© Autorenteam: "Fight For Your Right . . . To Party!" Die Bedeutung von Musik in der Linken Szene. Humboldt-Universität zu Berlin 1998.

"Fight For Your Right . . . To Party!"

Die Bedeutung von Musik in der Linken Szene

von

H. Egetenmeier
L. Hasselbach
M. Kirsch
T. Stafe
C. Walter
1998

Inhalt

1. Einleitung
2. Indexikalische und homologische Ebene
2.1. Politische Vorstellungen und ihre Umsetzung
2.1.1. Zum Begriff "Linke Szene"
2.1.2. Theorie und Utopien in der Linken Szene
2.1.3. Exkurs: Struktur der Häuser
2.1.4. Anarchismus
2.1.5. Autonome Vorstellungen
2.1.6. Tierschützer/Veganismus
2.1.7. Feminismus
2.2 Sprachgebrauch
2.2.1. Sprachstil
2.2.2. Layout
2.2.3. Grenzen der Szenesprache
2.3. Orte
2.3.1. Veranstaltungsart und -ort
2.3.2. Untersuchte Orte
2.3.3. Untersuchte Demonstrationen
2.3.4. Orte als Lebensraum
2.4. Soziale Struktur und Erscheinungsbild
2.4.1. Alter
2.4.2. Kleidung und Accessoires
2.4.3. Schuhe
2.4.4. Frisuren
2.4.5. Fortbewegung
2.4.6. Tiere
2.5. Verhalten und Körperverständnis
2.6. Musik
2.6.1. Musik und Text
2.6.2. Glaubwürdigkeit contra Kommerz
2.6.3. Tanzverhalten
2.6.4. Auswahlkriterien der Musik
2.6.5. Beziehungen zwischen Musikern und Publikum
2.6.6. Geschlechterverhalten
2.6.7. Musik und räumliche Strukturen
3. Integrale Ebene
4. Literatur

1. Einleitung

In dieser Hausarbeit versuchen wir, die Klanggestalt und den kulturellen Gebrauch der öffentlich erklingenden Musik in der linken Szene herauszuarbeiten. Unter öffentlich erklingender Musik verstehen wir sämtliche Musik, die an den öffentlich zugänglichen Orten der Linken Szene zu hören ist, worunter dann sowohl Livemusik, als auch Musik vom Band fällt.
Die theoretische und methodische Grundlage unserer Arbeit bildet der 1974 erschienene Aufsatz „Symbolism and Practice" von Paul Willis. Dieser Text ist im Umfeld des „Centers for Contemporary Cultural Studies" (CCCS) an der Universität Birmingham entstanden. Zentral für die dort entwickelten Ansätze ist die Annahme, daß Konsumenten von Kultur aktiv mit ihr umgehen: erst im Gebrauch erhalten die kulturellen Gegenstände ihre Bedeutung.
Damit widerspricht dieser Ansatz der Kritischen Theorie in zwei Punkten:
1. Die Kritische Theorie geht davon aus, daß kulturelle Gegenstände durch ihre Komplexität dazu beitragen können, die Reflexions- und Kritikfähigkeit ihrer Rezipienten zu fördern. Sie nimmt darüber hinaus an, daß kulturelle Gegenstände den Umgang mit ihnen determinieren. Daraus folgt, daß die massenhafte Fertigung einfach gestrickter Konsumgüter nicht nur eine massenhafte Vereinheitlichung der Verwendung zur Folge hat, sondern auch bei der Masse der Konsumenten zu geistiger Verarmung führt.
Die Gegenthese des CCCS besagt, daß in den einzelnen Subkulturen die massenhaft gefertigten und einfach gestrickten Konsumgüter individuell wieder zu komplexen Strukturen zusammengesetzt werden. „Obgleich die Warenform als solche in starkem Maße den Konsum nahelegt, zwingt sie diese doch keineswegs auf. Gebrauchsgüter kann man aus ihrem Kontext entfernen, auf besondere Weise für sich beanspruchen, weiterentwickeln und in Besitz nehmen [...]. " (1)
2. Folgt man der Kritischen Theorie, so läßt sich die Komplexität von Musik unter Anwendung der klassischen Kategorien der Werkanalyse (Harmonik, Melodik, Rhythmik) auf den Notentext zur Gänze erfassen. Dem widersprechen die am CCCS entwickelten Ansätze insofern, als daß hier nicht länger davon ausgegangen wird, daß alle Hörer derselben „Musik" dasselbe als „Musik" wahrnehmen und auf die gleiche Weise in ihren Bedeutungs- und Gefühlshaushalt einbauen. Geht man von dieser Annahme aus, dann läßt sich die Komplexität von Musik nicht länger allein an Hand des Notentextes ermitteln, sondern der subkulturelle Zusammenhang muß in die Analyse mit einbezogen werden.
Zur Untersuchung einer Subkultur schlägt Willis nun ein Vorgehen in drei Schritten vor. Zunächst sind alle Gegenstände zusammenzutragen, die in der Lebenswelt, also: in Arbeit wie Freizeit des zu untersuchenden Personenkreises auftreten (indexikalische Ebene). Der zweite Schritt besteht darin, herauszufinden, welche Gegenstände mit besonderen gruppenspezifischen Bedeutungen besetzt sind. Dazu sucht man nach Entsprechungen zwischen den verschiedenen Gegenständen und Gegenstandsbereichen (homologische Ebene). Auf der dritten und abschließenden Ebene wird versucht, das übergeordnete Wertgefüge herauszuarbeiten, in das sich alle Gegenstände integrieren lassen und auf das alle Homologien zurückgeführt werden können.
Am Anfang unserer Untersuchung stand die Vermutung, daß sich an bestimmten Orten eine Subkultur trifft, die wir hypothetisch „Linke Szene" nannten. Obwohl wir uns bei der Untersuchung - auch aufgrund der knapp bemessenen Zeit - auf die teilnehmende Beobachtung beschränkten, fanden wir diese Vermutung bestätigt. An den verschiedenen Orten, die wir besuchten, ließen sich tatsächlich immer wiederkehrende spezifische Kleidungsstücke, spezifische Accessoires, Haarschnitte, Dekorationen etc. feststellen.
Für die nun folgende Darstellung der indexikalischen und homologischen Ebene der Subkultur haben wir aus Gründen der Übersichtlichkeit die indizierten Gegenstände in mehrere Gegenstandsbereiche eingeteilt.
Dabei begreifen wir, im Unterschied zu Willis, Sprache als eigenständigen Gegenstandsbereich; als einen Gegenstand, der zu den anderen Gegenständen nicht notwendigerweise in einem Verhältnis von „Gegenstand" auf der einen, und dessen sprachlichen Ausdruck auf der anderen Seite steht. Das heißt: es gibt durchaus Gegenstände oder ganze Gegenstandsbereiche, die nicht zur Sprache gebracht werden.
In Kapitel 2.1. setzen wir uns mit den „Politischen Vorstellungen und ihrer Umsetzung" auseinander, wobei dies der am stärksten sprachlich artikulierte Teil der Linken Szene ist. Kapitel 2.2. beschäftigt sich mit dem „Sprachgebrauch", mit dem Stellenwert und der Tragweite von Sprache in der Linken Szene. In den folgenden beiden Kapiteln 2.3. und 2.4. untersuchen wir die „Orte" des Geschehens sowie „Soziale Struktur und Erscheinungsbild" der Szene.
Darüber hinaus stellen wir in allen Kapiteln die Homologien innerhalb der einzelnen Gegenstandsbereiche, sowie die übergreifenden Homologien heraus. Im Kapitel 2.6. „Musik" geht es dann noch einmal gesondert um die Homologien zwischen der szenetypischen Klanggestalt, zwischen der Musik und den anderen Gegenstandsbereichen, um dann, im dritten Kapitel, auf der integralen Ebene der Analyse, die integrale Ebene der Subkultur in den Blick zu bekommen.

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2. Indexikalische und homologische Ebene
2.1. Politische Vorstellungen und ihre Umsetzung
2.1.1. Zum Begriff "Linke Szene"

Bei dem Versuch, die Linke Szene zu definieren, stellt sich das Problem, daß es sich hier, im Gegensatz zu anderen Szenen wie der Gothic-Szene, um eine Bezeichnung handelt, die eher von Außenstehenden geprägt ist. Der Grund dürfte wohl darin liegen, daß die Anhänger der Linken Szene keine homogene Gruppe darstellen.
Darüber hinaus zeichnet sich die Szene dadurch aus, daß sie bewußt gegen gesellschaftliche Konventionen verstößt. So kann es auch innerhalb der eigenen Gruppe zur Ablehnung der eigenen Konventionen kommen. Dadurch wird es dem außenstehenden Beobachter erschwert, ein schlüssiges Gesamtbild der Linken Szene zu bekommen.
Die Bezeichnung „links" bezieht sich auf politische Inhalte, der von uns gebrauchte Begriff „Linke Szene" stellt hingegen eine Erweiterung des Politischen hin zum Kulturellen dar. Einen Teil dieser Szenekultur versuchen wir in unseren Untersuchungen zur Musik und ihrem Umfeld zu erfassen.
Da sich die Heterogenität der Szene in bezug auf die musikalische Praxis allerdings noch zu verstärken scheint, braucht man einen Begriff, der die unterschiedlichsten Strömungen innerhalb dieser Szene auf einen gemeinsamen Nenner bringt. So würde die Bezeichnung „Punkszene" nur teilweise auf die vorgefundenen Musikstile zutreffen und damit die Szene unzureichend beschreiben. Da sich als wichtiges Bindeglied dieser Szene die ideologische, philosophische bzw. politische Struktur herauskristallisiert hat, halten wir es durchaus für legitim, die Bezeichnung „Linke Szene" als Oberbegriff für diese Gruppierung beizubehalten. Wie wir in unserer Arbeit nachweisen werden, läßt sich die politische Grundhaltung auf textlicher bzw. symbolischer Ebene auch auf allen anderen Ebenen der Szenekultur wiederfinden.
Die Leute in der Linken Szene definieren sich heute mehr als Hausbesetzer, Autonome, Anarchisten, Antifaschisten oder Feministinnen etc. Wir haben festgestellt, daß sie zwar auch von Punks geprägt ist, aber daß es sicherlich falsch ist, die Punkszene mit der Linken Szene gleichzusetzen. Typische Symbole der Punkszene werden aber auf verschiedenste Weise aufgegriffen und individuell abgewandelt. Deswegen ist es ebenso problematisch, eine genau definierte Grenzlinie zwischen Punks und Nicht-Punks zu ziehen. Viele Szenezugehörige unterscheiden sich auch - zumindest für „Uneingeweihte" - kaum noch oder nur in wenigen Punkten vom Durchschnittsbürger. Wie wir später noch erläutern werden, ist dabei - trotz einiger typischer Symbole - das Individuelle das Wesentliche, über das sich die Szene definiert.
Die meisten Szeneleute lehnen die Demokratie in der jetzigen Form ab. Das heißt, sie stellen sich eindeutig gegen das Parteiensystem und den „Polizeistaat". Sie bezeichnen sich zum Beispiel als „Autonome" oder „Anarchisten" (wobei deren theoretischer Hintergrund später noch näher erläutert wird). Ein geringerer Teil toleriert die demokratischen Parteien wie die PDS oder die Grünen.
Es gibt verschiedene Formen der politischen Aktivitäten, wie etwa Mitarbeit bei linksorientierten Zeitschriften, der Organisation von Demonstrationen, oder andere Aktionen. Bei Veranstaltungen, die der Linken Szene zuzuordnen sind, gibt es aber auch Leute, die eher unpolitisch oder passiv sind und sich dort hauptsächlich wegen des Gemeinschaftserlebnisses aufhalten.


Insgesamt kann man sagen, daß „links" nicht mit kommunistisch im Sinne von Marx, Engels, Lenin oder sonst einer sozialistischen Führerpersönlichkeit gleichzusetzen ist, auch wenn es sicherlich solche Strömungen gibt. Nach unserer Erfahrung ist die Linke Szene vielmehr ein Sammelbecken für Leute, die eine Gegenbewegung zu rechtsradikalen, konservativen und sozialdemokratischen politischen Kräften darstellen. Dies geschieht im Sinne einer Opposition und Abgrenzung gegenüber den momentanen Strukturen in der Gesellschaft.
Diese Szene trennt nicht so sehr zwischen politisch und kulturell, weshalb sich die Abgrenzung von gesellschaftlichen Konventionen nicht nur auf politische Inhalte bezieht, sondern auf praktisch alle Lebensbereiche. Es geht dabei um die Freiheit anders zu sein, sich vom Durchschnittsbürger, dem sogenannten „Spießer" abzugrenzen, und eigene Vorstellungen umzusetzen.
Es besteht Einigkeit darüber, daß die jetzige gesellschaftliche Situation radikal geändert werden muß. Allerdings gibt es unterschiedlichste Vorstellungen darüber, wie die Gesellschaft danach aussehen soll und wie man dieses Ziel am besten erreichen kann. Bei Demonstrationen bildet der Wunsch nach Veränderung den kleinsten gemeinsamen Nenner, unter dem man sich zusammenfindet. Da aus einer Defensive heraus häufig „gegen" aktuelle Mißstände gekämpft wird, entsteht so oft der Eindruck, daß sich die Vorstellungen nicht darüber hinaus bewegen.


Interim


Bei aller Individualität und allen unterschiedlichen Entwürfen kann man häufig wiederkehrende symbolische Artefakte erkennen, die es erlauben, Homologien und schließlich ein Gesamtbild der Szene zu skizzieren, das sich von anderen gesellschaftlichen Gruppen und Subkulturen unterscheidet. Dabei beziehen wir uns auf den „harten Kern", der diese symbolischen Gegenstände in besonders ausgeprägter Form verwendet, wie wir es bei typischen Veranstaltungen und Treffpunkten der Szene beobachten konnten. Allerdings haben auch diese Veranstaltungen je nach Motto individuelle Schwerpunkte, wodurch sich bereits eine Entsprechung zur betonten Individualität der Teilnehmer zeigt.

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2.1.2. Theorie und Utopien in der Linken Szene

Einigkeit besteht darüber, daß es eine Revolution geben soll. Alle Utopien unterscheiden sich jedoch in ihren unterschiedlichen Ansichten über die Zukunft nach der - wie auch immer durchgeführten - Revolution. Ebenso gibt es verschiedene Meinungen und auch praktische Ansätze für den Weg dorthin. Ein Teil der Linken folgt weiterhin der Idee von einer Art „tabula rasa"-Revolution, aus der die Menschen gewandelt hervorgehen und sofort die „befreite Gesellschaft" praktizieren. Hier wird meist das „wie" ignoriert, man ist sich jedoch darüber einig, daß die Revolution ein plötzliches Ereignis sei, daß irgendwann „der Funke überspringen" muß. Wie es zur erhofften Revolution kommen soll, bleibt meist unklar. Jedoch spielen Vorstellungen der Verelendungstheorie teilweise eine Rolle. In Ermangelung einer „revolutionären Situation" im eigenen Lande, hofft man auf Aufstände und Befreiungskämpfe in anderen Ländern, unterstützt so zum Beispiel den Zapatista-Aufstand in Mexiko.
Ein zweiter, neuerer Ansatz ist der der „permanenten Revolution", von dem in Berlin besonders die noch besetzten oder ex-besetzten Häuser beeinflußt sind. Sie versuchen, Freiräume zu schaffen und den Alltag revolutionär zu gestalten.Dies drückt sich in der Art des Wohnens aus (große WGs, teilweise Zusammenlegung der Wohnungen eines Stockwerks, große Gemeinschaftsbereiche), geht über gemeinsames Organisieren von Essen durch „Containern" (vgl. Kapitel 2) oder sogenannte „Volxküchen" (vgl. Kapitel 3) bis hin zu Straßenfesten und Konzerten, die von diesen Häusern aus veranstaltet werden.

Interim


Häufig wurde das Erdgeschoß eines solchen Hauses in eine Kneipe umgewandelt. Solche Kneipen sind zum Beispiel das „Supamolli" (Jessnerstraße), „X-B-Liebig" (Liebigstraße) oder die „Kreutziger 19" (Kreutzigerstraße). Einige Kneipen haben im hinteren Teil auch eine kleine Bühne, auf der dann Konzerte mit maximal 200 Leuten stattfinden. Eine relativ große Bühne besitzt die „Köpi 137" (Köpenicker Straße), im „Supamolli" hingegen wird es meist sehr eng. Inzwischen sind verschiedene Häuser und damit auch die Kneipen geräumt worden, die lange Zeit sehr wichtig für die Szene waren, so zum Beispiel das „SEK" (Scharnweberstraße, Ecke Colbestraße).

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2.1.3. Exkurs: Struktur der Häuser

Einige Häuser leben vegan (zum Beispiel Samariterstraße/Ecke Rigaerstraße), das heißt, sie nehmen keine Tierprodukte und keine Tiere zu sich. In manchen Häusern haben sich eher christlich-denkende, gewalt-ablehnende Linke wie zum Beispiel die „Jesus Freaks" zusammengefunden (Kreutzigerstraße 11). Von anderen gehen militante Aktionen aus. Mit der Zeit verändert sich die Struktur der Bewohner enorm. Eine Bewohnerin der Samariterstraße erzählte, daß in diesem Sommer ein Drittel der Leute ausgezogen ist und durch neue ersetzt werden mußte. Diese werden dann wahrscheinlich Menschen sein, die sich nicht mehr so stark mit dem Haus und der Ideologie identifizierten, die dort praktiziert wird. So verschwindet allmählich der politische Hintergrund. Den Neu-Eingezogenen geht es eher darum, in einer „coolen Umgebung" zu wohnen und wenig oder keine Miete zahlen zu müssen.


Von denen jedoch, die auch weiterhin einen politischen Anspruch erheben, geht eine umfangreiche Theorie- und Utopiediskussion aus, wie sie gelegentlich auch in den Szene-Zeitungen wie der „Interim" nachlesbar ist. Momentan sind besonders die Repression durch Polizei und Justiz, Tierrechts- und Veganbewegung, Feminismusdebatten und Antirassismus/ Antifaschismus im Gespräch. In Kneipen/Infoläden wie dem X-B-Liebig finden aber auch Diskussionen mit der Frage nach den „Perspektiven der autonomen Bewegung" (11.7.1998) statt. Die politisch aktive Szene hat durchaus Sensibilität für kommende und aktuelle Probleme entwickelt, die im wöchentlichen Plenum oder zu Einzelterminen diskutiert werden. Aufgrund des Anspruchs der Gleichberechtigung aller Teilnehmenden kommt es häufig zu Schwierigkeiten bei der Lösung von akuten Problemen. Für theoretische und nichtakute Problemstellungen hat sich jedoch durch jahrelange Erfahrung eine erstaunliche Diskussionskultur etabliert. Problematisch bei Projekten dieser Art ist meist, daß sie - teils durch äußere Widrigkeiten, teils durch zwischenmenschliche Konflikte - häufig zerstritten und in Widersprüchen verstrickt sind.

Härte Berlin


Die meisten Ideale scheitern an den Notwendigkeiten zur Kompromißfindung im Alltag. Viele steigen deshalb frustriert nach einigen Jahren aus und kehren der Linken Szene den Rücken.
Einige andere Projekte funktionieren gut, dies ist aber meist nur durch höchsten Einsatz aller Mitglieder der Gemeinschaft möglich. Häufig sind diese dann so mit der Aufrechterhaltung dieses Zustandes beschäftigt, daß keine Zeit mehr zur politischen Arbeit über den Rahmen des Projektes hinaus bleibt. Es wird ein in sich geschlossener Raum ohne (die ja eigentlich beabsichtigte) Wirkung nach außen.
Insgesamt kann gesagt werden, daß sich die Szene als vielfältig aber sehr unübersichtlich erwiesen hat. Entscheidungsstrukturen bleiben Außenstehenden verschlossen. Insbesondere im Friedrichshainer Kiez ist es schwer, einen tieferen Einblick zu erhalten, wenn man nicht in einem dieser Häuser integriert ist.
Um unsere Erklärungen der Verhaltensweisen zu stützen, führen wir nachfolgend kurz ein paar theoretische Vorstellungen und Grundlagen der von uns untersuchten Linken Szene an. Damit lassen sich Verhaltensweisen und Erscheinungsbild leichter einordnen, was wiederum die Zuordnung einer szenetypischen Musik und der mit ihr ausgedrückten Lebensweise erleichtert. Da der Teil der Linken Szene, den wir beobachtet haben, Parteien als staatsstützende Organisationen und dogmatische Lehrmeinungen eher ablehnt, führen wir hier kurz anarchistische Theorien und autonome Vorstellungen an. Weiterhin spielen Veganismus/Tierschützer und der Feminismus auch eine bedeutende Rolle in der Linken Szene. Deshalb werden ihre Hintergründe ebenfalls kurz umrissen.

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2.1.4. Anarchismus

Als frühester Vertreter wird heute Pierre Joseph Proudhon (1809-1865) genannt, der in seiner Schrift „Was ist Eigentum?" (1840) Kapital und Großgrundbesitz als Diebstahl, das heißt als nicht selbst erarbeitetes Einkommen brandmarkt. Er trat ein für eine Gesellschaft unabhängiger kleiner Warenproduzenten, was er durch geldlosen Austausch und zinslose Kredite erreichen wollte.
Der heutige Anarchismus stützt sich auf Theorien und Schriften von Nestor Machno, Michael Bakunin, Peter Kropotkin, Enrico Malatesta, Rudolf Rocker oder Alexander Berkmann. Die Unterschiede der Theorien bestehen meist in der Diskussion um das Verhältnis Anarchismus - Kommunismus (4), um die Handhabung von Eigentum (5) und um Gewalt und Anarchismus (6). Grundsätzlich gilt jedoch, daß sich jeder seinen eigenen Anarchismus machen kann und soll. Die Grundsätze sind so allgemein und undogmatisch gehalten, daß größtmöglicher Freiraum für individuelle Ansätze gegeben ist. Es geht vor allem um das Leben in einer freien Gesellschaft ohne jede Unterdrückung. „It means freedom from being forced or coerced, a chance to lead the life that suits you best." (7) Dies soll vor allem erreicht werden durch die Abschaffung des Staates und all seiner Institutionen, durch Enteignung von Fabrikbesitzern, Großbauern und Kirche. Im Unterschied zum Kommunismus legt die anarchistische Denkweise nicht fest, wohin das Ganze gehen soll oder kann. Es gibt keine „Führer" und keine Vorgabe, der Anarchismus versteht sich ausdrücklich auch als Experimentierfeld. Das macht ihn natürlich auch so angreifbar und schwach gegenüber straff hierarchisch organisierten Organisationen und Ideologien.

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2.1.5. Autonome Vorstellungen

Die autonome Bewegung kann als eine aus der 68er-Revolte hervorgegangene und sich an deren inhaltlichen Vorstellungen weiterentwickelte Bewegung betrachtet werden. Darüber hinaus wurden und sind die Autonomen Teil der Neuen Sozialen Bewegungen. Deshalb wurde die Entwicklung der Autonomen durch Einflüsse der antiautoritären Bewegung, der Internationalismus-Bewegung, der Ökologiebewegung, der Neuen Frauenbewegung u.a. geprägt. Inhaltlich zeigen sich diese Einflüsse in der Vorstellung, daß die Kritik gesellschaftlicher Teilprobleme, wie Armut, faschistische Strukturen, Sexismus, kapitalistische Ausbeutung u.a., immer auch eine Gesamtkritik der Gesellschaft einschließen muß.
Ende der 60er, Anfang der 70er Jahre war die Bluesszene die militante Subkultur in Westberlin, die als direkter Vorläufer der heutigen links-autonomen Szene gesehen werden kann. In den 70er Jahren entwickelten sich unterschiedlich orientierte Gruppen in der Linken Szene, wobei die undogmatischen Gruppen der autonomen Bewegung zugezählt werden können. Die Arbeiterkämpfe in Italien wurden als großes Vorbild gesehen, auch Kämpfe gegen das Kapital zu führen, die sich in Deutschland dann als Häuserkämpfe (Hausbesetzungen) entwickelten. Hiervon wird auch der Begriff „Autonomie", wie er in der autonomen Bewegung verwendet wird, abgeleitet.
„Autonomia" war der Begriff für die antikapitalistische Bewegung in Italien, die sich zuerst hauptsächlich auf Fabrikarbeiter stützte und ihre eigenen Theoretiker hatte. Diese entwickelten den Marxismus zum sogenannten Operaismus weiter. Das Theoriegebäude des Operaismus thematisierte in den 60er Jahren die zentrale Bedeutung des „Massenarbeiters" in den militanten Fabrikkämpfen. Demgegenüber wurde seitens der damaligen Linksradikalen in der BRD ­ auch unter dem Einfluß der Kritischen Theorie ­ das in dieser Theorie existente Moment der Negation und Verweigerung gegenüber dem kapitalistischen System auf den Reproduktionsbereich verlängert.
Dem einen Strang dieser Autonomen ging es um die Flucht aus dem System, im Sinne von Nischenbildung und der Schaffung von Freiräumen, dem anderen um die Zerstörung des Systems. Beides sind Vorstellungen, die sich auch noch heute in der Linken Szene wiederfinden lassen und dort für theoretische Streitigkeiten sorgen.
Anfang der 80er Jahre entwickelte sich eine neue Hausbesetzungsbewegung, bei der in Westberlin zeitweilig über 160 Häuser besetzt waren. Es gab Diskussionen über die Basis des Kampfes, wobei immer mehr die Vorstellung, eine „Subkultur" zu sein, in den Vordergrund rückte, während die Vorstellung von Klassenkämpfen zurückging. Die Idee vom „selbstbestimmten Leben" und der Erkämpfung von „Freiraum" in einer einengenden Gesellschaft wurde bei vielen Gruppierungen populär.
Nach dem Mauerfall wurden diese unterschiedlichen theoretischen Vorstellungen, denen als Gemeinsamkeit die Parole: „Gegen jegliche Unterdrückung" gegeben werden könnte, mit den vielen westdeutsch-dominierten Hausbesetzungen nach Ostberlin weitergegeben bzw. mit ostdeutschen linken Utopien vermischt. (8)

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2.1.6. Tierschützer/Veganismus

Die VeganerInnen setzen sich speziell für die Befreiung der Tiere ein, weil sie denken, daß alle Lebewesen in einer befreiten Gesellschaft ein Recht auf Leben haben. Da der Mensch sich durchaus auch nur von Pflanzen ernähren kann, lehnen sie sämtliche Tierprodukte und Fleisch ab.
Durch Boykottierung von Milch und Milchprodukten machen sie auf das Elend der Massentierhaltung und auf die Überzüchtung der Kühe aufmerksam. Die Milchkühe werden ständig trächtig gehalten, denn nur dann geben sie Milch. Wenn die Kälber geboren werden, wandern sie als männliche Tiere sofort auf die Schlachtbank. Die weiblichen Kälber erhalten Ersatzmilch. Dies lehnen die VeganerInnen als mörderisch und unnatürlich ab.
Heftige Diskussionen gab es vor einiger Zeit über eine Vegan-Schrift, in der Hühner-Massenkäfige mit KZs verglichen wurden. Viele steigen nach einiger Zeit auf vegetarische Lebensweise um, da vegane Ernährung zeitintensiver und teurer ist. Sobald weder genug Zeit, noch genug Geld vorhanden sind, kann diese Ernährungsweise aber auch zu Mangelerscheinungen führen (etwa weil nicht alle Vitamine in ausreichender Menge vorhanden sind). Eine relativ große Zahl der Linken stimmt aber prinzipiell mit den Forderungen der VeganerInnen überein.

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2.1.7. Feminismus

Die Unterdrückung von Frauen in der Gesellschaft verschwindet nicht automatisch nach der politischen Revolution; sie ist vielmehr tiefverwurzelt im Denken und Handeln der Männer, unabhängig von ihrer politischen Gesinnung. Diese Erkenntnis führte die Frauen seit den 70er Jahren immer wieder auf eigene Wege, zu selbständigen Projekten und einer eigenen Feminismus-Theorie. In vielen Infoläden hat es lange gedauert, bis sich die Frauen ihren eigenen Freiraum erkämpft hatten. Heute gibt es so zum Beispiel einen Frauen/Lesben-Tag im X-B-Liebig oder ein FrauenLesbenKino „Out of Friedrichshain" in der Kinzigstraße. Der Einfluß der Diskussion um Gleichberechtigung von Frauen auf die gesamte linke Debatte scheint enorm. Die Aufrechterhaltung dieser Freiräume bindet die vorhandenen Kräfte aber offenbar so stark, daß weitergehende Aktivitäten nicht zu erkennen sind.

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2.2 Sprachgebrauch
2.2.1. Sprachstil

Die vielfältigen Printmedien wie zum Beispiel Zeitschriften, Veranstaltungskalender, Flyer und Plakate, zeichnen sich durch einen eigenen Stil aus, der das charakteristische Denken der Linken Szene widerspiegelt. Zu den untersuchten Zeitschriften gehören: Interim, Wahrschauer und Streßfaktor. Die Flyer bezogen sich auf zahlreiche Veranstaltungen: Reclaim the Streets Party, Gelöbnix-Demo, Anti-Expo-Camp, Antifaschistisches Sommercamp, ein Wagenburgfest in der Lohmühlenstraße, Demonstrationen zum 1. Mai und Soli-Parties. Zu erwähnen ist noch, daß einige Zeitschriften (zum Beispiel Streßfaktor) auch im Internet zu erreichen sind, auch wenn es sicher nicht das typische Medium der Linken Szene darstellt (Technikfeindlichkeit).
Bei den Flyern taucht häufig das Wort „wir" auf, das für die Gemeinschaft steht und den Zusammenhalt zwischen Organisatoren und Teilnehmern einer Veranstaltung repräsentiert. Daß die Organisatoren im Fall der Reclaim the Streets Party außerdem anonym bleiben, verstärkt noch diesen Eindruck, obwohl der Hauptgrund dafür wahrscheinlich in der schwierigeren strafrechtlichen Verfolgung durch die Polizei liegt. Man hält sich häufig bewußt nicht an die offizielle Rechtschreibung, wodurch der Widerstand gegen Konventionen deutlich wird.

Lohmühle

Man hält sich häufig bewußt nicht an die offizielle Rechtschreibung, wodurch der Widerstand gegen Konventionen deutlich wird. So gibt es unzählige Wörter, die in der Szene mit „x" geschrieben werden und dadurch zu einem charakteristischen Kennzeichen geworden sind wie zum Beispiel: „Punx, Volxküche, Volxmusik, Gelöbnix, linxradikal" usw.
Andererseits besteht durch abgewandelte Schreibweisen auch die Möglichkeit, kreativ mit der Sprache umzugehen, um auf diese Weise, oft ironisch, Protest auszudrücken, zum Beispiel „sHELL, Gelöbnix" oder „Antifa" mit „A" in einem Kreis, als Symbol für Anarchismus.
Manchmal scheint man einfach keinen Wert auf korrekte Rechtschreibung oder Grammatik zu legen, so findet man zum Beispiel häufig kleingeschriebene Substantive. Einerseits wird dadurch natürlich das Eintippen vereinfacht, dies könnte aber auch darauf hinweisen, daß sich in solchen Schreibweisen das Ideal der Gleichberechtigung niederschlägt. Die Grammatik läßt zuweilen erkennen, daß es sich eher um Umgangssprache handelt, zum Beispiel: „so viel wie möglich Menschen" (Flyer der „Antifa Rostock" gegen NPD-Aufmarsch), wodurch eine engere Verflechtung zwischen Freizeit und Engagement in der Szene zum Ausdruck kommen könnte.
Sehr typisch ist der Gebrauch der feminisierten Schreibweisen (zum Beispiel „AutofahrerInnen"). Dabei wird das Wort „man" offensichtlich als „Mann" verstanden und deshalb oft durch „frau" bzw. „mensch" ersetzt (Interim Nr. 460, S. 2), wodurch die Gleichberechtigung der Geschlechter betont werden soll. In einem Fall wurde das Wort „Frauen" durch ersetzt (Flyer gegen die Expo).
Häufig werden die Wörter verkürzt, zum Beispiel: „Demo, Antifa, Fascho, Soli, Flugi, Zivi, Perso, Lauti, Spucki, Inti" (u.a. Interim Nr. 460), wodurch sie vereinfacht werden (vgl. Punk-Musik), aber auch individuell umgestaltet werden (vgl. Kleidung).
Dagegen gibt es auch Wortverlängerungen für abgelehnte Personen, zum Beispiel „Maschinenpistolenbullen, Neonationalsozialisten" (Interim, Nr. 460, S. 5) oder aber man schreibt Wörter aneinander, um ihre Einheit zu betonen, zum Beispiel „FrauenLesbenMädchen" (Flyer gegen die Expo).
Recht häufig findet man derbe Umgangssprache, am häufigsten sind abwertende Bezeichnungen für Polizisten: „Bullen, Bullenschweine, BullInnen, Bulletten, Männer in Grün"usw. (vgl. Songtexte). Das gleiche gilt für staatliche Institutionen: „Schnüffelbehörden" und Rechtsradikale: „rassistischer Mob, das rechte Pack, Nachwuchs-Goebbels, Glatzen" (Flyer der „Antifaschistischen Aktion") usw.
Auch für Geld gibt es viele Synonyme: „Kohle, Kröten, Maak, Mäuse, Gräten" usw. Dadurch wird signalisiert, daß Geld eher unbedeutend ist und es sich bei Verkaufspreisen oder Eintrittsgeldern nur um Kleinigkeiten handelt, da man dadurch nicht reich werden will, sondern nur die Unkosten abdecken will.
Ironie ist ein häufig verwendetes Stilmittel, da die Szene die Themen zwar sehr ernst nimmt, trotzdem aber keinesfalls humorlos ist, wie in den folgenden Zitaten deutlich wird: „meine Stimme in einer Urne beerdigt", „Kalender des Schmuddelberlins" (Streßfaktor), „Frühstück mit Lärmbelästigung" (Flyer zum Wagenburgfest). Man findet auch andere Stilmittel, wie zum Beispiel Alliterationen: „Bullen und Bonzen" (Interim Nr. 460, S. 27).
Außerdem findet man zahlreiche englische Bezeichnungen (zum Beispiel „Reclaim the Streets, Sisters and Brothers, Action speaks louder than words, no go area, enough is enough"), die zwar in der (Szene-) Sprache aller jungen Leute verbreitet sind, aber in der Linken Szene oft an entscheidenden Stellen vorkommen. Einerseits liegt dies wohl daran, wie im Fall der Reclaim the Streets-Party, daß es sich dabei um ein internationales Ereignis handelt und somit der Name nur übernommen wurde. Zum anderern signalisiert Englisch auch internationale Verständlichkeit der Botschaften und Weltoffenheit, im Gegensatz zu Nationalismus, und damit eine anti-nationalistische Haltung.
Teilweise findet man marxistisch beeinflußte Terminologie (zum Beispiel Monopolkapitalisten), wie im Falle eines Flyers der „Revolutionären Kommunisten", die aber wohl nur eine Randerscheinung in der Szene darstellen. Dabei fällt eine (sprachliche) Polarisierung auf, durch die ein Schwarz-weiß-Bild zwischen gut und böse gezeichnet wird, zwischen „Unterdrückern" (Monopolkapitalisten) und „Sisters and Brothers" auf der anderen Seite.
Da viele Veranstaltungen Protestaktionen oder Gegenbewegungen sind ("Antifa") treten bei Flyern die Wörter „gegen, Protest, Widerstand, anti, vermeiden, illegal, Veränderung, Selbstgestaltung, revolutionär, Kampf" u.a., besonders häufig auf (Flyer zur "Reclaim the Streets"-Party).
Am Ende einzelner Artikel findet man oft Slogans und Aufrufe. Dabei kann es sich um Kampfparolen handeln, die meist mit einem Appell an die Gemeinschaft verbunden sind (zum Beispiel: „Die Straßen gehören uns!!!", Reclaim the Streets-Flyer), wobei, wie hier, mehrere Ausrufezeichen Nachdrücklichkeit betonen. Die Verwendung von Slogans ist sehr typisch in der Linken Szene, zum Beispiel auch in der Musik, auf Spruchbändern und bei Demos. Sie eignen sich, die eigene Botschaft auf das Wesentliche zu reduzieren und die anderen zum Mitmachen zu bewegen, also auch hier findet man sprachliche Vereinfachung und Effektivität. Dabei wird offensichtlich, daß das Handeln im Vordergrund steht, anstatt langwieriger Diskussionen und Verhandlungen. Immer wieder ist von „Aktionen" die Rede: „direkte Aktion", „Soli-Aktion", „antifaschistische Aktion."

Zusammenfassend läßt sich feststellen, daß die Linke Szene sehr kreativ mit Sprache umgeht und sie individuell umgestaltet. Dieser Aspekt scheint noch wichtiger zu sein, als sprachliche Korrektheit, die offensichtlich als einengende Normierung aufgefaßt wird, deren Ablehnung kennzeichnend für die Linke Szene ist.
Außerdem kommen wichtige Grundhaltungen zum Ausdruck wie zum Beispiel Anti-Rassismus, Gleichberechtigung (der Geschlechter), Appell an die Gemeinschaft, Respektlosigkeit gegenüber Staat und Geld.

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2.2.2. Layout

Das Layout all dieser Schriften ist ähnlich gestaltet und läßt, wie beim Sprachstil, Bezüge zu anderen Ausdrucksformen der Linken Szene erkennen. Es beginnt damit, daß die Texte auf Recyclingpapier gedruckt sind, wodurch bereits eine Alternative zum weniger umweltfreundlichen gebleichten Zellstoffpapier aufgezeigt wird und der Aspekt des Wiederverwertens aufgegriffen wird (vgl. Second-Hand-Kleidung).
Bei Fotos etc. handelt es sich meist um einfache Schwarz-weiß-Kopien die billig in der Herstellung sind aber trotzdem ihren Zweck erfüllen und zudem oft recht unprofessionell geschnitten und zusammengefügt sind. Das gleiche gilt für die häufige Verwendung handschriftlicher Texte, manchmal findet man auch mit Computern geschriebene Texte, die eine Handschrift imitieren. Manchmal werden Tippfehler auch einfach nachträglich von Hand verbessert. Dadurch wird auch Individualität und Menschlichkeit signalisiert.
Man findet viele Cartoons (Spaßcharakter) mit in der Regel politischen Aussagen, so daß diese dennoch in das Gesamtkonzept passen (vgl. Sprachstil). Vor allen Dingen drängt sich der Eindruck auf, daß Cartoons mit eindeutigen Kampfappellen dazu geeignet sind, Gewalt zu verharmlosen, da diese Zeichnungen üblicherweise nicht mit Gewalt in Verbindung gebracht werden.


Snoopy

Dies gilt zum Beispiel für einen Cartoon der Comic-Figur „Snoopy", die mit dem Text unterlegt ist: „Die Waffe der Kritik kann die Kritik der Waffe nicht ersetzen" (Streßfaktor). Vielfach wird der Text mit Abbildungen, die zum Teil Symbolcharakter haben, aufgelockert. Manchmal hat dies Auswirkungen auf die Leserlichkeit der Texte, in einem Fall wurde dadurch sogar eine ganze Passage unkenntlich gemacht (Interim Nr. 460, S. 3).


Auch dies betont Unprofessionalität und verweist möglicherweise auf einen anarchischen Charakter, da der Text nicht wichtiger als die Abbildungen sein soll.


Ähnlich ist es wohl im Falle des wechselnden Formats, denn man findet viele Texte, die im ansonsten unüblicheren Querformat gedruckt sind. Die Zusammenstellung dieser Formate erscheint manchmal wahllos bzw. scheint sich allein aus Gründen der Platzausnutzung zu ergeben, wenn keine inhaltlichen Bezüge zu erkennen sind. Auch schief angeordnete Texte und Abbildungen findet man häufig, wodurch ein collagenartiger Eindruck vermittelt wird (v.a. im Streßfaktor).
Auf kommerzielle Werbung wird in der Regel verzichtet, es gibt höchstens Anzeigen für Produkte oder Aktionen, die in irgendeiner Form mit der Szene in Verbindung stehen, so daß man unabhängig bleiben kann und sich gegenseitig unterstützt.
Obwohl Schwarz-weiß überwiegt, kommt teilweise auch Farbe vor, v.a. Rot wird dabei auch politisch verstanden. Auch in diesem Punkt findet man also die Betonung der eigenen Kreativität, den Verzicht auf kostspielige Hochglanzdrucke, man reduziert auf das notwendige und erreicht damit trotzdem bzw. deswegen eine Wirkung, die die Leser anspricht. Die oft von Hand bearbeiteten Kopien und Fotos suggerieren außerdem, daß es sich dabei nicht um technische Meisterleistungen handelt, die nur von einigen Spezialisten erreicht werden können.


Stressfaktor


Stattdessen wird eine gewisse Gleichheit von Redakteuren und Lesern zum Ausdruck gebracht, da sich jeder Leser potentiell bei der Gestaltung dieser Schriften einbringen könnte (vgl. Musik).
Die anscheinend gewollte Unprofessionalität signalisiert außerdem, daß es sich bei den Schriften um unkommerzielle Publikationen handelt. Man bemerkt auch sofort, daß diese Schriften typisch für die Szene sind, die offensichtlich mit geringem finanziellem Aufwand hergestellt wurden, wodurch sie dem Leser auf den ersten Blick Glaubwürdigkeit vermitteln soll.

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2.2.3. Grenzen der Szenesprache

Eine Beschreibung der Linken Szene, die sich nicht eingehend mit den dort diskutierten und teilweise auch umgesetzten politischen Vorstellungen auseinandersetzt, würde sicherlich einen der zentralen Kristallisationskerne dieser Szene verfehlen. Denn aus der vielfältigen Geschichte der linken Bewegungen zieht die Linke Szene ihr Geschichtsbewußtsein, ihre Visionen und ihre politische Sendung. Vor allem aber liefern die verschiedenen Traditionen linker Theoriebildung der „Linken Szene" eine verbindende und verbindliche Sprache, ein Medium der Selbstreflexion und Standortbestimmung - eine Sprache, mit der man sich identifizieren kann.
So hat es beispielsweise eine lange Tradition in linken Bewegungen, sich um die Aufhebung der bürgerlichen Unterscheidung zwischen Politik und Leben, zwischen Öffentlichem und Privatem zu bemühen.
Es kann daher nicht verwundern, wenn es auch für die Sprache der Linken Szene charakteristisch ist, daß sie sämtliche Bereiche des Lebens in der Linken Szene berührt, daß sämtliche dieser Bereiche sprachlich als politisch ausgewiesen sind.
Was nun die Linke Szene von anderen linken Bewegungen unterscheidet, ist, daß es sich hier um eine Subkultur handelt, die nicht allein von politischen Programmatiken zusammengehalten wird. Dieser Tatsache wird jedoch sprachlich nur widerstrebend Rechnung getragen.
Denn die Linke Szene versteht sich - vor allem anderen - als politische Bewegung. Sie erhebt den Anspruch, für alle offen zu sein, sie möchte mit ihren politischen Vorstellungen eine breite Öffentlichkeit erreichen, und sieht als einzigen Hinderungsgrund dafür das „falsche Bewußtsein" all derer, die noch nicht Teil der Szene geworden sind.
Indessen besteht die Linke Szene aus weit mehr als einem „richtigen Bewußtsein". Sie besteht aus Orten, die eine bestimmte Struktur, eine bestimmte Räumlichkeit besitzen; und sie stützt sich auf Menschen, die ein ganz bestimmtes Verhältnis zueinander und zu ihrem Körper haben; auf Menschen, die, nicht zuletzt, ein starkes Selbstvertrauen in die analytische Leistung ihrer Sprache besitzen. Diese Aspekte der Linken Szene gehen jedoch in die Sprache der Linken Szene nicht ein; sie sind zu „unpolitisch", um Gegenstand von Diskussionen zu werden.


Ein Beispiel: Discos heißen in der Linken Szene „Soliparties". Zwar kann der Soliparty ihr politischer Bezug nicht abgesprochen werden (den Erlös von Soliparties erhalten meist Gruppen, die ehrenamtlich oder ohne jegliche finanzielle Unterstützung arbeiten). Daß Tanzen und gemeinsames Musikhören aber auch Spaß machen, daß man die Soliparties, die ja relativ regelmäßig stattfinden, vielleicht zuweilen mehr wegen der Party, als aus Solidarität mit der gerade unterstützten Gruppe besucht, geht in die Sprache der Linken Szene eher nicht ein.
Daß man einen bestimmten Ort immer wieder aufsucht, weil hier die Gestaltung der Räume genau so ist, wie sie ist. Daß man gerne dorthin geht, weil sich nur dort die Leute genau so verhalten, weil nur dort die Atmosphäre genau so ist, wie sie sein soll, wird nicht zur Sprache gebracht. Ganz zu schweigen davon, daß man der Frage nachginge, was denn das, was hier „genau so ist wie sie ist", nun eigentlich ist, was denn „genau so verhalten" eigentlich bedeutet; woher das denn kommt, dieses Gefühl, hier gerne zu sein. Ob es denn wirklich nur daran liegt, daß die Soliparty politisch ist. All diese Aspekte des Zusammenlebens, und darunter fällt auch Musik, tauchen erst dann in der Sprache auf, wenn sie plötzlich „zu spießig" geworden sind, nicht mehr „politisch" genug sind, politisch nicht länger korrekt sind.


Soliparty


Was bedeutet das aber, wenn etwa Musik als „politisch nicht korrekt" eingestuft wird?
In bezug auf Musik heißt „politisch nicht korrekt" zum Beispiel, daß aus den Songtexten einer Band (oder aus anderweitig bekannten Quellen) herausgelesen werden konnte, daß diese Band sexistisch ist, oder daß sich ihre Mitglieder sexistisch verhalten haben.
Zieht man jedoch in Betracht, daß bei Auftritten von „politisch" an und für sich völlig „korrekten" Punkbands das Pogen der männlichen Punkfans es Frauen im Publikum physisch unmöglich macht, sich ebenfalls vor der Bühne aufzuhalten, so mag man sich fragen, ob eine Kritik von Punkmusik, die nur an den Texten orientiert ist, wirklich alle wichtigen Aspekte der szeneeigenen Verwendungsweise von Punkmusik, alle wichtigen Ebenen der Klanggestalt von Punkkonzerten wahrnimmt. Ob die Frage nach der „political correctness" wirklich imstande ist, bis zur Ebene der Körper, bis zur Ebene des für die Szene typischen Gruppenverhaltens und Raumstruktur vorzudringen; ob eine solche Frage den szeneeigenen Ansprüchen an nicht-sexistisches Verhalten wirklich gerecht wird.
Aber hier gilt eben: solange die Band nicht durch sexistische Äußerungen oder Handlungen aufgefallen ist, ist auch die Veranstaltung politisch korrekt gewesen - ganz gleichgültig, ob die Musik, der Raum und die eingespielten Gruppenstrukturen so gebaut sind, daß sie es Männern sehr leicht machen, pogenderweise den Raum vor der Bühne in Besitz zu nehmen.
Die Linke Szene kann sich, diese Einsicht würden wir aus den beiden Beispielen ableiten, nur deswegen als rein von politischen Texten geprägte (und bruchlos mit diesen Texten übereinstimmende, das heißt: grundsätzlich nichtsexistische, nichtrassistische) Bewegung imaginieren, weil es für die Durchdringung der nonverbalen Ebenen des Lebens in der Szene eine genau bezeichnete Grenze gibt; und diese Grenze ist die Frage nach der „politischen Korrektheit".
Diese Frage dient zum einen offenbar dazu, solche nonverbalen, im Sinne der linken Szene: unpolitischen Ebenen politisch zu perspektivieren. Sie dient dazu, sich auch in Grenzsituationen der Fähigkeit der eigenen Sprache zu versichern, die Dinge beim Namen zu nennen.
Diese Selbstvergewisserung ist nötig, weil die Sprache der Linken Szene einen Anspruch auf universale, allumfassende Gültigkeit erhebt. Die politisch geprägte Sprache der Linken Szene kann ihre große identitätsstiftende Kraft nur entfalten, weil es innerhalb der Szene keine Praktiken gibt, die nicht mit der Frage nach ihrer politischen Korrektheit wieder auf den Boden dieser Sprache zurückzuholen wären. Die Kategorie „politische Korrektheit" garantiert, daß der Glaube, die Szene würde in ihrem Kern durch einen politischen, und das heißt: sprachlich artikulierbaren Grundkonsens zusammengehalten, durch keine außersprachlichen Praktiken gestört wird.
Weil es aber andererseits nie zu einer tiefergehenden Reflexion über Musik kommt, darüber, warum gerade diese Musik (von den Texten einmal zu schweigen) für die Szene so wichtig ist, funktioniert die Frage nach der „political correctness" auch als eine Art Selbstschutz: sie liefert einen sprachlichen Rahmen, innerhalb dessen Praktiken wie Soliparties bzw. das Pogen bei Punkkonzerten relativ ungestört von weiteren sprachlichen Interventionen ihren Gang gehen können.

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2.3 Orte
2.3.1 Veranstaltungsart und -ort

Unsere Beobachtungen fanden an verschiedenen Orten statt, denen gemeinsam ist, das sie einen inhaltlichen Bezug zu der Linken Szene herstellen. Die Veranstaltungen sind vielfältig, öffentlich zugänglich und werden über diverse Flugblätter, Plakate oder den Szene-Monatskalender „Streßfaktor" bekanntgegeben. Diese Vielfalt von Szene-Orten spiegelt die Menge der Veranstaltungsarten wider, bei denen Musik eine Rolle spielt: Konzerte, Parties, Kneipenbetrieb, Demonstrationen. Sie zeigt sich auch im Auftreten der Szenemitglieder, die bei ihrem Äußeren auf Individualität Wert legen, jedoch meist in Gruppen auftreten und dadurch Gemeinsamkeits-Vorstellungen erkennen lassen. Diese bestehen als kleinstem gemeinsamen Nenner in einer „gewissen" politischen Einstellung, die dann über den Inhalt einer Demo, die Veranstaltungsart (Soliparty, Konzert) oder den Veranstaltungsort (ex-besetztes Haus) ausgedrückt wird. Bei den Veranstaltungen (Demo, Konzert, Soliparty, Kneipe) lassen sich gewisse Ähnlichkeiten im Aussehen der Orte, im Ablauf der Demonstrationen und im Verhalten der Anwesenden erkennen. Es wird auf individuelle Ausgestaltung wert gelegt, die nicht den konventionellen Normen entspricht.


Stressfaktor


Die Orientierung an linken Prinzipien führt aber auch zu einem erkennbaren Gesamtbild. Dies zeigt sich nach innen hinein für die Linke Szene in liebevoll gestalteten Räumen mit wiedererkennbaren Zeichen. Für Außenstehende sind die verschiedenen Szene-Hinweise nicht so leicht erkennbar und die Räume können eher einen Second-Hand-Eindruck machen. In der Szene werden diese Innen-Räume als öffentliche, gemütliche Wohnzimmer für alle behandelt. Es entsteht der Eindruck einer eingeschränkten Privatsphäre, die durch den starken Gruppenbezug ersetzt wird.
Die durch Demonstrationen gekennzeichneten öffentlichen Räume sind geprägt über Parolenrufe, Musikbeschallung, Transparente und ein gemeinsames öffentliches Auftreten (siehe Kleidung). Auffallend ist, das es in der Linken Szene relativ viele Demonstrationen gibt, also auf öffentliche Äußerungen und auf ein öffentliches gemeinsames Auftreten viel wert gelegt wird.
Da Demonstrationen der Linken Szene überall stattfinden können, lassen sich hier die Veranstaltungsorte nicht eingrenzen. Bei Konzerten, Kneipen und Parties lassen sich die Szeneorte jedoch festlegen. Die Veranstaltungen mit intensiverem Musikbezug (Demonstrationen, Konzerte, Parties) finden eher unregelmäßig statt, die Kneipen mit Hintergrundmusik sind regelmäßig geöffnet. In den beobachteten Kneipen wird die Musik immer ziemlich laut abgespielt. Es ist meist so an der Lautstärke-Grenze, daß sich die Leute um die Tische noch unterhalten können. Dabei variiert die Musik nach dem Geschmack der Leute, die gerade den Tresen machen. In vielen Szene-Kneipen gibt es an festgelegten Tagen Frühstück bzw. „Volxküche". Das Prinzip dabei ist, daß eine Gruppe dort umsonst zusammen arbeitet und kocht. Das Essen ist vegetarisch oder es gibt eine Wahlmöglichkeit dafür, wobei jedoch meist nur ein Gericht angeboten wird.
Es soll möglichst billig, etwa zum Einkaufspreis, verkauft werden können. Dahinter steckt die Vorstellung, daß alle Menschen genügend Essen bekommen müssen, ohne daß anderen Menschen daraus Profit erwächst.


Soliparties und Solikonzerte finden oft in Zusatzräumen zu einer Szenekneipe statt (Köpi, Supamolli). Als Soli-Veranstaltungen werden die überschüssigen Einnahmen von dem veranstaltenden Kollektiv an inhaltlich nahestehende Projekte gespendet. Darauf wird bei Veranstaltungsplakaten hingewiesen. Die Mitarbeit oder Organisation von Veranstaltungen findet ehrenamtlich statt. Der Ort der Veranstaltung und die inhaltliche Ausrichtung verbinden dabei die Linke Szene.
Auf der Straße finden die Demonstrationen statt, also außerhalb nur der Szene zugeordneten Orten. Jedoch werden auch die Orte für die Demonstrationen sorgfältig ausgewählt, wie zum Beispiel bei der Knastdemonstration, oder es gibt Streit, welcher Ort der Richtige sei, wie bei der 1.Mai-Demonstration. Die Demonstrationen stellen sich meist unter ein Motto, das dann auch die Demonstrations-Route bestimmen kann, wie gegen Nazi-Kneipen oder zu Gedenkstätten. Somit ist auch der Ort einer Demonstration ein wichtiges Ausdrucksmittel, um sich nach außen hin präsent zu zeigen. Sich zu präsentieren, führt gleichzeitig dazu, sich als Gruppe immer wieder zu konstituieren. Gemeinsam haben alle diese Veranstaltungsarten, daß sie kein angekündigtes Ende haben. Dies trifft in einer gewissen Weise auch auf Demonstrationen zu, die sich meist nicht so schnell auflösen, wie die Polizei es wünscht.


8. Mai


In den geschlossenen Räumen dauern die Veranstaltungen so lange, wie das veranstaltende Kollektiv Lust dazu hat oder noch BesucherInnen da sind. Der Schlußpunkt wird frühzeitig durchgesagt, um den Anwesenden einen langsamen Abschluß zu ermöglichen und damit nicht die Vorstellung eines festgesetzten starren Schlusses oder Rauswurfs zu erwecken. Dies ist ein Versuch, der Szene-Vorstellung vom „selbstbestimmten Leben" näherzukommen. Das steht dann im Gegensatz zu der von der Polizei geforderten sofortigen Zerstreuung nach der Beendigung einer Demonstration. Diese Aufforderungen werden als staatlicher Machtausdruck, der durch einschränkende Ordnungsvorstellungen disziplinieren will, abgelehnt.
Die Innenräume, in denen Kneipe, Konzerte und Parties stattfinden, sind phantasievoll und individuell gestaltet. Sie wirken liebevoll eingerichtet, geschmückt mit handgemachten Utensilien und bekommen dadurch ein unprofessionelles Ambiente. Die Einrichtungsgegenstände sehen nach Unikaten aus. Dazu gibt es noch einen Platz für politische Plakate und eine Tafel mit aktuellen Terminen. Einen Wiedererkennungs- und Zuordnungseffekt zur Linken Szene haben bestimmte Zeichen und Schriftzüge, die an den Wänden innen und außen wiederzufinden sind: schwarze oder schwarz-rote Sterne, Anarchie-Zeichen, Hausbesetzer-Zeichen; Schriftzüge wie: „Nazis raus"; Spuckis mit: „kein mensch ist illegal". Manchmal sind die Aussagen der Szene in kleinen Gedichten oder Liedzeilen an die Wand geschrieben: „Jeder geschlossene Raum ist ein Sarg" (Blumfeld) oder „Allein machen sie dich ein" (alt: TonSteineScherben, neu: Die Sterne).
Neben diesen mehr oder weniger stark der Musik gewidmeten Orten, gibt es auch noch solche, die zur Szene gehören, bei denen aber die Musik eher im Hintergrund steht. Sie dienen dazu, die Musikveranstaltungen bekannt zu geben: Infoläden, Archive, Filmvorführungen, Lesungen, Diskussionsveranstaltungen.

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2.3.2. Untersuchte Orte

Kneipe: Supamolli
Mit dem Namen „Supamolli" bezeichnet sich eine täglich geöffnete Kneipe in einem ex-besetzten Haus. Das Haus ist außen durch politische Transparente und Wandmalereien geschmückt und mit Efeu zugewachsen. Die Kneipe ist ein langgezogener, zweigeteilter Raum, bei dem sich im vorderen Teil der Tresen befindet. Der Eingang ist über eine improvisierte kleine Treppe erreichbar. Im hinteren Teil des Raumes befinden sich einfache Sitzgelegenheiten für die Gäste: Tische und Stühle aus Holz. Vorne kann an dem großen Tresen Platz genommen werden oder an ein paar Stehtischen.
Die Räume selbst sind kaum beleuchtet, es gibt Kerzen auf den Tischen und bunte Glühbirnen und Lichtgirlanden an den Wänden. Die Gestaltung der Räume wirkt gemütlich, handgemacht und unkommerziell. Der Raumschmuck reicht von Plastikblumen, alten Bildern und Plakaten bis zu Tarnnetzen und alten wie neuen roten Blumenverkäufer-Rosen. Das gesamte KneipenInventar sieht gebraucht aus und nichts scheint neu bzw. extra für die Kneipe gekauft zu sein. Gleichzeitig wirkt das Gesamtarrangement bewußt liebevoll gestaltet, obwohl es einen ungestalteten Anschein erweckt.
Es gibt eine breite Auswahl an Getränken, jedoch keine Zapfanlage für Bier. Dies würde entweder einen zu hohen finanziellen Aufwand oder eine nicht gewollte vertragliche Bindung erfordern. Die Getränke müssen von den Besuchern am Tresen abgeholt und dabei gleich bezahlt werden, es erfolgt keine Tischbedienung. Das Bier wird üblicherweise aus der Flasche getrunken. Damit soll hierarchischen Vorstellungen wie „Kunde ist gleich König" entgegengewirkt werden, denn am Tresen steht keine lohnarbeitende Bedienung, sondern ein unbezahltes Kollektivmitglied. Da die Vorstellung die ist, daß die Tresenkraft ehrenamtlich für alle Anwesenden arbeitet, hat er oder sie auch die Möglichkeit, unangenehme Gäste hinauswerfen zu lassen. Dies gilt auch für Gäste, durch die sich andere Gäste belästigt fühlen (gilt auch für andere Veranstaltungen).
Zur Musik läßt sich sagen, daß ein wichtiger Bestandteil der Kneipe die gute Stereoanlage hinterm Tresen ist. Es läuft immer Musik, die relativ laut abgespielt wird. So entsteht wegen der hohen Lautstärke der Eindruck, daß die Musik nicht nur als Hintergrundmusik und Berieselung gedacht sein kann, sondern auch einen wichtigen Teil des Ambientes darstellt.

Soli(daritäts)party: Friedrichshainer Kiezdisco
Die Soliparty fand in dem Veranstaltungsraum der oben beschriebenen Kneipe Supamolli statt. Der Veranstaltungsraum befindet sich im Hinterhaus und hat einen separaten Eingang. Es ist ein Ort, an dem oft Parties und Konzerte durchgeführt werden. Die Friedrichshainer Kiezdisco ist jedoch eine unregelmäßige Veranstaltung, die nicht immer an diesem Ort stattfindet.
Die Veranstaltung bestimmt sich stark inhaltlich, da es ihr Zweck ist, Spendengelder zu beschaffen. Es wird ein geringes Eintrittsgeld (3 DM) verlangt, das mit dem Gewinn aus den Getränken als Unterstützung an politisch nahestehende Projekte verteilt wird. Trotzdem sind die Preise für Getränke nicht besonders hoch, eher niedrig, da die Party auch noch ein Treffpunkt für Leute sein soll, die nicht viel Geld besitzen.
Der Beginn der Party war für Samstag, 22.00 Uhr angekündigt, es befanden sich zu diesem Zeitpunkt aber kaum Gäste in den Räumlichkeiten. Die vom Publikum am meisten frequentierte Zeit war zwischen 0.30 Uhr und 5.00 Uhr. Der Veranstaltungsraum ist auf drei Ebenen ineinander verschachtelt. Er macht zusammen mit den dunklen Lichtverhältnissen, bunten Lichtern und Lichteffekten einen unübersichtlichen, unstrukturierten Eindruck. Die Besucher saßen und standen ungeordnet herum bzw. drängten sich aneinander vorbei. Die Party war am besten im Gange, als es gedrängt voll war. In einem Extra-Raum gab es Stühle und Tische als Sitzmöglichkeiten, sonst waren keine Sitzgelegenheiten vorhanden. Die Leute saßen teilweise auf dem Fußboden, am Bühnenrand oder auf den Treppenstufen. Das Mobiliar und auch das Publikum waren durch die schlechten Lichtverhältnisse schwer eindeutig zu erkennen. Diese Tendenz zur Dunkelheit und Unschärfe wurde durch die in dunkler Farbe gehaltenen Wände noch unterstützt. Die Einrichtung des Raums kann als „trashig" bezeichnet werden: alte verstaubte Plastikblumen an den Wänden, ein Stuhl aus einer alten Trockenhaube, bemalte Figuren aus Pappmache an den Wänden und in der Luft hängend, Haushaltsgegenstände an der Decke klebend und weitere künstlerisch gestaltete Gegenstände im Raum verteilt.
Da es kein festgesetztes Ende der Veranstaltung gab, bröckelte das Publikum so langsam weg. Gegen 7.00 Uhr waren nur noch wenige Leute da und über das DJ-Pult wurde das Ende der Veranstaltung angekündigt. Am Tresen wechselten sich im Laufe des Abends mehrere Leute ab. Auch die DJ's wechselten sich aus. Die Party wurde von einem Party-Kollektiv veranstaltet.
Die Musik-Anlage bestand aus zwei CD-Playern, zwei Cassetten-Decks, zwei Plattenspielern und einem Mischpult mit Boxen. Musik wurde von sechs verschiedenen DJs aufgelegt, die sich in Zweiergruppen über den Abend verteilten, am Anfang zwei Frauen danach zweimal zwei Männer. Der Musikstil wechselte sich in Gruppen von drei bis sieben Liedern je Stil ab.
Dabei wurden gespielt: Dub, wenig Drum und Bass/Hamburger Schule, HipHop, Raggamuffin, Reggae, Diskomusik der 70er, NDW, New Wave, Punk, TripHop und Crossover. Es wurde explizit kein Techno gespielt und selten etwas, was sich unter Mainstream oder Popmusik fassen ließe, es war mehr der sogenannte „Mainstream der Minderheiten".

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2.3.3. Untersuchte Demonstrationen

Wir haben drei Demonstrationen beobachtet, bei denen jede einen anderen Inhalt hatte. Zwei von den Demonstrationen waren offiziell angemeldet, eine war eine Art Spontan-Demonstration. Gemeinsam war diesen drei Demonstrationen, daß es einen Lautsprecherwagen gab, von dem herab Musik gespielt wurde und, je nach Demo unterschiedlich lang, Texte zum Inhalt der Demonstration vorgelesen wurden.
Vor Demonstrationsbeginn erfolgt gewöhnlich, ab dem als Beginn angegebenen Zeitpunkt, das sogenannte „Sammeln" der DemonstrationsteilnehmerInnen. Das dauert ca. 30 - 45 Minuten, dann beginnen die DemonstrationsteilnehmerInnen loszulaufen. Am Rande der Demonstration werden Flugblätter zum Inhalt der Demo an Passanten verteilt. Bei jeder Demonstration ist Polizei dabei, die das alles bewacht und beobachtet. Es werden Transparente vor und an der Seite der Demonstration getragen. Die abgespielte Musik paßt inhaltlich zur Aussage der Demonstration. Sie wird vom Lautsprecherwagen abgespielt, von dem auch die gesamte Koordination der Demo erfolgt. Er ist deshalb eines der wichtigsten und bestbehütesten Gegenstände einer Demonstration.

Die Gelöbnix-Demonstration

Diese Demonstration kritisierte das Militär und das öffentliche Bundeswehrgelöbnis. Es fand am gleichen Tag statt, wie das öffentliche Bundeswehrgelöbnis vor dem Roten Rathaus. Die Demonstrierenden sammelten sich vor der Humboldt-Universität auf der Straße, der Lautsprecherwagen spielte Musik, die Leute rollten Transparente aus und verteilten Flugblätter.
Die Demonstration führte dann als Kurz-Demonstration in die Nähe des Roten Rathauses. Das Polizeiaufkommen verstärkte sich, als die Demonstration begann, und wurde mit dieser Polizei-Begleitung zu dem vorgesehenen Kundgebungsort geleitet. Am Kundgebungsort wurde auf einer Bühne Live-Musik gespielt und zwischendurch auch Musik aus der Konserve. Gleichzeitig fand ein Straßenfest statt mit verschiedenen Ständen, die Informationen, Kleinzeugs, Essen und Trinken anboten. Am Veranstaltungsort wurde von der Polizei versucht, die Lautsprecheranlage bzw. den Verstärker zu klauen, deshalb gab es nur zeitweise Musik und ein größeres Gerangel mit der Polizei. Mit dieser Beschlagnahme sollte jegliche Beschallung verhindert werden, die die Kritisierten, die an der Gelöbnis-Veranstaltung der Bundeswehr teilnahmen, stören könnte.


Stressfaktor


Dabei war deutlich, daß Textvorträge und Musik gleichermaßen als Kritik bzw. als Störung empfunden wurden: der Inhalt und die Lautstärke trugen beide den Störungs- bzw. Demonstrationscharakter.
Die Musik, die während der Demonstration vom Lautsprecherwagen erklang, kann als „powerful" bezeichnet werden, obwohl verschiedene Stile bemüht wurden, wie Dub, HipHop in englischer Sprache, ein Lied mit spanischem Text, Punk, Deutsch-Punk und Crossover. Ein Crossover aus Punk, Folk und Gitarren-Rock war das zum Anlaß gespielte und passende Lied: „Soldaten sind Mörder" von der Gruppe „Tod und Mordschlag" (Wahrschauer-CD Nr. 33).

Reclaim the Street

Das Ziel dieser Aktion/Demonstration ist es, überraschend und für kurze Zeit einen öffentlichen Platz in der Stadt zu besetzen. Der Hintergrund dazu ist, daß in England ein Gesetz erlassen wurde, der Criminal Justice Act (1994), das sich in seinem Entstehungshintergrund gegen die Dance-Szene richtete, die von den Parlamentariern als „Partywelle zur Anarchie" hochstilisiert wurde. Diese erste Berliner „Reclaim the Streets"-Aktion wird, laut Botschaft auf einem dazugehörigen Flugblatt, als „illegale" Straßenparty gesehen, um sich den Ort zum Feiern selbst aussuchen zu können und sich die Straße zurückzuerobern. Dies soll an diesem Tag in mehreren Städten Europas geschehen. Auf dem Flugblatt sind desweiteren Hinweise dazu, was zu tun ist, wenn die Polizei jemanden festnimmt.
Die Aktion fand auf einer Straßenkreuzung in Berlin-Mitte, Nähe Alexanderplatz, statt. Das Vorgehen war so, daß die Örtlichkeit für das Event erst bekanntgegeben wurde, als sich genügend Menschen an einem bekanntgemachten Treffplatz vorher zusammengefunden hatten. Dies geschah als Vorsichtsmaßnahme, da es um eine Raumbesetzung ging und befürchtet wurde, das die Polizei es verhindern würde. Das Ereignis begann ca. 14 Uhr, indem der bis dahin geheim gehaltene Veranstaltungsort von Mund zu Mund weitergegeben wurde und die Versammelten sich dorthin begaben. Dort wurde getanzt, die Straße bemalt, jongliert, auf der Straße herumgesessen und diskutiert, getrunken, geraucht, gegessen und Volleyball gespielt.


Reclaim the Streets


Luftballone und Wasserplansch-Bälle flogen durch die Luft, einige spielten Musik und sangen. Es wirkte wie ein großes eingegrenztes Wohnzimmer im Freien. Die Veranstaltung löste sich langsam gegen 19 Uhr auf. In der Zwischenzeit versuchte die Polizei durch Nachfragen, Verantwortliche für die Aktion zu erhalten bzw. auszumachen. Sie wurden nicht fündig, weil es so etwas in diesem Konzept prinzipiell nicht als Person gibt und weil auch nicht auf eine Zusammenarbeit mit den Ordnungshütern Wert gelegt wurde, denn das hätte dem Prinzip der Veranstaltung nicht entsprochen.
Die Musik kam von einem Soundsystem, das auf einem Pritschenwagen aufgebaut war: zwei Boxen und zwei Plattenspielern auf einem Tisch dazwischen noch Mischpult und Kopfhörer für die DJs. Der Musikstil war eingegrenzt auf Techno, Drum and Bass, Acid House. Es wechselten sich viele verschiedene DJs ab (männlich/weiblich). Vor dem Musikwagen wurde individuell getanzt, mit eher schnellen Bewegungen. In größerer Entfernung wippten die Leute in den Hüften mit der Musik mit.

Antifa-Demonstration gegen Vatertag
Bei dieser Demonstration handelte es sich um eine durch Plakate angekündigte Antifa-Demo durch mehrere Straßen in Friedrichshain. Sie richtete sich gegen Nazi-Kneipen und den Vatertag als männliches Symbol für rassistisches und sexistisches Verhalten von Männern (siehe Redebeiträge auf der Demo und Ankündigungstext auf den Plakaten). Bevor man an den angekündigten Sammelort für die Demonstration gelangen konnte, machte die Polizei Personenkontrolle, indem sie Leute nach ihrem Aussehen heraussuchten und dann abtasteten.
Die Demonstrations-TeilnehmerInnen versuchten eine Präsenz von Frauen herzustellen: mit einem FrauenLesben-Block, der durch seine Geschlossenheit stark und militant wirkte, Beiträgen von Frauen über den Lautsprecherwagen und es wurde nur Musik, die von Frauen gesungen wurde, gespielt (Skunk Anansie, Janis Joplin, MC Lyte, Chambawamba).
Der Weg der Demonstration führte an Treffpunkten von Faschisten (Kneipe Germania, Tattoo-Laden) vorbei, wobei aus dem Lautsprecherwagen ein entsprechender Text dazu vorgelesen wurde. Es entstand eine Stimmung zwischen Anspannung und Bedrohung: es wurde von allen Seiten fotografiert (Faschisten, Polizei, Demo-TeilnehmerInnen), vom Lautsprecherwagen kam die Aufforderung, sich nicht von den Nazis oder der Polizei provozieren oder teilen zu lassen. Immer wieder suchten junge sportliche Männer die Haus- und Toreingänge nach dort versteckten Nazis ab, das wirkte bedrohlich und unheimlich. Der Abschluß der Demonstration war ein kurzer Redebeitrag mit Terminhinweisen.

Schlußfolgerungen
Es wird versucht, durch unterschiedliche Veranstaltungen, diese zur Gemeinschaftsbildung zu benutzen, indem eine kollektive Beteiligung und gemeinsame Arbeit angestrebt wird. Nach den Vorstellungen der Linken Szene, soll dies dazu beitragen, Hierarchien zu vermeiden. Genauso soll auch der unkommerzielle Aspekt dazu dienen, dem kapitalistischen Zwang des leistungsstarken Einzelkämpfertums zu entgehen. Dagegen lautet die Szene-Parole: gemeinsam leben, arbeiten und kämpfen. Dies beinhaltet auch eine gewisse Selbstausbeutung, die aber zugunsten der politisch-gleichgesinnten Gemeinschaft gern in Kauf genommen wird. Das Individiuum in dieser Szene verbindet somit seine Arbeit für die Gemeinschaft mit seinem Freizeitverhalten.
Bei allen Arten der Veranstaltungen in der Linken Szene umspannt ein Zusammengehörigkeitsgefühl die sich an diesen Orten einfindenden Menschen. Es ist wie ein gemeinsam geteiltes Wissen, daß es hierbei nicht nur um „fun" geht. Es geht um mehr, um eine gemeinsame Weltanschauung, und sei diese noch so diffus. Aber bereits die Anwesenheit zu dieser Zeit an diesem Ort ist eine Aussage der inhaltlichen Dazugehörigkeit bzw. wird als solche gewertet.
Dies gilt für Parties und Konzerte nicht so eindeutig wie für Demonstrationen. Es wird auch eine gewisse Kontinuität gefordert, die sicherstellen soll, daß die Anwesenden nicht wegen einer kurzfristigen Modeerscheinung da sind. Dies läßt solche Orte und Veranstaltungen wie die einer älteren Gemeinschaft erscheinen, obwohl hauptsächlich jüngere Menschen sich dort aufhalten.
In der Musik drückt sich das in kraftvollen und raumeinnehmenden Songs aus, die teilweise als zweifelnd und depressiv beschrieben werden können, aber nicht als sanft oder zerbrechlich. Die Betonung liegt mehr auf einem raumfüllenden Bass und kraftvollen Akkorden, deshalb gibt es bei Veranstaltungen auch manchmal Probleme wegen der Lautstärke. Denn wenn die Nachbarn die Lautstärke und/oder die Linke Szene nicht mögen, wird die Polizei alarmiert.

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2.3.4. Orte als Lebensraum

Die überwiegende Mehrzahl der Szenezugehörigen verfügt über einen festen Wohnsitz. Dabei reicht die Spannweite vom WG-Zimmer im ehemals besetzten Haus bis zur regulär angemieteten Zweizimmerwohnung, vom Zimmer ohne Dusche und Heizung bis zum Zimmer in der elterlichen Wohnung. Diese privaten Räume spielen jedoch im Leben der Szene nur eine untergeordnete Rolle. Solange sie nicht - indem etwa die Bewohner eines Hauses in einer Art Hausgemeinschaft zusammenleben - in öffentliche bzw. halböffentliche Räume verwandelt worden sind, behandelt man sie, als wären sie inexistent.
Entsprechend dienen dann die anderen, öffentlichen, allgemein zugänglichen Orte, die regelmäßig von der Linken Szene als Szene frequentiert werden, nicht allein als Versammlungsräume oder Treffpunkte, sondern sind der eigentliche Lebensraum der Szenezugehörigen, sind, anders als die Privaträume, Orte, an denen die Szene sich als Szene erfährt.

Es erscheint sinnvoll, thesenhaft festzuhalten, was die charakteristischen Eigenschaften aller Orte der Linken Szene sind:

a) Orte sind Lebensraum, und das heißt:
b) Orte werden sinnlich zu einem Teil der sie frequentierenden Subjekte gemacht.

Orte haben zudem nie nur eine, feste, unveränderliche Funktion; insbesondere die Trennlinien zwischen

c) Innenräumen und Außenräumen sowie
d) privaten und öffentlichen Räumen werden verwischt.

Was ist unter a) mit „Lebensraum" gemeint?
Mit diesem Begriff versuchen wir, der Tatsache Rechnung zu tragen, daß sich an den Orten der linken Szene nicht nur angenehm die Freizeit verbringen läßt, sondern daß diese Orte dafür eingerichtet sind, ein Leben fast gänzlich abseits der Welt des Normalbürgers zu ermöglichen.
Autonom leben heißt dann, sein ganzes Leben in der Szene, mit der Szene zu verbringen; heißt auch, nicht länger zwischen Arbeit und Freizeit, zwischen Mitarbeitern und Freunden unterscheiden zu müssen, sondern eine Gemeinschaft zu finden, die Lebens- und Arbeitsgemeinschaft zugleich ist, in der jeder jeden kennt und jeder mit dem anderen zusammenlebt.
Die Orte der Linken Szene sind ein Unterschlupf - hier findet man eine Gemeinschaft, die langfristig Schutz bietet, eine Gemeinschaft, in der es sich leben läßt.


Dieses Verlangen nach einer Gemeinschaft könnte einer der Gründe sein, warum viele Orte der Linken Szene billige Mahlzeiten anbieten. Denn nicht nur ist Essen und Trinken lebensnotwendig (weswegen die Möglichkeit, preisgünstig Mahlzeiten zu erwerben, Grundbedingung dafür ist, daß eine Subkultur zum Lebensraum wird); sondern die Linke Szene hat sämtliche Aspekte der Ernährung konsequent in einen Katalysator des Kollektiv-Werdens verwandelt. Von der Auswahl der Gerichte, über das Besorgen der Zutaten, bis zum Kochen der Mahlzeiten; vom gemeinsamen Warten darauf, daß das Essen fertig ist, von den Preisen, die für eine Mahlzeit zu zahlen sind, über die Räume, in denen gegessen wird, bis zu den Leuten, die zur Volksküche oder in die Gemeinschaftsküche kommen; alles dient hier dazu, vom Zustand der Vereinzelung in den Zustand der Kollektivität zu gelangen.


Vokü


Dabei ist deutlich, daß diese gemeinsamen Mahlzeiten auch ein Weg sind, im Angesicht durchaus vorhandenen Privatbesitzes die Kollektivität, die Existenz einer Gemeinschaft als Lebensgrundlage zu demonstrieren - und, temporär, auch zu verwirklichen.
Denn Besitz gibt es natürlich schon; viel außer Haus zu sein, sich viel an den Orten der linken Szene aufzuhalten, bedeutet dann einen Versuch, diesem Privatbesitz, der Eingebundenheit in eine Gesellschaft, in der es Privatbesitz gibt, diesem Besitz seine prägende Bedeutung zu nehmen. Es gibt allerdings auch Aspekte des Lebens in der Linken Szene, wie etwa Sexualität bzw. die weitverbreitete heterosexuelle Zweierbezieung, die sich ganz dezidiert nicht an den öffentlichen Orten der Linken Szene, sondern privat, zu Hause abspielen.
Abschließend könnte man die These formulieren, daß Essen auch deswegen einen so zentralen Raum einnimmt, weil es sich um ein sinnliches Erlebnis handelt, weil so eine sinnliche Verbindung mit den Orten und den Personen der Linken Szene hergestellt wird.

b)
Anscheinend gibt es in der Linken Szene eine starke Tendenz dazu, sich den Lebensraum, die Orte, an denen man halb freiwillig lebt, aber mehr noch gezwungen ist, sein Leben zu verbringen, sinnlich anzueignen, sie in der Gemeinschaft sinnlich zum eigenen Lebensraum zu machen.

Ein gutes Beispiel hierfür ist das Verhalten von Punks im öffentlichen Raum.
Augenfällig scheint uns, wie wenig Scheu Punks davor haben, mit der Straße, mit ihrer Umwelt körperlich in Kontakt zu kommen. Ob es sich um U-Bahnen oder den blanken Asphalt handelt, Punks sorgen sich offenbar nicht um ihre, um die Verschmutzung ihrer Kleidung durch den dreckigen Straßenboden. Es bedarf keiner besonderen Überwindung mehr, sich auf die Straße zu setzen oder zu legen.
Das könnte heißen, daß Punks noch am ehesten wissen, wie sich eine Straße anfühlt; daß sich eine Straße überhaupt anfühlt. Sie wissen, daß sie sich auch in den städtischen Außenräumen in einem tastbaren Raum aufhalten, daß sie sich durch einen tastbaren Raum bewegen, der nicht nur in Form von Bänken, Bäumen und vor allem: Konsumgütern der Berührung offensteht. Denn in hochgradig kommerzialisierten Räumen wie zum Beispiel der Friedrichstraße stellt das Berühren derjenigen Gegenstände, die man kauft, die einzige Möglichkeit dar, mit seiner Umwelt in körperlich-sinnlichen Kontakt zu kommen.
Wenn für Punks die Straße, ob erzwungenermaßen oder nicht, zum Lebensraum geworden ist, dann behandeln sie die Straße als ihren Lebensraum. Punks - vielleicht, weil sie es sich leisten können, vielleicht auch nur, solange sie es sich leisten können - verhalten sich selbst, wenn sie obdachlos sind, nicht als Aussätzige, die sich ihres sicherlich selbst verantworteten Schicksals gefälligst schämen sollten, sondern als Bewohner, wenn nicht: als die eigentlichen Besitzer der Orte, an denen sie dann um die bewußte Mark betteln.
Zusammenfassend kann man sagen, daß im Umgang mit Außenräumen, wie er nicht nur für Punks, sondern für die gesamte Linke Szene typisch ist, sich ein antikonsumistischer Impuls vermischt mit dem Versuch, über die Ebene sinnlicher Wahrnehmungen zu einem Gefühl der Zugehörigkeit, der Vertrautheit mit den Räumen zu gelangen, in denen man lebt. Auf daß sinnlich evident werde, daß dies mein Lebensraum, meine Straße, mein Kiez ist, daß ich hier lebe.
Entsprechend gilt nun, daß sich in der Linken Szene eine ganz bestimmte Form der Nutzung und Ausgestaltung von Orten entwickelt hat. Sie zeichnet sich dadurch aus, daß, obwohl es zu einer großen Identifikation mit bestimmten Orten kommt, alle Tätigkeiten, die auf Innenräume angewiesen sind, an jedem beliebigen Ort der Linken Szene stattfinden könnten.

c)
Es ist richtig, daß viele der allgemein zugänglichen Orte der Linken Szene sich in besetzten oder ehemals besetzten, das heißt: in Häusern befinden, die lange Zeit leer gestanden haben, die für den Abriß bestimmt oder bereits teilweise abgerissen waren. Wir glauben jedoch nicht, daß es allein das fehlende Geld oder die ungesicherten Besitzverhältnisse sind, die - zwangsläufig - zu genau dieser, szenetypischen Gestaltung und Ausgestaltung der Räume geführt haben. Denn nicht nur sind die ehemaligen Besetzer in vielen Fällen inzwischen die Besitzer oder langfristigen Mieter der Häuser. Auch scheint uns plausibel, daß Hausbesetzer, anders als Punks, deren Gestaltungswillen im öffentlichen Raum „Straße" enge Grenzen gesetzt sind, im abrißreifen Altbau um so eher ihre gestalterischen Träume verwirklichen würden, als daß es hier per se keinen Hausbesitzer mehr gibt, der ein Interesse an einem weitervermietbaren Zustand der Wohnungen hätte. Insofern sollte sich die Vermischung von Innen- und Außen- räumen in den allgemein zugänglichen Orten der Linken Szene eher noch deutlicher abzeichnen, als im Falle der Punks und der Straße.
Daher lautet unsere These, daß alle Orte der Linken Szene bewußt so gestaltet sind, daß sie aussehen, als hätte sich hier, an dieser Stelle, der ursprünglich unbewohnbare Außenraum erst vor kurzem zu einem Innenraum geschlossen.
Denn zu vieles deutet darauf hin, daß dieses Haus erst gestern besetzt worden ist. Immer noch, nach all den Jahren, ist es ein betont nur auf Zeit bewohnter und bewohnbarer Ort. Gibt es sanitäre Einrichtungen? Das ja, aber weil man teilweise weder über Gas- noch Ofenheizung verfügt, ist es in diesen Innenräumen oft fast ebenso kalt wie außerhalb. Die Wände sind meist unverputzt, der Boden ist nicht durchgehend mit demselben Belag versehen, die Dielen abgeschabt, Zement uneben ausgegossen. Manchmal steht Gerümpel herum, Überbleibsel von Umzügen und Bauschutt. Sich draußen auf die Straße zu setzen, ist fast dasselbe, wie sich hier auf den - ohnehin nicht geputzten - Boden. Niemand würde auf die Idee kommen, sich seines Mantels oder gar seiner Schuhe an der ohnehin nicht vorhandenen Garderobe zu entledigen.
Diese Innenräume bieten zwar Schutz, sind aber noch soweit Außenräume, daß ihnen jeder Anflug einer vielleicht erdrückenden Intimität fehlt.
Dies nun ließe sich als Versuch deuten, Verhaltensmuster und -kodizes, die sich in Innenräumen fast automatisch einstellen, auszuschalten; der gefährlichen Vertrautheit, dem Ausgeliefertsein an die verschiedenen Institutionen (Schule, Ämter, Beruf etc.) etwas entgegenzusetzen, daß sich einem nicht an den Hals wirft, sich nicht als privater Ort aufdrängt, das nicht nach Identifikation heischt, nicht ein Privatraum werden will, nur um Subjektgrenzen leichter durchbrechen zu können. Einen Innenraum, der Individualität nicht in Besitz nimmt, nicht in sein Privateigentum verwandelt, das er bei der ersten sich bietenden Gelegenheit vielleicht wieder veräußert. Ein Ort, der nichts fordert, was vielleicht nicht einzulösen ist. Ein Ort, an dem man sich sofort zurechtfinden kann, für den es noch keine Regeln gibt.

d)
Es kann nicht verwundern, wenn an den Orten der Linken Szene die Unterscheidung von Freizeit und Arbeit ebenso in Frage gestellt wird, wie die Unterscheidung von Innen- und Außenräumen. Wie die Räume ineinandergeschoben werden, so vermischen sich auch die diesen Räumen normalerweise zugeordneten Handlungen, verwischen sich die Grenzen und die sprachlichen Unterscheidungen zwischen diesen Handlungen. Diese Handlungen werden als Teil ein und desselben Lebens erfahrbar.
Wie die Organsiationsformen der Linken Szene erleichtert es auch der Aufbau der Orte, mit denselben Personen sowohl bei politischen Projekten, wie bei der Renovierung der Räume und der Zubereitung der Mahlzeiten zusammenzuarbeiten. Dadurch kommt es auch zu so etwas wie der Aufhebung des Unterschiedes zwischen geistiger und körperlicher Arbeit: denn alles ist Arbeit, die getan werden muß, wenn das Projekt weiterbestehen soll.
Diese Orte sind also nicht an bestimmte Personen gebunden, sie gehören ebensowenig bestimmten Personen, wie irgend jemand an diese Orte gebunden ist. Sondern sie leben durch die Projekte und Arbeitsgemeinschaften, die sich dieser Orte angenommen haben. Die Orte der Linken Szene könnten, auch wenn es schmerzhaft wäre, aufgegeben werden (immerhin haben ja fast alle Auswahlmöglichkeiten in Form von Privaträumen).
Daß es sich nicht um öffentliche oder private Räume handelt, nicht um Innen- und nicht um Außenräume, heißt indessen nicht, daß diese Räume emotional kalt, kahl, von Bedeutungen entleert wären, denn es sind sehr individuell gestaltete Räume. Individuell heißt hier, daß es kein gestalterisches Gesamtkonzept gibt, daß es keine großangelegte ästhetische Vision gibt, der die Gestaltung jedes Raums, jeder Wand und jeder Nische bis zu den Details der sanitären Anlagen unterworfen worden wäre. Vielmehr zeichnen sich diese Orte dadurch aus, daß es überall, an Wänden, an der Decke, in Ecken Bereiche gibt, die, vielleicht für einen besonderen Anlaß, für eine Party, oder auch, weil gerade Farbe vorhanden war, kurz: die irgendwann einmal von irgendjemandem künstlerisch ausgestaltet worden sind.
Innerhalb der Szene ist die Geschichte der Entstehung dieser gestalteten Bereiche bekannt und wird tradiert. In dieser Gemeinschaft ist Platz für Individuen, jedes Individuum wird auf unbestimmte Zeit als ganz besonderes Individuum in den Raum der Gemeinschaft aufgenommen. Dies ist dann ein Raum, in dem sich jeder für einen Moment als Bewohner einer „neuen Zeit" fühlen darf, weil aus ihm das Bewußtsein für die Abhängigkeit von einer finanzkräftigen Außenwelt ebenso verbannt wurde, wie das Bewußtsein dafür, daß man sich in einem subkulturellen Raum aufhält.
Wir möchten jetzt noch auf einige Verwerfungen in der Organisation des Raumes in der Linken Szene hinweisen, die aus latenten Widersprüchen zwischen den oben genannten Kategorien resultieren.
So ist leicht einzusehen, daß die Vermischung von Innen- und Außenräumen tendenziell im Widerspruch steht zum Versuch, die Subkultur als autonome, im Abseits gelegene, schutzbietende Gemeinschaft zu erhalten. Wo die ungehinderte Vermischung aller Räume sicherlich das Ende der Gemeinschaft als schutzbietender zur Folge hätte, ließe sich bei einer hundertprozentigen Abschottung der Anspruch auf eine Öffnung der Szene nach außen nicht mehr aufrechterhalten.
Wie wird nun dieser Widerspruch ausgetragen? Soweit wir es beurteilen können, auf drei verschiedenen Ebenen:

- Indem sich die Szene in verschiedene Subszenen aufspaltet:
So zerfällt die Szene zum Beispiel in Vegane, die im eigenen Haus wohnen, um gemeinsam, ja: privat ein veganes Leben führen zu können, oder Punks, die auf der Straße, dem nicht-intimen Ort schlechthin, einen Innenraum zu erzeugen suchen.

- Indem bestimmte Raumstrukturen gefunden werden, die den Widerspruch zumindest für die lösen, die sich gerade an dem jeweiligen Ort befinden, wie zum Beispiel im Supamolli:
Das Supamolli besteht aus einer Kneipe und einem Klub. In den Klub gelangt man erst, wenn man den zum Supamolli gehörigen Hinterhof durchquert hat. Dieser Hinterhof aber ist - das entsprechende Wetter vorausgesetzt - voller Menschen, so daß hier, an diesem Ort, das Bedürfnis nach „Schutz" mit dem Bedürfnis nach der Vermischung von Innen- und Außenräumen versöhnt wird.

- Indem Formen des Ausagierens dieses Widerspruchs gefunden werden, im Laufe derer sowohl die „völlige Auflösung" als auch die „völlige Abschottung" als Gefahren erfahrbar werden, denen es auszuweichen gilt und denen mit einem Kompromiß begegnet werden muß.
Demonstrationen sind zunächst einmal ein Weg der Öffnung der Gemeinschaft; indem man jedoch auf Demonstrationen oft die Konfrontation mit dem „Feind" sucht, führt man sich auch immer wieder die Grenzen der Aufnahmefähigkeit und der Ausweitung der Gemeinschaft vor Augen.

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2.4. Soziale Struktur und Erscheinungsbild
2.4.1. Alter

Das Alter der meisten Personen innerhalb der Szene haben wir auf ca. 20-35 Jahre eingeschätzt, Ausnahmen nach unten oder oben gibt es aber sicherlich auch. Zu bestimmten Veranstaltungen, die Festcharakter haben, werden auch Kinder mitgenommen.
Daß die Mehrheit der Leute also relativ jung ist, kann einerseits daran liegen, daß viele noch Studenten sind (oder zumindest als Student eingeschrieben), daß man noch nicht verheiratet ist und noch keinen festen Beruf hat, da man viel Zeit braucht, sich für die Szene zu engagieren. Dazu gehört sicherlich auch ein gewisses Maß an Optimismus, mit seinem Einsatz etwas zu bewirken bzw. man möchte sich selbst verwirklichen. Man benötigt also Voraussetzungen zur Mitarbeit in der Szene, die eher für junge Leute zutreffen.

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2.4.2. Kleidung und Accessoires

Bei der Kleidung der Linken Szene lassen sich, bei aller Vielfalt, bestimmte Tendenzen und einige charakteristische Merkmale herausarbeiten. Vorweg ist es wichtig zu bemerken, daß sich Frauen und Männer in ihrem Stil nicht grundlegend unterscheiden.
Es ist selten der Fall, aber wenn Röcke und Kleider getragen werden, kann man folgendes Typische feststellen: Schnürstiefel werden zu kurzen wie langen Röcken oder Kleidern anbehalten, Strumpfhosen sind teilweise zerrissen, Kleider oft aus Baumwolle und einfarbig oder gemustert (Blumen zum Beispiel). Manchmal sehen Frauen elegant aus. Dabei darf ihr Stil aber nicht mit dem des „kleinen Schwarzen" verwechselt werden.
Es ist auffällig, daß meistens Naturstoffe getragen werden. So etwa Baumwoll-T-Shirts, Jeanshosen und Lederhosen. Kleidung ist nicht körperbetont. Übliche Modefarben werden kaum getragen, dafür aber viele selbstgefärbte Sachen. Ein anderes wesentliches Merkmal ist wohl, daß die Kleidung dieser Subkultur nie fabrikneu oder besonders „ordentlich" wirkt. In der Tat wird viel Second-Hand-Kleidung getragen, ebenso wie individuell veränderte. Auch zerrissene und löchrige Kleidungsstücke beobachtet man oft. Typisch sind bedruckte T-Shirts mit politischen Parolen oder ähnlichem, wobei das mit zunehmendem Alter abnimmt. Großer Beliebtheit erfreuen sich auch Kapuzenpullis, welche im Winter als Jacken getragen werden (mit mehreren Pullovern darunter). Bei Jacken ist Leder sehr beliebt. Dabei variieren Farben und Formen. Zu den Farben kann man sagen, daß diese im allgemeinen eher dunkel gehalten sind: schwarz, armeegrün, braun etc. oder aber das genaue Gegenteil: sehr grelle, scheinbar nicht kombinierbare Farben.
Aus allen zusammengetragenen Beobachtungen lassen sich zwei häufig auftretende Aspekte benennen:

a) der praktisch-bequeme und
b) der demonstrative Aspekt.

Ebenso scheint folgendes von Wichtigkeit zu sein:

c) Man bemüht sich um ein Verschmelzen mit allem, was sich am Körper befindet.
Dabei werden Kleidung und Accessoires praktisch zu Körperteilen.

a)
Zum praktisch-bequemen Aspekt ist zu sagen, daß Kleidung bestimmten Kriterien unterliegt. Sie sollte haltbar und möglichst auch wetterfest sein. Dabei wird Kleidung oft bis an die Grenzen ihrer Tragfähigkeit gebraucht - sie ist mehr Nutz- und weniger Prestigeobjekt. Weiterhin sollte sie bequem sein, was sich nicht zuletzt darin zeigt, daß wenig körperbetonte Sachen getragen werden. Die großen Taschen der Armeehosen haben zum Beispiel einen ausgesprochen praktischen Aspekt. Man kann viel hineinpacken und braucht dadurch keine Tasche extra mitnehmen, was bei bestimmten Aktionen durchaus von Vorteil sein kann: man hat die Hände frei. Auch die Wahl der Farbe steht in diesem Zusammenhang: dunkle Töne sind weniger schmutzempfindlich.
Darüber hinaus sollte Kleidung billig sein (Second-Hand). Ein ausgeprägtes Markenbewußtsein konnten wir nicht beobachten. Dazu ist noch zu sagen, daß es in der Kleidung keine Unterscheidung von Freizeit und zum Beispiel „besonderem Anlaß" gibt. Das, was man anhat, ist für alle Situationen tauglich. Damit werden aber auch die Übergänge von privat und öffentlich neu gestaltet und gesellschaftliche Kleidungsnormen übertreten. Mit welchem Anteil das allerdings noch bewußt passiert, ist nicht allgemein zu sagen. Vielleicht steht das Lust-Prinzip viel mehr im Vordergrund als ersichtlich. Es ist auch möglich, daß das Ablehnen von gültigen Konventionen durch die Kleidung ein identitätsstiftendes Moment darstellt, welches für die Subkultur schon als selbstverständlich gilt.
Vielfalt und Verwendung variieren bei jeglichen Kleidungsstücken. Vielleicht ist gerade das Ausdruck einer bestimmten Lebensfreude. Die Betonung von Individuum und Individualität ist nicht zu übersehen. Dabei geht dieser Anspruch mit dem praktisch-bequemen Aspekt durchaus Hand in Hand.

b)
Ein zweiter Punkt ist der demonstrative Aspekt.
In der Linken Szene finden sich auffallend viele Kleidungsstücke und Accessoires, die entweder aus Militärbeständen stammen oder ganz so aussehen, als wären sie eigens für den Einsatz in militärischen Einheiten angefertigt worden (am häufigsten wird die Armeehose getragen).
Es scheint uns einsichtig, daß einer der wesentlichen Gründe, warum die Wahl so oft auf Militarykleidung fällt, darin besteht, daß sich in der verfremdeten Benutzung gerade dieser Art von Kleidung der Bruch mit der Welt der Uniformen am einfachsten ausführen und am besten demonstrieren läßt.
Tatsächlich finden sich nur selten Personen, die ausschließlich Kleidungsstücke anziehen, die ursprünglich für Soldaten gemacht sind. Die große Mehrheit kombiniert ihre Militärhosen, -schuhe, -taschen mit anderen, eindeutig unmilitärischen Kleidungsstücken, versieht sie mit linken Aufnähern, so daß sie nicht mehr als Teil einer Uniform verwendbar sind.
Gerade durch Aufnäher und Beschriftungen weisen Kleidungsstücke auf die politische Position des Trägers und demonstrieren die Zugehörigkeit zur Linken Szene.
Durch das Verändern wird Militarykleidung, die ursprünglich so wenig individuell gestaltbar, so wenig persönlich wie möglich war, werden Kleidungsstücke, die sich gerade nicht abnutzen dürfen, die man sauber und gepflegt zu halten hat, die verlangen, daß man sie pflegt, zu eigenen Kleidungstücken gemacht. Es sind Kleidungsstücke, die, indem man sie immer wieder trägt, indem man sie nicht zu sehr pflegt, so daß sie langsam faltig und mürbe werden, an bestimmten Körperstellen durchscheuern, löchrig werden, der eigenen Identität, dem eigenen Körper anverwandelt werden.
Wo die Uniform für alle gleich ist, den individuellen Körper zum Verschwinden zu bringen, sucht, bahnt sich langsam aber beharrlich der Körper seinen Weg durch die Uniform. Wo Soldaten nur durch ihr Namensschildchen und die Rangabzeichen auseinandergehalten werden können, unterscheiden sich in der Linken Szene die verschiedenen Körper, die der Kleidung ihre Geschichte aufgeprägt haben.
Eine wichtige Funktion von Kleidung ist es, die Übereinstimmung mit bestimmten, sprachlich artikulierten politischen Vorstellungen der Szene zu demonstrieren. Das heißt, sie dient einerseits dazu, sich von der Außenwelt abzugrenzen, und andererseits dazu, mit der Gemeinschaft zu verschmelzen.
Widersprüche innerhalb der Szene werden nicht nur durch eine gemeinsame Sprache gedämpft, sondern auch durch einen gemeinsamen Kleidungsstil, dessen Besonderheit es ist, daß er für die verschiedenen Fraktionen der Szene mit je eigenen Bedeutungen belegbar sein muß.
Ein gutes Beispiel ist auch hier Militarykleidung, an der sich viele Werte der Szene festmachen lassen:

- Zunächst einmal ist sie vergleichsweise billig und haltbar, was antikonsumistischen Vorstellungen entgegenkommt.
- Sodann läßt sich durch sie die Treue zur Bewegung demonstrieren, die Bereitschaft, sich langfristig für den politischen Kampf zu engagieren: Sie ist weder Moden noch Trends unterworfen. Außerdem gibt es Militarykleidung in nahezu unbegrenzten Mengen. Sie eignet sich daher hervorragend, eine ganze Szene mit ihr auszustatten.
Das bedeutet: hat man Militarykleidung erst einmal aus dem Zusammenhang herausgelöst, für den sie ursprünglich produziert worden ist, so läßt sich mit Militarykleidung auch Kollektivität demonstrieren. Der einheitliche Look dieser Kleidung hebt gesellschaftliche Grenzen auf, denn es gibt keine Marken mehr, an Hand derer man die gesellschaftlichen Klassen voneinander unterscheiden könnte. An Hand von Militarykleidung läßt sich insofern auch deswegen ein Wert wie „Kollektivität" demonstrieren, weil dies die Kleidung ist, die am wenigsten nach Privatbesitz aussieht.
Auf bestimmten Demonstrationen, wo es - aus welchen Gründen auch immer - im Interesse der Demonstrationsteilnehmer liegt, nicht identifiziert zu werden, dient das massenhafte Tragen von Militarykleidung dem Schutz des Einzelnen.
- Militarykleidung gibt es nur in der männlichen Ausführung - es gibt kein weibliches Gegenstück dazu. Frauen, die solche Kleidung tragen, kommen von daher in den Genuß einer Aura von Stärke und Kampfbereitschaft.
Über das Tragen von Militarykleidung läßt sich der kämpferische Anspruch der Linken Szene demonstrieren. Die Hose vermittelt Flexibilität. Nicht nur, daß sie bequem ist, sie kann auch im „Ernstfall" allen Strapazen standhalten, ohne dabei zu behindern. - Man kann jedoch Militarykleidung wie alle andere Kleidung in der Linken Szene unabhängig davon, was sie auf der homologischen Ebene bedeutet, ins rein zeichenhafte, unkörperliche verklären.


Der demonstrative Aspekt läßt sich auch gut mit der Farbe Schwarz erklären. Durchgehend schwarze Kleidung wird im allgemeinen häufig mit Trauer assoziiert. Das ist von dieser Subkultur sicherlich nicht gemeint und scheint somit auf einen anderen Sinn hinzudeuten. Durch das „demonstrative" Tragen dunkler Farben wird Raum für neue Werte geschaffen. Sie werden also neu determiniert. Dabei ist nicht eindeutig zu erkennen, worin die neuen Bedeutungen liegen. Eine Möglichkeit ist, schwarz bildlich zu betrachten: dann könnte es für ein Schwarzsehen für die Zukunft oder die Gesellschaft überhaupt stehen. Schwarz bietet zum Beispiel auch beste Möglichkeiten für eine „autonome Nachtaktion", bei der man durch schwarz nahezu unsichtbar wird. Schwarz hat letztendlich auch einen praktischen Aspekt, denn Schmutz, wie schon erwähnt, ist weniger schnell sichtbar als bei hellen Sachen.


Autonome in schwarz


c)
In der Linken Szene darf sich der individuelle Körper seine Kleidung anpassen. Er soll seinen Raum haben - die Kleidung soll dem Körper gerecht werden. Und je länger man sie trägt, desto körpergemäßer und bequemer wird sie. Hier geht es darum, dem Körper sein Gewicht, sein Volumen, seine komplexe, unanpaßbare Form zurückzugeben.
Während Kleidung normalerweise so auszusehen hat, als hätte sie noch nie ein Körper berührt (Faltenfreiheit etc.), macht sich in der Kleidung der Linken Szene der Körper bemerkbar: man soll den Stoffen von Taschen und Kleidungsstücken ihre lange Benutzung durchaus ansehen.
Daher werden vorzugsweise solche Stoffe ausgewählt, die sich nur langsam abnutzen, Kleidungsstücke, denen man ihre regelmäßige Benutzung lange ansehen kann, weil ihre Stoffe dafür lange genug halten.
Da aber, wo die Kleidung den Belastungen durch den Körper nicht angepaßt war, entstehen durchgescheuerte Stellen oder Löcher. Diese werden nicht oder unprofessionell geflickt, bzw. kreativ verändert. Auch insofern widerspricht der Umgang mit Kleidung gesellschaftlichen Normen: was löchrig, beschädigt oder verschmutzt ist, muß nicht so schnell wie möglich gewaschen, geflickt oder ansonsten weggeworfen werden.
Ein Mittel, mit Hilfe dessen man den Körper neu markieren kann, ist Schmuck. Dabei ist dieser, was Halsketten und Armbänder angeht, meist anliegend; Halsketten sind, wie Armbänder auch, oft aus Leder, wobei es üblich ist, mehrere Armbänder über- und nebeneinander zu tragen. Wie Piercings oder Ohrringe decken sie bestimmte Hautpartien ab, unterteilen den Körper neu, setzen unübersehbar Blickfänge, wo ansonsten keine wären, und geben darüber hinaus ein Gefühl von Berührung, von Bekleidung, an Körperstellen, die ansonsten nicht zu bekleiden wären.
Der Versuch, körperlich einen anderen Begriff vom Menschen zu entwickeln, bedeutet, den Körper aus seiner sprachlichen Verfaßtheit herauszulösen, neue Seiten des Körpers zu entdecken. Man möchte dem Körper gerecht werden und wieder sagen können: das alles ist mein Körper.
Zusammenfassend läßt sich festhalten, daß der Kleidungsstil der Linken Szene nicht üblichen Trends entspricht. Es werden vielleicht Elemente daraus aufgenommen, diese dann aber in jedem Fall individuell zusammengesetzt oder verändert. Man könnte vermuten, daß bewußt versucht wird zu zeigen, daß es keinen allgemeingültigen Stil der Subkultur gibt. Vielmehr wird ein anderes Wertesystem vermittelt, bei dem Kreativität und Selbstgemachtes im Mittelpunkt steht (selber färben, ungewöhnliche Kombinationen). Darüber hinaus darf man nicht vergessen, daß der Stil dieser Subkultur schon ein Trend geworden ist, der grundlegend als Symbol für die Szene fungiert. Trends überdauern oft mehrere Jahre und nutzen sich erst allmählich ab. Die Szene hat eine ganz eigene Form von Beständigkeit entwickelt. Kleidungsstile werden sich zu eigen gemacht und den eigenen Vorstellungen angepaßt. Es kommt zu einer starken Identifikation des Einzelnen mit seiner Kleidung.
Mit Kleidung wird somit versucht, ein Gegenbild zu allgemein-gesellschaftlichen Konventionen zu schaffen, und das meist mit wenigen Mitteln. Wie bereits erwähnt wird auch zerrissene Kleidung getragen. Das ist entweder durch die lange Tragezeit bedingt oder aber bewußt so eingerichtet. Sinnbildlich könnte man darin die kaputte Welt sehen, aber auch Trotz und Gleichgültigkeit. Nicht zuletzt richtet sich das Tragen unkonventioneller Kleidung gegen den Konsum. Ständig neue Trends verlangen das Anschaffen immer neuer Kleidung. Das findet in dieser Subkultur kaum statt. Vielmehr wird bewußt dagegen angegangen. Praktisch heißt das vor allem, es wird so lange wie möglich an einmal gekaufter Kleidung, einmal gekauften Accessoires festgehalten, die darüber hinaus die Unabhängigkeit jedes einzelnen demonstrieren.
Die starke Identifikation mit der eigenen Kleidung hat langfristig eine Wiedererkennbarkeit des Einzelnen zur Folge, so daß sich innerhalb der Szene Menschen nicht nur an ihrer sehr eigenen Kleidung erkennen lassen, sondern auch sprachlich nicht mehr zwischen mir und meiner Kleidung unterschieden wird. Wer seine Frisur, seine Kleidung und seine Tasche nicht vordringlich als „Frisur", „Kleidung" und „Tasche", sondern als Teil seiner selbst, als Einheit begreift, der entzieht sich bis zu einem gewissen Grad den außerhalb der Szene gültigen, konsumgerechten sprachlichen Unterscheidungen zwischen „Frisur", „Kleidung" und „Tasche".
Denn wo es darum geht, einen individuellen Stil zu entwickeln und dadurch schön zu sein, da stellen sich Fragen wie, ob es nun die Frisur ist, die zu meinem Typ nicht mehr paßt, oder die Hose, die mir wohl nicht mehr steht, so daß neue gekauft werden müssen, nicht länger in gleicher Weise. Ansonsten scheint alles erlaubt, Hauptsache individuell und „nicht wie alle".

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2.4.3. Schuhe

Schuhe müssen schwer und stabil sein. So erschien uns die Schuhmode der Linken Szene auf den ersten Blick. Bei genauerem Hinsehen muß man dieses Bild allerdings etwas differenzieren. Im allgemeinen unterscheiden sich die Schuhe der Männer nicht viel von den Schuhen der Frauen. Sehr beliebt und häufig getragen sind Schnürstiefel (Doc Martens), die jeweils verschieden hoch sein können. Diese gibt es in vielen Farben, bevorzugt in schwarz, aber auch in dunkelrot, gelb, grün, blau, orange, kariert oder mit Blumen. Schnürsenkel sind meistens schwarz oder rot. Weiße Schnürsenkel werden eher gemieden. Das läßt sich mit Abgrenzungsproblemen gegen rechtsgesinnte Jugendliche erklären. Diese tragen die gleichen Schnürstiefel mit weißen Schürsenkeln. Wenn weiße Schnürsenkel (in Kombination mit den Stiefeln) in der linken Szene getragen werden, kann man das sicherlich als Provokation auffassen. Aber auch rote Schnürsenkel werden nicht einfach so getragen: die Kombination von schwarz und rot zum Beispiel kann auf eine anarchistische Einstellung, nur rote hingegen auf eine kommunistische Einstellung hindeuten usw.
Auf sauber geputzte Schuhe wird nicht übermäßig viel Wert gelegt, was weniger unachtsam als vielmehr bewußt passiert. Männer tragen diese Stiefel oft mit Stahlkappen, wodurch ihr Anspruch auf Wehrhaftigkeit scheinbar erfüllt wird. Bei Frauen ist dieser Punkt weit weniger wichtig.
Weiterhin werden oft Turnschuhe getragen, die ebenfalls farbig sein können. Marken wie Converse und Adidas sind hierbei zu nennen. Gängig sind auch Get-a-Grips und Bundeswehrstiefel. Erstaunlich ist, daß die gleichen Schuhe sowohl im Sommer als auch im Winter getragen werden. Zwar sieht man im Sommer schon mal Ledersandalen mit Schnallen, das dürfte aber eher die Ausnahme darstellen. Eher laufen Frauen mal ohne Schuhe.
Wenn bei den Frauen ein Unterschied zu den Schuhen der Männer besteht, liegt dieser dann in der Absatzhöhe: Schnürstiefel gibt es auch mit Absatz. Aber auch andere Schuhe, zum Beispiel lange Stiefel werden mit Absatz oder Plateau getragen. Die Marken sind dabei nicht so entscheidend. Auf hochhackige Stöckelschuhe wird man jedoch nicht stoßen.

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2.4.4. Frisuren

Bei den Frisuren der Linken Szene trifft ähnliches wie für die Kleidung zu: meistens sind sie sehr individuell gestaltet und entsprechen keinen gängigen Trends (vielmehr werden sie innerhalb der Szene selber zu einem). Über die Naturhaarfarben hinaus gibt es auch orange, grüne oder rote Haare. Gefärbt wird aber auch, um blonde oder schwarze Haare zu bekommen oder um ganz spezielle Muster zu kreieren (Punkte, Spiralen etc.).
Häufig sind zwei Extreme zu beobachten: Haare sind entweder ganz lang oder ganz kurz - und das bei Männern wie bei Frauen. Wenn Haare lang sind, kommt es schon mal vor, daß sie ungekämmt oder auch schon völlig verfilzt sind. Aus langen Haaren werden oft Rastalocken gemacht, in die eventuell auch Schmuck eingeflochten wird. Man trägt Tücher in den Haaren oder verknotet die Haare mit sich selbst.
Bei rasierten Frisuren gibt es eine Fülle von Möglichkeiten: ganz abrasiert, normaler Iro, Doppel-Iro oder auch der „Rest-Iro" am Hinterkopf, der sich momentan großer Beliebtheit erfreut. Frisuren und Schnitte macht man sich selbst oder läßt sie von Freunden schneiden. Dabei sind einige Frisuren sehr aufwendig, und die meisten wohl auch für einen langen Zeitraum so eingeplant. Haare, die hochstehen, die bunt sind oder außergewöhnlich geschnitten bzw. gepflegt aussehen sind auffällig. Und das sollen sie mit Sicherheit auch sein: demonstrativ anders.

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2.4.5. Fortbewegung

Der Besitz eines eigenen Autos ist nicht die Regel, möglicherweise auch aufgrund der teueren Finanzierung. Jedenfalls gelten Autos nicht als Statussymbol, im Gegenteil, es ist sogar viel besser angesehen, wenn man ohne Auto auskommt. Das liegt daran, daß das Auto in der Szene eher mit Konsum, Reichtum, Umweltzerstörung und einer Gefahr und Belastung für die Mitmenschen identifiziert wird. Außerdem ist man sich darüber im klaren, daß man durch den Kauf eines Autos die verhaßte Automobilindustrie stärkt (vgl. Reclaim the Streets Party).
Bei denjenigen, die dennoch nicht auf ein Auto verzichten können, gibt es „WG-Autos", die von mehreren benutzt werden. Es gibt dabei häufig Transporter, in denen viel mitgenommen werden kann, das heißt der praktische Nutzen spielt auch hier eine große Rolle. Alter, Fabrikat oder Zustand der Autos sind daher eher nebensächlich, so lange sie funktionstüchtig sind.
Wenn man über kein eigenes Auto verfügt, wird manchmal auch getrampt, für größere Entfernungen sucht man Mitfahrgelegenheiten, vielleicht auch wegen der Möglichkeit, sich mit anderen Leuten zu erhalten. Häufiger versucht man sich auf andere Arten fortzubewegen: Rad fahren, zu Fuß gehen oder öffentliche Verkehrsmittel benutzen, wobei Schwarzfahren wahrscheinlich relativ verbreitet ist, aus Protest gegen die ständig steigenden Preise der BVG, die sich Leute mit geringem Einkommen kaum noch leisten können. Es wird die Forderung erhoben, allen Menschen freie Fahrt in den öffentlichen Verkehrsmitteln zu ermöglichen.

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2.4.6. Tiere

Abgesehen von Veganismus u.ä. gibt es auch einen anderen Weg, die Definition des „Menschen" über die Definition des „Tieres" zu ändern. Der besteht darin, andere Tiere zu halten, oder: Tiere anders zu halten, oder: andere Tiere anders zu halten.
Die beliebtesten Tiere in der Linken Szene sind sicherlich Hunde und Ratten. Was ist der Grund dafür?
Hunde sind deswegen für die Linke Szene so wichtig, weil sich an ihnen belegen läßt, daß sich unter dem sogenannten „besseren Menschen" der natürliche Körper bewahrt hat. Letztendlich ist der Hund eben doch ein Tier geblieben, und dieses Tier gilt es nun, indem man zu Hunden ein der Welt des Normalbürgers genau entgegengesetztes Verhältnis aufbaut, wieder zu einem natürlichen Tier zu machen. Hunde haben, wie Menschen auch, Bedürfnisse: sie müssen essen. Sie brauchen viel Platz, in dem sie sich frei bewegen können, sie brauchen Auslauf, sie brauchen andere Hunde. Hunde sind nicht orts-, sondern personengebunden. Hunde riechen, Hunde sehen, Hunde erkennen deinen Körper, Hunde sind vielleicht mehr Körper als man selbst.
Damit aber Hunde zum Ebenbild des natürlichen Körpers werden, muß man Hunde auch naturgemäß behandeln. Sie machen lassen. Sie sich ineinander verbeißen lassen, wenn ihnen danach ist.


Stressfaktor


Ratten dagegen sind Tiere, die so ziemlich am unteren Ende der Werteskala für Tiere rangieren. Aber macht sie nicht gerade das so attraktiv?
Sie sind Schädlinge, übertragen auch ansteckende Krankheiten. Sie sind außerdem überall, in der Kanalisation, hausen im Müll, sind intelligent. Sie breiten sich aus, werden mehr, sind eben einfach nicht totzukriegen.
Dazu sind Ratten Tiere, die man den ganzen Tag auf dem eigenen Körper herumlaufen lassen kann, die unter die T-Shirts und dann wieder aus dem T-Shirt herauskriechen - was, zumindest in U-Bahnen, immer noch ausreichend für Abscheureaktionen sorgt.
Insofern sich Ratten von dem ernähren, was für die Gesellschaft nutzlos geworden ist, indem sie die Räume bewohnen, die von der Gesellschaft gemieden werden, indem sie, jedenfalls in der Imagination, eine verschworene Gemeinschaft bilden, die geradezu absurd ekelhaft ist, sind sie Tiere, an denen sich bestimmte Aspekte eines Lebens in der Linken Szene hervorragend naturalisieren lassen. Sie beantworten, zumindest für ihre Besitzer, die Frage: Was ist natürlich? ... und vielleicht auch die Frage, wie man dahin kommt, zum natürlichen Zustand: nämlich einfach, indem man die Ratte, den Hund machen läßt.

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2.5. Verhalten und Körperverständnis

Bei dem Versuch sich mit Körper- und Gruppenverhalten der linken Szene, gerade auch in bezug auf Musik, auseinanderzusetzen, stößt man auf unterschiedliche Probleme. Sicherlich sind einige Verhaltensweisen sehr auffällig und auch schon nach kurzer Beobachtungszeit erkennbar. Dagegen ist das Verhältnis zum eigenen Körper wesentlich schwieriger zu erfassen und verlangt eine längere Zeit der Beobachtung.

Wenn man versucht, sich ein Bild zu machen, ist folgende Vorstellung hilfreich: ein Abend in einem der Szene-Treffpunkte. Es gibt einen Tresen, Musik und am späteren Abend auch ein Life-Konzert. Genauso wenig wie man weiß, wann genau die Band zu spielen anfängt, weiß man, was der Abend noch in sich birgt. Oft herrscht eine eher entspannte Atmosphäre. Auch wann die Verabredung kommt, die man vielleicht noch hat, erscheint in dieser Situation nicht mehr ganz so wichtig. Man kommt eben, wenn man mit dem fertig ist, das man noch zu erledigen hatte. Das könnte ein Essen oder auch ein Gespräch gewesen sein. Man läßt sich ungern von der Zeit drängeln, was manchmal den Eindruck einer langsamer laufenden Zeit vermittelt. Der Lautstärkepegel erscheint höher als in anderen „normalen" Kneipen. Das ist so, da zum einen die Musik sehr laut abgespielt wird und man daher auch lauter sprechen muß, um sich zu verstehen. Zum anderen wird auch „kein Blatt vor den Mund genommen". Man will sich unterhalten, warum soll man flüstern? So beobachtet man oft laute Begrüßungsszenen und Gespräche. Auch gelacht wird manchmal übertönend und ungehemmt, was aber nicht störend wirkt. Bei vielen Treffpunkten kennt man sich untereinander und geht auch gerade deswegen dorthin. Wenn man sich noch nicht kennt, tut vielleicht der Abend den Rest.


Fettecke


Man sitzt gemeinsam auch mit unbekannten Leuten am Tisch, ohne sich in auffälliger Weise von ihnen abzugrenzen oder sich demonstrativ wegzuwenden. Oft werden Tische zusammengestellt, was das Gefühl von Gemeinschaft bestärken kann. Alles, was auf dem Tisch liegt, gehört auch irgendwie allen. Das ist häufig bei Zigaretten, Tabak und Drogen zu beobachten. Das individuelle Verhalten hat einen starken Gruppenbezug. Dies drückt sich nicht in Konformität, sondern in einer gewissen Individualität aus. Diese ähnelt sich wiederum deshalb, weil sie im Erscheinungsbild des Einzelnen einen Wiedererkennungseffekt trägt. Es wird Wert auf Unabhängigkeit gelegt, die jedoch den Gemeinschaftsbezug nicht vergißt. Ein dafür gebrauchtes Schlagwort lautet: „Selbstbestimmte Abhängigkeit".
Selten sieht man explizite Männer - oder Frauengruppen. Meistens ist das Mischverhältnis ausgewogen, ebensowenig gibt es auffällige Verhaltensunterschiede. Unter Freunden, ob nun gleichgeschlechtlich oder nicht, scheint man sich auch mal anzufassen: Zum Beispiel Arm in Arm die Straße langgehen. Im Gegensatz zu allgemeinen Verhaltensregeln scheint es manchmal, als ob man sich körperlich näher ist oder zumindest, als ob Nähe zu anderen durchaus nicht unangenehm ist. Allgemein kann man sagen, daß die meisten locker und ungezwungen wirken. Man scheint sich immer so zu verhalten, wie man sich auch fühlt. Zorn und Freude wird gleichermaßen ausgedrückt. Jeglichen Zwängen der Gesellschaft fühlt man sich nicht verpflichtet. Entscheidungen werden spontan gefällt. Das Bild des lockeren und gemeinschaftlichen Zusammenseins spiegelt sich durchaus auch in der Life-Musik wider, was später noch Erwähnung findet.
Einem weiteren Ideal wird ebenfalls versucht gerecht zu werden: unter Freunden und Bekannten gibt es keine Hierarchien, alle sind auf einer „Stufe". Auch ist auffällig, wie bei Veranstaltungen mit Leuten umgegangen wird, die man nicht kennt. Wenn die ungefähre Zugehörigkeit zur Gruppe ersichtlich ist, wird man selbstverständlich angenommen. Das heißt, daß man so gut wie nicht mit „über-neugierigen" oder herablassenden Blicken belästigt wird.
Wenn das von Frauen so empfunden wird oder diese sich in irgendeiner Form angemacht fühlen, kann es schon mal zu einer lauten Auseinandersetzung kommen.
Im Blickwinkel der gesamten Betrachtungen scheint das Verhältnis zum eigenen Körper oft folgendes Motto zu haben: Mein Körper, das bin ich oder besser das ist ein Teil meiner Persönlichkeit. Demnach könnte man Körper als äußere Hülle betrachten, eben nur als einen gewissen Teil der Persönlichkeit. Und tatsächlich scheint das Äußere in der Linken Szene neben dem Präsentieren von Persönlichkeit nur insofern wichtig zu sein, als daß sie die Zugehörigkeit zur Gruppe und die Abgrenzung von Konventionen signalisiert. Sich selbst sieht man unserer Meinung nach als eine Einheit von außen und innen. Dabei hat das Innen größere Priorität und das Außen eher demonstrativen Charakter. Der scheinbare Widerspruch - das Außen präsentiert die Persönlichkeit, aber das Innen hat Vorrang - läßt sich mit der Auffassung, daß das Erscheinungsbild nicht mit dem wirklichen Charakter gleichzusetzen ist, erklären. Das heißt: man möchte so akzeptiert werden, wie man ist und nicht nur, wie man zu sein scheint.
Trotzdem gibt es das Bemühen, aus allem, was mit dem Körper zusammenhängt, eine natürliche, permanente Einheit zu bilden. Das erscheint durchgehend als der Versuch, langfristig mit der eigenen Kleidung, mit dem eigenen Outfit eins zu werden, als Versuch, mit sich selbst identisch zu werden, alle Teile seiner selbst zu leben, sie miteinander zu verknüpfen.
Innerhalb der Linken Szene gibt es nun eine ganze Reihe von Untergruppen, die sich hinsichtlich dessen, welche Teile ihrer Umwelt sie mit sich identifizieren, als Teil ihrer selbst zu begreifen suchen, stark voneinander unterscheiden. Worin sie sich jedoch gleichen, ist der Versuch, durch ein von der Norm abweichendes Verhalten auf einer ganz grundsätzlichen Ebene zu einem anderen Menschenbild, zu einem alternativen Leben durchzustoßen, den Beweis dafür zu liefern, daß sich auch anders leben läßt. Damit hängt auch zusammen, daß man es, zumindest, was die Ebene des bewußten, sprachlichen Handelns angeht, vermeidet, Menschen nach ihrer Kleidung zu beurteilen, sie auf ihre Kleidung zu reduzieren: es gibt eine große Toleranz für die vielen kleinen Subszenen.
Andererseits zeigt man gegenüber Personen, die ihrem Verhalten und Aussehen nach nicht der Linken Szene zugehören, auch relativ starke Abwehrreaktionen; man weiß ja nie, ob es sich nicht doch um einen Spitzel handelt. Es muß also innerhalb der Szene so etwas wie eine Grenze geben, die es erlaubt, bestimmte Unterschiede im Kleidungsstil und im Verhalten noch als Binnenunterschiede wahrzunehmen und die es weiterhin ermöglicht, Personen, die offenkundig nicht der Szene zugehören, schnell als solche zu erkennen.
Veganismus läßt sich zum Beispiel als Versuch begreifen, wieder ein vollständiger, selbstbestimmter Mensch zu werden, körperlich einen anderen Begriff vom Menschen zu entwickeln.
Im Verhältnis von „Veganern" zu dem, was sie essen (bzw. nicht essen), ist das szenetypische Bemühen um eine andere Beziehung zum Körper ebenso in die Tat umgesetzt, wie in der verfremdenden Adaption militärischer Kleidungsstücke. Nur ist es hier stärker auf eine Rückkehr zu einem natürlichen Verhältnis zum eigenen Körper, auf ein natürliches Verhältnis zu Umwelt bezogen.
Allgemein gesprochen, bedeutet die Ausdifferenzierung menschlichen Verhaltens gegenüber Tieren, bedeutet das Verzehren bzw. daß Verschmähen bestimmter Tiere, daß man einen bestimmten Begriff vom „Menschen" im Abgrenzung vom „Tier" entwickelt. Tiere, die nicht gegessen werden, sind „wie Menschen", sind dem Menschen beigeordnet, sind: Projektionsfläche für den natürlichen Menschen. Sie sind, wie es heißt, die „besseren Menschen": an Hand dieser „Tiere" läßt sich eine ganz bestimmte Definition des „Menschen" naturalisieren.
Wenn Veganismus nun einerseits heißt, nichts essen zu wollen, was dem Menschen gleicht (was Gefühle hat, was erst gequält, gemordet werden müßte, um gegessen werden zu können), so heißt es andererseits aber auch, keine Hierarchien mehr zwischen Menschen naturalisieren zu wollen.

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2.6. Musik
2.6.1. Musik und Text

Musik muß - wie überall - stets abhängig von der jeweiligen Gebrauchssituation gemacht werden. So auch in der Linken Szene: Konzertmusik folgt völlig anderen Gesetzen als Musik auf Demonstrationen, in Kneipen oder zu Hause. Normalerweise legt man viel Wert auf Textverständnis. Einige Bands singen deshalb deutsch, andere schreiben jedoch englische Texte, um ihrem Internationalismusanspruch gerecht zu werden. Viele Bands, die zum Beispiel in der Köpi 137 auftreten, kommen auch aus dem Ausland (zum Beispiel aus Polen, Dänemark, den USA), diese singen ebenso englische Texte oder in ihrer jeweiligen Landessprache. Insgesamt wird auf Konzerten mehr englisch gesungen, da hier vor allem Bands spielen, zu deren Musik auch getanzt werden kann und der Text sowieso nicht verstanden wird. Ist eine Band angekündigt, bei der bekannt ist, daß sie vor allem Musik zum Zuhören spielt, ändert sich die Struktur des Publikums (zum Beispiel bei EA 80 im Tommy-Weissbecker-Haus).
Einige wenige Bands haben es geschafft, die richtige Mischung zwischen Tiefsinnigkeit und Aufmunterung, zwischen Subjektivität und Parolen und zwischen Text und Tanzbarkeit zu treffen. Eine der beliebtesten Bands dieser Art ist zur Zeit TOD UND MORDSCHLAG.
Wichtig bei Konzerten mit deutschsprachigen Texten wird häufig der Refrain, der bekannt ist und mitgesungen werden kann. Oft handelt es sich hierbei um Parolen, die eng mit der Demokultur verbunden sind, zum Beispiel „Deutschland muß sterben, damit wir leben können" (SLIME), „Deutschland, halt's Maul" (DIE SKEPTIKER, Titel einer Demonstration gegen die „Wiedervereinnahmung" der DDR), „Biji Kurdistan" (KALTE ZEITEN / Übersetzt: Es lebe Kurdistan!, Ausruf der PKK-Sympatisanten auf Protestdemonstrationen gegen die Unterdrückung des kurdischen Volkes durch die Türkei.) oder „Deutsche Waffen, deutsches Geld" [ - morden mit in aller Welt!] (TOD UND MORDSCHLAG in „Soldaten sind Mörder"). Es gibt hierbei demzufolge eine enge Verknüpfung von politischen Aktivitäten und kulturellem Ereignis, Demonstrationen werden zum Anlaß, solche Musik zu spielen, aber auch dafür, Texte über Demonstrationen und Ausschreitungen zu schreiben. Darüber hinaus erfreuen sich auch Zitate von berühmten Künstlern (zum Beispiel „Der Tod ist ein Meister aus Deutschland" von Paul Celan) oder zahlreiche O-Ton-Collagen von Politikern und Polizeibeamten großer Beliebtheit.
Zu beachten bleibt natürlich, daß es auch bestimmte Bands gibt, die aus dem Kiez kommen, dementsprechend häufig spielen und auch bekannt sind. Diese wechseln häufig Namen und Personen, zur Zeit der Untersuchung fielen besonders SCATTERGUN, MORE BEER, DIE STROHSÄCKE, DACKELBLUT (ehemals BLUMEN AM ARSCH DER HÖLLE) und TOD UND MORDSCHLAG (ehemals QUETSCHENPAUA) durch zahlreiche Konzerte auf.


Am Vokabular wird deutlich, wie Utopien, Demonstrationen, der Alltag und das im Kiez Erlebte in den Liedern verarbeitet werden (AUFBRUCH). Es lassen sich bestimmte Schwerpunkte feststellen, die immer wiederkehren und um die sich verschiedene Geschichten ranken.
Eines der wichtigsten Themen ist die Abschaffung des Staates, insbesondere der Polizei, der Justiz sowie der Gefängnisse. Da die Polizei das ausführende Organ der Staatsgewalt ist und somit auf Demonstrationen oder anderen Aktionen den Staat verkörpert, schlägt ihr der Haß der Linken entgegen. Zahlreiche Songs über „Bullenschweine", „Polizeistaat", „Polizei-SA-SS" liefern eindrucksvolle Zeugnisse hiervon. Die Haltung hierbei ist jedoch sehr unterschiedlich: einerseits wird der Polizist in seiner Funktion als Ausführender und Handlanger des Staates (und damit der „Bonzen") angefeindet, andererseits wird er als Mensch angesprochen und zum Überlaufen animiert: „Hey Bulle, bist du blind oder willst du nicht verstehen, daß du nur die Bonzen schützt und ihr beschissenes System!" (DIE ZUSAMMROTTUNG).


Sicher gibt es bessere Zeiten


Für die Polizei werden die verschiedensten Synonyme wie Bullen, Bullenschweine, Bullerei, „Mann in Grün" (DIE STROHSÄCKE) verwendet, beschimpft werden sie auf Demos wie in den Texten als Schweine, Hampelmänner, Marionetten („Für die Bonzen steht ihr da, Marionetten - hahaha!") und Faschisten („Polizei-SA-SS"). Wie im Text „Soldaten sind Mörder" deutlich wird, kommt es dabei darauf an, Befehlsgehorsam, dessen Bezug zur Geschichte und die Funktion anzuprangern, die der Utopie von einem Leben ohne Zwang und Uniformen entgegenstehen. Interessant hierbei sind die Parallelen zum Film: häufig werden Sirenen, Megaphon-Rückkoppelung und -Stimmen („Achtung, Achtung - hier spricht die Polizei...") eingeblendet, die dann symbolisch für die Polizei stehen sollen. An Geräuschen kommt außerdem ein Maschinengewehr oft zum Einsatz.


Zweiter wichtiger Schwerpunkt ist der Kampf auf der Straße gegen verschiedene Dinge, meist jedoch gegen Nazis oder Polizei. Hiervon berichten Texte wie „Straßenkampf" (DIE SKEPTIKER) oder „Brüllen, Zertrümmern und weg" (SLIME). Generell spielen vor allem Wörter wie Kampf, Straßenkampf, Gewalt oder Terror bei diesen Texten eine große Rolle.
Weiteres wichtiges Thema ist Repression und der Kampf dagegen, hier kommen zur schon erwähnten Polizei noch Bespitzelung und Überwachung, Festnahmen und Inhaftierung hinzu, ganz besonders aber die Angst davor, die vor allem als Paranoia zu beobachten ist. Symptomatisch hierfür ist der Titel des Hamburger Samplers „Paranoia in der Straßenbahn" von 1990 oder auch „Spitzel" von SCHLEIMKEIM. Auch für den Kampf gegen Repression wurden zahlreiche Parolen geschmiedet, beliebt sind Argumentationen wie „Ihr könnt uns nicht alle einsperren", „Laß' dich nicht unterkriegen", „Halte noch ein bißchen aus" (V-MANN JOE), "Unser Nein" (BUT ALIVE), „Uns kriegt ihr nicht" oder schlicht „Uns nicht" (RAZZIA).


Schlachtrufe


Das Wort „System" wird für die Linken zum Inbegriff von allem, was mit Staat und Kapitalismus zu tun hat. Gleichzeitig zeugt er von der „Systemhaftigkeit" der Zusammenarbeit von Staat und Kapital, von „Bonzen" und Politikern, das alles hat und ist System. Darüber hinaus läßt sich hier auch eine latente Technikfeindlichkeit herauslesen, da alles, was systematisch funktioniert, maschinenähnlich handelt. Ausschließlich maschinenfeindliche Texte wie „Maschinen - macht sie kaputt" von NORMAHL sind aber eher selten. „Smash the system everywhere" (PUNKENSTEIN) oder eingestreute Phrasen a la „gegen das System", „es ist das System" hingegen findet man sehr häufig.
Seltener gibt es Texte, die Liebe oder Beziehungen zu anderen Menschen zum Thema haben, es sei denn, sie führen im Refrain auf eine politische Dimension zurück. Manche Bands versuchen auch, in ihren Liedern eine sehr subjektive Sicht auf die Dinge zu formulieren, bei Bands wie DACKELBLUT werden so auch Krankheit, Behinderung und Tod thematisiert, RAZZIA nähern sich Problemen in der veränderten Kommunikation und Vereinsamung.
Einige Bands widmen sich auch der Kritik an der Bewegung, die Diskussion über Sinn oder Unsinn von Demonstrationen oder anderen Aktionen findet aber so gut wie nicht statt. Eher geht es um Drogenprobleme, die die Leute handlungsunfähig machen („dann ist es wieder einer weniger" DIE ZUSAMMROTTUNG) oder um die Kluft zwischen Theorie und Praxis.
Im Vergleich mit den Texten anderer Musikrichtungen fällt besonders die Haltung gegenüber dem Zuhörer auf. Die überwiegende Mehrheit der Texte spricht ihn direkt an („Hey Punk", „Doch du bist nur ein Sklave"), rufen ihn zum Umdenken oder zu Aktivitäten auf („Boykott, Boykott - treff' den Staat, bevor er dich trifft"). Diese Überbetonung der Haltung wird so zu einem wichtigen Moment für diese Art von Musik und Lebenseinstellung. Es geht im Wesentlichen um den Akt des Zeigens - zeigen auf sich (schaut her, ich bin anders), auf andere (sieh dich an, bist du damit etwa zufrieden?) und auf die Gesellschaft (schaut euch an, wie alles schief läuft).
Dieses Zeigenwollen macht auch klar, warum sich im Laufe der Zeit so viele Signifikanten herausgebildet haben, an der Kleidung, den Accessoires oder eben auch sprachlich. Die Szene entwickelt ein Bedeutungssystem, durch das Außenstehende schnell erkannt werden können und durch das sich seine Mitglieder zusammengehörig fühlen können. So gibt es für viele Gegenstände oder Aktionen des linken Alltags Abkürzungen (wie Demo für Demonstration, Lauti für Lautsprecher, Soli für Solidarität, Provo für Provokation) oder neue Wortbildungen (wie Spucki für Aufkleber, die mit Spucke kleben). Jede Kneipe oder Infoladen hat meist darüber hinaus noch eigene Begriffe für Dinge, zum Beispiel Namen von Drinks, die eigens erfunden wurden. All diese Neuschöpfungen kursieren in der Szene, einige werden irgendwann in die Texte der Bands aufgenommen. Andererseits können auch Bands das Vokabular des Publikums erweitern, so geschehen mit QUETSCHENPAUA, der „mit der Quetsche in der Hand" (=Akkordeon) auftrat.
Wir stellen fest, daß sich trotz starker Niveauunterschiede immer wieder gleiche Themenkomplexe herausfiltern lassen, die sich durch alle Bands durchziehen. Betrachtet man das sprachliche Niveau, gibt es ebenfalls Gemeinsamkeiten. Die meisten Bands reden in einfach verständlichen Worten mit ihrer und/oder der Sprache der Bewegung, um damit ihrer Zugehörigkeit zur Szene Ausdruck zu verleihen. Parolen und Sprüche des politischen Alltags fließen so in die Texte ein und machen diese wiederum politikfähig. Musik spielt so in ihrer Funktion als Bote und Propagandamittel eine wesentliche Rolle. Die Haltung der Menschen auf Demonstrationen, nämlich das Ansprechen der Leute und die Aufforderung zum Mitmachen, findet seine Entsprechung in der Haltung der Texte. Sie sollen nach innen zur Stärkung der Szene und zur Auffrischung der Ideale, nach außen als Propagandamittel zur „Neurekrutierung" von Mitstreitern wirken.

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2.6.2. Glaubwürdigkeit contra Kommerz

Weiterhin spielt die Frage der Authentizität, der ja auch Bands anderer Jugendkulturen stark ausgesetzt sind, hier eine ganz besonders große Rolle. In der Tat: die Bands werden nicht müde, zu betonen, daß sie in (ex-)besetzten Häusern wohnen (9) , in Projekten integriert sind und außer ihrem Bandequipment nichts besitzen. Einige Bands treten auf Soli-Veranstaltungen auf, bei denen der gesamte Erlös einem Projekt oder einer Gruppe zukommt. Von den auch sonst geringen Einnahmen (meist zwischen 100 und 300 DM pro Band) können höchstens die Fahrtkosten bezahlt werden, um zur nächsten Stadt zu gelangen. Jedoch gerade die Tatsache, daß die Bandmitglieder von den Einnahmen nicht leben können, läßt dann fragen, woher das restliche Geld kommt. So stellt sich heraus, daß entweder die Eltern noch dazugeben oder die Band nebenbei arbeiten geht, was ja beides nicht gerade dem Szeneideal entspricht. Viele Bands reden nicht darüber, doch allein an den Instrumenten, die jede Band wieder neu auf- baut, ist erkennbar, welche finanzielle Ressourcen vorhanden sind. Die Festlegung und Eintreibung von Eintrittsgeldern ist eine ebenso schizophrene wie undankbare Aufgabe. Einerseits soll jeder zum Konzert kommen dürfen, andererseits gibt es neben den so schon geringen Gagen für die Bands zahlreiche Soliprojekte, denen Geld fehlt. So pendeln sich die Preise zwar langsam aber sicher immer weiter oben ein.

Fluchtweg


Kostete vor fünf Jahren der Eintritt für ein Konzert im (damals noch besetzten) Supamolli noch 2 DM, kommt man heute kaum noch unter 5 DM rein. In der „Köpi" wird dazu immer 1 DM für Soli verlangt, auch hier kommt wieder die betonte Verknüpfung von Kultur, Vergnügen und politischem Anspruch deutlich zum Ausdruck. Um auf den Zusammenhang zur Sprache zurückzufinden, nirgends ist die Szene sprachlich kreativer als bei der Verschleierung von Geldforderungen. Da ist bei Eintrittsschildchen die Rede von „Mack", „Kröten", „Eiern" oder Zeitungen wollen „Gräten". Für das Wort „Mark" gibt es wohl die meisten Synonyme, die in der Szene kursieren.
Insgesamt wird deutlich, daß die Szene eigentlich ohne zusätzliche Geldquellen nicht funktionieren würde. Über finanzielle Sorgen wird zwar geredet, die Geldprobleme des Einzelnen jedoch meist ignoriert. Arbeitet jemand regelmäßig in einer Firma, ist er eigentlich kein richtiges Szenemitglied mehr, da er an vielen Veranstaltungen nicht teilnehmen kann. So scheint es nicht verwunderlich, daß viele nach Erreichen einer bestimmten Altersgrenze oder Erlangen eines Ausbildungsabschlusses sich allmählich aus der Szene zurückziehen oder sogar von ihr distanzieren.

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2.6.3. Tanzverhalten

Bei jeglichen Veranstaltungen, wo man Musik hören kann, ist es selten, daß sich Leute nur wegen der Musik in dieser Umgebung aufhalten oder zu anderen Anwesenden keinen Bezug haben. Generell hat das individuelle Verhalten einen starken Gruppenbezug. Dies drückt sich nicht nur in der Entscheidung aus, einen ganz bestimmten Ort aufzusuchen, sondern auch im individuellen Tanzverhalten.
An der Art, sich als Individuum zu Musik auszudrücken, unterscheiden sich Szene-Tanzveranstaltungen, Konzerte und Demonstrationen. Bei Tanzveranstaltungen ist es beim Tanzen üblich, aufeinander Rücksicht zu nehmen und niemanden zu behindern. Es läßt sich so die Vorstellung erkennen, daß man sich in der „eigenen" Szene bewegt und deshalb rücksichtsvoll und freundlich zueinander ist. Dazu kommt, daß dies meist Soli-Veranstaltungen sind, die für einen „guten" Zweck bestimmt sind und man sich deshalb auch „gut" benimmt.
Bei diesen Tanzveranstaltungen erfolgt der Tanzbeginn eines Individuums oft dergestalt, daß sich jemand innerhalb seiner Gruppe begeistert zeigt, daß ein bestimmtes Lied gespielt wird und sich nach dem Begeisterungsausbruch von seiner Gruppe weg in eiligen Schritten auf die Tanzfläche begibt. Es ist oft zu beobachten, das Leute einzeln auf die Tanzfläche zum Tanzen gehen und dort auf Bekannte treffen, mit denen sie dann als lose Gruppe tanzen. Trotzdem gibt es kaum Versuche, andere Gruppenmitglieder zu bewegen, auch mitzutanzen, denn jede und jeder muß das selbst für sich entscheiden können. Beim Tanzen lassen sich keine erlernten Schritte oder Standard-Tänze erkennen. Es wirkt alles, wie vom Einzelnen gerade frei improvisiert. Es ist keine Körper-Ausdrucks-Show, um sich ins Bild zu setzen, das Tanzen ist individuell-zurückhaltend (Grunge-Stil) und wenig expressiv.
Jede und jeder tanzt für sich und meist im Umkreis von bekannten Menschen. Dies wirkt auf die Stimmung beim Tanzen und fordert beim Pogen ein eher rücksichtsvolles Verhalten. Manchmal wird das bei besonders rücksichtslosem Tanzen von Einzelnen eingefordert. Auf der Tanzfläche ist es meist ziemlich eng, wodurch raumeinnehmendes Tanzen bzw. Ausweichen nicht möglich ist.

Bei Konzerten, die größtenteils nicht unter dem Soli-Aspekt stehen (das Geld bekommen Band und Veranstalter), steht die Selbstdarstellung im Vordergrund. Dabei wird herumgepogt und das Anrempeln und rauhe Berühren und Wegschubsen der anderen Besucher gehört beim Konzert dazu. Wer das nicht will und trotzdem die Musik hören möchte, steht am Rand. Dabei unterscheiden sich die Szene-Konzerte nicht besonders von anderen Konzerten mit ähnlicher Musik: es sind hauptsächlich Männer, die scheinbar rücksichtslos pogen und es ähnelt einem Sportwettkampf, bei dem die vielen schubsenden Bewegungen lustvoll und kräftemessend sind. An dieser Art des Tanzens scheint man besonderen Gefallen zu finden, wobei auffallend wenig Frauen tanzen. Man könnte es eine sich im Pogen selbst feiernde Gemeinschaft nennen, wobei die, die tanzen, mit den „rauhen" Regeln einverstanden sind. Jene Musikfans, die sich diese Regeln für Konzerte nicht aneignen können oder wollen, bleiben Randfiguren.


But Alive


Was für eine Funktion hat nun Pogen? Indem man sich beim Pogen hin- und herwirft, selber hin- und herwerfen läßt, geworfen, gedrückt wird, werden fast alle Berührungen zu Berührungen durch den ganzen Körper. Das heißt: jede Distanz, die ansonsten - etwa beim Händeschütteln - trotz der Berührung zwischen Körpern erhalten bleibt, wird hier, und das kann dann auch recht schmerzhaft sein, zum Verschwinden gebracht.
Dennoch heißt pogen nicht nur schubsen und geschubst werden. Denn oft kann man unterscheiden zwischen solchen Leuten, die sich aggressiv in die Menge werfen, und anderen, die dabei immer wieder abwechselnd auseinander gerissen und eng aneinander gedrückt werden. Pogen kann so auch zum Weg werden, Vertrauen in die Gemeinschaft zu gewinnen, denn aufgefangen wird man immer, niemand würde absichtlich zur Seite treten und den anderen stürzen lassen etc. Bei stark Hardcore/Rock/Punk-lastigen Konzerten ist Stage-Diving sehr beliebt, dazu ist ein gewisses Vertrauen in das Aufgefangenwerden in der Gruppe nötig.
Wenn Frauenbands mit feministischem Programm spielen, die in ihrer Konzerteinladung den Zusatz „auch für Männer" tragen, ist das Mengenverhältnis so stark ausgetauscht, daß hauptsächlich Frauen pogen (zum Beispiel bei den Bands Bikini Kill, Team Dresch). Daran läßt sich erkennen, daß Pogen nicht einfach als männertypisch angesehen werden kann, sondern daß es auf das Selbstverständnis der Band und das Mengenverhältnis der Geschlechter im Publikum ankommt.
Bei Demos geht es bei dem Verhalten der Einzelnen darum, eine Gruppe, eine Idee oder eine Aussage gegen ein „Außen" zu vertreten. Dazu wird der Körper, die eigene Stimme und Musik eingesetzt. Diese drei Dinge sollen ein Ganzes bilden, um dem „Außen" die Kritik anzutragen. In der Regel wird zu der abgespielten Musik nicht getanzt. Rhythmische Bewegungen der Beine und des Kopfes sind dagegen oft zu beobachten.

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2.6.4. Auswahlkriterien der Musik

Bei Tanzveranstaltungen/Parties versucht das veranstaltende Kollektiv durch die Vielfalt der Musik den Geschmack des gesamten Publikums zu erreichen, damit alle die Möglichkeit zum Tanzen erhalten. Daraus kann geschlossen werden, daß sich die Leute über eine größere Spannbreite bei Tanzmusik definieren und sich die dort versammelten Menschen nicht über eine spezielle Musikform (zum Beispiel Tango) gefunden haben. Eher bildet der Ausschluß bestimmter Musikformen (wie Tango, Walzer = keine Paartanzmusik) ein Zusammengehörigkeitsmoment. Wenn langsamere Musik gespielt wird, ist das keine Schmusemusik, sondern leicht depressiv angehauchter Crossover, wie Portishead oder Björk.
Bei der Auswahl von Musik geht es nicht nur um den Hörgeschmack. Jegliche Musik, die gespielt wird muß „political correct" sein (das schließt Antirassismus und Antisexismus mit ein). Das heißt, daß, wenn der Text darüber keine Auskunft gibt, mögliches Hintergrundwissen weiterhelfen muß: in welchem Licht erscheinen Sänger oder Band in der Öffentlichkeit und wie haben sie sich persönlich zu bestimmten Themen geäußert (das gilt für die restliche Musik ebenso). Falls dabei unterschiedliche Meinungen zwischen Publikum und DJ auftreten, kann das auch zu verbalen Auseinandersetzungen oder zu Protest durch Verlassen der Tanzfläche führen.
Bei Demonstrationen kommt es oft zu sogenannten Block-Bildungen. (zum Beispiel Frauen/Lesben-Block). Diese Demo-Blöcke geben Demonstrationen eine geschlossene Wirkung nach außen und symbolisieren ein einheitliches Auftreten. Dieses einheitsstiftende Moment wirkt auch nach innen und unterstützt das Gemeinschaftsverständnis. Die Musik, die auf den Demonstrationen abgespielt wird, fördert die Geschlossenheit und ist im Hinblick darauf ein sorgfältig ausgewählter Teil der Demonstration. Sie dient dazu, genauso wie die gerufenen Parolen, ein Lebensgefühl und eine politische Einstellung auszudrücken. Die Musikstücke sind dabei inhaltliche Unterstützung. Deshalb ist die Gesangsstimme, die den Text verständlich singt, so wichtig.
Demonstrationen sollen über die dabei verwendete Musik auch ihren Protest ausdrücken. Bei der abgespielten Musik sind die Interpreten/Bands und ihre Songs bewußt inhaltlich ausgewählt. Dabei gibt es Worte, die sich oft wiederholen und auch auffallend gesungen werden, zum Beispiel: revolution, fight the power, anarchy, rebel.
Je lauter und parolenhafter die Musik ist, desto geschlossener und widerständiger wirkt auch das Verhalten der DemonstationsteilnehmerInnen. Dagegen läßt sich bei einer lockeren Spaziergang-Demo beobachten, das die ausgewählte Musik rhythmischer und melodiöser ist.
Darüber hinaus dient Musik bei Demonstrationen ebenso der Untermalung wie durch die Lautstärke dazu, auf die Demo aufmerksam zu machen. Dabei gibt es Ausnahmen, wie Schweigemärsche zum Gedenken.
Es wird deutlich, daß die inhaltliche Ausrichtung der Demonstration, das Verhalten der Demonstrationsteilnehmer und die dabei abgespielte Musik korrespondieren.
In der Linken Szene gibt es wenig abgrenzendes Individual- oder Pärchen-Verhalten. Der vorherrschende Gruppenbezug drückt sich in der Musik dadurch aus, daß kaum Solo-SängerInnen gespielt werden, sondern hauptsächlich Bands und keine Kitsch-Musik (Herz-SchmerzSongs, verherrlichende und Rollen festlegende Liebeslieder).
Bei Live-Konzerten sehen sich die Musiker als gleichwertige Mitglieder einer Musikgruppe, bei der es keinen Star geben soll. Beispielsweise gibt die Gruppe „Tod und Mordschlag" nur gemeinsam als Gruppe Interviews. Der Fakt, daß kein Starkult betrieben wird, also keiner aus der Band besonders heraussticht, korrespondiert auch mit dem Verhalten in der Gruppe: alle sind scheinbar gleichgestellt, niemand ist der „Boss".

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2.6.5. Beziehungen zwischen Musikern und Publikum

Bei Konzerten versuchen die Bands immer, Kontakt zum Publikum herzustellen bzw. klarzumachen, daß sie sich als Musiker keinesfalls als etwas Besseres fühlen, sondern man möchte im Gegenteil seine eigene Zugehörigkeit zur Szene bekunden. So unterscheidet sich das Aussehen der Musiker kaum von dem des Publikums und auch das Verhalten ist dem des Publikums vergleichbar. Dies bedeutet, daß man auf besondere Bühnenkleidung, Bühnenshow, übermäßige Lightshow, Rockstar-Posen und dergleichen bewußt verzichtet, um die Distanz zum Publikum nicht noch zu vergrößern.
Statt dessen wird der Kontakt zum Publikum gesucht, das nicht einfach nur Zuschauer oder gar Fans darstellt. Vielmehr geht es darum, gemeinsam eine Party zu feiern bzw. sich für ein bestimmtes Anliegen zu engagieren (zum Beispiel Soliparty). Dabei kann es auch zu gegenseitigen Beeinflussungen zwischen Musikern und Publikum kommen (siehe Songtexte bzw. Demo-Slogans), oder jemand aus dem Publikum darf selbst mal ins Mikro singen.
Bei Punk-Konzerten wird in den Texten der Zuhörer direkt angesprochen und jedes Lied beinhaltet normalerweise einen Refrain zum Mitsingen, wodurch es erleichtert wird, ein gewisses Feedback vom Publikum zu bekommen (vgl. Songtexte). Auch das gemeinsame Tanzen kann eine solche Brückenfunktion übernehmen.
Typisch ist jedoch das sogenannte „Stage-Diving", wie es bei Punk- oder Hardcore-Konzerten häufiger vorkommt. Dabei klettern Leute aus dem Publikum auf die Bühne, um anschließend zurück in die Menge zu springen und sich dabei von den anderen auffangen zu lassen. Einerseits ist der Spaß sicher wichtig, wenn man sich dabei nicht gerade ernsthaft verletzt, zum anderen demonstriert das Stage-Diving Mut und Härte, also Tugenden, die auch bei Demonstrationen verlangt sind, weshalb es praktisch nur von Männern praktiziert wird. Die wichtigsten Aspekte sind aber sicher auch symbolischer Art, dergestalt, daß die Bühne vom Publikum „erobert" wird und daß der Springende sich auf die stützenden Arme der anderen verlassen kann, also buchstäblich von der Gemeinschaft aufgefangen wird. Umgekehrt wird dieses Verhalten von den Musikern nicht nur toleriert, sondern teilweise auch selbst praktiziert, wodurch dann jegliche Distanz zum Publikum aufgehoben zu sein scheint.
Auch ansonsten bekommt man nicht gerade den Eindruck, als ob das Publikum den Musikern eine übermäßige Form von Bewunderung entgegen bringt, wie es sonst in der Pop- und Rockmusik der Fall ist. Dies zeigt sich daran, daß das Publikum meist nicht nur auf die Bühne fixiert ist, denn häufig ist man einfach nur anwesend, ohne besonders auf die Musik zu achten.
Alles in allem sind Konzerte eher Parties mit Live-Musik, wobei der Spaßcharakter und die politische Message besonders wichtig sind. Das Prinzip der Gleichberechtigung gilt auch bis zu einem gewissen Punkt für die Beziehung zwischen Musikern und Publikum, jedenfalls versucht man, die Kluft zwischen beiden Gruppen so gering wie möglich zu halten, damit man sich gegenseitig miteinander identifizieren kann. Aber es kommt auch vor, daß die Musiker bei Konzerten untereinander Gleichberechtigung demonstrieren, indem sie bei einem Auftritt mehrmals die Instrumente wechseln (zum Beispiel Embryo).
Live-Musik wirkt oft spontan und emotionsgeladen. Die Zuhörer stellen an sich und an ihre Gruppe einen ähnlichen Anspruch: Wir sind keinen Zwängen ausgesetzt und entscheiden spontan.

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2.6.6. Geschlechterverhalten

Das Geschlechterverhalten auf den Parties und den Demos ist kaum zu unterscheiden. Weder bei den Bewegungen beim Tanzen noch im äußeren Erscheinungsbild lassen sich eindeutige Unterschiede erkennen. Dies kennzeichnet den Versuch, einen Gruppenzusammenhalt durch eine Gruppenidentität herzustellen, was über eine Angleichung der Individuen (trotz oder ge- rade wegen der Betonung der Individualität) und eine Gleichheit der Geschlechter dargestellt werden soll. Bei genaueren Betrachtungen lassen sich jedoch Abweichungen erkennen, die sich am ungleichen Mengenverhältnis festmachen: auf der Tanzfläche halten sich bei Parties mehr Frauen auf und bei Konzerten eindeutig mehr Männer (s.o.). Auf den Demonstrationen sind, trotz Frauen/Lesben-Block, mehr Männer zu erkennen. Somit gibt es eindeutig Verhaltensdifferenzen, die das Geschlechterverhältnis betreffen.
Auf den Musikveranstaltungen (Parties) werden Anmach-Versuche von Männern gegenüber Frauen nicht geduldet. Von den Veranstaltern wird teilweise vorher mitgeteilt (Plakate, Aushänge), daß sexistisches und rassistisches Verhalten nicht toleriert wird. Dies führt bei Zuwiderhandeln und Beschwerden auch zum Rauswurf der entsprechenden Person. Manche Frauen kommen wegen dieser geschützten Atmosphäre speziell auf solche Veranstaltungen zum Tanzen. In der Szene werden auch „Only-Women"-Parties angeboten, u.a. auch um der Dominanz und Anmache durch Männer vorzubeugen.

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2.6.7. Musik und räumliche Strukturen

Es gibt in der Linken Szene drei Veranstaltungsformen, in denen Musik eine herausragende Rolle spielt: Livekonzerte, Soliparties und Demonstrationen. Wenn auch gewisse Übereinstimmungen auftreten, so ist doch für jede dieser drei Veranstaltungsformen die Funktion der Musik, die angestrebte Klanggestalt, nach der die Auswahl der Musik erfolgt, eine etwas andere.
Von diesen drei Formen soll es im folgenden Text vor allem um das Livekonzert gehen; wo sich Korrespondenzen zur Demonstration und zur Soliparty ergeben, werden wir kurz darauf eingehen.
Musik bei Livekonzerten ist fast ausschließlich Punkmusik. Punkmusik heißt: die Songs sind mit ca. zwei Minuten Dauer eher kurz und folgen schnell aufeinander, es gibt keine langatmigen Ansagen. Die Musik ist laut, und sie ist lärmig, das heißt der mittlere Bereich des Frequenzspektrums ist durch Gitarren, Snaredrum und Becken ziemlich raumfüllend mit Rauschen „zugekleistert".
Da - im Gegensatz etwa zu Heavy Metal - Baß und Gitarre/n nicht eindeutig voneinander abgesetzt, oft in sich und auch gegeneinander verstimmt sind, und es keine vergleichbare Verstärkung der Bassdrum gibt, bilden sich keine metaltypischen Klangblöcke, mit denen sich gezielt „Druck" ausüben, der Eindruck von „Gewicht" vermitteln ließe. Sondern eher eine - ziemlich unregelmäßige, wenig konturierte - Wall of Sound, ein Klangbrei, in dem auch die Stimme - so denn die ziemlich breakreiche Rhythmik nicht gerade eine Lücke läßt - so gut wie verschwindet und nur noch als „Stimme" (bzw.: als die durcheinandersingenden „Stimmen" aller Bandmitglieder) wahrnehmbar ist.
Das steht im auffälligen Gegensatz zum Bemühen um Textverständnis; es gibt daher immer wieder Bands, die den Gesang höher auszusteuern versuchen oder bei Konzerten deshalb Textblätter verteilen. Bei szenebekannten Bands kann man Textkenntnis ohnehin voraussetzen, weswegen es auf die durchgehende Verständlichkeit der Texte im Konzert nicht mehr ankommt.
Zusammen mit den eher dunklen, engen, höhlenartigen Räumen, in denen die Leute kopfnickend und fußwippend rumstehen, wenn sie nicht gerade pogenderweise die offene Fläche vor der Bühne füllen, bekommt die Musik so die Qualität einer sehr lauten, bis zum Zerreißen mit Klang angefüllten Hülle, die in sich hektisch bewegt, von Leben angefüllt ist, und zu schnellen Bewegungen einlädt. Sie ähnelt einer bewegten Masse, bei der sich die einzelnen Konturen der Instrumente nicht mehr genau ausmachen lassen, die Grenzen der Instrumente, die gegeneinander anrennen, verschwimmen und werden vom Rauschen überspült. Musik und Raum von Livekonzerten liefern so eine ideale Grundlage zum Pogen.
Da es weder elaboriertere Songstrukturen, noch lange Pausen zwischen den einzelnen Songs gibt, folgen im Zweiminutenabstand immer ein kurzes, solo und oft eher langsam gespieltes Intro auf einen schnell gespielten Abschnitt, der beginnt, indem, wie aus dem Nichts heraus, plötzlich die gesamte Band einsetzt. Nach der kurzen Erholungspause, die mit dem Ende des einen Songs beginnt und sich im Intro des nächsten fortsetzt, nach einer Erholungspause, in der jeder wieder etwas zu sich kommen, Luft holen, sich aufrecht hinstellen kann, bedeutet dieser sprunghafte gemeinsame Einsatz, dieser plötzliche Ansturm von Musik das Signal, sich erneut in die Menge zu stürzen. Dabei übertönt die Lautstärke nicht nur die Geräusche der Tanzenden, sondern die alles übertönenden, sich überschneidenden Frequenzen von Gitarre, Bass und Schlagzeug entsprechen ganz der (nahezu) gewaltförmigen Verwischung der Körpergrenzen im Pogen.
Im Gegensatz jedoch zu anderen Konzerten, in denen man selbstverständlich oft genug dicht gedrängt steht, geht es im Pogen ganz gezielt um den Verlust der Kontrolle, um den Verlust der kontrollierenden, sichtenden Distanz. Man sucht geradezu die körperliche Erschütterung der eigenen Kontrollmechanismen, um, im Schutze eines uneinsehbaren Raumes, ganz zu einer Gemeinschaft aus Körpern zu werden. Dies ist bei Soliparties offenbar anders: hier geht es eher darum, Individualität zu genießen, zu sehen, wie jemand begeistert aufspringt, zur Tanzfläche geht und tanzt; zu erfahren, daß die Gemeinschaft Platz hat für alle ihre Individuen.

Wir stellen dies voran, weil sich zum Beispiel auf der Vatertagsdemo das Demonstrieren zunächst wie eine bessere Soliparty anließ: Man kannte die Stücke, die gespielt wurden, für jeden war ein Lieblingslied dabei, und so konnte man, gewissermaßen im Schutze dieser lautstarken Demonstration der Gruppenidentität, gemütlich seinen Weg durch den Friedrichshain nehmen. Man war, weil die Musik dies übernommen hatte, von der Aufgabe entlastet, selbst, das heißt: mit seinem eigenen Körper für den Zusammenhalt der Demonstration und den Zusammenhalt der Szene einstehen zu müssen. Man brauchte nicht mit den anderen Körpern zu einem Demonstrationskörper zusammenzuwachsen und konnte sich zudem, so absurd das klingen mag, unbeobachtet fühlen. Denn die Musik funktionierte wie eine schützende Hülle. Man war eingehüllt von Musik, und konnte, wie auf Soliparties, doch Individuum bleiben. Irgendwann aber änderte sich die Grundstimmung der Demonstration.

Deutschpunk


Die Musik setzte aus; von Lautsprecherwagen aus wurde davor gewarnt, daß die Demonstration auseinandergerissen werden könne - man solle sich nicht auseinanderreißen, die Demonstration nicht zweiteilen lassen. Außer den Demonstranten war so gut wie niemand auf der Straße, und die plötzliche Stille wirkte bedrohlich, man fühlte sich beobachtet, erwartete geradezu den Angriff von außen.
Während der gesamten Demonstration aber war die Außenseite des Demonstrationszuges schon von Gruppen von Männern gebildet worden, die immer wieder ausschwärmten und Hauseinfahrten, Böschungen etc. nach Nazis absuchten. Als nun die Musik aussetzte, kam es zu einer Identifikation mit diesem Teil der Demonstranten. Man sah sich plötzlich reduziert auf eine körperlich bedrohte Einheit, die möglicherweise sogar gegenüber „dem Feind" in die Offensive gehen muß, um nicht auseinandergerissen zu werden.
Während man also die Livekonzerte als einen Weg begreifen kann, die politische, sprachliche Ebene des Szene mit ihrer rein körperlichen zu versöhnen, fand auf der Vatertagsdemo der Übergang von einem selbstsicheren Individualkörper zu einem Kollektivkörper statt; einem Kollektivkörper, der auch den weitgehenden Kontrollverlust (zum Beispiel die aggressive, gewalttätige Konfrontation mit der Polizei) noch als Rückkehr in einen sicheren (weil körperlichen), von anderen Gewalten nicht mehr einsehbaren und kontrollierten, unzerreißbaren Raum erfahren würde.

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3. Integrale Ebene

Die von uns bereits herausgearbeiteten Begriffe (wie etwa „Individualität" und „Kollektivität") werden nun um einige neue Kategorien ergänzt. Diese Kategorien können das Auftreten mancher Phänomene der Subkultur auf der indexikalischen und homologischen Ebene besser erklären.
Von zentraler Bedeutung für eine ganze Reihe dieser Phänomene scheint uns ein strukturell wirksamer Komplex zu sein: diesen möchten wir, weil er sich nur schwer bündig mit einem Begriff fassen läßt, vorerst nur hinsichtlich der Bewegungen, die er hervorruft, umschreiben.
Dieser Komplex umfaßt folgende Schwerpunkte:

a) Individualität
Die Identifikation mit sich selbst wurde von uns als zentraler Punkt festgestellt. Das bedeutet, daß es in der Szene ein Bestreben gibt, ein ganzes Individuum werden, was auch die Vorstellung vom Körper als Gesamtheit miteinbezieht. Die diskursive Rasterung des Subjekts soll überwunden werden, das heißt, die verschiedenen, diskursiv getrennten Aspekte des Körpers (wie: Haare, Kleidung etc.) als Einheit verstanden werden, zum Beispiel über die Identifikation mit der eigenen Kleidung.

b) Community-Vorstellungen
Kollektives Leben in einer Gemeinschaft wird als Idealbild der Szene angesehen, wobei sich das in unterschiedlichen Formen ausdrücken kann. Diese reichen vom einfachen Treffen in der Kiezkneipe über Demonstrationen als gemeinschaftliches Erlebnis bis hin zum Wohnen in der Hausgemeinschaft als konsequentester Ausdruck von Kollektivität: die Auflösung von privatem Raum zugunsten des gemeinschaftlichen Lebens. Es kommt somit zur Ausdehnung dieser Strukturen - von den Häusern und Wohngemeinschaften ausgehend - auf den Kiez als Lebensraum.
Gerade wegen dieser Strukturen versteht sich auch der Einzelne als Bestandteil seines Kiezes. Umgekehrt wird auch die Einheit, die Identifikation mit dem Kiez als Teil seiner selbst aufrecht erhalten. Der Kiez ist die Community, die Geborgenheit bietet, aber auch eine gewisse Anpassung einfordert. Er ist der größte gemeinschaftliche Lebensraum, der für das Individuum noch überschaubar ist. Die anonyme Struktur der Großstadt wird damit unterwandert und zu einer menschlicheren Gemeinschaft geformt, die sowohl den politischen Ansprüchen als auch den persönlichen Idealen gerecht wird.
Auf musikalischer Ebene wird der Widerspruch zwischen Individualität und Kollektiv in unterschiedlichster Weise ausgetragen. Beispielsweise bemüht man sich um eine individuelle Stimmgebung in der „Strophe" bei Gleichberechtigung der anderen Bandmitglieder im „Refrain" (gemeinsames Singen, teilweise mit Publikumsbeteiligung).

c) Kollektiv / Individuum
Widersprüche entstehen zwischen Kollektivvorstellungen und Individualität schon daraus, daß das Ideal des absolut Individuellen überall die breite gesellschaftliche Homogenität aus dem Bewußtsein drängt. Letztendlich ist - bei allem betont Individuellen - eine gewisse Uniformität (etwa bei der Kleidung der Linken Szene) nicht zu leugnen. Dieser von uns beobachtete Widerspruch wird von der Szene selbst offenbar nicht akzeptiert, so daß eine „Gemeinschaft" von „Individuen" entsteht.
So kann zum Beispiel Politik als individueller genauso wie als gemeinschaftlicher Raum genutzt werden. Jeder hat seine eigenen Vorstellungen, wie die gemeinschaftlichen Ziele erreicht werden können: im Kollektiv kommen die verschiedenen Ansichten vielleicht zur Sprache, müssen aber einem gemeinsamen Grundkonsens entsprechen.
Ein Lösungsversuch könnte sein, den Gegensatz „Individuum" und „Gemeinschaft" zu entkoppeln: Individuum in der Gesellschaft zu bleiben, indem (diskursiv gesetzte, räumlich und körperlich ausgetragene) Grenzen verwischt werden. Gleichzeitig könnte eine Verschmelzung mit der Gemeinschaft stattfinden, indem die Räume wie auch die Körper gemeinschaftlich modifiziert werden. Der Widerspruch löst sich so zwar nicht, wird aber ausgetragen.

d) Flache Hierarchien Man achtet darauf, daß Unterschiede oder Privilegien innerhalb der Szene vermieden werden.
So haben sich gleichberechtigte Entscheidungsstukturen wie Plena durchgesetzt, die dem Ideal völliger Gleichberechtigung möglichst nahe kommen sollen. Wie bereits beschrieben, wird von diesem Anspruch auch die Kalkulation der Eintrittspreise bestimmt, damit niemand aus finanziellen Gründen von Veranstaltungen ausgeschlossen bleibt. Kollektive, in denen gemeinsam gearbeitet wird (wie die oben bereits erwähnten Kneipenkollektive), bemühen sich, das typische Verhältnis Chef – Angestellter zu vermeiden. Es geht mehr um die selbstbestimmte Zusammenarbeit, um die Entfaltung der eigenen Kreativität bei der Arbeit und um den Aufbau und die Pflege persönlicher Beziehungen untereinander. Eine Trennung von Arbeit und Privatleben existiert hierbei nicht, die Arbeit wird nicht als Arbeit sondern als Dienst an der Gemeinschaft angesehen.
Dieses Verhalten läßt sich auch deutlich im Bereich der Musik erkennen: bei den Bandmitgliedern untereinander, beim Verhältnis von Band und Publikum sowie in der alternativen Struktur der Labels und Plattenläden.
Grundsätzlich stellt das Bemühen um Vermeidung von Hierarchien ein ebenso schwerwiegendes Problem, wie im Falle von Individuum und Kollektiv, dar. Bei mehrmaliger Ausführung derselben Tätigkeit kommt es zwangsläufig zu Spezialisierung, Gewohnheit und Wissensvorsprung gegenüber anderen. Dieser Widerspruch wird nur teilweise artikuliert und die Vergabe von Schlüsselpositionen selten in Frage gestellt.

e) Demonstrativer Protest gegen gesellschaftliche Normen und Konventionen
Wie wir bereits an mehreren Stellen nachweisen konnten, zeigt sich die bewußte Ablehnung gesellschaftlicher Konventionen in allen Lebensbereichen. Der Punk, der in der S-Bahn die Füße hochlegt, der Anstecker an der Lederjacke, die Texte der deutschsprachigen Bands, die laute Musik oder die Mißachtung von Gesetz und Autorität sind alle Ausdruck von Protest gegen Einschränkungen durch die Gesellschaft. Dies geschieht oft auf drastische und provokante Weise, deutlich mit demonstrativer Haltung den Mitmenschen gegenüber. Es geht oft weniger um Überzeugung als um Selbstdarstellung und Abgrenzung. Einige Verhaltensweisen wurden mit der Zeit innerhalb der Szene zur Normalität, so daß dieser demonstrative Aspekt nicht mehr den gleichen Stellenwert hat. Da diese ursprünglich als Provokation gemeinten Abweichungen von der Norm nun - nach innen gerichtet – selbst zur Norm werden, führte dies dazu, daß es wiederum gegenüber diesen zu Verstößen kommt.

f) „Ästhetik des Häßlichen" – Entwicklung eigener Wertmaßstäbe
Was vom Ursprung her als reine Provokation gedacht war (zum Beispiel Anfänge des Punk), entwickelte eine eigene Ästhetik. So wird aus einer „Nicht-Frisur" eine kreative und in hohem Maß komplexe Frisurenkultur, die nicht mehr mit dem Begriff des „demonstrativen Protests" zu fassen ist. Ähnliches trifft für die Second-Hand-Kleidung zu, die zunächst in der Gesellschaft als altmodisch angesehen wurde und im Laufe der Zeit ein neuer Modetrend geworden ist.
In der Musik wird bewußt mit Hörgewohnheiten gebrochen: bekannte Stücke werden „falsch" gesungen, die Bandmitglieder singen alle durcheinander, Rückkopplungen werden als Teil der Musik betrachtet und selbst auf CD gepreßt usw. Auch bei der Auswahl der Musik zu anderen Anlässen (Demo, Disko, Party) wird ein eigener Wertmaßstab angelegt, der mit den konventionellen Musikvorstellungen bricht.
Das ursprünglich „häßlich" Gemeinte wird somit zu etwas Schönem stilisiert.

g) Naturverbundenheit und Natürlichkeitsvorstellungen, Menschlichkeit
Bei verschiedenen Aspekten finden sich Vorstellungen von „Menschlichkeit", die meist in Verbindung mit „Natürlichkeit" erscheinen. Das meint, daß es Bedürfnisse gibt, die unabhängig von gesellschaftlichen Vorstellungen befriedigt werden sollen. Langes Schlafen, was auch teilweise zu Unpünktlichkeit führt, wird im allgemeinen toleriert, da Schlafen als menschliches und natürliches Bedürfnis angesehen wird.
Ein weiterer Komplex betrifft die Naturverbundenheit und utopische Vorstellungen von Natur in der „befreiten Gesellschaft": Mensch und Tier leben friedlich mit- und nebeneinander, die Natur soll dabei möglichst wenig ausgebeutet werden.

Schlußwort
Am Anfang unserer Untersuchung stand die Vermutung, daß sich die Thesen der Kritischen Theorie im hier untersuchten Bereich „Linke Szene" nicht bestätigen. Diese Vermutung erwies sich als richtig, der vorgefundene Umgang mit Kulturgütern steht diesem Ansatz sogar entgegen. Die Gegenthese des CCCS, die besagt, daß in den einzelnen Subkulturen die massenhaft gefertigten und einfach gestrickten Konsumgüter individuell wieder zu komplexen Strukturen zusammengesetzt werden, läßt sich hier nachvollziehen. Das CCCS-Modell betont die kollektive Identität, während wir in der Linken Szene neben dem Kollektivbezug auch eine starke Tendenz zur Individualität nachweisen konnten.
Die Linke Szene stellt sich als nach außen sehr offen dar und ist vielleicht gerade daher sehr vielfältig. Es scheint hiermit der Ansatz von Willis – angesichts neuerer Formen von Jugendkulturen – nicht mehr zu greifen. Während Willis davon ausgeht, daß alle Mitglieder einer Subkultur hundertprozentige Mitglieder allein dieser Subkultur sind, kommen wir zu dem Schluß, daß die eigene Beteiligung am Leben in der Szene von Individuum zu Individuum sehr unterschiedlich ausfallen kann. Der Ansatz von Willis schafft Stereotype, die es nicht erlauben, die Realität von Subkulturen in ihrer Komplexität zu erfassen; der Ansatz bedarf daher einer eingehenden Überprüfung.

Inhalt

4. Literatur

(1) Willis, Paul: Profane Culture. Frankfurt aM, 1981. S.23 Zurück
(2) Aus den Containern von Großmärkten werden verfallene oder welke Lebensmittel geholt, teils mit Wissen und Duldung der Verantwortlichen, teils illegal. Zurück
(3) mit x, um sich vom teils negativ besetzten Begriff des 'Volkes" zu distanzieren und um gegen geltende Rechtschreibregeln zu verstoßen Zurück
(4) z.B. Machno, Nestor: Das ABC des revolutionären Anarchisten. (illegaler Reprint) Zurück
(5) z.B. Most, Johann: Die Eigentumsbestie. New York 1887. Zurück
(6) z.B. Malatesta, Errico: Anarchie und Gewalt. 1918. Zurück
(7) Berkmann, Alexander: ABC of Anarchism. Freedom Press, New York 1995. (Originaltitel von 1929: "What is Communist Anarchism?") Zurück
(8) Geronimo: Feuer und Flamme. Zur Geschichte der Autonomen. Berlin 1995. Zurück
(9) V-MANN JOE-Vorstellung auf Plattencover von "Schlachtrufe BRD III": "V-Mann Joe kommen aus Berlin - natürlich aus Kreuzberg. Zwei V-Männer wohnen in besetzten Häusern." Zurück