Martin Ramming 90 Jahre

Als wir eine - kleine Gruppe von Japanologie-Studenten - unserem verehrten Lehrer Martin Ramming im Seminarraum in der Berliner Dorotheenstraße mit den bescheidenen Mitteln des Jahres 1949 zu seinem sechzigsten Geburtstag gratulierten, da mischte sich in seine Freude die Wehmut des beginnenden Alters, er erläuterte uns die Bedeutung des honkegaeri, wies auf die gänzliche Ungewißheit künftiger Lebensjahre hin und berief sich auf das japanische Sprichwort rainen-no koto-wo ieba oni-ga warau. Sprichwörter solchen Inhalts weiß er mehrere zu nennen - überhaupt liebt er das Sprichwort und kann an ihm eine ganze japanische Volkskunde entwickeln; die Studenten haben in seinen Kollegs stets davon profitiert.

Seit jener kleinen Feier sind dreißig Jahre vergangen, und auch die ihm anläßlich seines siebzigsten Geburtstages von Kollegen und Schülern gewidmeten Ostasiatischen Studien (Hrsg. v. I. L. Kluge, Berlin 1959) liegen lange zurück. Sie erschienen ein Jahr nach seiner Emeritierung. Wenn wir jetzt die außerordentliche Freude haben, Martin Ramming zu seinem neunzigsten Geburtstag zu gratulieren, so beglückwünschen wir ihn auch als Mitbegründer und hervorragenden Repräsentanten der deutschen Japanologie, dessen Name mit ihrer Geschichte unlösbar verbunden ist.

Geboren am 21. November 1889 in St. Petersburg, verlebte er dort seine Schul- und Studienzeit. Ramming hat noch an der Kaiserlichen Universität zu St. Petersburg, der damals einzigen in der Welt mit einer Orientalistischen Fakultät, von 1908 bis 1912 in der Chinesisch-Japanischen Abteilung studiert. Obgleich nach dem Russisch-Japanischen Krieg und der wieder beginnenden Annäherung der ehemaligen Gegner sein Hauptinteresse der japanischen Sprache galt, war Chinesisch obligatorisches Hauptfach, und hier genoß er eine sehr solide Ausbildung bei so bedeutenden Sinologen wie Popov und Aleksejev. Zu seinen japanologischen Mentoren zählten Kurono und Pozdnejev, zu seinen Studienfreunden, Konrad, Polivanov, Pletner, Jelisejev (Elisséeff), Namen, die neben seinem in der Japanologie einen großen Klang haben. Ramming hat Japan zum ersten Male 1911 auf einer Studienreise besucht. Es war eine langwierige Reise mit der Transsibirischen Bahn bis Wladiwostok, dann mit einem Dampfer der Russischen Freiwilligen Flotte nach Tsuruga und auf einer weiteren Bahnfahrt bis Tôkyô. Nach seinem Studienabschluß im Jahre 1912 entschied sich Martin Ramming für die akademische Laufbahn. Er besuchte Japan im gleichen Jahre wieder, um dort die Lage der periodischen Presse zu studieren und siedelte schließlich im Jahre 1917 mit seiner Frau nach Tôkyô über, wo er mehr als zehn Jahre lebte. So hat er in Japan Tod und Begräbnis des Meiji-Tennô, die schwierigen Jahre der Taishô-Zeit mit dem großen Erdbeben von Tôkyô und die Wiederaufbauperiode der frühen Shôwa-Jahre miterlebt.

Die Gründung des Japaninstitutes in Berlin hatte entscheidende Bedeutung für das japanologische Wirken Martin Rammings. Entstanden 1926 durch die Initiative des berühmten Chemikers Fritz Haber - seine Japanreise 1924 hatte ihn auf die Idee des deutsch-japanischen Kulturaustausches gebracht - und des damaligen deutschen Botschafters in Tôkyô Dr. Wilhelm Solf, diente es dem Zweck, "die wechselseitige Kenntnis des geistigen Lebens und der öffentlichen Einrichtungen in Deutschland und Japan zu fördern und zu vertiefen" (Japan-Handbuch). Parallel dazu wurde ein halbes Jahr später 1927 ein Japanisch-Deutsches Kultur-Institut in Tôkyô errichtet. Das Japaninstitut hatte einen deutschen und einen japanischen Leiter. Gründungsleiter war Friedrich Trautz, und Martin Ramming übernahm 1928 den Ausbau der Bibliothek, ehe er 1930 selbst als Institutsdirektor eingesetzt wurde und dem Japaninstitut bis zu dessen Ende im Jahre 1945 vorstand. Er hat es mit seiner Persönlichkeit geprägt, ihm als wissenschaftlichem Institut hohes Ansehen im In- und Ausland verschafft und seinen guten Ruf als Forschungsstätte auch in der Zeit des Nationalsozialismus gewahrt. Die Institutsbibliothek von schließlich ca. 15000 Bänden, deren systematischem Aufbau er sich widmete, gehörte neben der von London und Leyden zu den bedeutendsten japanologischen Bibliotheken Europas; die von ihm als Schriftleiter betreuten Fachzeitschriften Yamato (1930-1932) und Nippon (1935-1944) brachten hervorragende Beiträge zur Erforschung und Kenntnis Japans, und das durch ihn herausgegebene und wesentlich mitverfaßte Japan-Handbuch (1941) ist bis zum heutigen Tage eine unschätzbare Quelle der Information geblieben. Der Jubilar wird in seiner Bescheidenheit diese Wertung des Japan-Handbuches zurückweisen, Ungenauigkeiten, Unstimmigkeiten und Proportionsfehler anführen, doch angesichts des immensen Stoffes, der editorischen Schwierigkeiten eines solchen Werkes und der besonderen ungünstigen Zeitumstände kann man das Ergebnis nur bewundern und sich dankbar seiner bedienen.

Noch manches ließe sich hier über Martin Rammings Wirken im Berliner Japaninstitut berichten, über Ausstellungen, Vorträge und Tagungen - der erste deutsche Japanologentag ist 1935 durch ihn organisiert worden - über seine Berater- und Gutachtertätigkeit und über seine Abwehr propagandistischer Einflüsse; doch vielleicht wird einmal die Geschichte des Japaninstituts geschrieben werden, in der diese Dinge ihren Platz finden sollten. Martin Ramming gehört auch zu den Mitbegründern der Deutsch-Japanischen Gesellschaft zu Berlin, die 1929 auf Anregung des aus Japan zurückgekehrten Botschafters Solf ins Leben gerufen wurde und dem Zweck dienen sollte, weiteren Kreisen bessere Kenntnisse über Japan zu vermitteln. Ramming hat diese Gesellschaft nach dem Kriege 1915 wieder aufgebaut, war ihr Vorsitzender und gehört ihr seit 1973 als Ehrenmitglied an.

Betrachten wir nun die akademische Lehrtätigkeit Rammings, die er 1929 als Dozent am Berliner Seminar für Orientalische Sprachen begann. Seit 1937 vertrat er das Fach Japanologie an der Universität Berlin und war Direktor der Japanischen Abteilung des Orient-Instituts. 1944 erfolgte seine Ernennung zum ordentlichen Professor, und er konnte seine Lehrtätigkeit nach Kriegsende bei Wiedereröffnung der Berliner Universität 1946 als politisch Unbelasteter sofort wieder aufnehmen. In seiner dreißigjährigen Lehrtätigkeit als Japanologe in Berlin hat er seinen Schülern eine gründliche und umfassende Ausbildung gegeben, die von der Sprachvermittlung bis zur Briefkunst des sôrôbun, von der Quellenkunde bis zur Landesgeschichte, von der Lektüre literarischer
Texte aus alter und neuerer Zeit - das kambun eingeschlossen - bis zur Landes- und Volkskunde Japans reichte. Wir denken gern an die sorgfaltig vorbereiteten Kollegs, den anregenden Unterricht zurück, und mancher besitzt noch die kalligraphisch geschriebenen Textzusammenstellungen des Sensei.

In der japanologischen Forschung hat Martin Ramming vor allem die geschichtliche Forschung bereichert. So hat er wertvolle Beiträge zur Kenntnis der russisch-japanischen Beziehungen geliefert - auch seine Dissertation, über "Rußland-Berichte schiffbrüchiger Japaner aus den Jahren 1793 bis 1805" gehört in diesen Themenkreis -, dann hat er über die politische und Wirtschaftsgeschichte der Tokugawa-Zeit gearbeitet und Untersuchungen zur Literatur- und Schriftgeschichte veröffentlicht. Zwei dieser Arbeiten sind in den Sitzungsberichten der ehemals Deutschen Akademie der Wissenschaft zu Berlin erschienen, in die er 1955 als ordentliches Mitglied gewählt wurde (Zum Rôninproblem in der Tokugawa-Zeit, 1956. - Bemerkungen zur Problematik der Schriftreform in Japan, 1960). Mit besonderem Interesse hat Ramming die Geschichte des japanischen Zeitungswesens verfolgt, und seine erste Petersburger Veröffentlichung aus dem Jahre 1913, noch in russischer Sprache erschienen, war der gegenwärtigen Lage der periodischen Presse in Japan gewidmet. Übrigens war der Begründer der japanischen Zeitungswissenschaft, Ono Hideo, ein persönlicher Freund Martin Rammings.

Während der ganzen Zeit seines Wirkens hat Martin Ramming eine umfangreiche Vortragstätigkeit entfaltet, in der die vielfältigsten Aspekte der Japankunde und Japanforschung Berücksichtigung fanden. Seine Vorträge haben stets ein dankbares Publikum gefunden, denn ebenso wie seine Schriften zeichneten sie sich durch klare Diktion und sachliche, faktenreiche Information aus, wozu sich hier auch das anekdotische Element gesellte. Im Sommersernester 1968 hat Martin Ramming noch einen Vortrag im damaligen Ostasien-Institut der Ruhr-Universität Bochum gehalten, der "Bemerkungen zur Geschichte der Japanologie" betitelt war. Der Vortragende verkörpert selbst ein bedeutendes Stück dieser Geschichte, und wenn er sich gerade im Bochumer Ostasien-Institut zu diesem Therna äußerte, so wegen dessen Verbindungen zum ehemaligen Berliner Japaninstitut: denn von den 1944-1945 teils verlagerten, teils vernichteten oder verschleppten Buchbeständen des Japaninstitutes hat ein bescheidener Rest nach einer langen Odyssee 1966 den Weg in das noch junge Bochumer Institut gefunden.

In seinem seinem letzten Vortrag hat Martin Ramming erzählt, wie er als Kind mit der Petersburger Pferdebahn Ende des vergangenen Jahrhunderts in die Schule gefahren ist, die Einführung des Rundfunks in Japan Anfang der zwanziger Jahre miterlebt hat, 1945 Zeuge des dramatischen Endes des Berliner Japaninstitutes wurde und nun die vehemente Entwicklung des gegenwärtigen Japan verfolgt. Man hat auch in Japan seine Verdienste um die Japanwissenschaft nicht vergessen und ihn mit Ehren bedacht.

Wir haben jetzt die Freude, den hochverehrten Jubilar zu beglückwünschen, der in Rüstigkeit ein Alter erreicht hat, das weit über das hinausgeht, was gar im alten China als "selten von eh und je" (kushi) bezeichnet wurde. Wir danken ihm für das, was er der Japanologie und uns gegeben hat. Möge es ihm vergönnt sein, noch lange als verehrter Lehrer, Kollege und Freund unter uns zu weilen.

Tokiwa-naru
Matsu-ni kakareru
Koke-nareba
Toshi-no wo nagaki
Shirube-to-zo omou

(Shinkokinshû, ga-no uta, 731)

Bruno Lewin
Nachrichten der Deutschen Gesellschaft für Natur- und Völkerkunde Ostasiens 126 (1979), 7-9