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Profil
Im Zentrum des Graduiertenkollegs steht die Frage nach den impliziten und expliziten Funktionen der Kategorie Geschlecht für die Strukturierung wissenschaftlichen Wissens. In die Arbeit des Kollegs werden die Disziplinen einbezogen, in denen es einerseits eine relevante Geschlechterforschung gibt, und die andererseits wissenschaftshistorische und wissenssoziologische Kompetenzen bereitstellen.
Die das Kolleg tragende Humboldt-Universität schließt damit an eine Tradition an, bei der Berlin schon vor rund hundert Jahren auf dem Gebiet der Geschlechterforschung - mit den Pionieren der Sexualwissenschaft, den Forschungen von Georg Simmel oder der Einrichtung des ersten psychoanalytischen Instituts - eine Vorreiterrolle spielte.
Um Forschungsfragen transdisziplinär zu entwickeln, ist die Zusammenarbeit verschiedener Disziplinen im Studienprogramm und bei der Betreuung essentiell für das Graduiertenkolleg. Aus rein pragmatischen Gründen stehen diejenigen wissenschaftlichen Disziplinen im Mittelpunkt, die Geschlechterstudien zu eigenen Forschungsfeldern entwickelt haben. Das sind in erster Linie: die Kultur- und Geschichtswissenschaften, die Medizingeschichte, die Sozial- und Gesellschaftswissenschaften, die Pädagogik, die Theologie/Religionswissenschaft und die Rechtswissenschaft.
Die Forschungsprojekte des Kollegs gehen daher von diesen Fächern aus, auch werden gezielt Doktorand/innen dieser Bezugsdisziplinen gefördert. Doch das Forschungsprogramm des Graduiertenkollegs bleibt nicht in den disziplinären Ordnungen stecken oder begreift sich gar als "Fach-Geschlechter-Studien". Das heißt, das Graduiertenkolleg rekrutiert keineswegs nur Studierende des bestehenden Studiengangs Geschlechterstudien, die Auswahl der StipendiatInnen und Assoziierten belegt dies -, mit dem ausdrücklichen Ziel, dass die Ergebnisse der interdisziplinären Zusammenarbeit in die Fächer selbst zurückwirken.
Die in den beiden Schwerpunkten - 'Die Interrelation von Geschlechter- und Wissensordnung' (1) und 'Geschlechtliche Codierung von Wissensobjekten und sozialem Körper' (2) -gebündelten Leitfragen werden transdisziplinär entwickelt. Die gezielte Einbindung fachdisziplinär organisierter Forschungsdebatten bietet über den Weg der Vernetzung durch das Graduiertenkolleg die Chance, auf diese wieder innovativ zurückzuwirken - und verschafft zugleich der Geschlechterforschung eine breitere methodische und fachliche Basis.
Dies geschieht auf zweierlei Weise: Erstens werden disziplinär orientierte, d.h. in die Gegenstandsdisziplin eingebundene Forschungsvorhaben unter synchron vergleichbaren Fragestellungen zu Arbeitsgruppen zusammengebunden, um den interdisziplinären Austausch zu fördern und transdisziplinäre Analysen zu erleichtern (z.B. ‚Reproduktion' als Leitbegriff der frühmodernen Anatomie, ‚Reproduktion' als Problem der Rechtssprechung, ‚Reproduktion' als mediale Technik etc.). Zweitens entwickeln einzelne Promotionsvorhaben ihre Forschungsfragen auch diachron durch das Spektrum der beteiligten Disziplinen (Geschlechtsmetaphern im textuellen und visuellen Diskurs der Medizin, Rechtssprechung, Theologie etc), wobei die interdisziplinäre Zusammensetzung des Graduiertenkollegs die angemessene Berücksichtigung der jeweiligen Fachkontexte sicherstellt.
Diese Forschungsprojekte werden von Vertreter/innen aus mindestens zwei unterschiedlichen Disziplinen betreut. Das sichert einerseits den interdisziplinären Zugang zum Thema, erfüllt andererseits auch die Funktion eines "Mentoring" für die Graduierten. Alle Projekte sind gleichermaßen auf die Begriffswerkstatt bezogen, in der eine grundlegende Reflexion von Kategorisierungen und Bedeutungszuschreibungen erfolgt. Die Begriffswerkstatt dient damit der Erarbeitung eines Instrumentariums, mit dem in den einzelnen Projekten themenbezogen geforscht und zugleich themenübergreifend eine Methodologie entwickelt wird. Auf diese Weise entsteht ein Vernetzungsmodell, das sich als beispielhaft für andere interdisziplinäre Projekte erweisen könnte.
Das Berliner Graduiertenkolleg greift mit anderen Worten die interdisziplinäre Verankerung der Geschlechterstudien - gerade an der Humboldt-Universität - für einen transdisziplinären Forschungsansatz auf. Denn die Geschlechterstudien können die Überschneidungen und engen Verbindungen zwischen den einzelnen Fachgebieten verdeutlichen, wenn das Graduiertenkolleg der Frage nachgeht, wie sich die Disziplinen in Hinsicht auf die Geschlechtercodierungen voneinander unterscheiden bzw. gleichen. Damit eröffnet das Forschungsprogramm die Möglichkeit, Geschlecht' als Wissenskategorie begrifflich, theoretisch, methodisch und thematisch zu entwickeln.
Es bietet die Chance, eine Begriffsklärung zu leisten, die für die einzelnen Disziplinen wie auch für ihre produktive Zusammenarbeit gewinnbringend sein kann. Darüber hinaus ermöglicht es auch, drängende Probleme sowohl der Forschung als auch des politischen Alltags aufzugreifen, die quer zu den üblichen Fachstudien (Fachgeschichten etc.) liegen und bislang nur in Einzelaspekten behandelt wurden - dies unter Ausnutzung der in den Geschlechterstudien begründeten Synergieeffekte und Dialogmöglichkeiten zwischen den Fächern. Der transdisziplinäre Ansatz eröffnet dem Graduiertenkolleg dabei zugleich eine vergleichende Perspektive, die den Blick für die spezifischen Ein- bzw. Ausschlüsse von Geschlecht bei der Formierung der Wissenschaften und der Produktion disziplinären Wissens schärft. Von diesen Instrumentarien profitieren neben der Kultur-, Medien- und der Wissenschaftsgeschichte auch jene Forschungsfelder, die sich parallel zu den Geschlechterstudien etabliert haben bzw. aus diesen hervorgegangen sind, wie die race studies, die post colonial-, identity- und men-, masculinity-, ability studies etc.

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