Die
gebietsspezifische Fragestellung:
Das Wohngebiet Charlottenburg Nord
/ Heilmannring wurde in den 1950er Jahren in enger Anlehnung an die Bedürfnisse
der damaligen Berliner Bevölkerung und einer entsprechend zu erwartenden
Bewohnerstruktur im Rahmen des Wiederaufbaus als eine dezentrale Wohnsiedlung
mit „großstädtischer Atmosphäre“ geplant.
Seit den 1980er Jahren ist in westeuropäischen Staaten in Abhängigkeit
von einer zunehmend individuellen Ausdifferenzierung von Lebensbereichen
wie z.B. Beruf, Lebenszyklus, Konsumverhalten und Haushaltsstruktur eine
Ausbildung verschiedener Lebens- und Mobilitätsstile zu beobachten.
Parallel zu dieser Entwicklung erlangte das Leitbild der „Stadt
der kurzen Wege“ im städtebaulichen Diskurs zunehmend an Bedeutung.
Im Folgenden soll nun der Frage nachgegangen werden, ob einerseits der
bauliche Ist-Zustand des zu untersuchenden Wohngebiets Charlottenburg
Nord / Heilmannring den Forderungen dieses neuen Leitbildes gerecht wird
und ob andererseits das Angebot des Wohngebiets für die derzeitigen
Bewohner noch als befriedigend betrachtet werden kann.
Das
Fazit:
Es erwies sich beim Schreiben dieses
Berichtes als relativ schwierig die heutige Vorstellung von einem angemessenen
Wohnumfeld mit den Leitbildern, die bei der Planung des Wohngebietes Charlottenburg
Nord eine Rolle spielten, zu vergleichen und entsprechend zu einer Beantwortung
der Frage zu kommen, inwiefern das Gebiet gewandelten Bewohneransprüchen
noch genügen kann.
Quellen und weiterführende Literatur zeigen, dass Hans Scharoun in
seiner Konzeption besondere Aufmerksamkeit dem unmittelbaren Wohnraum,
der „Wohnung“ gewidmet hat. So scheint sich ein wesentlicher
Teil seiner vorbereitenden Arbeiten mit der Organisation unterschiedlicher
Grundrisse auseinander zu setzen. Interessant ist dabei aber seine Idee,
dass sich ausgehend von der „Wohnung“ und der Art und Weise,
wie sich hier das Miteinander der Bewohner gestaltet, eine ganze politische
Gesellschaft neu formieren kann. Dass seine Planungsansätze so grundsätzlich
gedacht sind, lässt sich zurückführen auf eine starke politische
sowie soziale Verunsicherung, die der Zweite Weltkrieg für Deutschland
und seine Bevölkerung mit sich brachte. Letztendlich beruhen die
Pläne Scharouns auf einem Gesellschaftsentwurf, in welchem das Wohngebiet
nur ein Strukturelement darstellt. Diesem Strukturelement, das fraktalartig
in sich bereits das gesellschaftliche Gesamtkonstrukt abbildet, werden
zwangsläufig Funktionen zugeordnet, die wir heute als Bedingungen
für ein gut ausgestattetes Wohnumfeld betrachten.
Die Kartierung des Wohngebietes ergab, dass außer einer Post und
einer Bank alle Einrichtungen, die als notwendig für ein Wohnumfeld
angesehen werden können, auch vorhanden sind. Dies liegt nicht zuletzt
bereits in der umsichtigen Planung Scharouns und anderer Architekten des
Gebietes begründet, die diese Einrichtungen von vornherein in Zentren
innerhalb des Gebietes vorsahen.
Im Gebiet vermieten hauptsächlich zwei Wohnungsbaugesellschaften,
die GSW und die GEWOBAG, die Teile ihrer Bestände im Gebiet zwar
privatisiert haben, diese aber von Tochtergesellschaften verwalten lassen.
Aus Sicht der Vermieter ist das Gebiet äußerst attraktiv, was
die niedrigen Leerstandsquoten, eindrucksvoll belegen. Viele der Mieter
leben schon lange in Charlottenburg Nord und sind nicht zuletzt durch
ihre gemeinsame Arbeit in den angrenzenden Siemenswerken emotional an
das Gebiet und die Nachbarn gebunden. Dass sich Menschen in verschiedenen
Phasen ihres Lebenszyklus im Gebiet wohlfühlen können, zeigen
sowohl die langen Wohndauern als auch die unterschiedlichen Haushaltsgrößen,
Einkommensgruppen etc., die in der Bewohnerbefragung der GSW (WEEBER+PARTNER
2000) und in der Befragung durch die Projektgruppen ermittelt wurden.
Die von uns befragten Mieter äußerten sich insgesamt positiv
über die verkehrsgünstige Lage, die Durchgrünung des Gebietes
und die Ruhe. Als kritisch wurden dagegen u.a. die empfundene soziale
Abwertung sowie ein hoher Ausländeranteil angesehen. Letzterer lässt
sich jedoch mit Hilfe unserer Daten nicht belegen. Interne Aufzeichnungen
der GSW weisen jedoch auf eine Konzentration von ausländischen Mietern
unter einzelnen Hausnummern hin, welche diesen Eindruck hervorrufen könnte
(vgl. KANNOWSKY 2003). Bezüglich einzelner Gegebenheiten wie z.B.
kultureller Einrichtungen, Cafés/Restaurants und Einkaufsmöglichkeiten
im Wohnumfeld stellten rund ein Drittel der Befragten ein Defizit fest.
Die Mehrzahl der Befragten vermisst anscheinend nichts(1).
Deutliche Zusammenhänge zwischen Wohnzufriedenheit und Alter bzw.
Wohndauer der Befragten unserer Untersuchung lassen sich aus den uns vorliegenden
Daten nicht feststellen.
Zusammenfassend entsteht so der Eindruck, dass die ursprüngliche
Intention Scharouns, ein Wohngebiet zu schaffen, in dem sich für
jeden einzelnen Bewohner von Berlin eine geeignete Wohnung mit dem dazugehörigen
Wohnumfeld finden ließe, bis heute erfüllt scheint. Zwar stimmt
die demographische Struktur der Bewohner nicht genau mit der Berlins überein,
aber das ist eine normale Erscheinung für ein Wohngebiet, dass geplant
und zu einem einheitlichen Zeitpunkt bezogen wurde. Das Zuzugsalter der
Befragten legt den Schluss nahe, dass es sich um ein Wohngebiet handelt,
das für junge Leute auch heute noch interessant ist. Obwohl unter
den Leitbildern von autogerechter Stadt und Funktionstrennung vor 40 Jahren
geplant, unter dem heutigen Leitbild der Funktionsmischung betrachtet
und stellenweise durch die ausschließliche Wohnnutzung öde
und verlassen wirkend, genügt das Wohngebiet Charlottenburg Nord
den Anforderungen und Bedürfnissen der gegenwärtig dort lebenden
Menschen.
(1)Dabei
muss offen bleiben, inwieweit aufgrund eines weitgehend funktionierenden
Wohnungsmarktes eine Selbstselektion der Bewohner erfolgt ist, so dass
die jetzt befragten Mieter in Charlottenburg Nord wohnen, weil sie sich
in einem derartig strukturierten Wohngebiet wohlfühlen. |