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„Kode“

Workshop am Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik
Humboldt-Universität zu Berlin, 10. Februar 2006, Raum 3031
Konzeption und Organisation: Wolfgang Coy und Moritz Wedell

Call for Participation · Abstracts

Programm

9.30
Begrüßung und Einführung

9.45
Ana Ofak
Linien – Strahlen – Leuchtzeichen. Eine Historiographie der Lichtsignalübertragung
Abstract

-- Kaffeepause --

11.00
Christian Kassung
Maschinencodes. Mach, Marey und das Programm des Selbstschreibers"
Abstract

12.00
Jens Gulden
Modellieren als räumliches Codieren
Abstract

-- Mittagspause --

14.15
Wolfgang Coy
Universelle Kodes, optimale Kodes, Kodebücher und Sprachmaschinen
Abstract

-- Kaffeepause --

15.30
Wladimir Velminski
Gedankensprünge. Über die Königsberger Brücken zur Polyeder-Formel
Abstract

16.30
Werner Kogge
Warum der genetische Code (k)ein Code ist.

17.30
Schlussrunde

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Call for Participation

Verschriftlichung – Erfindung und Anordnung von Zeichen – beginnt als verlustbehaftete Kodierung gesprochener Sprache und führt in die Welt der Listen, Tabellen und Texte. Der Verlust, der den gesprochenen Vortrag der Inszenierung überlässt und sogar die gelehrte Variante des leisen Lesens zulässt, ist zunächst unbeabsichtigt. Anders in der Kryptologie, wo die Unlesbarkeit des Kodierten programmatisches Ziel ist. Francis Bacon führt das Binäralphabet als Kode zur Übertragung geheimer Botschaften ein – so erfolgreich, dass nicht einmal sein Setzer ihn versteht. Leibniz und Napier erkennen, dass binär kodierte Zahlen ein einfaches Rechnen erlauben, eine Boolesche Algebra, wie es viel später heißt. Leibniz denkt sogar an binäre Rechenmaschinen. Konrad Zuse baut eine solche Maschine vor 70 Jahren. Johann v. Neumann zeigt nebenbei die glänzende Ökonomie solcher Technik. Seitdem sind wir im Digitalen Zeitalter, das ohne raffinierte Kodes nicht bestünde, denn fehlerkorrigierende und fehlererkennende Kodes ermöglichen erst korrekte Rechenvorgänge im Computer, millionenfach pro Sekunde, die stabilen Übertragungen in weltweiten Digitalnetzen im Terabytebereich pro Sekunde und die riesigen medialen Binärspeicher der Computer, der CDs, DVDs, BlueRays und wie sie alle heißen mögen.

Die Programmierer haben den Kodebegriff der Kryptologie und der technischen Darstellung in der Maschine kombiniert: Salopp schreiben sie ihre Anweisungen für die Rechenmaschine als Kode, sie kodieren, wo es korrekter „modellieren“ oder „programmieren“ hieße.

Doch die Kode-Metapher greift auf den Codex zurück, die gebundene Form des Textes, Urbild des modernen Buches. Diese Codices haben ihre eigenen Ableger: Der Code Civil regelt seit Napoleon das juristische Zusammenleben der Festlandseuropäer. Erst Lawrence Lessig hat darauf hingewiesen, dass das kommende Jahrhundert in doppelter Weise vom Kode regiert wird - von der Verrechtlichung der Computernetze nämlich. Die Kodes des Urheberrechts - oder besser Copyrights - und des Patentrechts definieren den technischen Fortschritt ebenso sehr wie die Programmkodes der Programmierer.

Nach Verabschiedung des Paradigmas von der Welt als Text ist auch in den Kulturwissenschaften das Paradigma der Codierung verstärkt rezipiert worden. Als Codes gelten dabei nicht nur Gefüge kontingenter, zwingender Regeln der Repräsentation, sondern zunehmend auch habituelle Routinen. Der Kode-Begriff wird hier so erweitert, dass neben der strengen Übertragung von Zeichensystemen in Zeichensysteme auch diskursive Strukturen und ästhetische Strategien in den Blick rücken und insbesondere die Regeln, nach denen körperbezogene Zeichensysteme wie Kleidung, Gesten, Mimik usw. jeweils aktualisiert und medial repräsentiert werden.

Kode ist eine so schillernde Bezeichnung geworden, dass es sich lohnt, das Wort unter die BSZ-Lupe zu nehmen. Wir wollen in einem kleinen BSZ-Workshop am 10. Februar diese Facetten aus den Sichten der Projekte diskutieren.

Wolfgang Coy, Moritz Wedell

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Abstracts

Ana Ofak

Linien – Strahlen – Leuchtzeichen. Eine Historiographie der Lichtsignalübertragung

Erste Lichtsignalübertragungstechniken sind auf ca. -500 datierbar. In Aischylos Agamemnon liest man vom Fall Trojas, der per Leuchtzeichenkette nach Argos gemeldet wurde. Thukydides berichtet in „Der Peloponnesische Krieg“ von einer systematischen Fackelzeichenchoreographie, die zur Übermittlung von Truppenstärke und Positionierung der Spartaner ausgeklügelt wurde. Die Lichtsignale des Leuchtturms Pharos von Alexandria wurden durch eine Holzfeuerstelle oder - interessanter, aber umstritten – mit Hilfe der lichtbündelnden Wirkung eines Hohlspiegels produziert. Die letztere Konstruktion war erst dann technisch möglich, als die Wirkung der Brennspiegel durch das Reflexionsgesetz erfaßt wurde. Die Pythagoreer haben es durch ihre Mathematik ermöglicht, Aristoteles in seiner Naturphilosophie expliziert, Euklid in seiner Katoptrik ausgearbeitet, aber erst Heron von Alexadrien um 100 bewiesen. Die Optik wurde in allen Fällen als eine Wissenschaft angegangen, die zur Entschlüsselung der Physis des Lichts die Geometrie anwendet. So fand die Linie (grámma) als zentrale Figur der Geometrie ihr Pendant im Sehstrahl (opsis) der Optik. Eine optische Theorie galt dann als erwiesen, wenn mathematische Konstruktionen (diagrámmata) zu ihrer Herleitung herangezogen wurden. Die diagrammatische Transpo-nierung führte zur Annahme geradliniger Ausbreitung des Lichts, wobei die Abweichung von diesem Weg in Form einer Zurückwerfung (anaklasis = Grundbegriff für Reflexion und Refraktion) gedacht wurde. In physikalischen Termini ist anaklasis eine Unterbrechung, Intensivierung oder schlicht Störung des Lichtsignals durch ein spiegelndes Medium; eine Gegebenheit, die in ihrer technischen Anwendung die Lichtsignalübertragung möglich macht.

Der Beitrag ist im Rahmen der Forschungsarbeit zur Optik in Griechenland am Teilprojekt „Musik und Mathematik“ entstanden. Die Absicht im KODE-Workshop wird es sein, durch medientechnische Auslegung geometrischer Optik, die Historiographie der Lichtsignalübertragung an ihren Anfang zurückzusetzen.

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Christian Kassung

Maschinencodes. Mach, Marey und das Programm des Selbstschreibers

Ich werde ganz kurz die Traditionlinie der Selbstschreiber bis zum Sphygmographen von Etienne-Jules Marey ziehen, diesen in den Kontext der Physiologie einordnen und dann im wesentlichen zwei sich scheinbar diametral widersprechenden Lesarten seines outputs diskutieren. Meine These wird sein, daß sich dieser Widerspruch auflösen läßt, indem man nicht den Apparat als eine black box betrachtet, sondern ihn in seine epistemischen Bestandteile zerlegt, die eine jeweils eigene Übersetzungsleistung vollbringen bzw. eigenen Störmomente beinhalten.

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Jens Gulden

Modellieren als räumliches Codieren

Die Codierung von Aussagen kann unter anderem durch Anordnen von Zeichen im Raum geschehen. Beispielsweise trägt die räumliche Position eines Zeichens in einer Aufzählungsliste oder in einer Tabelle wesentlich zur Bedeutung der damit getätigten Aussage bei. Offensichtlich stellt die Herstellung räumlicher Konfigurationen von Zeichen – die Herstellung von Allokationen – eine besondere Art von Codierung dar, die sich gegenüber anderen Codierungsweisen durch den Rückgriff auf physisch erfahrbare Konstellationen von materiellen Gegenständen auszeichnet.

Der Vortrag untersucht die Rolle räumlicher Codierung als eine Voraussetzung für die Rede von Modellen. Dazu wird ein Modell für Modelle, ein Metamodell, vorgestellt, das den Anspruch erhebt, allgemeine Aspekte des Verhältnisses von Zeichen und Raum, wie sie in semantischen Modellen eine Rolle spielen, formal zu explizieren und in eine vereinheitlichende Darstellung zu überführen. Die Darlegungen umfassen sowohl einen theoretischen Teil als auch die Vorführung eines vom Autor entwickelten prototypischen Software-Werkzeugs zur räumlichen Metamodellierung. Der Vortrag schließt an den im vorangegangenen Bild-Schrift-Zahl-Workshop „Alphabete“ vom Autor vorgestellten Beitrag an, bei dem mit Hilfe von Turing Maschinen demonstriert wurde, dass es je nach Anordung von Zeichen unterschiedliche Grade kognitiver Begreifbarkeit zu formal äquivalenten Codierungen gibt.

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Wolfgang Coy

Universelle Kodes, optimale Kodes, Kodebücher und Sprachmaschinen

Die Suche nach kompakten Kodes zur schnellen Übertragung und zur sparsamen Speicherung hat zu unterschiedlichen Lösungsansätzen geführt, die in die Medien- und Computertechnik eingegangen sind. Obwohl assoziative Speicher ganz gut verstanden sind, werden sie in der Computertechnik doch nur beschränkt eingesetzt. Die Chance neben der Rechenmaschine eine Sprachmaschine zu bauen, ist bislang nicht genutzt worden.

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Wladimir Velminski

Gedankensprünge. Über die Königsberger Brücken zur Polyeder Formel

„Die Erinnerung einer mir vormals vorgelegten Aufgabe“, schreibt Leonhard Euler am 26. April 1757 an seinen Freund Goldbach, „hat mir neulich zu artigen Untersuchungen Anlaß gegeben, auf welchen sonsten die Analysis keinen Einfluß zu haben scheinen möchte. Die Frage war: man soll mit einem Springer alle 64 Felder auf einem Schachbrett dergestalt durchlaufen, daß derselbe keines mehr als einmal betrete.“ Es scheint offensichtlich, an welche Aufgabe sich Euler zu erinnern glaubt. Eine Aufgabe, die genau zwanzig Jahre zuvor an den Mathematiker herangetragen wurde und welche die Frage stellte, ob es möglich sei, einen Spaziergang über die sieben Brücken von Königsberg so zu organisieren, daß jede Brücke nur einmal überquert würde. Indem Euler aus der Aneinanderreihung der Brücken Buchstabenfolgen konstruierte und postulierte, daß eine Brücke in dem Buchstabenfeld enden muß, in dem die nächste Brücke startet, konnte er das Problem lösen. Jede Buchstabenverbindung mußte bis auf zwei doppelt vorkommen, was bei den Buchstabenverbindungen über die Pregel nicht der Fall. Diese beeindruckend einfache Lösung, der es noch bevorstand, Basis der Graphentheorie zu werden, ruhte indes zwanzig Jahre – solange bis Euler mit einem Springer alle Felder eines Schachbretts abzudecken versucht. Eine Aufgabe, die bereits im 14. Jahrhundert als Rösselsprungproblem gelöst wurde, bei der dem Mathematiker jedoch die Symmetrien auffallen, die er zu systematisieren versucht. Gerade in diesen Gedankensprüngen muß Euler die Parallele zu dreidimensionalen Objekten erkannt haben, die er in einer einfachen Formel – aus Flächen, Kanten und Ecken – zusammenfaßt und deren ‚Gedankensprung’ ich diskutieren möchte.

Literatur:

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Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik
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