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Bild Schrift Zahl

Projekte 2001 - 2004


Jochen Brüning

»STOICHEIA«
Bild, Schrift und Zahl in der Tradition der »Elemente« des Euklid

Das Spannungsverhältnis von Bild, Schrift und Zahl ist offensichtlich von erheblicher Bedeutung für die Kulturgeschichte, auch wenn eine genaue Begriffsbestimmung ebenso schwierig erscheint wie die Formulierung allgemeiner Gesetze des Zusammenwirkens. Ein aussichtsreiches Untersuchungsfeld muß daher hinreichend klar begrenzt sein und eine hinreichend lange und bedeutsame Entwicklung aufweisen, in der alle drei betrachteten Medien eine wichtige Rolle gespielt haben.

Diese Kriterien werden in besonderem Maße erfüllt von den »Elementen« des Euklid und ihrer Wirkungsgeschichte. Es ist klar, daß nach Alter und Verbreitung diesem Text nur wenige an die Seite gestellt werden können, seine technische Natur wiederum grenzt das Wirkungsfeld deutlich ab, mindestens auf den ersten Blick. Der Inhalt konstituiert sich zunächst aus Schrift und Zahl, die beide mit demselben Zeichensatz angeschrieben werden. Das Bild tritt hinzu als unabdingbare Stütze der abstrakten Überlegungen, wird aber von Anfang an und ganz programmatisch auch aus »Elementen« konstituiert, wie »Punkt«, »Gerade«, »Dreieck« usw. Bild, Schrift und Zahl sind also gleichermaßen wesentlich zur Konstitution und Vermittlung des Inhalts, ihre Rolle im Einzelnen unterliegt aber vielfältigen Veränderungen im Laufe der Zeit. Als besonderes Indiz dieser Wechselwirkung können die von den jeweiligen Bearbeitern in großer Zahl eingeführten »Beweiszeichen« gedeutet werden, denen bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde.

Zur Analyse dieses kulturgeschichtlichen Prozesses erweist es sich als sehr hilfreich, daß das Korpus der »Elemente« im Verlaufe seiner mehr als zweitausendjährigen Geschichte eine hohe Stabilität aufweist, so daß Unterschiede in der Bewertung und Gestaltung recht leicht auszumachen sind. Das hier beantragte Projekt stellt sich die Aufgabe, den spezifischen Wechselwirkungen von Bild, Schrift und Zahl in Präsentation, Rezeption und Wirkung der Euklidischen »Elemente« nachzugehen. Im Vordergrund des Interesses steht die Frage, inwieweit die nachweisbaren Phänomene charakteristisch sind für die Entwicklung der Mathematik im ganzen, da in diesem Feld naturgemäß die direktesten Wirkungen zu erwarten sind. Davon ausgehend wird sich der Blick öffnen können auf kulturgeschichtliche Entwicklungen von allgemeinerem Charakter.

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Thomas Macho

ZUR VERSCHRÄNKUNG VON BILD, SCHRIFT UND ZAHL IM KALENDER

Das Ziel des Teilprojekts besteht in der exemplarischen Erforschung und Darstellung einer Kulturgeschichte des Kalenders unter dem Gesichtspunkt der Integration von Bild, Schrift und Zahl. Ein erster Schwerpunkt der Projektarbeit soll dem Zusammenhang zwischen Astronomie und Geometrie (in der griechischen Antike), sowie den kalenderpolitischen Aktivitäten im Imperium Romanum (vorrangig nach der Julianischen Kalenderreform) gelten. Ein weiterer Schwerpunkt wird auf den Übergang von der spätmittelalterlichen Computistik zur astronomischen Bildersprache der Renaissance gelegt, ein dritter Schwerpunkt auf die gegenwärtig primär mit der »Y2K«-Diskussion assoziierte Problematik alternativer, künftiger Kalendersysteme. Insgesamt wird angestrebt, die wissenschafts- und kulturgeschichtlichen Impulse der Kalenderrechnung an ausgewählten Beispielen aus Vergangenheit und Gegenwart zu dokumentieren.

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Horst Wenzel

DIE LESBARKEIT DER WELT
Bild, Schrift und Zahl im Spannungsfeld von Körpergedächtnis und Schriftgedächtnis

In mittelalterlichen Handschriften und in frühneuzeitlichen Drucken finden sich vielfältige Kombinationen von Wort, Bild und Zahl, die auf die Hand Gottes zurückverweisen, aber auch die entwickelten (Mnemo-) Techniken der Scriptoralität einsichtig machen: den Zusammenhang von `zählen' und `erzählen', die indexikalische Vermittlung von Text und Bild. Das geplante Projekt will versuchen, Hand und Zahl als Operatoren der Gedächtnistechnik darzustellen, die `verborgene' Zahl in Text und Bild zu untersuchen und die numerische Verknüpfung von Text und Bild als eine Vorform technologisch vermittelter Audiovisualität einsichtig zu machen.

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Horst Bredekamp

REPRÄSENTATIONSPROBLEME UNTER LUDWIG XIV.
Andre Felbien versus Thomas Hobbes

Der bis zur Französischen Revolution zumeist in personalisierter Form dargestellte Souverän ist durch die Politische Ikonographie in zahlreichen motivischen Facetten und medialen Erscheinungsweisen untersucht worden. Die Grundlagen der Funktionsweisen und der ikonographischen Muster gelten als weitgehend erforscht, ohne daß jedoch die Mathematik in diesem Zusammenhang thematisiert worden wäre. In dem exemplarisch angelegten Projekt soll der Frage nach ihrer Rolle für die Repräsentation des Souveräns nachgegangen werden.

Das Projekt bezieht sich auf die Begründung der modernen Staatstheorie durch Thomas Hobbes (1651) und die folgenden beiden Jahrzehnte einer kontroversen Debatte über die Darstellung des Souveräns. Im Zentrum steht der Konflikt zwischen einer mathematisch begründeten Staatslehre, wie sie Hobbes mit seinem »Leviathan« verfolgte, und einem metaphysisch fundierten Souveränitätsbild, wie es André Felibien, der Kunst- und Kulturdirigent Ludwigs XIV., in seinem »Portrait du Roy« propagierte (1663).

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Friedrich Kittler

DIE TRIGONOMETRIE VON BILD UND KLANG

Im Projektzusammenhang bildet eine Fragestellung, die neben Bildern und ihrer Verzifferung auch Klänge und deren Verzifferung einbezieht, eine Ausnahme, weil Klang im Gegensatz zu Bild, Schrift und Zahl nicht als Medium der Wissenschaft fungiert hat. Zwei Gründe sprechen jedoch dafür, die Technikgeschichten von linearer Perspektive und temperierter musikalischer Frequenz strikt parallel zu führen. Erstens geht ihr Unterschied unter Computerbedingungen in der technischen Allgemeinheit digitaler Signalverarbeitung auf, zweitens hat die neuzeitliche Mathematik optische Erscheinungen mit derselben Trigonometrie formalisiert wie musikalische Schwingungen. Im Teilprojekt geht es um genau diesen Zusammenhang zwischen einer grundlegenden Mathematisierung, welche die Künste der europäischen Neuzeit gegenüber anderen Kulturen ausdifferenziert hat, und einer modernen Technisierung, die diese Künste zunächst in analoge und schließlich in digitale Medien überführen konnte. Daraus folgt abschliessend eine Hypothese über die Hintergründe jener fundamentalen Trennung, die seit Kant eine philosophische Ästhetik der Sprachauslegung einer physikalischen Ästhetik der Messung entgegenstellt, eine Hypothese also, die e contrario zum Brückenschlag zwischen Mathematik, Informatik und Kulturwissenschaft beitragen könnte.

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Sybille Krämer

»SCHRIFTBILDLICHKEIT«
Über die Visualität von Texten als kulturtechnisches und lektüretheoretisches Potential

Es ist ein Gemeinplatz in den Geisteswissenschaften, daß unser Umgang mit Symbolen den Gleisen einer Bifurkation von Sprache und Bild folgt. Gemäß dieser Gabelung zwischen dem Diskursiven und dem Ikonischen gilt die Schrift als Sprache und nicht als Bild. Ziel dieses grundlagentheoretischen Arbeitsvorhabens ist es, diese sprachzentrierte Konzeption der Schrift zu revidieren, also die Schriftreflexion zu lösen von der Prägung durch ihre Herkunft aus der `Mündlichkeits-/Schriftlichkeitsdebatte'. Das soll geschehen (1) durch die Rehabilitierung einer fundamentalen visuell-ikonischen Dimension, der `Schriftbildlichkeit', von der die Darstellungspotentiale der Schrift und des Textes jeweils Gebrauch machen. Was diese Potentiale bedeuten, zeigt sich, wenn die Schrift in ihrer Funktion, als eine Kulturtechnik zu dienen, in den Blick genommen wird. Es ist insbesondere die Kulturtechnik des Lesens, in der die kognitive und kommunikative Rolle der Schriftbildlichkeit zutage tritt. Die visuell zugängliche Oberfläche von Texten, die Textur, kann als Partitur der Leseperformanz verstanden werden. Daher ist (2) zu untersuchen, wie sich im Verhältnis von klassischem Text zum elektronischen Hypertext die Bedingungen der Schriftbildlichkeit verändern.

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Wolfgang Coy

VISUELLE ARGUMENTATIONEN
Erzeugung und Logik wissenschaftlich-technischer Grafiken und Bilder unter digitalen Produktionsbedingungen

Untersucht werden Bilder (im Gegensatz zu Texten) als Mittel technisch-wissenschaftlicher Kommunikation. Insbesondere sollen Logik und Argumentationskraft bildlicher, also grafischer, schematischer, aber auch sensorerzeugter und berechneter Bilder in technischen und naturwissenschaftlichen Fächern erforscht werden. Ausgehend von den historischen grafischen und bildlichen Darstellungstechniken (vor allem an Hand der Bilder der Diderotschen Enzyklopädie) sollen technische Bilder, von Grafiken über analoge (autografische) Bildgebungsverfahren bis zu rechnergestützten, digitalen Bildgebungsverfahren als wesentliche Argumentationshilfen der modernen Technik- und Naturwissenschaften im Vergleich zu textbasierten Logiken verstanden und analysiert werden. Durch den Einsatz programmierter Verfahren bei der Auswertung komplexer Sensordaten entstehen neue Argumentationsweisen (in Medizin, Naturwissenschaften, Technik), die sowohl die Verschriftlichung der Logik in den Wissenschaften wie ihre Präzisierung als Formale Logik in Mathematik, Naturwissenschaft und Technik herausfordern bis hin zu Sir Karl Poppers »Logik der Sozialwissenschaften« und zur Wissenschaftstheorie. Dies soll ausgehend von neuen bildgenerierenden Entwicklungen der Informatik disziplinübergreifend dargestellt und analysiert werden.

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Bernd Mahr

DIE DIGITALISIERUNG VON BILD, SCHRIFT, ZAHL UND TON
Konzeptualisierung und kultureller Kontext

Bild, Schrift, Zahl und Ton sind Medien unserer alltäglichen Kommunikation und Aneignung. Ihr konventionalisierter Gebrauch ist Bestandteil unserer Kultur und Wissenschaft. Mit ihrer Digitalisierung und maschinellen Verarbeitung in der Informationstechnik und Telekommunikation erfahren Bild, Schrift, Zahl und Ton eine Reduktion auf das symbolisch Repräsentierbare und das effektiv Ausführbare. Diese Reduktion beinhaltet ihre Konzeptualisierung, die im wesentlichen zwei Einflüssen unterliegt: Einer gewissen Auffassung von dem, was sie sind, und einer gewissen Auffassung von dem, was sie im Handlungszusammenhang ihrer digitalisierten Form sein sollen. Digitalisierung steht dadurch in einem kuturellen Kontext, der einerseits die Konzeptualisierung mitbestimmt und der andererseits selbst durch die Konzeptualisierung mitgeprägt wird. Aussagen über den kulturellen Kontext der Digitalisierung haben daher einen imprädikativen Charakter.

Ziel des Projekts ist es, mit einem Referenzmodell den Begriffsrahmen für die der Digitalisierung innewohnenden Konzeptualisierungen von Bild, Schrift, Zahl und Ton zu formulieren. Von der Entwicklung dieses Modells werden erwartet: Einsichten in die kulturelle Verflechtung der Digitalisierung, eine Auslotung des Verlustes und des Gewinns, der durch die Digitalisierung entsteht, Aussagen über die Zusammenhänge von Bild, Schrift, Zahl und Ton, sowie ein Beitrag zu der in den Kulturwissenschaften geführten Theorie-Diskussion. Vom Modell selbst wird erwartet, daß es als Heuristik für die informationstechnische Dokumentation von Sammlungen praktisch eingesetzt werden kann.

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Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik
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