Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik Humboldt-Universität zu Berlin

Bild Schrift Zahl

Projekte 2004 - 2007


Repräsentation als Kulturtechnik
Analyse der historischen Repräsentationsformung
unter der Prämisse des Bildes

Horst Bredekamp, Pablo Schneider

Repräsentation ist trotz aller historischen Veränderungen ihrer Formen und ihrer theoretischen Begründungen ein markanter Bestandteil des kommunikativen Gefüges und dessen Hierarchisierung geblieben. Die Aufklärung konnte den Begriff zwar einer kritischen Betrachtung unterziehen, aber auch sie hat ihn nicht grundlegend in Frage gestellt, und dasselbe gilt für Versuche des zwanzigsten Jahrhundert, ihn durch linguistisch und diskurstheoretisch bestimmte Theorien gleichsam zu unterlaufen oder auch zu diskreditieren. Die immer noch von einem negativen Grundverständnis ausgehende Deutung als einer Überzeugungsstrategie hat die Analyse des Begriffs nicht befördert. Das Projekt versucht einen anderen Weg zu beschreiten, indem es Repräsentation auf ihre Funktion als eine bildtheoretisch definierte Kulturtechnik fokussiert, bei der die konstruktiven Möglichkeiten im Zentrum stehen sollen, um das Bild in seinem produktiven Dualismus deuten zu können. Denn es war sowohl Trägermedium, als auch Denkanleitung, die es ermöglichte, die Repräsentation zu strukturieren und in der Ausgestaltung einer Kulturtechnik zu etablieren.

In ihrem Wechselspiel von höchst variablen Repräsentationsformen und einer entsprechend kontroversen und grundsätzlich geführten Diskussionen bietet die Frühe Neuzeit ein unausgeschöpftes Reservoir. Insbesondere die Diskrepanz zwischen den "Mysterien" eines souveränen Herrschaftssystems und Erkenntnissen der Naturwissenschaften konnte im Bild ausgedrückt und stabilisiert werden. Besonders seine ikonischen Qualitäten, die im produktiven Dilemma der annähernden aber nie zu vollendenden Beschreibung begründet liegen, bergen einen grundlegenden Aspekt der Repräsentation in sich, der für die Geschichte der Kunst noch zu deuten ist.

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Zeigen und Verweisen
Das Diagramm als Kulturtechnik

Jochen Brüning, Gloria Meynen

Die Entstehung der deduktiven Mathematik verdankt sich im Wesentlichen einer kulturtechnischen Innovation, einer Kombination aus Buchstaben und Linien – dem beschrifteten Diagramm. Der früheste Gebrauch des beschrifteten Diagramms findet sich um 440 v. Chr. in den Möndchenquadraturen des Hippokrates v. Chios. Seit der Mitte des 5. Jahrhunderts ermöglicht es das beschriftete Diagramm, Zahlen, Buchstaben und Linien ineinander zu überführen, Visualität durch den Rückgriff auf Buchstaben bildlos zu erzeugen. Diese neue Form der Visualität, die nicht mehr allein auf Anschauung und Anzahlenkunde gründet, ermöglicht eine Technik des Zeigens und Verweisens, die eng mit den ersten mathematischen Lehrbüchern, dem Format der Elementbücher (stoicheia) verknüpft ist.

Der Gegenstand des Projektes ist die visuelle Produktion von Abstraktion und Idealität. Anhand einer Kulturgeschichte mathematischer Beweisverfahren soll untersucht werden, wie deduktive Wahrheit auf den Bildflächen der Geometrie erzeugt wird. Der Fokus des Projektes liegt deshalb auf dem Verhältnis von Visualität und Bildlosigkeit und auf der Frage, wie Evidenz und Wahrheit in den deduktiven Beweisen so sichtbar zu einer Funktion des Bildes werden konnten.

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Kulturtechniken: Ordnungsinstrumente
Untersuchungen zur altorientalischen Überlieferung

Eva Cancik-Kirschbaum

Die altorientalische Überlieferung dokumentiert über einen Zeitraum von mehreren Jahrtausenden in großer Vielfalt Formen, Entwicklungen und Funktionsweisen jener Kulturtechniken, durch die sich Phänomene wie “Bild", “Schrift" und “Zahl" konstituieren. Der kulturgeschichtliche Erfolg dieser ’Medien' beruht nicht zuletzt auf ihrem hohen Ordnungspotential und ihrer fast unbegrenzten Kompatibilität. In drei Fallstudien zur keilschriftlichen Überlieferung des Alten Orients soll die produktive Verschränkung dieser Kulturtechniken in verschiedenen historischen Kontexten näher untersucht werden. Die drei Themenkomplexe vermitteln einen Eindruck von der Breite des altorientalischen Materials. Zugleich tragen sie der Vielfalt der Zugangs-möglich-keiten Rechnung, die durch die Einbindung des Projektes in die Forschergruppe “Bild - Schrift - Zahl" am Helmholtz-Zentrum ermöglicht wird. Die altorientalischen Funde und Befunde - überwiegend im Stadium der Ersterschließung und somit schwer zugänglich - profitieren von den hier im interdisziplinären Dialog entwickelten Fragestellungen und Thesen. Als historische Exempla für Erfolg, Irrtum und Aporie, Tradition, Neuerung und Entwicklung auf den Gebieten des Zählens, Abbildens, Schreibens und Messens erweitern sie die Materialbasis für die Forschungen im Rahmen von BSZ.

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Bild, Schrift, Zahl in der Turing-Galaxis
Die technischen und soziokulturellen Hintergründe geistigen Eigentums unter den Bedingungen multimedialer Digitalisierung und globaler Vernetzung

Wolfgang Coy, Volker Grassmuck

Derzeit ist ein heftiger Umbruch im Umgang mit geistigem Eigentum zu vermerken. Das deutsche Urheberrecht wurde auf Grund internationaler Vorgaben an digitale Techniken an-gepasst. Patentrecht wird im EU-Parlament kontrovers diskutiert und steht vor einer wesentli-chen Erweiterung. Nicht nur Medienunternehmen formulieren weit gehende ökonomische Ansprüche, auch Wissenschaft und Öffentlichkeit besitzen gewachsene kulturelle Interessen an Zugang und Nutzung von Wissen. Auslöser solch heftiger Debatten sind Digitalisierung und Vernetzung und damit einhergehende technische Veränderungen bei Herstellung, Speicherung und Distribution multimedialer Artefakte. In der Folge befindet sich die gewachsene Wissensordnung in einem Strukturwandel, der kulturelle Praktiken, ökonomische Beziehungen, technologische Trajektorien, ebenso wie seinen politischen Regulierungsrahmen grundlegend verändert. Dies betrifft sogar Basisbegriffe wie Autor, Werk und Wissen. Es ist somit geboten, neben den rechtlichen und ökonomischen Bedingungen des “digitalisierten" geistigen Eigentums auch dessen technische Basis und seine kulturelle Tradition zu betrachten.

Im Zentrum des Projektes steht die Frage nach Ausgleich unterschiedlicher Ansprüche: der persönlichkeits- und vermögensrechtlichen Interessen von Autoren und Erfindern, der Ver-wertungsinteressen von Verlegern und anderen Parteien sowie der Interessen der Allgemein-heit. An Hand konkreter Fragestellungen wird das Feld “Bild-Schrift-Zahl" in seinen kultur-technischen Verzahnungen beleuchtet, um die aktuellen Debatten um geistiges Eigentum aus der juristisch-ökonomischen Engführung herauszulösen und eine offenere Diskussion auf dem Weg zur Turing-Galaxis anzuregen.

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Musik und Mathematik

Friedrich Kittler, Philip v. Hilgers, Ana Ofak

Ziel der Forschergruppe "Bild Schrift Zahl" war und ist es, die drei elementaren Kulturtechniken des Zeigens, Schreibens und Rechnens in ihren historischen Kombinationen und Transformationen zu erforschen und auf diesem Weg zu einer Kulturgeschichte von unten zu kommen.

Daher ist es - ganz wie im Teilprojekt Brüning - von der Sache her geboten, sich der Grundlegung der europäischen Wissenschaften bei den Griechen zu versichern. Es waren Pythagoras von Samos und seine Schüler in Unteritalien, die mit den Grundbegriffen der Musiktheorie (Harmonie, Oktave, Intervall) die Mathematik als eine Wissenschaft allgemeiner Gesetze geschaffen haben. Das Begriffspaar Gerade/Ungerade machte es möglich, Konsonanz als solche, d. h. ohne Angabe konkreter Zahlen zu denken. Eben damit entstand die Form der Wissenschaft als kulturtechnischer Gemeinschaftspraxis, wie Schulen, Akademien, Universitäten sie bis heute weiterführen.

Der Ausgang von elementaren Kulturtechniken verspricht  neue zusammenführende Ergebnisse, weil er Bild, Schrift, Zahl in ihren Wechselwirkungen erkennbar macht. Die griechische Schrift selber, dies erste und einzige Vokalalphabet der Geschichte, scheint einer neuen These zufolge (Powell, 1991) der Grund zu sein, weshalb Gesang und Musik zur Sache eines Schreibens und eines Rechnens werden konnten. Beide setzten dieselbe Kulturtechnik ein, weil griechische Ziffern eine Obermenge des Alphabets waren.

Umgekehrt entstand die Geometrie als von der Arithmetik getrenntes wissenschaftliches Bild der Dinge aus einer fundamentalen Entdeckung der Pythagoreer, da nämlich nicht alle Intervalle bzw. geometrischen Strecken rational sind. Wenn aber Arithmetik und Geometrie in dieser ihrer  Komplementarität alles, "was" überhaupt "ist", im Wesen zu fassen vermögen,  schießen Bild, Schrift, Zahl - soweit ich sehen kann, zum erstenmal - zu einer Ontologie zusammen.

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Von der Schrift zur Spur
Das Spurenlesen als Kulturtechnik im Spannungsfeld von Medientheorie, Genforschung und Computertechnik

Sybille Krämer, Gernot Grube, Werner Kogge

Über Jahrzehnte war die kulturtheoretische Diskussion geprägt von einer Identifizierung von Kultur mit Text bzw. Sprachlichkeit. Die Forschergruppe ’Bild, Schrift, Zahl' entfaltete eine Alternative zu diesem textfundierten Kulturverständnis, indem sie historisch variable Techniken im Umgang mit nicht-sprachlichen Symbolsystemen (Bild, Schrift, Ziffern) als Kulturtechniken und zugleich wissenserzeugende und -transformierende Leistungen rekonstruiert. Ziel dieses neuen Projektes ist die begriffliche Klärung und theoretische Fundierung der Protoform einer Kulturtechnik: Es geht um die Spur und das Spurenlesen. Drei Akzentverschiebungen gegenüber dem vergangenen Förderungszeitraum sind mit dem Übergang vom 'Schriftprojekt' (2001-2003) zum 'Spurprojekt' (2004-2006) verbunden:

  1. Das Lesen geht - bei der Spur - dem Schreiben voraus und rückt somit ins Zentrum des Spurkonzeptes. Anders als bei der Schrift, akzentuiert die Idee der Spur die pragmatische Dimension des Lesens, da erst das Spurenlesen eine Markierung überhaupt zur Spur werden lässt.
  2. Zugleich überschreitet das Spurenlesen die Domäne der menschlichen Kultur - dies ebenfalls im Unterschied zur Schrift - und ist auch für biologische, insbes. für genetische Abläufe signifikant. Ist hier eine Brücke zwischen Kulturtechniken und biologischen Prozessen gefunden, eine Brücke, die nicht alleine vom Unterschied zwischen buchstäblicher und metaphorischer Bedeutung zehrt, sondern aufschlussreiche Analogien zwischen kulturellen und biologisch-zellulären Szenarien hervortreten lässt?
  3. Der Computer ist nicht bloß eine Schrift- und Zeichentransformationsmaschine, sondern - und das wird epistemologisch immer wichtiger - eine Visualisierungsmaschine. Zu dem, was er ’ins Bild setzt' gehören auch die Spuren dessen, was unserer Wahrnehmung prinzipiell entzogen ist (z.B. Nanotechnologie). Im Zuge dieses Spuren(vor)lesens durch den Computer, werden ’epistemische Dinge', also Wissensobjekte, nicht alleine veranschaulicht, vielmehr zugleich auch hervorgebracht.

Das Projekt zielt darauf ab, durch begriffliche Explikation von verschiedenartigen Prozessen des Spurenlesens die Kulturtechnik des Lesens auf eine Weise zu spezifizieren, die die Gleichsetzung von Lesen mit ’Textlesen' lockert und nicht-hermeneutische Dimensionen des Lesens (Etymologie: ’lesen' als ’sammeln', ’auflesen') Profil gewinnen lässt.

Weitere Informationen: http://www.spurenlesen.hu-berlin.de

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Kulturtechniken der Synchronisation

Thomas Macho, Erich Hörl, Robert Dennhardt

Das Projekt bezweckt eine exemplarische Untersuchung der Verschränkungen und Wechselwirkungen von Bild, Schrift und Zahl in den Kulturtechniken der Synchronisation. Dabei sollen besonders auch historische Gewichtsverschiebungen und Interferenzen zwischen den Techniken der Zeitrechnung und der Zeitmessung analysiert werden. Im Erstantrag stand der Kalender - als spezifische Kulturtechnik der Synchronisation - im Zentrum. Nun sollen auch die - seit der Gregorianischen Reform von 1582 - zunehmend auftretenden Perspektiven und Problemhorizonte zeitlicher Synchronisation in der Moderne genauer beleuchtet werden.

Um das Spektrum der Verschiebungen und Interferenzen zwischen Zeitrechnung und Zeitmessung in den Techniken der Synchronisation präzise erfassen zu können, werden drei zentrale, epochentypische Beispiele der Synchronisation herausgegriffen und - insbesondere hinsichtlich ihrer Visualisierungsstrategien in Bildern, Texten und mathematischen Operationen - untersucht: erstens die Kulturtechniken der Synchronisation von Lunar- und Solarzyklen in den alten Hochkulturen, unter vorrangigem Bezug auf die Durchsetzung verbindlicher Sonnenkalendersysteme (Stichwort: »Solarisierung«), zweitens die Kulturtechniken der Synchronisation zyklischer und linearer Systeme der Zeitrechnung, also die gesamte Problematik der Großperiodenrechnung in Kalendersystemen von der Spätantike bis zur frühen Neuzeit (Stichwort: »Großes Jahr«), sowie drittens die Kulturtechniken der Synchronisation in der Moderne, wobei hier ein Schwerpunkt gelegt wird auf die apparativen Techniken der Synchronisation von Prozessen und Aufzeichnungen dieser Prozesse, von der Bildtelegraphie bis zur Taktung von Computern (Stichwort: »Selbstschreiber«).

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Aufklärung des Modellbegriffs

Bernd Mahr, Reinhard Wendler, Jens Gulden

Das Projekt will die in Vorarbeiten entwickelte Hypothese eines einheitlichen Konzeptes des Modellseins verfolgen und dadurch zur Aufklärung des Modellbegriffs beitragen. Im Verbund dreier Teilprojekte sollen (1) mit einer konzeptuellen Analyse und Klassifikation der Sachverhalte, die das Modellsein konstituieren, Grundlagen einer allgemeinen Modelltheorie entwickelt, (2) in kunsthistorischen und bildtheoretischen Untersuchungen zu hierarchischen Strukturen das Phänomen der Umbildung und Fassbarmachung durch Modelle studiert, und (3) mit dem Studium diagrammatischer Repräsentationsformen Bedingungen und Techniken einer formalen Disziplin und Heuristik des Modellierens ermittelt werden. Abgestimmt mit diesen Arbeiten und auf das Studium ausgewählter historischer und aktueller Beispiele gestützt, sollen Formen der Entwicklung und Nutzung von Modellen in prototypischen pragmatischen Kontexten gefunden werden, und es soll die Frage erforscht werden, ob Modelle als fundamentale Kulturtechnik der Abstraktion und Übertragung aufzufassen sind. Durch die Geschichte des Modellbegriffs nahe gelegt, werden bei der Projektarbeit Ordnungen und Gitter im Vordergrund stehen, die in der Form von Aufteilungen, Anordnungen, Hierarchien, Leitern, Bäumen, Rastern, Matrizen, Triangulierungen und mehrdimensionalen Gittern die Architektur vieler Modelle bilden.

Siehe auch: Turing IDE – A Turing Machine Integrated Development Environment

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Die Lesbarkeit der Welt
Hand und Wort - Hand und Technik

Horst Wenzel, Jörn Münkner, Moritz Wedell

Im ersten Bewilligungszeitraum ist es gelungen, die Repräsentation der Hand in medialen Umbrüchen darzustellen, die Transformation des konzeptuellen und semantischen Verhältnisses von zählen und erzählen zu untersuchen und die Verknüpfung von Hand, Text, Bild und Zahl als eine Vorform technologisch vermittelter Audiovisualität einsichtig zu machen. In der zweiten Antragsphase will das Projekt einen neuen Schwerpunkt setzen. Der Projektleiter untersucht den Zusammenhang von Hand-schrift und Hand-werk (poiésis und techné), vorwiegend an Handgebärden in weltlichen und religiösen Text- und Bildzeugnissen des Mittelalters und der Frühen Neuzeit. Im Fokus unserer Aufmerksamkeit stehen nun die Handlungen/Hand-habun-gen, die in Text und Bild sichtbar gemacht werden, wobei die Distribution des Wortes und ihre technische Visualisierung (unter Verwendung von Bild, Schrift und Zahl) unser eigentliches Thema sein soll. Das Teilprojekt zielt mit seinen beiden Unterprojekten (UP I: "Manueller Zugriff und technisches Zeigen in illustrierten Flugblättern", Jörn Münkner; UP II: "Geistliche und weltliche Handhabung der Zahl: Sprechen - Schreiben - Rechnen", Moritz Wedell) auf Bausteine für eine Geschichte der Kulturtechniken des 'Lesens und Zählens und Zeigens'.

Weitere Informationen: http://publicus.culture.hu-berlin.de/lesbarkeit/

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