Internationale Arbeitstagung


Leseverhältnisse

Theorien, Praktiken und Medien der Lektüre nach 1945

Programm

1962 sagte Marshall McLuhan das Ende des Buchzeitalters und der mit ihm verbundenen Lektürepraktiken voraus. Im digitalen 21. Jahrhundert erscheint diese Prognose evidenter denn je. Der medientechnische Wandel und die „Krise des Kodex“, längst zentrale Motive der geisteswissenschaftlichen Selbstvergewisserung, haben traditionelle Routinen und verbindliche Ideale des Lesens überholt. Die Zukunft der Lektüre als Kulturtechnik scheint bestenfalls ungewiss. Stellt man indes von der gängigen apokalyptischen auf eine zeitgeschichtliche Perspektive um, ergibt sich ein anderer Befund. Mit dem Technikhistoriker David Edgerton könnte man geradezu von einem „Shock of the Old“ sprechen: Die Jahre, in denen McLuhan Bestsellerauflagen erzielte, sind eine Epoche des Lesens gewesen, die eine massive Proliferation, intensive Theoretisierung und politische Aufladung der Lektüre gezeitigt hat. Eine Verfallsgeschichte, wie sie kulturkritische und mediendarwinistische Narrative pflegen, scheint diesen Entwicklungen – gerade in ihrer Pluralität und Ungleichzeitigkeit – nicht angemessen. Stattdessen wollen wir die Medien, Praktiken und Theorien des Lesens, die die intellektuelle Kultur der westlichen Gesellschaften seit den 1950er Jahren prägen, in ihrem komplexen Wechselverhältnis untersuchen.

So spricht viel dafür, den Take-Off des Taschenbuchmarktes und die voranschreitende Verbreitung preiswerter Druck- und Kopierverfahren als Grundlage einer neuen Lesekultur und als Initialzündung der internationalen Protestbewegung anzusehen. Der westliche Marxismus, der den Studenten die Argumente lieferte, war durch den Umgang mit schwierigen Texten geprägt. In seinem Gefolge wurde die Lektüre sowohl zum Gegenstand als auch zum Paradigma der Theoriebildung. Die politisierten Formen und Figuren des Lesens, die den Diskurs ab den 1970er Jahren prägten, sind ebenso als Reaktion auf den Zerfall der Konstellation Achtundsechzig wie als Symptom der Krise des Produktionsparadigmas zu verstehen. Welchen Konjunkturen folgt ihre weitere Entwicklung? Ist der „wildernde Leser“ der 1980er Jahre als Vorbote des Web 2.0 anzusehen? Oder gibt es einen harten epistemischen Bruch, der die „Screen Culture“ der Informationsgesellschaft von der Epoche des Lesens in der Nachkriegszeit trennt?

Das Ziel der Tagung ist es, die Wechselverhältnisse zwischen medientechnischen und ökonomischen Bedingungen, sich herausbildenden Modi des Lesens sowie seinen Theoretisierungen, Historisierungen und Politisierungen in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu diskutieren. Dem Zuschnitt der Fragestellung entsprechend liegt der Fokus dabei auf der westlichen Hemisphäre. Willkommen sind aber ebenso Perspektiven, die diesen Fokus im Hinblick auf außereuropäische Lesekulturen im genannten Zeitraum erweitern. Auch generationsspezifische Erfahrungen und Phänomenologien der Lektüre – von Leserinnen und Lesern – kommen zu Wort. Die Tagung versteht sich als Fortschreibung einer Medien-, Kultur- und Wissensgeschichte der Lesens, wie sie sich insbesondere seit den 1970er Jahren herausgebildet hat. Vor dem 20. Jahrhundert – und damit auch vor seiner eigenen Geschichte – macht dieses Paradigma bislang jedoch noch weitgehend halt.

Merkur-Gespräche 2

Merkur-Gespräche 2: Das Netz, historisch betrachtet

Öffentliche Debatten zum Thema Internet sind meist ebenso gegenwarts­verhaftet wie zukunftsbesessen, die soziale und mediale Vorgeschichte der digitalen Revolution blenden sie großzügig aus. Das ist bedauerlich, denn diese Blickverengung lässt wesentliche Aspekte der Probleme, mit denen wir uns in der Gegenwart herumschlagen, unbemerkt unsichtbar werden. Was dabei verloren geht, wollen wir in der zweiten Auflage der Reihe „Merkur-Gespräche“ zeigen – und bringen dazu vier HistorikerInnen und eine Netz-Expertin zusammen, um die Lage aus der Perspektive ihrer Vorläufer und Präzedenzen zu diskutieren: das Netz, historisch betrachtet. Im Mittelpunkt werden dabei Copyright-Fragen und Formen politischer Systembildung in Online-Communities stehen, zwei Problemfelder, die für aktuelle Netz-Diskurse von besonderer Bedeutung sind.

Mit Monika Dommann (Professorin am Historischen Seminar der Universität Zürich), Kathrin Passig (Autorin), Valentin Groebner (Professor für Geschichte mit dem Schwerpunkt Mittelalter und Renaissance an der Universität Luzern), Philipp Felsch (Junior-Professor für Geschichte der Humanwissenschaften an der Humboldt-Universität zu Berlin) und Leonhard Horowski (Historiker und Autor). Moderiert von Christian Demand (Herausgeber des Merkur) und Ekkehard Knörer (Redakteur des Merkur).

Die Veranstaltung findet statt am Freitag, den 23. Oktober 2015 im Studioraum des ACUD, Veteranenstr. 21, 10119 Berlin. Beginn ist 20 Uhr, der Eintritt ist frei. Wir bitten um Anmeldung unter redaktion@merkur-zeitschrift.de.

Programm

20:00 Uhr Empfang und Begrüßung durch Christian Demand und Ekkehard Knörer

20:15 Uhr Monika Dommann und Philipp Felsch über Copyright
20:45 Uhr Leonhard Horowski und Kathrin Passig über Online-Communities

21:15 Uhr Kurze Pause

21:30 Uhr Kommentar von Valentin Groebner. Im Anschluss Diskussion mit Valentin Groebner, Monika Dommann, Philipp Felsch, Leonhard Horowski und Kathrin Passig

22:00 Uhr Verabschiedung durch Christian Demand und Ekkehard Knörer

Die Veranstaltung ist eine Kooperation der Zeitschrift Merkur mit der Tagung „Leseverhältnisse“, die vom 22. bis 24. Oktober 2015 an der Humboldt-Universität zu Berlin stattfindet, und mit L.I.S.A., dem Wissenschaftsportal der Gerda Henkel Stiftung.

Die „Merkur-Gespräche“ werden finanziell unterstützt von der Alfred Toepfer Stiftung F.V.S. und der Gerda Henkel Stiftung.

Programm und Teilnehmer

Leseverhältnisse

Theorien, Praktiken und Medien der Lektüre nach 1945

Vom 22.10.2015 bis zum 24.10.2015 findet die internationale Konferenz »Leseverhältnisse. Theorien, Praktiken und Medien der Lektüre 1945« im Auditorium des Grimm-Zentrums der Humboldt-Universität zu Berlin statt.
Veranstaltet wird die Konferenz von Philipp Felsch, Harun Maye und Nikolaus Wegmann.
Gäste sind u.a. Roger Chartier, Aleida Assmann, Heinz Bude , Cord Riechelmann und Kathrin Passig.

Programm und Teilnehmer sind nun online!