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Rede des Bundesaußenministers vor den Vereinten Nationen
53. Generalversammlung in New York
Der Bundesminister des Auswärtigen, Dr. Klaus Kinkel , hielt vor der 53. General-versammlung
der Vereinten Nationen in New York am 22. September 1998 folgende Rede :
Herr Präsident,
Herr Generalsekretär,
meine Damen und Herren,
ich beglückwünsche Sie, Herr Präsident, zu Ihrer Wahl. Ich wünsche Ihnen eine glückliche
Hand und uns allen eine erfolgreiche Generalversammlung.
Botschafter Udowenko danke ich für das Engagement, mit dem er die Geschäfte der 52.
Generalversammlung geführt hat. Er hat die Reform der Vereinten Nationen vorangetrieben
und auf der Tagesordnung gehalten. Wir können und müssen daran anknüpfen. Den
Ausführungen meines österreichischen Kollegen Wolfgang Schüssel für die Europäische
Union schließe ich mich an.
Herr Präsident, diese Generalversammlung hat für mein Land eine besondere Bedeutung:
Vor fast genau 25 Jahren, am 19. September 1973, sprach mit Walter Scheel zum ersten
Mal ein Außenminister der Bundesrepublik Deutschland vor den Vereinten Nationen.
"Es geht um mehr als die Sicherheit der Staaten, um mehr als nur um ihre geregelten Beziehungen",
beschrieb er damals unsere Sicht der Vereinten Nationen, "es geht um den Anfang und
das Ziel jeder rationalen Politik: Es geht um den Menschen." Diese Standortbestimmung unserer Politik in den Vereinten Nationen bleibt gültig. Eine Welt frei von
Furcht und Not, geschützt durch die Herrschaft des Rechts, eine Welt, in der jeder
Mensch seine Chance hat und die die Schöpfung für die kommenden Generationen bewahrt:
Dieser Vision der UNO-Menschenrechtscharta fühlt sich auch das vereinte Deutschland
verpflichtet. Dieser Vision sind wir in den vergangenen 25 Jahren ein großes Stück
nähergekommen. Die Teilung Deutschlands, Europas und der Welt ist überwunden die
Welt wächst immer mehr zu der "einen Welt" zusammen, gegründet auf Demokratie und Menschenrechte.
Immer klarer wird aber auch: Nie war die Menschheit so sehr eine Schicksalsgemeinschaft,
verbunden durch gemeinsame Herausforderungen: die Krisen in Rußland und Asien erschüttern
die gesamte Weltwirtschaft, die weltweite Drogenpest, die Organisierte Kriminalität und der Terrorismus legen sich wie eine Krake um unseren Globus; 1998 ist
das Jahr der Klimakatastrophen : zwei Drittel der Oberfläche von Bangladesh stehen
unter Wasser, die Jangtse-Flut in China hat Tausende von Menschen das Leben gekostet.
Kein Staat, gleich ob Weltmacht oder Inselstaat, kann diese globalen Herausforderungen
alleine schultern. Und niemand kann ihnen entfliehen am wenigsten die leidtragenden
Menschen : der Obdachlose in Bangladesh, der Drogenkranke in Europa, das Bürgerkriegsopfer in Afrika. Wir können unsere Zukunft nur gemeinsam gestalten. Deshalb
brauchen wir globales Handeln und Management für die globalen Herausforderungen des
21. Jahrhunderts nicht morgen oder übermorgen, sondern heute.
Gefordert sind nicht nur die Regierungen, gefordert sind auch die anderen "global
players": die Nichtregierungsorganisationen und die transnationalen Unternehmen.
Nie zuvor waren die NGOs so wichtig wie heute : Ohne sie hätten wir zum Beispiel
die Unterzeichnung der Konvention von Ottawa über das Verbot der Landminen im Dezember 1997 nicht
erreicht. Und vergessen wir nicht: Von den 100 größten Wirtschaftseinheiten der
Welt sind inzwischen 51 Unternehmen und nur noch 49 Staaten. All das zeigt: Die Zeit
neuer Allianzen für Frieden, Freiheit und Wohlstand auf der ganzen Welt ist gekommen.
Herr Präsident, das Zeitalter der Globalisierung ist das Zeitalter der Vereinten Nationen.
Nur hier kommen alle Staaten der Welt zusammen. Nur hier können wir gemeinsame Antworten
auf die globalen Herausforderungen von heute und morgen finden. Deshalb wollen wir Deutschen mithelfen, die Vereinten Nationen fit zu machen für das 21. Jahrhundert. Wir stellen uns dieser Verantwortung als zweitgrößte Exportnation und drittgrößte
Volkswirtschaft der Welt, als bevölkerungsreichstes Land der Europäischen Union.
Generalsekretär Kofi Annan gebührt unser Dank und unsere Unterstützung für seine Reformvorschläge.
Jetzt sind die Mitgliedsländer gefordert. Immer noch reflektiert der Sicherheitsrat
die Welt am Ende des Zweiten Weltkrieges, aber nicht die gewachsene Bedeutung Asiens, Afrikas und Lateinamerikas mit der Karibik. Das gilt auch für das größere
Gewicht Japans und des vereinten Deutschlands ich danke all jenen Mitgliedstaaten,
die einen ständigen Sitz Deutschlands im Weltsicherheitsrat befürworten. Die Reform
des Sicherheitsrates darf jetzt nicht weiter verzögert werden, sonst geht das Momentum
verloren.
Nach dem Ende des Kalten Krieges müssen die Vereinten Nationen so viele Aufgaben schultern
wie nie zuvor. Deshalb benötigen sie handlungsfähige Institutionen. Und deshalb haben
sie Anspruch auf pünktliche Begleichung der Beiträge. Jeder muß nach seinen Fähigkeiten dazu beitragen, daß die Vereinten Nationen ihre Aufgaben erfüllen können
auch und gerade die großen Mitgliedsstaaten. Deutschland wird als drittgrößter
Beitragszahler weiter seine Verpflichtungen erfüllen.
Herr Präsident, die Erfahrung der vergangenen Jahre zeigt: Wir dürfen die UNO aber
auch nicht überfordern sie muß entlastet werden. Hier sind regionale Organisationen
wie OSZE und OAE besonders gefordert. Wenn es ihnen gelingt, Konflikte vor Ort zu
lösen, muß sich der Sicherheitsrat nicht mehr darum kümmern. Notwendig sind neue Wege gemeinsamen
Handelns.
Die Globalisierung zu leugnen wäre absurd. Nur wer sich ihr stellt, kann ihre Chancen
nutzen und ihre Risiken abfedern. Die Auswirkungen der Krisen in Rußland und Asien
zeigen: Die Weltwirtschaft braucht verläßliche Rahmenbedingungen. Es geht nicht um
eine Weltfinanzbehörde oder feste Wechselkurse, schon gar nicht um neuen Protek-tionismus.
Es geht um bessere Frühwarnmechanismen, mehr Transparenz und effizientere Bankensysteme,
vor allem in den Schwellenländern. Das ist nicht nur die Aufgabe der Regierungen; verlangt ist jetzt eine globale "public-private-partnership" zwischen Regierungen,
internationalen Finanzorganisationen und Unternehmen. Wir unterstützen deshalb die
amerikanische Initiative für einen Dialog der G8 mit den Schwellenländern über eine
neue internationale Finanzarchitektur. IWF und Weltbank dürfen nicht auf Dauer den Lückenbüßer
für versäumte Strukturreformen spielen.
Herr Präsident, Globalisierung gestalten heißt auch: ein Netz von Partnerschaften
zu knüpfen zwischen den großen regionalen Zusammenschlüssen und den großen Staaten
der Welt. Sie sind die Bausteine einer neuen Weltordnung unter dem Dach der Vereinten
Nationen. Die Partnerschaften der EU mit regionalen Zusammenschlüssen wie ASEAN, MERCOSUR
oder SADC zeigen: Wir sind auf dem richtigen Weg ! Wir wollen einen offenen, nicht
einen konfrontativen Regionalismus.
Ich bin sicher: Die EU wird ein Stabilitätsanker der Welt im 21. Jahrhundert sein.
Mit der Einführung der neuen gemeinsamen Währung am 1. Januar 1999 bündelt die EU
ihre Kräfte. Ihr weltpolitisches Gewicht wird weiter wachsen. Der Beginn von weiteren
Beitrittsverhandlungen mit assoziierten Partnern steht unmittelbar bevor. Was Willy Brandt
1989 über Deutschland gesagt hat, gilt heute für ganz Europa: "Jetzt wächst zusammen,
was zusammengehört." Auch die NATO öffnet sich schrittweise für die neuen Demokratien im fünfzigsten Jahr ihres Bestehens wird sie Polen, Ungarn und Tschechien aufnehmen.
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