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Schwerpunkt 1 |
Schwerpunkt 2 |
Geschlechtliche Codierung von Wissensobjekten und sozialem Körper
Der Körper ist notwendigerweise ein zentraler Topos der Geschlechterforschung: Einerseits bildeten und bilden die evidenten Unterschiede der materiellen Bedingtheit des menschlichen Körpers den Ausgangspunkt für alle Vorstellungen von Geschlechtlichkeit. Andererseits war und ist in der abendländischen Kultur eben diese Materialität und Körperlichkeit seit jeher der Fluchtpunkt wissenschaftlicher Unternehmungen (empirisch und theoretisch), die geschlechtliche Differenzen als Wissensobjekte konstruieren ob in Form der Säftemischung, eines anatomischen Körper und eines moralischen Subjekts oder ob als Textcorpus, politischer Körper, als performatives Rollenspiel oder als Scientific Community.
In den medizinischen Disziplinen, aber auch in anderen Bereichen des Wissens und der Wissenschaften, ist es in der Regel der physische Körper des Individuums, der normativen Regelwerken in sehr unterschiedlichen historischen Diskursen und Praktiken unterworfen wird. In der ersten Förderphase des Kollegs wurde die materielle Verfasstheit dieser Körperkonstruktionen bzw. ihre Verkörperung (embodiment) (der psychiatrische Patient, das Geschlecht des Behinderten, die Frau im Stammbaum der Brustkrebsgene etc.) in den Mittelpunkt gestellt, um die fruchtlose Gegenüberstellung von ‚natürlicher’ Leiblichkeit und sozialer bzw. kultureller Körperkonstruktionen zu vermeiden.
Für die zweite Förderphase wird die Relation zwischen individuellem und sozialem Köper stärker in den Blick genommen, weil sich gezeigt hat, wie deutlich beide aufeinander bezogen sind. Ob in Form des „Leviathan“ oder der „zwei Körper des Königs“: Der soziale Körper ist gewissermaßen der Schatten des physischen oder der physische Körper eine Figuration des sozialen. Eine Reihe von Dissertationsvorhaben sind bereits jetzt mit dieser Fragestellungen befasst, die gut unter diesem Schwerpunkt für eine theoriegeleitete Perspektivierung auch in der gegenseitigen Zusammenarbeit zusammengeführt werden können.
Die bisherige methodische Ausrichtung dieses Schwerpunkts bleibt indessen bestehen. Der soziale Körper wird dem ‚practical turn’ der neueren Wissenschaftsforschung folgend als Manifestation von materiellen Einschreibungen und Repräsentationen begriffen und diese materialen Restraints werden als Ausgangspunkt zur Analyse von historisch kontingenten Konstruktionsprozesses herangezogen. Es geht mit anderen Worten um die Praktiken der Konstruktion, die medialen Techniken der Repräsentation und die Diskurse der Vermittlung, die den Wissensobjekten ebenso in den Wissenschaften wie in den kulturellen und alltäglichen Wissensbereichen ein Geschlecht geben.
Um die Geschlechtlichkeit des Wissens zu untersuchen, das über diese ‚Körper’ vermittelt wird, werden untersucht: a) die Verschiebungen von wissenschaftlichen und außerwissenschaftlichen Wissensbeständen, b) das Schnittfeld zwischen diskursiven Formationen und materiellen Praktiken, c) der Zusammenhang zwischen naturwissenschaftlichen und kulturellen Zu- und Einschreibungen. Dabei werden vorhandene methodische Ansätze mit Gender-Theorie kritisch verbunden (Institutionensoziologie, Professionalisierungsthese und Sozialdisziplinierung, Gesellschaftstheorie).
Um ein methodisches Instrumentarium zur genaueren methodischen und theoretisch kategorialen Eingrenzung des Begriffs ‚Körper’ zu entwickeln, werden verschiedene Akzente gesetzt, die sich an den Kulturtechniken im weitesten Sinne orientieren. Wenn es eine Wechselbeziehung zwischen den ideellen und den materiellen Körpern gibt, so gilt es, die Kulturtechniken zu untersuchen, die als ‚Kanäle’ für diese Wechselbeziehung fungieren.
Für diesen Schwerpunkt 2 bieten sich deshalb folgende thematische Akzentuierungen an:
a) Inszenierungen
Inszenierung, Performanz und Ritual sind einige der Begriffe, mit denen die Kulturtechniken umschrieben werden können, die den individuellen oder sozialen Körper prägen. Diese Inszenierungen finden weder in Texten noch in Bildern ihren Ausdruck, sondern bedienen sich der Materialität der Körper selbst. Dabei spielen die Codierungen des Geschlechts eine wichtige Rolle. Die ‚Inszenierung’ kann sich beziehen auf die Nahrung (und Nahrungsverweigerung), auf den Tanz, Herrschaftsrituale, Opferriten und andere Formen von Gemeinschaftspraxis.
b) Körper-Politiken
Die Debatten der letzten Jahre haben die Grenzen eines einfach gedachten Disziplinierungs- und Normalisierungsmodells deutlich gemacht. Dabei sind die Techniken und Strategien in den Blick geraten, die als ‚Selbst-Techniken’ wesentlich der Generierung, Vermittlung und Wirkmacht von Wissen zugrunde liegen. Bei der Codierung von Geschlecht spielen die Handlungsweisen, Instrumente, sozialen Regeln, Bilder und bildgebende Verfahren eine wichtige Rolle. Alle diese Vermittlungstechniken sind keineswegs neutral, sondern schreiben sich in den Transfer geschlechtlicher Codierungen ein.

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