kubanische Staat hat das Devisenpotential des 'Gutes' Musik entdeckt. Im Gegenzug öffnet sich auch Kuba wieder für 'westliche' Musik, eine Entwicklung die dazu führte, daß 1999/2000 dort der größte Hit 'Mambo No.5' war, die aus Deutschland kommende Lou Bega-Discoversion eines Stückes des Kubaners Damáso Pérez Prado aus den 50er Jahren. Seit 1991 dürfen auch wieder ausländische Musikfirmen auf der Insel tätig sein, so daß mit einer steigenden Bedeutung kubanischer Musik für den lateinamerikanischen Markt sowie den Weltmarkt gerechnet werden kann.
Eine sehr wichtige Rolle beim Wachstum der lateinamerikanischen Musikproduktion spielt die Stadt Miami. Hier haben fast alle lateinamerikanischen Töchter der 'Majors' sowie die großen Unternehmen der lateinamerikanischen Unterhaltungsindustrie - Televisa (Galavisión, Univisión), Grupo Cisneros (Venevisión), Galaxy Latin America, Sky etc. - ihren Sitz oder zumindestens eine Repräsentanz. Mitte 2000 verlegte BMG-Latin America seinen Sitz von Madrid nach Miami. Die Stadt hat sich - nicht zuletzt dank der großen exilkubanischen Gemeinde - in ein Welthandelszentrum verwandelt. Tochterfirmen vieler transnationaler Unternehmen, wie z.B. DuPont, residieren in der Stadt.
Für die Musikindustrie ist es wichtig, daß sich dort nicht nur viele 'wichtige' Musiker (Gloria Estefan, Julio Iglesias), lateinamerikanische Medien- und Telenovelastars (Jaime Bayley, Lucía Méndez) und Produzenten (Ralf Mercado) angesiedelt haben, sondern auch, daß sich hier Tonstudios, TV- und Radiostationen und CD-Presswerke (14 Stück; in ganz Lateinamerika gab es 1996 13 Stück) konzentrieren. Das wichtigste Organ der US-Musikindustrie, Billboard, kommt aus Miami. Auch viele wichtige Musik-Organisationen haben in Miami ein Büro (FLAPF, ASCAP etc.). Besonders wichtig ist auch die Musikmesse MIDEM, die einmal pro Jahr in Miami ausgerichtet wird. Ein weiterer Faktor für die Erschließung des lateinamerikanischen Musikmarktes war MTV-Latino, das 1993 in der Stadt seinen Betrieb aufnahm und auch dort seine Awards verleiht. Von seinem 'neutralen' Sitz aus, strahlte es zunächst ein gesamtlateinamerikanisches Programm aus. 1996 wurde es zweigeteilt, in ein Programm für Mexiko, Zentralamerika und die Karibik und eine weiteres für Argentinien, Chile und den Rest Südamerikas. MTV-Latino hatte 1997 mehr als sieben Millionen Abonnenten in Lateinamerika und den USA (200.000).
Piraterie als internationales Problem bereitet der Musikindustrie auch in Lateinamerika Kopfschmerzen. Trotz verschärfter Maßnahmen der FLAPF (Federación Latinoamericana de Productores de Fonogramas) in Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden betrugen die Verluste durch Raubkopien 1999 geschätzte $ 1,15 Milliarden nur für US-Copyrights. Der größte Absatzmarkt für illegale Tonträger ist Brasilien, wo z.B. 1996 rund 70 Millionen Cassetten als Raubkopien verkauft wurden, 17,5 mal mehr als legale Cassetten. Mexiko folgt mit einer ähnlich hohen Rate. Bei zunehmender Armut großer Bevölkerungsteile finden Cassetten für zwei oder drei Dollar reißenden Absatz, zumal in Lateinamerika die Cassette als Tonträger immer noch die wichtigste Rolle spielt.
Die beiden größten Zentren Lateinamerikas zur Herstellung von Raubkopien befinden sich in Mexiko City (Barrio de Tepito) und in Paraguay an der Grenze zu Brasilien. Dort hatte die südostasiatische Musikmafia, die das Land bisher nur zur Durchschleusung von Raubkopien benutzt hatte, in Ciudad del Este zwei Fertigungsstätten errichtet, die bis zu 40 Millionen CD-Kopien jährlich produzieren konnten. Diese wurden von den Sicherheitsbehörden entdeckt und geschlossen. Das hat allerdings zur Folge, daß die Piraten nun in vielen kleinen Betrieben weitermachen. Auch in Mexiko war den Fahndern Erfolg beschert: Sie knackten im Sommer einen Ring von Musikpiraten, der rund 20 Millionen illegale CD's jährlich herstellte. Im Januar 2000 fusionierten die IFPI und die FLAPF zur 'IFPI Latin America', um eine noch schlagkräftigere Organisation im Kampf gegen die Piraterie zu bilden.
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(www.uni-bamberg.de/globalisierung)
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