Geheimrat Rudolf Lange
Ein Nachruf von Prof. Dr. Cl. ScharschmidtStill und bescheiden wie er im Leben war, so ist er dreiundachtzigjährig am 24. August 1933 dahingegangen - der Geheime Regierungsrat Prof. Dr. phil. Rudolf Lange, ehemaliger Lehrer des Japanischen im Seminar für Orientalische Sprachen und an der Kriegsakademie. Es war sein Wunsch - und dieser Wunsch entsprach ganz seinem Wesen -, daß man ihn in aller Stille einäschere und erst dann seinen Freunden und Bekannten Mitteilung von seinem Dahinscheiden mache. Keinen wollte er bemühen, nachdem er nun doch schon so viele Jahre, durch Krankheit ans Haus gefesselt, sich gänzlich von der Welt zurückgezogen und auch wissenschaftlich den Kontakt mit den Fachkollegen fast völlig verloren hatte.
In den Jahrzehnten vor dem Weltkriege war es anders. Da stand er auf der Höhe seines Schaffens, und die Leute vom Bau und seine zahlreichen Schüler schätzten ihn als den Begründer der wissenschaftlichen Japonologie in Deutschland. Denn er war der erste Inhaber des einzigen Lehrstuhles, den man in Deutschland für Japanisch hatte, und bis zum 1. Weltkrieg gab es keine andere Möglichkeit, sich eine wissenschaftlich fundierte Kenntnis in der schwierigen japanischen Sprache und Schrift zu verschaffen als unter Lange im Seminar für Orientalische Sprachen zu Berlin.
Rudolf Lange ist es also gewesen, der nach der Gründung des Orientalischen Seminars im Jahre 1887 für Deutschland überhaupt erst einmal die Methoden finden mußte, wie dem Studenten jene völlig fremde Welt des Mikadoreiches nahezubringen sei - in erster Linie in sprachlicher Beziehung. Die Aufgabe war nicht leicht. Aber nachdem Lange sich vorher sieben Jahre hindurch (1874 - 1881) in Tokio mit der umgekehrten Aufgabe beschäftigt hatte, nämlich: japanische Schüler in die deutsche Sprache einzuführen und ihnen deutsches Wesen begreiflich zu machen, fand er mit sicherem pädagogischen Takt bald gangbare Wege. Mit seinem nach dreijähriger Lehrtätigkeit erschienenen "Lehrbuch der japanischen Umgangssprache" (1890; = 2. Auflage 1909) war ihm ein für die damalige Zeit glänzender Wurf gelungen, denn er gab damit dem Studierenden ein praktisches Lehrmittel in die Hand, das ihn methodisch in den fremden Geist des Japanischen einführte und ihm gleichzeitig Kenntnis von Sitte und Gebrauch vermittelte. Das Buch ist von Sachkennern oft wegen seiner "sicheren und fruchtbringenden Methode" gelobt worden und fand besondere Anerkennung auch in Englisch sprechenden Kreisen, so daß es 1906 von C. Noss ins Englische übersetzt wurde (2. Auflage 1925).1896 und 1904 folgten zwei Werke, die das Studium der japanischen Schrift erleichtern sollten und die wiederum zeigen, daß der Verfasser dazu befähigt war und keine Mühe scheute, den Lernbeflissenen wenigstens einige Hindernisse dieses mühseligen Studiums aus dem Weit zu räumen.
Hand in Hand mit der Arbeit des Lehrers in Wort und Schrift ging die Tätigkeit des Gelehrten, von der eine stattliche Reihe von Aufsätzen über die verschiedensten Gebiete beredtes Zeugnis ablegt. Neben vorwiegend philologischen Arbeiten finden sich treffliche folkloristische Aufsätze und solche über Buddhismus und Shinto, über japanische Lehnsfürsten, japanische Wappen, öffentliche Erzähler u. a. Durch Übersetzungen wollte Lange auch weitere Kreise interessieren. Er gab Proben aus der ältesten japanischen Literatur (Taketori monogatari und Lieder aus Kokinshu) wie aus der neuesten (z. B. Gedichte des Kaisers Meiji) und zeigte damit, daß er in der älteren japanischen Sprache ebenso gut zu Hause war wie in der modernen.
Dieses umfassende sprachliche Können und seine zähe Ausdauer hätten ihn zweifellos auch zu der schwierigen und opfervollen Aufgabe befähigt, ein inhaltreiches, aber doch brauchbares japanisch-deutsches Zeichenlexikon zu schaffen, hätte man die Ausführung seinem eigenen Ermessen überlassen, Leider aber waren die Pläne für einen großangelegten "Thesaurus Japonicus" von zwar wohlmeinender, aber nichtsachverständiger Seite ausgegangen, und Lange glaubte, sich den amtlich geäußerten Wünschen nicht versagen zu dürfen. Aus Pflichtgefühl unterzog er sich der Sisyphusarbeit, die die große Enttäuschung seines Lebens werden sollte. Er ging 1904 ans Werk und schuf trotz zunehmender Augenschwäche, trotz immer beschwerlicher werdenden Nervenleidens mit eiserner Energie bis 1920 drei Binde in Großquart von zusammen 1962 Seiten, die aber noch kaum den dritten Teil des Gesamtwerkes darstellten. Zu spät erst wurde erkannt, daß das Werk in seiner ganzen Anlage verfehlt war. Die Weiterarbeit wurde eingestellt, und die drei Bände blieben ein Torso - zum bitteren Schmerz ihres Schöpfers.
Trotzdem es Lange infolge dieser undankbaren Thesaurusarbeit nicht vergönnt, war, die japonologische Wissenschaft in seiner letzten Schaffensperiode noch weiter mit den Ergebnissen seiner Forschungen zu bereichern, müssen wir als Deutsche ihn in zwiefacher Hinsicht als Pionier ehren. In seinem Vaterlande hat er der wissenschaftlichen Japanologie den Weg geebnet, und als er vor 59 Jahren als junger Gymnasiallehrer nach Japan ging, um dort Deutsch und Lateinisch zu lehren, war er einer der Ersten, die in Japan den Boden bereiteten, auf dem die Saat deutscher Wissenschaft aufgeben sollte. Baelz, Scriba und andere deutsche Fachgelehrte hätten nie jene tiefgehende Wirkung ausüben können, wären ihnen nicht Männer wie Lange vorangegangen, die in pflichtbewußter und liebevoller Arbeit Hunderte von jungen Japanern in die deutsche Sprache eingeführt hatten, was damals bei dem Fehlen aller brauchbaren Hilfsmittel und dem fast völligen Mangel an geschulten japanischen Lehrkräften viel schwerer war als heute.
Da mancher Leser dieser Zeitschrift sich besonders für Langes Japanzeit interessieren dürfte, rnögen hier noch einige Angaben über die ersten Monate seines Aufenthaltes folgen, die sich im wesentlichen auf sporadische Tagebuchaufzeichnungen Langes und auf Briefe an seine Schwestern stützen.
Lange, der Sohn eines Berliner Rektors, war nach einem Studium der klassischen Philologie und Germanistik und nach kurzer Lehrtätigkeit am Gymnasium zum Grauen Kloster in Berlin als Vierundzwanzigjähriger im Dezember 1874 nach Tokio gekommen, um an der damaligen "Medizinischen Fachschule", der Vorgängerin der Medizinischen Fakultät der "Kaiserlichen Universität Tokio", Deutsch und Lateinisch zu lehren.
An der Schule ist eine ganze Reihe von deutschen Medizinern und Naturwissenschaftlern tätig, wie der Chirurg Oberstabsarzt Müller, der Internist Hoffmann, der Anatom Dönitz, der Zoologe Hilgendorff usw. Diese Kollegen wohnen zum Teil neben der Anstalt, die sich in dem hochgelegenen ehemaligen Park des Dairnyo von Kaga, dem sogen. Kagayashiki, befindet, teils eine Viertelstunde davon, am Hang des prächtigen Ueno-Parkes jenseits des Shinobazu-Teiches. Dort am Ueno-Park bezieht auch Lange ein Haus mit herrlichem Ausblick auf das Häusermeer Tokios und wird der Nachbar des Dr. Müller, der schon seit 1871 erfolgreich an der Umwandlung der chinesisch-japanischen Medizin nach deutschen Vorbildern arbeitet und dessen Haus den Mittelpunkt eines fröhlichen, Gesang und Musik liebenden deutschen Kreises bildet, in dem Lange bald als Sänger, flotter Klavierspieler und liebenswürdiger Gesellschafter unabkömmlich wird.
Sein Ueno-Haus gibt Lange auch nicht auf, als man ihm nach einigen Monaten eine freigewordene Dienstwohnung im Kagayashiki anbietet, da dort - wie er schreibt - "fünf Junggesellen hausen, die aus dem Skat nicht herauskommen" und die ihn allzusehr von der Arbeit abhalten würden.
Er hatte nämlich schon sehr bald erkannt, daß er sich im Gegensatz zu anderen Deutschen vor allen Dingen mit dem Japanischen vertraut machen müsse, um - wie er in einem Brief vorn Februar 1875 schreibt - "seinen Unterricht mit Segen geben zu können". Dieser hohe Ernst, das ihm eingeborene Pflichtgefühl kennzeichnen ihn schon damals bei allem jugendlichen Frohsinn, ja gelegentlicher Ausgelassenheit. Immer wieder hören wir aus seinen Briefen, wie er sich um seine Schüler bemüht und wie sie es ihm danken, Nicht mit allen deutschen Lehrern sind die Japaner restlos zufrieden gewesen. Anfang 1875 schreibt Lange: "Die Schüler und der japanische Vorstand der Schule merken es recht gut, ob einer sich bloß hinstellt, um ein notdürftiges Äquivalent für sein hohes Gehalt zu bieten oder mit Interesse arbeitet."
Das Interesse, das Lange japanischen Dingen entgegenbringt, wird auch sehr bald von seinen Landsleuten erkannt, und schon im Februar 1875 macht ihn die zwei Jahre vorher ins Leben gerufene "Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens- zum Schriftführer, weil er bereits Fortschritte im Studium des Japanischen gemacht hatte. Trotzdem klagt er wiederholt, daß ihm besonders die "verzwickte Currentschrift des Hiragana viel zu schaffen mache".
Aus Langes Briefen gewinnen wir ein lebhaftes Bild davon, wie sein Alltagsleben verläuft. Es ist das typische Bild von dem Leben manches anderen Landsmannes in Japan von damals und später.
Sein Lehrberuf nimmt ihn nicht allzusehr in Anspruch: vier Stunden täglich Unterricht, wozu noch etwas Vorbereitung kommt und gelegentliche Korrekturen. Verbleibt also Muße genug zu eigenen Studien, zu Erholung und Geselligkeit. Viermal wöchentlich kommt sein japanischer Lehrer, der ihm bei seinen Studien hilft und mit dem er Japanisch parliert, denn es war damals unter den Ausländern noch nicht üblich, viel mit Japanern gesellig zu verkehren. - Seine Mahlzeiten nimmt er anfangs in einer gemeinsamen Messe mit zwei anderen Junggesellen im Hause eines Kollegen ein, wofür er im Monat 35 Ryo (einschließlich Wein) bezaht. Später hat er sich in seinem eigenen Hause beköstigt. (Die Monats-Gehälter der europäischen Lehrer betrugen damals 260 bis 300 Ryo oder mehr. Von 100 Ryo konnte ein junger Europäer schon anständig leben (NB. einfachere Japaner kamen mit 3 bis 8 Ryo monatlich aus!) und wer sparsam war, sparte sich ein hübsches Sümmchen, denn ein Ryo galt damals 11/4Taler.)
Viele Europäer - auch Lange - halten sich ein Reitpferd, das einschließlich Reitknecht (Betto) eine monatliche Ausgabe von 13 Ryo bedeutet. Sein Pferd hat Lange viel Freude bereitet. Gegen Abend macht er seinen Spazierritt, an freien Tagen und in den Ferien größere Exkursionen - allein oder in Gesellschaft. Das Pferd ist damals das bequemste Transportmittel. Unbequem dabei ist nur, daß man den Betto mitnehmen und auf ihn Rücksicht nehmen muß. "Es ist nämlich hier von alters her Sitte, daß der Betto vor dem Pferd oder Wagen seines Herrn einherrennt, um ihm Platz zu machen, was sehr notwendig ist, da es natürlich keinen Bürgersteig gibt und alles in der Mitte der Straße geht. Am gefährlichsten sind die vielen Blinden, die allein an einem Stock gehen und die am Wege spielenden Kinder - natürlich im paradiesischen Kostüm, wenn die Sonne es erlaubt". (Brief vorn 10. August 1875.)
Größere Reisen zu machen vermeidet Lange im Anfang, da alle Landsleute über die Unbequemlichkeiten des Reisens im Innern lebhaft klagen. "In den Teehäusern muß man auf der Erde schlafen, sich von vielerlei Insekten zerstechen lassen und bekommt nicht recht was zu essen."
Dafür bietet das Leben in Tokio Ersatz durch häufige Ausflüge zu Pferd oder mit Jinrikisha nach Oji, Meguro usw. oder in einem überdachten Boot, dem sogenannten yanebune, nach Mukojima. Sonst trifft man sich zu Hause und amüsiert sich so gut es eben geht. Immer ist Lange gern gesehen. Den Dauerskatspielern geht er möglichst aus dem Wege. Lieber verbringt er den Abend bei seinem Nachbar Dr. Müller, der ein Klavier besitzt und ein sehr musikverständiger Herr gewesen sein muß, denn er hat auch bemerkenswerte Untersuchungen über japanische Musik angestellt. In diesem gastlichen Hause hatte sich ein Quartett gebildet, dem Lange als vielgeschätzter zweiter Baß beitritt. In Gesang und Klavierspiel findet er häufig Trost, wenn Sehnsucht nach der Heimat und seinen Lieben ihn überkommt oder wenn kleine Entbehrungen und Ärgernisse des Alltags ihm und anderen Landsleuten einmal die Laune verderben. An solch kleinen Entbehrungen und Unbequemlichkeiten hat es nicht gefehlt. "Weh tut's, des Tisches kleine Freuden zu entbehren, als da sind pommersche Wurst, Schinken, Butter, Käse, Bier. Dergleichen ist hier sehr teuer und meist schlecht", so klagt er es in einem Briefe. Besonders die Bierfrage war für die deutsche Kolonie sehr ernst. Zwar wurden verschiedene Sorten Bier importiert - ."u. a. aus der Ahrendschen Brauerei in Moabit", aber es ist sehr teuer und "in Meguro nimmt man 12 Silbergroschen für eine Flasche". Auch wenn man sich ein Fäßchen kauft, ist es nicht besser, denn "jetzt habe ich schon 2 Faß saures Bier gehabt" (Tagebuch vom 18. Mai 1875). Man kann deshalb verständnisvoll mitfühlen, wenn dann in einem Brief triumphiert wird: "Wir haben jetzt hier vorzügliches bairisches Bier aus einer englischen Brauerei in Yokohama. Seidel 3 Groschen. Juchhe!"
So verbrachte Lange im Wechsel kleiner Freuden und Leiden seine Jahre in Japan, die doch in der Hauptsache ausgefüllt waren von gründlichen Studien, die ihm das Rüstzeug lieferten für seine spätere erfolgreiche Berufs- und wissenschaftliche Tätigkeit.
Ostasiatische Rundschau 14 (1933), 397-98