Wer im deutschen Sprachbereich in irgendeiner Weise mit japanischer Literatur in Kontakt kommt, dem ist der Name Jürgen Berndt seit langem vertraut. Während mindestens 35 Jahren hat sich Jürgen Berndt schwerpunktmäßig mit der Ubersetzung japanischer Autoren befaßt. Zwar ist unsere Kenntnisnahme dieser weiten Literaturlandschaft noch immer recht rudimentär. Aber wo stünden wir heute ohne Berndts unermüdlichen Einsatz? Gerade in den vergangenen sechs bis sieben Jahren hat er eine hektische Aktivität entfaltet, als hätte er vor seinem allzu frühen Hinschied noch möglichst viel zum Abschluß bringen wollen.
In einem gewissen Grade tröstlich ist es vielleicht, daß ihm zwei Wochen vorher als Anerkennung seiner Bemühungen der Noma-Übersetzerpreis (Noma Bungei Honyaku Shô) verliehen wurde (gemeinsam mit Siegfried Schaarschmidt). Der Entscheid über die Preisverleihung fiel am 2. August in Tokyo und wurde ihm noch am selben Tag telefonisch übermittelt. Seine im Anschluß daran niedergeschriebenen humorvollen Dankesworte - wahrscheinlich der letzte Text aus seiner Feder - zeugen von seiner gewinnenden Persönlichkeit und lassen erkennen, daß er sich über diese Auszeichnung echt gefreut hat.
Jürgen Berndt wurde in Lauterbach auf der Insel Rügen geboren. Von 1952 bis 1957 studierte er Japanologie und Sinologie an der Humboldt Universität zu Berlin. Es folgte eine wissenschaftliche Aspirantur, eine Assistenz (1961), die Promotion (1963) und die Berufung zum Hochschuldozenten für Japanische Literatur (1973) an derselben Universität. 1979 schließlich wurde er ordentlicher Professor für Japanologie. Seit 1984 war er Leiter der neugegründeten Mori-Ôgai-Gedenkstätte in Berlin.
Als akademischer Lehrer war Berndt hochgeachtet. Häufig traf man ihn auf internationalen Tagungen. Es ist ihm gelungen, trotz den zur Genüge bekannten politischen Schwierigkeiten und Restriktionen in der ehemaligen DDR ein Fenster zu Japan, zum Westen offen zu halten und sich in seinem Umkreis einen Freiraum zu schaffen für das, was er unter wesentlicher, qualitativ hochstehender Literatur verstand.
Es sei gestattet, hier eine persönliche Reminiszenz anzubringen. Ich habe Jürgen Berndt 1976 anläßlich des ersten Europäischen Japanologenkongresses in Zürich kennengelernt. Das lange Gespräch über Literatur, über Japan, über seine Pläne und Projekte, das ich im Anschluß an die Tagung auf einem Zürichseeschiff mit ihm führen konnte, ist mir unvergeßlich geblieben. Seine zurückhaltende, verbindliche Art, seine Bereitschaft, sich als Übersetzer und Vermittler in den Dienst anderer zu stellen, kam in seinen Worten und in seinem ganzen Auftreten unmittelbar zum Ausdruck. Sieben Jahre später, im Sommersemester 1983, hielt sich Berndt noch einmal in Zürich auf zu einem Gastvortrag über die Atombombenliteratur, im speziellen über Hara Tamiki. Die Art, wie er dieses Thema anging, zeugte von echtem sozialen Bewußtsein und humaner Gesinnung - einer Grundhaltung, die sich allenthalben manifestiert, wenn man sich vor Augen hält, welche Autoren und Werke er zur Bearbeitung ausgewählt hat.
Aus der anschließenden Bibliographie wird der ganze Umfang von Berndts Übersetzungswerk ersichtlich. Es sind grob geschätzt etwa 5000 Druckseiten, die neben vielen anderen Aktivitäten und Verpflichtungen entstanden sind - eine imposante Zahl, ein Beweis großer Energie und beachtlichen Durchhaltevermögens. Denn es besteht kein Zweifel: für Berndt war das Übersetzen Passion und Schwerarbeit zugleich. Das handwerkliche Können, d. h. ein genaues Textverständnis des Originals sowie Gewandtheit und Sicherheit des Ausdrucks in der Zielsprache, war ihm zwar selbstverständliche Voraussetzung. Aber er hat sich seine Arbeit weder leicht gemacht, noch ist sie ihm leicht gefallen.
Sehr rasch gewann er über die Grenzen der DDR hinaus Ansehen als einer der wenigen kompetenten Ubersetzer aus dem Japanischen. Besonders Akutagawa Ryûnosuke wurde zu seinem Autor. Obwohl es Anfang der sechziger Jahre schon einige deutsche Übersetzungen gab, hat vor allem Berndt diesem Schriftsteller bei uns zum Durchbruch verholfen, und gleichzeitig hat er sich mit ihm als Übersetzer profiliert. Davon zeugen verschiedene Lizenzausgaben im Westen und sogar eine holländische Adaption aufgrund der deutschen Fassung. Später zählten Ibuse Masuji und Endô Shûsaku zu seinen Favoriten, ebenfalls Kaikô Takeshi, mit dem ihn eine persönliche Freundschaft verband.
Während sich Berndt zunächst völlig auf die moderne Literatur beschränkte, kamen mit der Zeit auch klassische Werke dazu. Seine Wiedergabe des Hyakunin isshu (1986) zeigt auch seine Affinität zur Lyrik auf und gehört meiner Ansicht nach zum besten, was er geleistet hat. Diese so alten und fernen Kurzgedichte wirken in seiner Wiedergabe flüssig, ansprechend und verständlich, im Unterschied zu so manchen früheren Übersetzungsversuchen. Angesichts dieser Leistung ist es besonders bedauerlich, daß es Berndt nicht vergönnt war, sein Projekt einer Übertragung des Manyôshû, das er schon in Angriff genommen hatte, weiter voranzutreiben. Von ihm hätte man am ehesten eine auch dem heutigen Leser zugängliche Wiedergabe dieses gewaltigen lyrischen Kosmos erhoffen können.
Wieviel hat er noch vorgehabt! Was hätte er noch alles leisten können! Der Verlust schmerzt. Doch im Vordergrund steht der Dank und die Anerkennung für das Viele, das er zu Ende gebracht und uns zum Nutzen und zur Freude hinterlassen hat.Hefte für Ostasiatische Literatur 16 (1994), 126-127