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Theatrum Naturae et Artis     Theatrum Naturae et Artis

 

 

Im Rahmen der Ausstellung werden fünf, teilweise in Berlin lebende Künstler im Lichthof des Martin-Gropius-Baus Arbeiten präsentieren, die sie für diese Ausstellung geschaffen haben und die sich mit der Thematik der Ausstellung im Spannungsfeld zwischen (Natur-) Wissenschaft und Kunst auseinandersetzen.

Micha Brendel (* 1959), der zu DDR-Zeiten zu den sogenannten Auto-Perforations-Artisten gehörte, beschäftigt sich seit 1990 mit Installationen und Präparatobjekten, die Zeichnung, Fotografie, Wortwitz und auf verschiedene Weise konservierte Körperteile kombinieren. Dabei imitiert er naturwissenschaftliche Arbeitsweisen. Bei flüchtigem Hinsehen mit dem der naturwissenschaftlichen Erkenntnis dienenden Präparat verwechselbar, stellen sich Brendels Objekte als rätselhaft, ästhetisch und zumindest anatomisch zweckfrei heraus. Die Werke entziehen sich einer eindeutigen Zuordnung zu Kunst oder Wissenschaft und stellen diese damit als Konzept in Frage. Auch in der für den Lichthof geplanten Arbeit "Die Instrumente der Beherrschung" kombiniert Brendel organische Naturmaterialien: Über einem begehbaren samtbezogenen Podest mit angehäuften, aufgeschütteten Knochen hängt eine etwa 3,5 m hohe Plexiglastafel, in die verschiedene chirurgische Instrumente in einer scheinbar systematischen Anordnung eingelassen sind. Diese Tafel wird von einer Halbkugel mit aufgespannter, beschrifteter Haut bekrönt, die durchleuchtet wird, so daß die Bezeichnungen auf ihr sichtbar werden. Die Arbeit thematisiert mit der Beherrschung der Instrumente den menschlichen Erkenntnis- und Forschungsdrang und fragt zugleich nach ihrer Beherrschbarkeit.

Gabriele Leidloff (*1958) arbeitet mit Film, Video, Fotografie und bildgebenden Verfahren der Medizin. Im Rahmen des von ihr initiierten internationalen Projektes login/locked out (1999-2003) erkundet sie die Verbindungen zwischen Kunst und Neurowissenschaft. In ihrer Arbeit setzt sie "Abbilder, Imitationen, Kopien, Ausschnitte in Beziehung, nicht die konkreten Objekte selbst. Sie interessiert sich für Relationen zwischen bereits abstrahierten Inhalten" (Wolf Singer).
Die digitale Videoinstallation "Ugly Casting 1.2." schließt an die erste Version von "Ugly Casting 1.1." an, die 1998 in den Art Resources in New York gezeigt wurde. Auf vier Leinwänden werden unabhängige Videosequenzen gezeigt, die als auditorisches Signal die Geräusche von Gehirnaktivität tragen: "CHANNEL 4" und "Scan path image test", "X-ray film-strip", "Ugly Casting" (eine Sequenz mit Totenmasken) und "http://www.pussylink.com" bewegen sich im Spannungsfeld zwischen realen, medialen und persönlichen Bildern. Sequenzen aus der vorgefertigten Bildsprache der Medien werden in persönliche Bilder und Ausschnitte transportiert, die wiederum zur Diskussion gestellt werden. Gleichzeitig inszeniert Leidloff medienferne Objekte so, daß sie eine (Spiel-) Filmsprache sprechen. Durch medizinische Abbildungsverfahren wie Ultraschall, Röntgen oder Computertomographie, die sie aber wie eine Filmkamera einsetzt, stellt sie auch die scheinbare Objektivität wissenschaftlicher Bilder in Frage.

Alexander Polzin (*1973) setzte sich schon 1995 in der Ausstellung "Monster" im Givat - Ha - Viva Kibbutz mit wissenschaftlichen Forschungsgegenständen auseinander. In dem zu dieser Ausstellung von Sander Gilman herausgegebenen Buch "Abgetrieben" beschäftigt er sich mit anatomischen Präparaten aus der Sammlung Rudolf Virchows.
Den Ausgangspunkt für den Bronze-Plastik-Zyklus "Meditierende Gruppe" bilden ebenfalls medizinische Forschungsobjekte: Fleisch- und Knochenpräparate aus den Sammlungen der Charité. Er übersetzt sie in ein neues Material, überformt sie mit Zahlen und Schriften, die Bezug auf die Menschenrechtskonventionen nehmen, und hängt sie zudem an Fleischerhaken kopfüber auf, so daß der Betrachter nicht wie üblich erschreckt oder schaudert, sondern zu einer neuen ästhetischen, bewußten Wahrnehmung aufgefordert wird.

Ruth Tesmar (* 1951), Malerin/Grafikerin und als Professorin für Künstlerisch-Ästhetische Praxis sowie als Leiterin des MENZEL-DACHs an der Humboldt-Universität tätig, ist durch zahlreiche Ausstellungen, Buchgestaltungen und die künstlerische Ausstattung der Sommeropern an der Humboldt-Universität bekannt. Für ihre Arbeiten läßt sie sich oft von literarischen Vorlagen inspirieren, aus denen mittels Handschrift und Collage z.B. die Folge "Briefe an Leibniz" oder die scripturalen Schrifttürme zu Ovid-Texten entstanden.
Eigens für den Gropius-Bau entwickelt Ruth Tesmar die großformatige Installation "excerpere" und offeriert hiermit ihre Form subjektiven Lesens der "Physiologie der Optik" von Hermann von Helmholtz vor dem Hintergrund ihrer visuellen Gestaltungserfahrungen. Dabei benutzt sie die Rezeptionstechnik des Exzerpierens von wissenschaftlichen Texten mit eigenen handschriftlichen, tagebuchartigen Schrift- und Bildnotaten und wahlverwandter Autoren. Als Schreib- und Lesegrund wird ein mehrfach gewendetes 24m langes, 1m breites und 8m hohes Möbius-Band gezeigt, das beschrieben und in sich gedreht ein unendliches Lesen über beide Seiten des Bandes ermöglicht.

Im Martin-Gropius-Baus wird auch der Kurzspielfilm "Lurch" von Boris Hars-Tschachotin zu sehen sein. Schauplatz ist die labyrinthische Reptilienabteilung des Naturkundemuseums in Berlin. Die Sammlung ist in Gefahr: Der Alkohol in den zahlreichen Präparatgläsern mit Fröschen, Lurchen und Chamäleons verdunstet und die Präparate drohen trockenzufallen. Deshalb wird Kuno Neiff, ein arbeitsloser Mittfünfziger angestellt, die Gläser wieder aufzufüllen. Während dieser grotesken Sysiphusarbeit kämpft Neiff mit seinem Ekel gegenüber den eingelegten Tieren. Bis eines Tages ein Mißgeschick alles verändert: Neiff erkennt, daß den flüssigen Inhalten der Gläser feine Bouquets innewohnen und er findet plötzlich Geschmack an der unermeßlichen Vielfalt des Hochprozentigen.

Eigens für die Ausstellung entstand "Theatrum naturae et artis. Der Ausstellungsfilm" von Ingo Langner. Hier werden die angestammten Sammlungsorte der Exponate rekonstruiert, die in der Ausstellung zu sehen sind.

Die Ausstellungsleitung trauert um den im September 2000 verstorbenen Künstler Stephan von Huene (1928-2000). Der Documenta-Teilnehmer und Gestalter des Deutschen Pavillons auf der Biennale 1996 in Venedig arbeitete als Künstleringenieur seit Mitte der 60er Jahre mit sich bewegenden (kinetischen) Skulpturen, die er oft mit unterschiedlichen Klangquellen kombinierte.
Für die Ausstellung plante er zwei große Arbeiten, die er nicht mehr realisieren konnte: Die kinetische Skulptur "Helmholtz" und die Videoskulptur "Die Rückkehr der Stochastiker", welche als zentrales Werk im Freiraum der Ausstellungsfläche einen Blick- und Ohrenfang bieten sollte. In ihrer Konzeption reflektierten beide programmatische Motive der "Theatrum Naturae et Artis" Ausstellung.
An ihrer Stelle werden nun im Lichthof das Skulpturenensemble "Tischtänzer" (1988/95) sowie im Physiologie-Raum die Klanginstallation "Lexichaos. Vom Verstehen des Mißverstehens zum Mißverstehen des Verständlichen" (1990) zu sehen sein.

Lucas Elmenhorst, Anke Michaelis

 

Helmholtz-Zentrum för Kulturtechnik an der Humboldt-Universität zu Berlin, letzte Änderung: 14.12.2000