Arbeitsgespräch der drei Berliner Institutionen Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik, Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Zentrum für Literaturforschung in Zusammenarbeit mit der Emmy Noether-Forschungsgruppe "Kulturgeschichte des Menschenversuchs" der Universität Bonn
Organisation und Leitung: Caroline Welsh (ZfL), Henning Schmidgen (MPIWG) und Cornelia Weber (HZK)
28. Januar 2005, 14.00-18.00 Uhr
Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte, Wilhelmstr. 44, 10117 Berlin
Programm
Die Karriere der modernen Experimentalwissenschaften geht mit der Festlegung
der Forschungstätigkeit auf einen spezifischen Ort einher, an dem Naturphänomene
methodisch gesichert beobachtet, hervorgebracht und verzeichnet werden. Das Labor
versammelt aber nicht nur die räumlichen und technischen Instrumentarien, die zur
Durchführung eines Experiments unerläßlich sind. Mit der Isolation des Versuchsablaufs
von kontingenten externen Einflüssen geht der Anspruch einher, die gewünschten Einflußnahmen
und die Beobachtung ihrer Auswirkungen gezielt vornehmen und präzise kontrollieren zu können.
Anders gesagt, das Wissen von der Natur entsteht in Abgrenzung von äußeren Kontexten und durch
neuartige Verbindungen mit ihnen. Demnach sind es Laboreffekte, die an die Stelle der‚
unmittelbaren' Erfahrung von Natur das Phantasma ihrer vollständigen Kontrollierbarkeit
treten lassen. Trotz dieser Anbindung an die Praxis der Isolation bricht das Postulat
der Kontrolle allerdings mit der relativen Abgeschlossenheit des Labors: Insofern die
Isolation des Laborraums dem Nachweis der wissenschaftlichen Validität von Versuchsergebnissen
dient und somit als notwendige Bedingung für die öffentliche Akzeptanz der jeweiligen
Forschungsarbeit gilt, impliziert ‚Kontrolle' immer auch den möglichen Zugang einer
kontrollierenden Öffentlichkeit zum Labor. Das Labor ist, wie Steven Shapin und Simon Shaffer
formulieren, "a public space with restricted access" - exkludierend und inkludierend zugleich.
Die implizite Paradoxie der Kopplung von Isolation und Kontrolle ist in ihren
wissenschafts- und kulturhistorischen Zusammenhängen noch zu entfalten. Im Mittelpunkt
des Interesses stehen dabei die unterschiedlichen Praktiken und Techniken der experimentellen
Isolierung, wie sie in jedem Labor anzutreffen sind (von der Vakuumpumpe bis zur
Respirationskammer). Als nicht weniger wichtig sind zwei Grenzbereiche einzustufen.
Zum einen wird nach den Schwierigkeiten zu fragen sein, die bei der Anwendung des
Isolationspostulats auf Versuche am Menschen auftreten. Welche Techniken der Isolation
sind dabei zu unterscheiden (z.B. Selbstexperimente, klinische Internierung,
behavioristische Isolationstanks, Gefängnisstudien), welches Dispositiv der Kontrolle
stützen sie und welche epistemologischen Potentiale führen sie mit sich? Zum anderen sind
diejenigen Isolationsfiguren von Interesse, die vermeintlich jenseits der Zuständigkeit
der Naturwissenschaften liegen, die fragliche Konstellation aber in ihrer
anthropologiehistorischen Relevanz beleuchten. Das betrifft Modelle der Einsamkeit im Anschluß
an pietistische Lebensentwürfe und rousseauistische Konzeptionen des Naturzustands ebenso
wie beispielsweise die Semantik der Intimität im Bereich der Sexualität und die dazugehörigen
Geständnispraktiken des 19. Jahrhunderts.
Die ZwischenRäume 9 versuchen, die Technik- und Erkenntnisgeschichte von Figuren der
Isolation zu erkunden. Der Blick geht dabei über die naturwissenschaftlichen Versuchsanordnungen
hinaus, um der Spur und Prägekraft dieser Figuren auch in Philosophie, Literatur, Film
und Populärkultur nachzugehen.
Hermann von Helmholtz-Zentrum für Kulturtechnik
Humboldt-Universität zu Berlin, Unter den Linden 6, 10099 Berlin
Impressum · Kontakt · Webmaster