Am 14. Dezember 1979 beging Prof. em. Dr. rer. oec. Gerhard Mehnert seinen 65. Geburtstag. Seine Kollegen und Mitarbeiter nahmen dies zum Anlaß, dem Jubilar Gesundheit, Schaffenskraft und viel Erfolg bei all den vor ihm liegenden Aufgaben zu wünschen.
Geboren in einer tief mit den Traditionen der revolutionären sozialistischen Bewegung verbundenen Arbeiterfamilie, reihte sich Gerhard Mehnert bereits in jungen Jahren in die Kampffront der Arbeiterklasse ein. Auf Grund seiner Begabung, seines Fleißes und seiner Beharrlichkeit vermochte er das bürgerliche Bildungsprivileg zu durchbrechen und von 1925 bis 1934 als einziges Arbeiterkind seines Jahrgangs das Thomasgymnasium in Leipzig zu besuchen. 1934 nahm er das Studium des Japanischen, Russischen und der Publizistik an der Leipziger Universität auf. Im Elternhaus im Geiste des Sozialismus erzogen, im Kommunistischen Jugendverband, dem er von 1931 bis 1934 angehörte, und später - bereits unter den Bedingungen der Illegalität - in der Kommunistischen Partei Deutschlands an theoretischen Erkenntnissen und praktischen Erfahrungen reicher geworden, beteiligte sich Gerhard Mehnert aktiv am Widerstand gegen die Faschisierung der Alma mater lipsiensis. 1935 wurde er zum ersten Mal, 1936 ein zweites Mal verhaftet, unter Anklage der Vorbereitung zum Hochverrat gestellt und bis Ende 1938 eingekerkert. Zugleich wurde ein Studien- und Publikationsverbot über ihn verhängt. Doch trotz aller Repressalien und fortwährender Verfolgungen blieb Gerhard Mehnert seinem revolutionären Klassenstandpunkt treu und kämpfte weiterhin in Widerstandsgruppen und zuletzt in einer Gruppe des Nationalkomitees Freies Deutschlands gegen die faschistische Barbarei.
Folgerichtig gehörte er nach der Befreiung vom Hitlerfaschismus zu den Aktivisten der ersten Stunde und stellte seine ganze Kraft in den Dienst des Aufbaus der antifaschistisch - demokratischen Ordnung und der geistigen Erneuerung des gesellschaftlichen Lebens. Er bekleidete wichtige Parteifunktionen und baute als Chefredakteur des damaligen Mitteldeutschen Rundfunks, Sender Leipzig, dessen Sendeprogramm und Mitarbeiterstab auf. Daneben war er bestrebt, sein Studium, das ihm unter der Naziherrschaft untersagt worden war, zum Abschluß zu bringen. 1948 konnte er zum Dr. rer. oec. promovieren.
Im Jahre 1951 wurde Gerhard Mehnert zum Leiter der Pressestelle des damaligen Staatssekretariats für das Hoch- und Fachschulwesen und 1953 zum Chefredakteur der weitgehend auf seine Initiative hin gegründeten Zeitschrift "Das Hochschulwesen" berufen. In vielfältiger Weise hat er in diesen Funktionen mit hohem politischem Verantwortungsbewußtsein und großem persönlichem Einsatz am Aufbau eines sozialistischen Hoch- und Fachschulwesens In der DDR mitgearbeitet und durch sein propagandistisches Wirken viel zur Erhöhung des Internationalen Ansehens der DDR und ihres Hochschulwesens beigetragen.
In einem engen Zusammenhang mit dieser Tätigkeit stand für Gerhard Mehnert stets das Bemühen um die Fortsetzung der großen humanistischen und demokratischen Traditionen der Orientalistik auf marxistisch-leninistischer Grundlage und Ihre Weiterentwicklung entsprechend den Bedürfnissen der sozialistischen Gesellschaft. Bereits im Jahre 1954 begann er, mit seiner nebenamtlichen Lehrtätigkeit die Japanologie an der Karl-Universität Leipzig neu zu beleben. 1959 wurde er an die Humboldt-Universität zu Berlin berufen, wo er dann bis 1976 als Lehrstuhlinhaber und Leiter der Japanologie tätig war. In vielen gesellschaftlichen und staatlichen Gremien wirkte er in leitenden Funktionen bei der ständigen Erhöhung des Niveaus der asienwissenschaftlichen Lehre und Forschung in der DDR mit. So hatte er großen Anteil an der Arbeit des Wissenschaftlichen Beirates für Asiens- und Afrikawissenschaften beim damaligen Staatssekretariat für das Hoch- und Fachschulwesen der DDR und wirkte aktiv im ersten 1956 gegründeten Nationalkomitee für Asien- und Afrikawissenschaften der DDR.
Aus seinen reichen politischen, wissenschafts- und hochschulpolitischen Kenntnissen und Erfahrungen schöpfend, vermochte Gerhard Mehnert als marxistisch-leninistischer Japanwissenschaftler eine neue Etappe in der Entwicklung dieses Fachgebiets an der Humboldt-Universität einzuleiten. Darüber hinaus erwarb er sich als Mitglied von Leitungsgremien der Universität, so u. a. von 1965 bis 1967 als Prodekan und zeitweise amtierender Dekan der damaligen Philosophischen Fakultät und von 1969 bis 1978 als Mitglied der Gesellschaftswissenschaftlichen Fakultät sowie des Wissenschaftlichen Rates der Humboldt-Universität Verdienste um die konsequente Durchsetzung, der von der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands und der Regierung der DDR gestellten anspruchsvollen hochschul- und wissenschaftspolitischen Aufgaben.
Es gehört zu den Merkmalen der Persönlichkeit von Gerhard Mehnert, wenn er es trotz eines unerhörten Arbeitspensums, das ihm die Ausübung seiner vielfältigen Funktionen und die Erfüllung seiner Lehr- und Forschungsaufgaben auferlegten, als eine Selbstverständlichkeit betrachtete, auf der Grundlage der Prinzipien des proletarischen Internationalismus die Vertiefung freundschaftlicher Beziehungen zwischen dem japanischen Volk und dem Volk der Deutschen Demokratischen Republik zu fördern und damit einen Beitrag zur Verwirklichung der Grundsätze sozialistischer Außenpolitik zu leisten. In besonders wirkungsvoller Weise konnte er dies von 1962 bis 1976 als Präsident und seither als Vizepräsident des Freundschaftskomitees DDR - Japan tun.
Die Durchsetzung der Einheit von Politik und Wissenschaft, von Theorie und Praxis ist stets ein immanenter Bestandteil seiner gesamten Arbeit gewesen, wie auch die enge Verbindung von erzieherischer, wissenschaftlicher und gesellschaftlicher Tätigkeit zu den unverrückbaren Prinzipien seines Wirkens gehört. Hieraus und aus seiner Parteilichkeit leitete er ideenreich und mit dem ihm eigenen Sinn für das Zukunftsträchtige seine Aufgaben als Hochschullehrer und Japanwissenschaftler her. So hat er in genauer Kenntnis praktischer Erfordernisse frühzeitig auf die große Bedeutung der Vermittlung von japanischen Sprachkenntnissen an Naturwissenschaftler und Techniker aufmerksam gemacht, und so ist es wesentlich seiner Initiative zu danken, wenn sich heute mit der Erforschung und Vermittlung des naturwissenschaftlich-technischen Teilbereichs der japanischen Sprache ein neuer Zweig in der Japanologie der DDR entwickelt hat, der in der volkswirtschaftlichen Praxis unmittelbar wirksam wird und internationale Resonanz findet.
Dringenden Bedürfnissen der gesellschaftlichen Praxis entsprach Gerhard Mehnert auch, als er 1964 einen japanischen Sprachführer u. a. als Vorbereitung der DDR-Mannschaft zu den Olympischen Sommerspielen in Tokio sowie weitere Bücher und Aufsätze über Japan publizierte und seine wissenschaftliche Tätigkeit so ausrichtete, daß ihre Ergebnisse unmittelbar in die außenpolitische Praxis einfließen konnten und oft - streitbarer Auseinandersetzung mit der bürgerlichen Japanologie - zur Schaffung eines wissenschaftlich begründeten Japanbildes beitrugen. Dazu diente auch seine Mitarbeit an Standardnachschlagewerken, für die er speziell die Gebiete japanische Geschichte Philosophie völlig neu erarbeitete, dazu dienten ebenfalls seine umfangreiche Gutachtertätigkeit für Verlage der DDR und seine Mitwirkung bei der Herausgabe der mehrbändigen, aus dem Russischen übersetzten Werke "Weltgeschichte" und "Geschichte der Philosophie". Hierbei oblag ihm nicht nur die sachkundige Betreuung der Japan betreffenden Abschnitte, sondern auch die weitgehend eigenes Quellenstudium erfordernde Erweiterung des dazu gehörenden wissenschaftlichen Apparats. Dieser Aufgabe unterzog er sich mit besonderer Freude, weil es ihm seit jeher ein wichtiges Anliegen ist, die Ergebnisse der' Sowjetwissenschaft breiteren Kreisen zugänglich und ständig zur Grundlage eigener Arbeit zu machen. Seit Jahren verbindet ihn überdies enge Freundschaft mit den sowietischen Fachkollegen in Moskau und Leningrad.
Die vielfältigen Verdienste, die sich Prof. em. Dr. Gerhard Mehnert auf den verschiedenen Gebieten des gesellschaftlichen Lebens der Deutschen Demokratischen Republik durch seinen unermüdlichen, die eigene Kraft niemals schonenden und oft persönliche Interessen und Neigungen hintanstellenden Einsatz erworben hat, wurden mit zahlreichen hohen gesellschaftlichen und staatlichen Auszeichnungen gewürdigt, so u. a. mit der Medaille für Kämpfer gegen den Faschismus 1933-1945, der Ehrenmedaille des Komitees der antifaschistischen Widerstandskämpfer, der Ehrennadel für Verdienste um die Freundschaft der Völker in Gold, der Medaille für Verdienste um die Freundschaft der Völker und 1964 mit der Verleihung des Vaterländischen Verdienstordens in Bronze.
Jürgen Berndt
Asien, Afrika, Lateinamerika 2 (1980), 399-400