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Die Wissenschaftliche Sammlung

Ausstellung

Ausstellung "Theatrum naturae et artis. Wunderkammern des Wissens." Eine Ausstellung der Humboldt-Universität zu Berlin in Zusammenarbeit mit der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, der Freien Universität Berlin, der Berliner Festspiele GmbH und der Hermann von Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren. Ermöglicht durch die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin.

Vom 10.12.00 bis zum 4.3.01 wurde im Anschluß an die große Millenniumsschau der Berliner Festspiele ein "Theatrum naturae et artis" im Gropiusbau inszeniert. Die "Bilder und Zeichen des 21. Jahrhunderts" wurden abgelöst von den Zeugnissen einer beispiellosen wissenschaftlichen Entwicklung, die durch die Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 eingeleitet wurde. Trotz ihrer überaus einflußreichen und bekannten Tradition eignet diesen Sammlungen doch der Reiz des Neuen: die Zeitläufe brachten es mit sich, daß weite Teile nicht zugänglich waren und somit in Vergessenheit gerieten oder gar verloren gingen, und erst die jüngste Vergangenheit fand zurück zu einer wissenschaftlichen Perspektive, die eine neue produktive Deutung der Bestände entwickelt. Und wie bei ganz neu gefundenen Schätzen ist als notwendige Voraussetzung aller weiteren Arbeit zuallererst die physische Rettung der Bestände zu gewährleisten.

So hat ein Teil der Ausstellung von der Wiederentdeckung und Bewahrung eines großen Erbes erzählt und zugleich versucht, seine Vielgestaltigkeit, die Motive seiner Genese, die Wirkungen, die von ihm ausgingen, und schließlich seine mögliche Bedeutung für die Zukunft anschaulich zu machen.

Der uns derzeit bekannte Bestand umfaßt 100 Einzelsammlungen und schätzungsweise 30 Millionen Objekte; gewiß eine gewaltige Zahl von Gegenständen! Der Löwenanteil von weit mehr als 90% befindet sich im Museum für Naturkunde und somit in vergleichsweise geordneten Verhältnissen. Dem Museum werden aber nur neun Einzelsammlungen zugeordnet; die Sammlungen insgesamt umfassen Gegenstände der belebten und unbelebten Natur ebenso reichlich wie Zeugnisse der künstlerischen, literarischen und technischen Produktion des Menschen. Ihre Vielfalt reicht von Zeugen der Entstehung des Sonnensystems bis zu fast vollständigen Belegen heute lebender Käfer und Ameisen; von archäologischen Funden aus dem Sudan und aus Großgriechenland zu einer der größten Sammlungen von Gipsabgüssen antiker Kunstwerke, von anrührenden Kollektionen tierischer und menschlicher Mißbildungen zu einer mehr als 20.000 Exemplare umfassenden Skelettsammlung und einem überdimensionalen, aus Lindenholz geschnitzten Modellschädel, der auf der Weltausstellung in St. Louis 1904 preisgekrönt wurde; vom Archaeopteryx über gewaltige Dinosaurier zum Skelett von "Condé", dem letzten Reitpferd von Friedrich dem Großen; von den reichen Beständen der Universitätsbibliothek an Handschriften, Inkunabeln und Frühdrucken, Autographen und Vorlesungsmitschriften zu einer Sammlung von weit über 100 Büsten und 2200 Gelehrtenportraits; von Musikinstrumenten und Musikdrucken zu einem "Stimmenmuseum der Völker" das ein Torso blieb - ; und noch viel, viel mehr. Die Ausstellung hat deutlich gemacht, daß einer der größten und gehaltvollsten Museumskomplexe Berlins bis heute nahezu unbekannt ist, daß der Fundus eines bedeutenden wissenschaftsgeschichtlichen Museums auf seine angemessene dauerhafte Präsentation wartet.

Die Entstehungsgeschichte der Humboldt-Sammlungen reicht zurück zu Gottfried Wilhelm Leibniz, auf dessen Vorschlag hin im Jahre 1700 die Preußische Akademie der Wissenschaften gegründet wurde. Die Bestände speisten sich lange aus der Sammeltätigkeit von Königen, Gelehrten und Privatleuten, die ihre Schätze dem Staat schenkten oder auch verkauften, schließlich aber auch aus großen, staatlich finanzierten Kampagnen wie den archäologischen Ausgrabungen in Olympia oder der Tendaguru-Expedition, die 1906 von Wilhelm v. Branca durchgeführt wurde. Darum wurde das "Theatrum naturae et artis" die Sammlungen nicht nur als wissenschaftliche Dokumentation, sondern auch als Kunstkammer und Kuriositätenkabinett in Szene setzen.

Der Übergang zum wissenschaftlichen Museum, in dem die Ordnung der Welt in möglichst allen ihren Aspekten belegt wird, verdankt sich dem von Descartes ausgehenden Programm der rationalen Aneignung der Welt; in dessen Ausarbeitung entstanden Strategien und Methoden des Sammelns und Ordnens gemeinsam mit ihrem intellektuellen "Überbau", als den wir unser heutiges Wissenschaftssystem ansehen können. Auch dies hat die Ausstellung gezeigt, wobei die "Leitfossilien" der Wissenschaftsgeschichte eine besondere Rolle gespielt haben: das sind einmal, ganz systematisch, die sogenannten "Typen" in der Zoologie und Botanik, die die erste Beschreibung einer Art dokumentieren, so daß bis heute immer wieder auf sie zurückgegriffen werden muß, zum andern sind es ganz unterschiedliche Stücke, an denen sich eine wesentliche wissenschaftliche oder technische Entdeckung, unter Umständen gar der Beginn einer neuen wissenschaftlichen Disziplin festmachen läßt.

Nicht zu übersehen ist die politische Rolle der Wissenschaften vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts; das Weltmachtstreben des Kaiserreiches ist in den Sammlungen vielfach dokumentiert, bis hin zum lange vergessenen "Institut und Museum für Meereskunde", das die Berliner Universität 1906 auf besonderen Wunsch des Kaisers einrichten durfte. Auch diesen Gesichtspunkt hat die Ausstellung beleuchtet.

Das Programm der vollständigen physischen Dokumentation der Welt und ihrer Ordnung scheitert an der Fülle des zu Dokumentierenden, und es scheint, als ob auch die andauernde Ausdifferenzierung und Spezialisierung des Wissenschaftssystems die Grenzen des Möglichen erreicht hat. Im Umgang mit großen Wissensmengen sind neue Strategien notwendig, zu denen die elektronische Datenverarbeitung vielversprechende Ansätze bietet. Gerade die Sammlungen der Humboldt-Universität könnten als "virtuelles Museum", also als Gegenstand einer leistungsfähigen multimedialen Datenbank, neue Bedeutung in Forschung und Lehre erlangen; auch dies wollte die Ausstellung zeigen. Gleichzeitig konnte man durch die Art der Inszenierung sinnlich erfahren, welche ordnende und inspirierende Kraft von dem Begriffspaar "Natur" und "Kunst" ausgeht, in dessen Spannungsfeld sich Wissenschaft - in vielfältigen Brechungen und Spiegelungen - entwickelt.

Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik
Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin
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