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Juni 2002

Die Stadt an der Aqua Wissemara

Unsere Chorfahrt nach Wismar

Motetten von Albert Becker und Gustav Merkel

Motetten von Albert Becker und Gustav Merkel

Es bedurfte nicht erst des 100. Todestages am 25.11. des vergangenen Jahres, um die Orgel- und Chorwerke Josef Gabriel Rheinbergers nach jahrzehntelangem Dornröschenschlaf wieder für die musikalische Praxis “wachzuküssen” - einige der schönen Adventsmotetten op. 176 sind seit Jahren in unserem Chorrepertoire, und wir steuern zielsicher darauf hin, den Zyklus zu komplettieren (auch wenn eine Gesamtaufführung der neun Motetten des op. 176 durch unseren Chor kaum sinnvoll wäre ...) Mit Albert Becker und Gustav Merkel sind nun zwei weitere bisher unbekannte Zeitgenossen Rheinbergers in unseren Gesichtskreis getreten.

Gehst du an einer Kirche vorbei und hörst Orgel darin spielen, so gehe hinein und höre zu. Wird es dir gar so wohl, dich selbst auf die Orgelbank setzen zu dürfen, so versuche deine kleinen Finger und staune vor dieser Allgegenwart der Musik.
Robert Schumann, Musikalische Haus- und Lebensregeln, 1849

Gustav Merkel (1827 - 1885) gehört zu den seinerzeit hochangesehenen Organisten, deren Schaffen mit der zunehmenden Renaissance romantischer Orgelmusik und Orgelbaukunst in jüngster Zeit neues Interesse zugewandt wird. Doch war sein Schaffen noch ganz auf das Medium der barocken Orgelwelt Gottfried Silbermanns und dessen Schüler und Nachfolger abgestimmt. Geboren in Oberoderwitz, war er nach seiner musikalischen Ausbildung in Dresden (u. a. förderte Robert Schumann den jungen Künstler) zunächst als Volksschullehrer tätig. 1858 wurde er Organist der Dresdner Waisenhauskirche, 1860 Kreuzorganist, schließlich 1864 Organist der katholischen Hofkirche zu Dresden, deren Silbermannorgel als einziges der drei Dresdner Werke des Meisters durch rechtzeitige Auslagerung die Bombardierung der Stadt am 13. Februar 1945 überleben sollte und nach erfolgter Restaurierung und Rekonstruktion der zerstörten Teile (Gehäuse, Bälge) seit dem Pfingstfest 1971 wieder zur Ehre Gottes ihre Stimme erhebt.

BECKER, Albert, Kirchenkomponist, nach seiner kunstvollen großen Messe Messe-Becker genannt. Nicht mit Beckmesser zu verwechseln.
Professor Kalauers Musiklexikon, Leipzig 1925

Dem sächischen Organisten Merkel steht mit Albert Becker (1834 - 1899) der preußische Chordirigent und Musikerzieher gegenüber. Geboren in Quedlinburg, war er zunächst Schüler des Organisten H. Bönicke. In Berlin vervollkommnete er seine Ausbildung durch Kontrapunkt- und Kompositionsstudien bei Siegfried Dehn und war dort seit 1869 als Musiklehrer tätig, seit 1881 unterrichtete er am Scharwenkaschen Konservatorium Komposition (hier war u. a. Jean Sibelius in den Jahren 1890/91 sein Schüler). 1891 wurde er Dirigent des Berliner Domchores. Ein Jahr später ins Leipziger Thomaskantorat berufen, lehnte er diese ehrenvolle Ernennung jedoch auf Wunsch des Kaisers ab und wurde für sein Bleiben durch die Aufnahme in die Preußische Akademie der Künste entschädigt. Als produktiver Komponist schrieb er chorsinfonische Werke wie eine große Messe in b-Moll, in der er dem traditionellen lateinischen Text durch instrumentale Kirchenliedzitate einen zusätzlichen “protestantischen” Kommentar zu geben suchte, eine Reformationskantate zur Luther-Feier 1883 (anläßlich des Reformators 400. Geburtstages), das Oratorium “Selig aus Gnade”, Motetten und Psalm-Vertonungen, liturgische Sätze für den Gebrauch von Kirchenchören, aber auch Sinfonien und Kammermusik.


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