Bericht zum 3. Internationalen Snoezelen Symposium vom 29.9.2005 bis 1.10.2005 an der Humboldt-Universität zu Berlin, Institut für Rehabilitationswissenschaften

Die Welt entdeckt Snoezelen

Krista Mertens / Anja Ait Nouh

Seit drei Jahren besteht die Internationale Snoezelen-Association (ISNA). Einige Teilnehmer dieses Symposiums waren bereits bei der Gründungsversammlung 2002 in Berlin zugegen. Hauptarbeitsschwerpunkte und –ziele sind Belege für das Wohlbefinden in dem angenehmen Ambiente des Snoezelenraumes zu liefern und die Anerkennung des Snoezelens als Heilmittel zu liefern,  Konzepte zur Förderung und Therapie über das Snoezelen zu entwickeln und Hilfestellung bei deren pädagogischen und therapeutischen Umsetzung zu geben. Viele Anfragen aus dem In- und Ausland zur Einrichtung eines Snoezelenraumes und Fragen von Studierenden an Fach- und Hochschulen zu ihren Examensarbeiten über das Snoezelen müssen beantwortet werden.
Die Bitte, „Snoezelen“ für die 21. Ausgabe des Brockhauses zu definieren, haben wir gerne erfüllt:
 
 
Snoezelen (sprich „snuzelen“) ist eine reine Wortschöpfung aus „snuffelen“ (schnüffeln, schnuppern) und „doezelen“ (dösen, schlummern). Es wurde in den 70er Jahren in den Niederlanden in Einrichtungen für schwerst behinderte Menschen entwickelt. Hinter dem Snoezelen steht ein multifunktionales Konzept: In einem besonders ansprechend gestalteten Raum (vorwiegend Weißer Raum) werden über Licht-, Klang- und Tonelemente, Aromen und Musik Sinnesempfindungen ausgelöst. Diese wirken auf die verschiedensten Wahrnehmungsbereiche entspannend, aber auch aktivierend. Das gezielt ausgesuchte Angebot steuert und ordnet die Reize, es weckt Interesse, es ruft Erinnerungen hervor und lenkt Beziehungen. Snoezelen erzeugt Wohlbefinden, in der ruhigen Atmosphäre werden den Menschen Ängste genommen, sie fühlen sich geborgen. Snoezelen ist Therapie und Förderung zugleich und wird in allen Entwicklungsstufen (Kleinkind bis betagte Menschen) eingesetzt (Mertens 2003/2005).
Inzwischen liegen zahlreiche Studien über die Wirkungsweise vor. Seit den 80er Jahren werden die in 25 Jahren gemachten Erfahrungen aus über 10 Nationen zusammengefasst und ausgewertet (vgl. International Snoezelen Association, ISNA).
In Deutschland gibt es zurzeit (Stand 2005) über 1200 Snoezelenräume, vorrangig in Einrichtungen für geistig behinderte Menschen und für Senioren, aber ebenso in Hospizen und Kliniken (insbes. Psychiatrie, Onkologie,  Neurologie, Pädiatrie), in Kindergärten und Schulen.
 
Hulsegge, J.; Verheul, A.: Snoezelen - Eine andere Welt (61997); Mertens, K.: Snoezelen – Eine Einführung in die Praxis (22003); dies.: Snoezelen – Anwendungsfelder in der Praxis (2005); Mertens, K.; Verheul, A.: Snoezelen. Berichte von den  ISNA-Symposien Berlin (2003), Ede (2004), Berlin (2005).
 
 
Damit ist „Snoezelen“ zu einem anerkannten und feststehenden Begriff geworden und kann auch nach Erscheinen des Lexikons nicht mehr für kommerzielle Zwecke markenrechtlich geschützt werden.
 
Das sich seit 30 Jahren verbreitende und ständig weiterentwickelnde Angebot Snoezelen findet heute international in therapeutischen und pädagogischen Arbeitsfeldern Anwendung. Durch die intensive Forschung zur Wirksamkeit des Snoezelens - vor allem in unserem Hause, aber auch in Schweden, Finnland, Großbritannien, Israel und Australien - hat sich der Adressatenkreis in den vergangenen Jahren stetig erweitert. So findet man heute je nach Zielstellung neben der Gruppe der Menschen mit Behinderung auch solche, die ganz allgemein das Snoezelen für sich als Angebot der Erholung und Entspannung sowie der Stressreduzierung entdecken. Für das Snoezelen speziell qualifizierte Kräfte arbeiten u.a. mit Kleinkindern und ihren Angehörigen, mit Kindern im Frühförderbereich, in Kindergarten, Schule und Kliniken. Ein großer Schwerpunkt ist der Freizeitbereich geworden, in welchem das Erlebnis eines Raumes in Verbindung mit dem Freisetzen von Phantasie und Kreativität in den Vordergrund rücken. Ebenso wird das Snoezelen immer mehr für ältere und betagte Menschen entdeckt, die sich in den Räumen erholen, zur Ruhe kommen, sich erinnern, ihren Körper wieder entdecken und verstärkt miteinander kommunizieren.  Fast jede Psychiatrische Klinik und jedes Hospiz denkt heute daran, Snoezelenräume einzurichten bzw. kann diese bereits vorweisen.
Für alle diese Zielgruppen konnten wir inzwischen Konzepte und adressatenspezifische Methoden entwickeln und niederschreiben.
 
Das Motto für das Symposium „Die Welt entdeckt Snoezelen“ wurde bei dem Expertentreffen im Mai 2004 in Örebrö (Schweden) formuliert. Seit Mitte der 70er Jahren hat das Snoezelen „die Welt entdeckt“, es fand weltweit in 18 Nationen Verbreitung. Inzwischen schauen die oben angeführten Berufsgruppen in aller Welt auf das Snoezelen und entdecken diese Entspannungs- und Fördermethode als wirksames Mittel der zur Entwicklung und Stabilisierung einer Persönlichkeit. Nachdem sich immer mehr Interessenten autodidaktisch in die Materie eingearbeitet haben, werden zunehmend Aus- und Fortbildungen - von leider sehr unterschiedlicher Qualität -  angeboten. Man kann insgesamt feststellen, dass die Fachwelt ein Auge auf das Snoezelen geworfen hat. Was ist das für eine Maßnahme, was für eine Methode? Handelt es sich um ein ernsthaftes Angebot, gleitet man womöglich in esoterische Sphären ab? Alles berechtigte Fragen, die es zu beantworten und die Seriosität zu belegen gilt.

Foyer der HU
 
  
Aus diesem Grunde sollten bei dem 3. Internationalen Symposium die wissenschaftlichen Untersuchungen und Forschungsergebnisse im Mittelpunkt stehen.
Zur Eröffnung hatte Martin Buntrock eigens eine Bild-Ton-DVD zusammengestellt, welche in die Thematik des Snoezelens einführte. In absoluter Stille lauschten die aus 12 Nationen angereisten Teilnehmer den Klängen und ließen sich von den ansprechenden Bildern inspirieren.
 
 Ad Verheul  Ad Verheul und Krista Mertens eröffneten die Veranstaltung und dankten vor allem den Sponsoren (Firma Thieme, Neurologisches Rehabilitationszentrum Greifswald gGmbH) und Ausstellern für die Unterstützung.
 

 
 
  Die Firma Wehrfritz hatte im Foyer des Hauptgebäudes der Humboldt-Universität ästhetisch ansprechend einen Informationsstand aufgebaut.  Firma Wehrfritz
 
 
 
Klangschalen und Liege luden zu einer Klangmassage nach Peter Hess ein und die Firma Allton stellte einen Klangstuhl sowie weitere Elemente zur auditiven und taktil-vibratorischen Wahrnehmungsförderung vor. Neu war ein Luftreiniger der Firma LUVT GmbH, welcher sicher für die  Klimatisierung von Snoezelenräumen interessant ist. Ein Bücherstand informierte über aktuelle Literatur, und als Highlight konnten die Besucher die so genannten „Snoe-Soxx“ erwerben, die eine Großmutter einer Studierenden in Serie gestrickt hatte.
                                                                                       
 Snoe Soxx
Die unterschiedlichen, speziell für das Symposium angefertigten Poster gaben einen Einblick in die Praxisarbeit. Diese sind weiterhin für 5 Euro (zzgl. 5 Euro Versandkosten) über das Sekretariat zu erwerben.
 
zu den Postern
 
In den Hauptvorträgen berichteten aus dem Snoezelenzentrum Upplevelsen in Örebrö (Schweden) Gunilla Andersson und Anders Ekmark über „Snoezelen as a treatment method in Upplevelsen“. Hierbei handelt es sich um erste Forschungsergebnisse zu einer Dissertation, die das Snoezelen als rehabilitative Maßnahme in dem Behandlungsprozess bei Menschen mit traumatischen Hirnverletzungen einsetzt. Diese Referenten waren auch mit den deutschen Kollegen, Sandra Köstler und Ulrich Merz aus Tirschenreuth sowie Josef Thum aus Leverkusen und Marja Sirkkola (Finnland) an dem Forschungsprojekt von Krista Mertens „Zum Erfassen der Befindlichkeit“ über einen entsprechenden Fragebogen beteiligt. Die ersten Ergebnisse konnten von diesem Team vorgestellt und über das Statistikprogramms SPSS veranschaulicht werden.
Wiederum sehr anschaulich und für alle Teilnehmer gut verständlich erläuterte Prof. Beate Meffert die gemeinsamen Forschungsarbeiten des Instituts für Informatik und Instituts für Rehabilitationswissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin „zur Messung von Biosignalen“ beim Snoezelen. Man geht hierbei der Fragestellung nach, dass „wenn Snoezelen den Menschen tatsächlich beeinflusst, es möglich sein müsse, diese Veränderungen in einer Reihe von ausgewählten Biosignalen zu erkennen“. Dieses Projekt läuft seit über zwei Jahren und wird zur Zeit mit Blick auf die Wirksamkeit von Musik weitergeführt. Dazu gab Martin Buntrock als Komponist und Musikpädagoge in seinem Hauptvortrag zur Wirkung von „Musik und Entspannung – Spezielle Entspannungsmusik“ Einblick in die musikalischen Merkmale und psychophysiologischen Reaktionen, sodass die Tagungsteilnehmer fundierten Einblick in die Kriterien einer Komposition von entspannungsfördernder Musik bekamen und die Bedeutung von gezielt ausgewählter Musik erkannten.
 
Einen völlig neuen und hochinteressanten Aspekt brachte die Professorin für Textiles Design an der Schwedischen Schule für Textildesign in Boras (Schweden), Marion Ellwanger, zur Sprache: Der Markt wird in Zukunft Produkte bereit halten, „die die Umgebung wahrnehmen und auf sie reagieren und/oder einen medizinischen Zweck erfüllen können“. Es eröffnet sich ein enormes Absatzpotiental nicht nur in der Mode, sondern u.a. auch für Einrichtungen der häuslichen Wohnung, für die pädagogische und therapeutische Raumgestaltung, einschließlich der Snoezelenräume. Die neuen „smarten Textilien“ verändern ihre Farbe und setzen Aromen frei, was die Befindlichkeit des Nutzers beeinflussen kann.
 
Der Vortrag von Dr. Walter Jacob aus Belgien demonstrierte seine Arbeit in der Entspannungstherapie. Hohe Anerkennung muss dem Ehepaar Jan und Mini Hulsegge gezollt werden, die mit großem Engagement und geringen finanziellen Mittel in einer Einrichtung für geistig behinderte Menschen  einen Snoezelenraum einrichteten.  Unter dem Thema „Zwei Länder, ein Konzept, ein Gesamteffekt“ stellten sie das 1993 an der Sonderschule in Grabie (Polen) umgesetzte Projekt vor, welches die Direktorin der Schule, Wiesias Sawicka zusätzlich über ein breites Filmmaterial veranschaulichte.
 
 
Am 29. September fanden sich alle Referenten und weitere Experten aus Deutschland, den Niederlanden, Belgien, Schweden, Finnland, Polen, Griechenland, Australien, USA und Kanada in dem Institut für Rehabilitationswissenschaften zu einem gegenseitigen Austausch zusammen. Man erörterte die Arbeit der letzten zwei Jahre und besprach weitere Begegnungen für die Jahre 2006 in Montreal (vgl. Ankündigung Michel Théroux) und 2007 in Deutschland (bei Regensburg) oder den Niederlanden.
 
 Treffen am Donnerstag
An den folgenden zwei Tagen wurden den Kongressteilnehmern die eigenen Erfahrungen präsentiert. Folgende Referenten stellten ihre Erfahrungen in vier parallel gelagerten Workshop-Blöcken vor:
 
Christian Brehmer: „Snoezelen - der non-direktive therapeutische Ansatz“;
Constance Düwiger: „Snoezelen im Elementarbereich“;
Jan Hulsegge / Mini Hulsegge / Wieslawa Sawicka: „Snoezelenraum im Eigenbau“;
Walter Jacob: „Snoezelen, ein neuer Ansatz bei Menschen mit Demenz“;
Sandra Köstler / Ulrich Merz: „Mit Snoezelen die Sinne neu entdecken. Eine Reise in entspannende und wohltuende Welten’“;
Chiara Kreutzjans: „Ausruhen – ohne zu ruhen. Ein Beitrag zur Arbeit mit hyperaktiven und aufmerksamkeitsgestörten Kindern und Jugendlichen“;
Stefan Sakreida: „Der Sinnesgarten“;
Marja Sirkkola: „Der Einfluss des Snoezelens auf Bewohner einer psychogeriatrischen Abteilung und das Pflegeteam“;
Peggy Witzki: „Bedürfnisgerechtes Planen von Snoezelenräumen“;
Reinhard Keck: „Snoezelen in der Landesschule für Blinde und Sehbehinderte Neuwied“;
Michel Théroux: „Das Verhalten beim Snoezelen“.
 
 
Die Tagungsteilnehmer waren von der Qualität der Beiträge und der kontinuierlichen Weiterentwicklung des Snoezelens beeindruckt. Man spürte, dass sich in der Praxis und auch der Wissenschaft viel bewegt, aber auch noch viele Kapazitäten frei sind, um die breiten Einsatzmöglichkeiten des Snoezelens zu entdecken und in diesem Feld weiter zu forschen. Wegen des sehr großen Interesses und der begrenzten Teilnehmerzahl für die Praxisworkshops wurde zusätzlich am 6.11.2005 ein ganztägiges Praxisseminar angeboten. Es konnte auf dem Symposium auch der Eigenbau eines zweiten Snoezelenraumes bewundert werden, welcher am Vortag eigens für weitere Praxisworkshops von den engagierten Studierenden errichtet wurde.
 
Ein großer Dank gilt den 20 hoch motivierten Studierenden, die mit der Sekretärin und dem Wissenschaftlichen Mitarbeiter der Fachabteilung für eine vorzügliche Kongressorganisation gesorgt haben.
 

SusiDie Dolmetscherin, Susi Annim, flog extra aus London ein. Sie hatte im Vorfeld alle Beiträge ins Deutsche oder Englische übersetzt und an den drei Tagen alle Hauptvorträge sowie einzelne Präsentationen in den Workshops gedolmetscht.
 
Alle Beiträge zu den Vorträgen und Workshops stehen Interessenten in der Homepage zur Verfügung. Die Mitglieder der ISNA erhalten diesen Service kostenlos.
 
Man hatte leider nur wenig Gelegenheit, die Sehenswürdigkeiten und kulinarischen Genüsse der Hauptstadt Berlin zu genießen. Studierende und Referenten knüpften an dem ersten Abend in dem Kartoffelkeller ihre Fäden für eine gute Zusammenarbeit. Wenig gastfreundlich präsentierte sich vor allem den ausländischen Gästen das türkische Restaurant Hasir Ocakbasi am Hackeschen Markt, sodass die Referenten dieses fluchtartig verließen.
 
Resümierend wurde festgestellt: Es hat sich gelohnt in Berlin gewesen zu sein. 2006 sehen wir uns in Kanada wieder!