Woran
eigentlich mißt man die Größe eines Menschen,
eines Schriftstellers, eines Geistesschaffenden?
Zweifellos doch daran, wieweit
er sich den Forderungen des Tages stellt, in welchem Maße
er das geistige Millieu seiner Zeit mitbestimmt und was er an
Neuem einbringt. Hat Mori Ôgai sich diesen Forderungen
gestellt? Hat er das geistige Milieu seiner Zeit mitbestimmt?
Hat er Neues eingebracht? Jede dieser Fragen wäre mit einem
eindeutigen "Ja" zu beantworten.
Über die Größe
einer Persönlichkeit aber wird letztlich wohl immer erst
die nahe oder ferne Nachwelt entscheiden. Die Nachwelt entscheidet,
ob sie das von dieser Persönlichkeit Geschaffene als Erbe
annimmt - als ein unentbehrliches Erbe, das es nicht nur zu verwalten
gilt, sondern auf dem Neues aufzubauen ist.
Zu fragen wäre nun,
hat die Nachwelt das, was Mori Ôgai schuf, als lebendiges
Erbe angenommen, bedarf sie dieses Erbes? Ist Mori Ôgai,
eine Gestalt, die bis in unsere Gegenwart hineinragt? Oder hat
sie lediglich historische Bedeutung? Ist sie ein bloßes
geistiges Denkmal, dem aus Gründen der Pietät Verehrung
gezollt wird? Nein, die Gestalt Mori Ôgais reicht bis in
die Gegenwart hinein und nimmt dabei gerade in letzter Zeit immer
deutlichere Konkuren an, und zwar zunehmend auch über die
Grenzen Japans hinaus. Vielleicht kann man davon sprechen, daß
in Japan eine Mori-Ôgai-Renaissance eingesetzt hat, und
festzustellen ist, daß ein internationales Bemühen
begonnen hat, sich Mori Ôgai zu erschließen. Kürzlich
erschienene Arbeiten in der UdSSR, in Großbritannien und
den USA beweisen es.
Nüchtern ist aber auch
festzustellen, daß Mori Ôgai in Japan unserer Tage
nicht gerade viel gelesen wird und daß er dem heutigen
Sinn nach vielleicht auch niemals ein populärer Schriftsteller
gewesen ist. Es bedarf einiger Anstrengungen, sich ihm und der
Welt seiner literarischen Werke zu nähern und mit seinem
Schaffen vertraut zu werden. Trotzdem, bäte man einen Japaner,
der mit der Literatur seines Heimatlandes einigermaßen
vertraut ist, auf der Stelle ein halbes Dutzend oder vielleicht
nur drei oder vier der wichtigsten Schriftsteller des modernen
Japan zu nennen, der Name Mori Ôgai wäre wohl immer
dabei.
Popularität oder Vielgelesenheit
kann ohnehin nicht das allein ausschlaggebende Kriterium für
die Bedeutung eines Schriftstellers sein; die Literaturgeschichte
aller Völker hält viele Beispiele dafür bereit.
Für Mori Ôgai kommt hinzu, daß sich die Größe
seiner Persönlichkeit nicht nur aus dem eigenen dichterischen
Schaffen ableiten läßt. Seine Bedeutung reicht weit
darüber hinaus, reicht über die Literatur als solche
überhaupt hinaus.
Mit der vagen Hoffnung auf
Ruhm und Erfolg habe er, wie er später sinngemäß
in seinem Erstlingswerk gesteht, 1884 seinen Studienaufenthalt
im damaligen Deutschland angetreten. Doch vielleicht war diese
Hoffnung gar nicht so vage. Denn liest man sein " Deutsches
Tagebuch", das er seit seiner Ankunft in Berlin mit großer
Genauigkeit führte, allerdings nur mit knappen, nicht gerade
literarisch anmutenden Worten, verfolgt und analysiert man sein
Auftreten während seines vierjärigen Aufenthaltes hier
im Herzen Europas, dann spricht daraus oft ein geradezu erstaunliches
Selbstbewußtsein, für einen jungen Menschen in der
ersten Hälfte seiner zwanziger Jahre.
Er war sich bewußt, daß ihm nach seiner Rückkehr
eine Führungsposition zugedacht war. Und tatsächlich
machte er dann auch eine glänzende Karriere, zumindest eine
äußerlich glänzende Karriere: Von Beruf war er
Arzt und gehörte der japanischen Armee an, als zweiundzwanzigjäriger
Leutnant traf er 1884 in Berlin ein, als Hauptmann verließ
er es 1888. Im Jahre 1907 wurde er zum Generaloberstabsarzt befördert
und war damit der ranghöchste Militärarzt des japanischen
Heeres. Als er 1916 seinen Abschied vom Militär nahm, wurde
er bald darauf Direktor des Kaiserlichen Hofmuseums und auch
Präsident der Reichsakademie der Künste, war er bis
zu seinem Tode am 9. Juli 1922 blieb.
So gesehen, hat Mori Ôgai
im Unterschied zu den meisten, wenn nicht gar zu allen Schriftstellerkollegen
seiner Zeit stets in der Nähe des Machtzentrums gestanden,
das sich 1889 mit der Verkündung der sog. Meiji-Verfassung
ein festes Fundament geschaffen hatte. Diese Nähe war Voraussetzung
und Folge seiner steilen Karriere im öffentlichen Leben.
Diese Nähe aber zwang ihn zugleich zu Kompromissen, die
ganz offensichtlich für ihn persönlich dunkle Schatten
auf den Glanz der eigenen Karriere warfen.
1862, also 6 Jahre vor den
1868 einsetzenden großen gesellschaftlichen Umwälzungsprozessen,
mit denen Japan in historisch kürzester Frist das Mittelalter
hinter sich ließ und in das moderne Zeitalter seiner Entwicklung
eintrat, geboren, war Mori Ôgai noch ganz im Sinne des
Konfuzianismus erzogen worden. Und eine der zentralen Kategorien
der konfuzianistischen Ideologie war das Prinzip der Loyalität
gegenüber jenen, die auf den verschiedenen Ebenen des sozialen
Gefüges die Macht verkörperten. Mori Ôgai beugte
sich dieser Macht, jedoch nicht willenlos und nicht ohne persönliche
Bitterkeit.
Sein im Januar 1890 erschienenes
Erstlingswerk, die Novelle "Das Ballettmädchen"
die hier in Berlin spielt, legt ein beredtes Zeugnis davon ab,
ein beredtes Zeugnis von der geradezu verzweifelten Konfliktsituation,
in der er sich befand. Es ist dies die Geschichte einer jungen
heftigen, aber tragisch endenden Liebe: Der japanische Student
Toyotaro Ota wird von seinen Vorgesetzten unter einen so starken
psychischen Druck gesetzt, daß er am Ende seine Liebe zu
dem Ballettmädchen Elis zugunsten der ihm zugedachten Karriere
aufgibt. Das Mädchen verfällt dem Wahnsinn. Seelisch
tief verwundet und wohl auch nicht frei von Schuldgefühlen
kehrt Ota in seine Heimat zurück.
Daß hier Ôgais
persönliche Problematik abgehandelt wird, steht außer
Frage. Aber bei allem Persönlichen hatte diese Problematik
auch etwas Allgemeingültiges für die damals heranwachsende
Generation der neuen japanischen Intelligenz, die alles Europäische
begierig in sich aufnahm und der Losung, die der große
japanische Aufklärer Yukichi Fukuzawa ausgegeben hatte,
nämlich "Abkopplung von Asien und Anschluß an
Europa" folgte. Es ist, allgemein gesagt, der Konflikt,
der sich für das sich erstmals in Japan konstituierende
bürgerliche Ich unter den noch obwaltenden geistigen und
sozialen Gegebenheiten im damaligen Japan auftrat. Es ist das
Dilemma, in das die jungen, aber noch in der alten Ideologie
erzogenen Intellektuellen zwangsläufig geraten mußten.
Die Novelle "Das Ballettmädchen"
fand seinerseit ein großes Echo, eben weil sie weit über
das Private hinaus eine allgemeine Problematik aufgriff. Und
für viele Japaner verbindet sich wohl auch heute noch mit
dem Namen Ôgai zuerst und vor allem die Novelle "Das
Ballettmädchen". Für einen hiesigen Leser indessen,
dem der historische Hintergrund nicht geläufig ist, dürfte
kaum verständlich werden, warum dieses Werk eine so große
und so lang anhaltende Resonanz fand, bekäme er es in einer
noch so guten Übersetzung in die Hand. Literarästhetisch
gesehen, ist diese Novelle nicht mehr als ein Versuch Ôgais,
für sich selbst umzusetzen, was er aus einer umfangreichen
und eifrigen Lektüre europäischer Dichtung gelernt
hatte, aber immerhin ein Versuch, der auf die damalige japanische
Literatursituation geradezu revolutionär wirkte, nicht zuletzt
durch den neuen Prosastil, den Ôgai damit einführtte.
Daß er inhaltlich und vom Stimmungsgehalt her mit dieser
Novelle bisweilen in die bedenkliche Nähe jener Rührseligkeit
gerät, die für eine bestimmte Art von Unterhaltungsliteratur
zu Ôgais Zeiten in deutschen Landen chrakterisch war, das
konnte der japanische Leser jener Zeit nicht wissen und brauchte
ihn auch nicht zu stören.
Ôgai opfert also seine
Liebe, er beugt sich der Macht, und nur einmal in seinem weiteren
literarischen Schaffen äußert er unverhohlene Kritik
an dem Machtzentrum, und zwar im November 1910 in der allegorischen
Kurtgeschichte "Chimmoku no tô" ( Turm des Schweigens
), als nämlich über zwanzig der führenden Sozialisten
Japans unter haltlosen Beschuldigungen verhaftet wurden. Ôgais
Kritik bewirkte zwar nichts, denn im Januar 1911 wurden elf der
Angeklagten, an der Spitze Kôtoku Shûsui, zum Tode
verurteilt und hingerichtet. Aber bemerkenswert bleiben die menschliche
Ehrlichkeit und der Mut des damals ranghöchsten Militärarztes
der japanischen Armee, in aller Öffentlichkeit und mit dem
Gewicht seines Namens gegen Machtmißbrauch aufzutreten.
Noch einmal in seinem Leben
wendet er sich dann gegen das Machtzentrum, in dessen Nähe
er stets gestanden hatte, und zwar nun mit einer Entschiedenheit
wie nie zuvor. Am 6. Juli 1922, drei Tage vor seinem Tode, diktierte
er sein Testament. Sinngemäß heißt es darin,
daß er nach seinem Ableben jede formelle Behandlung und
Ehrung seitens des Hofministeriums, mit dem er in enger Verbindung
gestanden habe, ablehne, und daß er als bloßer Mori
Rintaro sterben wolle. Wörtlich heißt es dann. "In
den Grabstein darf nicht ein einziges Schriftzeichen mehr gehauen
werden als. Grab des Mori Rintaro !"
Hier wird, so empfinde ich
es zumindest, Größe zu menschlicher Größe.
Und wenn wir Mori Ôgai nicht ein in Stein gehauenes Denkmal
setzen, sondern ihm zu Ehren am 12. Oktober 1984 ein Gedenkzimmer
einweihen dürfen, dann handeln wir, so glaube ich, auch
ganz im Sinne seiner letzten Worte, zumal mit dieser Gedenkstätte
ja nicht ein Museum entsteht, das dann und wann von einem Gast
aufgesucht wird, sondern ein Gedenkzimmer, das bald Bestandteil
einer Einrichtung sein wird, in dem diejenigen, die sich mit
dem Heimatland Ôgais in Lehre und Forschung beschäftigen,
ihre neue Heimstatt finden.
Magnifizenz, gestatten Sie
mir, auch Ihnen in diesem Zusammenhang ein Wort des Dankes zu
sagen. Für mich ist es nicht selbstverständlich, daß
der Rektor einer so großen Universität sich auch für
einen so kleinen Bestandteil seines Hauses, der die Japanologie
naturgemäß nun einmal ist, stets einsetzt.
Ich gestehe offen,
mir wird bei dem Gedanken, in naher Zukunft gleichsam in unmittelbarer
Nachbarschaft mit Mori Ôgai zu leben, ein wenig bange.
Denn mit ihm leben, heißt auch, stets danach zu streben,
den hohen Maßstäben, die er setzte, gerecht zu werden,
heißt nicht nur, sein Erbe zu verwalten, sondern in fruchtbarer
Weise fortzuführen. Und das wird nicht leicht sein.
Sein Gesamtwerk, das er
der Nachwelt hinterlassen hat, umfaßt in der neuesten Ausgabe
38 Bände von über 23 000 Seiten. Darin enthalten sind
auch jene 130 europäischen Literaturwerke, die er ins Japanische
übertrug, darunter seine inzwischen klassisch gewordene
Faust-Übersetzung, darunter auch Werke von Lessing, Kleist,
Schnitzler, Hofmannsthal, Rilke, Dehmel und Klabund, darunter
aber auch Werke von Ibsen, Strindberg, Andersen, E.A. Poe, Oscar
Wilde, Flaubert und vieler anderer, die er über das Deutsche
ins Japanische übertrug. Es gibt kaum einen japanischen
Schriftsteller seiner Zeit, der nicht durch seine Übersetzungen
in der einen oder anderen Weise von einem oder mehreren dieser
europäischen Schriftsteller beeinflußt worden wäre.
Hypothetische Fragen an
die Geschichte in der Art: Was wäre gewesen, wenn...ergeben
keinen Sinn. Sie bleiben zwangsläufig im Bereich des Spielerischen.
Doch selbst unter dieser Voraussetzung wäre zu fragen: Wie
wohl hätte sich die neue Literatur Japans entwickelt ohne
die große übersetzerische Leistung eines Mori Ôgai?
Ebenso vielgestaltig wie
diese Leistung war auch sein eigenes literarisches Schaffen.
Der japanische Literaturhistoriker
Shûichi Katô verweist nachderücklich darauf,
daß kein anderer Schriftsteller der modernen japanischen
Literatur eine so breite Palette von Themen behandelt habe wie
Mori Ôgai. Diese Palette reicht von der Darstellung romantischer
Liebe bis zu literarischen Berichten erster sexueller Erfahrungen,
von der Darstellung des Widerstreits zwischen Braut und Schwiegermutter
bis zu dem Thema des künstlerischen Schöpfertums, sie
reicht von Gesellschaftskritik bis zur literarischen Aufarbeitung
der Geschichte, bis zu philosophischen und autobiografischen
Reminiszenzen.
Aufgrund seines vierjährigen
Aufenthaltes in Deutschland und seiner hervorragenden Deutschkenntnisse,
die er bereits mitbrachte, lebte Ôgai intensiver als jeder
andere seiner Zeitgenossen mit der deutschen und europäischen
Literatur, mit der deutschen und europäischen Kultur und
zudem war er wie kaum ein anderer Schriftsteller seiner Zeit
den chinesischen und japanischen Literatur- und Kulturtraditionen
eng verbunden. Er versuchte, beides miteinander zu verschmelzen,
auf beiden Beinen zu stehen, die Vermittlerrolle in sich selbst
zu verkörpern. Und hierin liegt denn vom Prinzip her auch
wohl die eigentliche Herausforderung durch Mori Ôgai an
uns.
Gewiß, er fordert
uns auch als Schriftsteller, und schon diese Forderung ist nicht
gering, zumal es kaum zu verstehen ist, daß ausgerechnet
ein Mann wie Mori Ôgai, der so viel zur Verbreitung der
deutschen Literatur in Japan beigetragen hat, als Schriftsteller
gerade dort, wo Deutsch als Muttersprache gesprochen wird, nach
wie vor so gut wie unbekannt ist, obwohl er zu den wichtigsten
Autoren des modernen Japan gezählt wird und zweifellos doch
auch weltliterarischen Rang hat. Dennoch, wenn kürzlich
eine japanische Zeitung schrieb, hier an der Humboldt-Universität
wird mit der Einweihung eines Gedenkzimmers für Mori Ôgai
ein Zentrum der Mori-Ôgai-Forschung entstehen, dann würde
ich sagen: Nein. Sicher, die Erforschung und Erschließung
des reichen literarischen Erbes, das uns Mori Ôgai übertrug,
muß und soll eine unserer Aufgaben sein. Aber wir wollen
darüberhinaus mehr, und vielleicht klingt es vermessen,
wenn ich sage, wir wollen auch im Sinne Mori Ôgais wirken.
Die Würdigung Mori
Ôgais als einen der Mitbegründer der modernen japanischen
Literatur und zudem der modernen japanischen Literaturkritik,
als Schöpfer eines neuen Prosastils, als Dichter, der viele
andere junge Dichter förderte, als Gestalt, die gleichsam
die ganze Problematik seiner Zeit verkörperte und in dem
Sinne als eine Symbolfigur seines Zeitalters zu gelten hat -
all das ist eine der vielfältigen Aufgaben.
Aber wenn ich sagte, wir wollen im Sinne Mori Ôgais wirken,
dann heißt das auch und nicht zuletzt, daß wir unserer
Mittlerrolle zwischen unseren beiden Völkern, die wir als
Japanologen zu erfüllen haben, immer mehr und besser gerecht
werden.. Wir wollen Mittler sein, um das gegenseitige Verstehen
weiter zu vertiefen.
Ich sagte, es wird nicht
leicht sein, mit Mori Ôgai zu leben, das Gefühl zu
haben, als schaue er uns bei unserer tagtäglichen Arbeit
gleichsam ständig über die Schulter. Wir wollen uns
dieser Herausforderung stellen. Ich hoffe, daß wir uns
alle, vor allem aber jene jungen Japanologen, die gegenwärtig
an unserer Alma mater heranwachsen, dieser Herausforderung als
gewachsen und würdig erweisen.