Der Wohnungsbau
der 20er und 30er Jahren in Deutschland:
Da die hier untersuchte Kleinsiedlung
in Marienfelde / Lankwitz Ende der 20er und in den 30er Jahren des 20.
Jahrhunderts entstanden ist, soll an dieser Stelle ein Überblick
über den Wohnungsbau dieser Zeit gegeben werden.
Nach dem Ersten Weltkrieg herrschte
aufgrund der Kriegszerstörung, des Bauverbotes während des Krieges
und der Reparationszahlungen ein großer Wohnungsnotstand in Deutschland,
dem man mit verschiedenen Lösungsansätzen entgegenzuwirken versuchte.
Daher war das Wohnungswesen in der Weimarer Republik durch eine Vielzahl
von Reformen gekennzeichnet, die u.a. in der Wohnungszwangswirtschaft
und der Förderung des Wohnungsbaus ihren Ausdruck fanden. Dieser
hatte vor allem die Überwindung der Enge und Trostlosigkeit der Mietskasernenbebauung
zum Ziel, so dass insbesondere der Kleinsiedlungsbau staatlich gefördert
wurde. Träger des Wohnungsbaus wurden die in den 20er Jahren zahlreichen
neu gegründeten Baugenossenschaften und -gesellschaften und mit einer
Reihe von Verordnungen und Gesetzen wie dem Reichsheimstättengesetz
von 1924 schuf man die Grundlagen für den sozialen Wohnungsbau. Die
weltweite Wirtschaftskrise bewirkte am Ende der Weimarer Republik jedoch
einen Rückgang in der Bauwirtschaft und einen weiterhin großen
Wohnungsmangel sowie eine hohe Arbeitslosigkeit. Dies führte zur
Errichtung sogenannter "Not- oder Erwerbslosensiedlungen", die
in Selbsthilfe errichtet meist am Stadtrand entstanden, und die letzte
Etappe des Wohnungsbaus der Weimarer Republik darstellten.
Die Nationalsozialisten knüpften
anfangs an die Wohnungsbaukonzepte der 20er Jahre an, wobei aufgrund des
dringend benötigten, erschwinglichen Wohnraumes die Erwerbslosensiedlung
als Vorbild galt. Für die Idee der "Kleinsiedlung im Grünen"
wurde zudem die Gartenstadtidee der Jahrhundertwende aufgegriffen. Da
mit der Großstadt eine ungesunde Lebensweise und die Entwurzelung
der Bevölkerung verbunden wurde, sah das Konzept der Nationalsozialisten
für jede deutsche Familie ein eigenes Siedlungshäuschen mit
Nutzgarten vor. Dadurch sollte die Voraussetzung für gesunde soziale
Wohnverhältnisse geschaffen, und durch den Landbesitz eine größtmögliche
Verbundenheit mit dem Heimatland bewirkt werden. Der Wohnungsbau in den
30er Jahren diente also auch dem Transport nationalsozialistischer Ideologien.
Ferner sollte die Bewirtschaftung des Gartens der Selbstversorgung und
damit der Verbesserung der Lebenshaltung sowie der Sicherstellung einer
autarken Mindestversorgung in Krisenzeiten dienen.
Durch die Siedlungshäuser bzw. "Heimstätten", die
oft für bestimmte Bevölkerungsgruppen wie z.B. Angehörige
der Wehrmacht gebaut wurden, sollten vor allem Minderbemittelte und Familien
mit Kindern mit Wohneigentum versorgt werden. Um die Stellung dieser Bevölkerungsgruppen
in der nationalsozialistischen Hierarchie wiederzuspiegeln, aber auch
aus der schlechten wirtschaftlichen Lage resultierend, waren die Häuser
in der Regel sehr klein und durch eine sehr einfache, billige und auf
den Zweck reduzierte Bauweise gekennzeichnet. Zudem zeichneten sich die
Heimstätten oft durch ein sehr homogenes Erscheinungsbild aus, wodurch
die Einzelinteressen egalisiert und der Gemeinschaftsgedanke unterstrichen
werden sollte.
In welcher Form die Wohnungsbauweise dieser Zeit in dem hier untersuchten
Kleinsiedelgebiet wiederzufinden ist, und wie sich diese entwickelt hat
wird im folgenden Kapitel beleuchtet.
Entwicklung des Untersuchungsgebietes
Marienfelde / Lankwitz:
Das Untersuchungsgebiet Marienfelde
/ Lankwitz ist in den späten 20er und 30er Jahren im Rahmen der Siedlungen
"Lankwitz Süd" und „Mariengarten" entstanden.
Ein Baublock, der nachträglich in das Untersuchungsgebiet eingefügt
wurde, ist erst im Jahr 1961 errichtet worden.
Zur Siedlung "Lankwitz Süd"
gehören Teile der Friedrichrodaer Straße (66 - 160) sowie des
Falkenhausenwegs (23 - 45). Der Bauherr des westlichen Untersuchungsgebietes,
das in den Jahren 1936 und 1937 entstanden ist, war die Wohnungsfürsorgegesellschaft
Berlin, heute die Gemeinnützige Siedlungs- und Wohnungsbaugesellschaft
m.b.H. (GSW). Die Planung der Teilsiedlung lag in den Händen der
Architekten Behrens, Blum und Lottermoser. Es wurden Doppelhäuser
sowie Reihenhauszeilen zu vier oder sechs Häusern in regelmäßiger
Anordnung gebaut, die ein- bis dreigeschossig sind. In den 60er Jahren
wurden in vielen Häusern die Dachgeschosse zur Vergrößerung
der Wohnfläche ausgebaut.
Bei den Gebäuden handelt es sich um Putzbauten mit schlichter Fassade
sowie Sattel- und Walmdächern. „Die Häuser zeigen einfache
Formen im Stil der Zeit. Die einheitliche und strenge traditionelle Gestaltung
bildet in der ansonsten durch unterschiedlichste Bau- und Architekturformen
geprägten Wohngegend einen ruhigen und Einheitlichkeit stiftenden
Akzent.“ (GSW, 1999)
Die Reihenhäuser des Falkenhausenwegs 1-16 sind im Jahr 1961 vom
Petrus – Werk, der katholischen Wohnungsbau- und Siedlungsgesellschaft,
errichtet worden. In den folgenden Jahren wurden nachträglich einige
Garagen an die Zeilenhäuser angebaut.
In den Bauakten heißt es, dass die Siedlung teilweise „für
minderbemittelte Volksschichten“ gebaut wurde. Die Grundstücksgrößen
der Doppel- und Reihenhäuser variieren zwischen ca. 200 und 400 Quadratmetern.
(Quelle: Bauaktenarchiv, Steglitz – Zehlendorf)
Ende der 20er und Anfang der 30er
Jahre wurde die Eigenheim- und Mietwohnsiedlung „Mariengarten“,
die aus Einfamilien-, Doppel- sowie Reihenhäusern besteht, errichtet.
Die Kleinsiedlung wird durch die Stegerwaldstraße, die Friedrichrodaer
Straße, die Belßstraße und die Marienfelder Allee (damals
Berliner Straße) begrenzt. Den Mittelpunkt der Siedlung bildet die
St. Alfons Kirche, die 1932 gebaut wurde. Der Initiator für den Bau
der Kleinsiedlung „Mariengarten“ war Carl Sonnenschein, ein
Priester und Sozialpolitiker, der eine Vision von einer "guten Wohnsiedlung
für gläubige Katholiken“ hatte. Seinen Ideen entsprechend
zogen zahlreiche katholische Familien aus allen Berliner Bezirken nach
Fertigstellung in die Häuser ein. (Quelle: Archiv Schöneberg)
Die Errichtung der Siedlung erfolgte in mehreren Bauphasen, was sich auch
in den unterschiedlichen Baustilen wiederspiegelt, die den Einflüssen
des von der politischen und wirtschaftlichen Lage geprägten Wohnungsbaus
unterlagen. An dem Bau der Siedlung „Mariengarten“ waren zwei
Wohngesellschaften beteiligt, einerseits die Gemeinnützige Baugesellschaft
Mariengarten AG und andererseits die Spar- und Siedlungsgenossenschaft
St. Joseph. Den Großteil der Planung übernahm der Architekt
Joseph Bischof. So entstanden 1928-29 unter der Leitung von Heinrich Kosina
Einzel- und Doppelhäuser zwischen der Friedrichrodaer Straße,
der Kiepert- und der Hranitzkystraße und vereinzelt auch in anderen
Baublöcken der Siedlung "Mariengarten". „Kosina mischte
Stilelemente der Neuen Sachlichkeit in eine konventionelle Gestaltung
des Bebauungsplans und der Hausform.“ (ARCHITEKTEN- UND INGENIEURVEREIN
ZU BERLIN 1975) Weitere Bauten, die schon den Einfluss nationalsozialistischer
Wohnungsbauweise erkennen lassen, sind Reihenhäuser des Sonnenscheinpfads
(1932-33), der heute von der Gagfah verwaltet wird, sowie der Estersstraße,
der Friedrichrodaer Straße und des Welterpfades (1933-34), die nach
der städtebaulichen Planung aus dem Jahr 1929 von Ernst und Günther
Paulus errichtet wurden. Neben der Wohnfläche wurden auch die Nutzgärten
mit 150 Quadratmetern relativ klein gehalten. Der Umstand, dass die Reihenhausparzellen
so klein waren, ermöglichte jedoch vielen Familien trotz der schlechten
wirtschaftlichen Situation den Kauf eines kleinen Gründstücks.
Die in Abbildung 1 dargestellten Grundrisse der Reihenhäuser des
Sonnenscheinpfads aus dem Buch „Berlin und seine Bauten“ verdeutlichen
die für die Bevölkerung knapp bemessenen Eigenheime. |