Autonomieprinzip

 

1.

Im weiteren Sinne bezieht sich das Autonomieprinzip auf die prinzipielle Annahme, dass die Mechanismen der internen Organisation und die Arbeitsweise bestimmter neuronaler oder mentaler Bereiche bzw. Subsysteme unabhängig voneinander als informationell geschlossene Teilprozesse modelliert werden sollten, die über Schnittstellen (Interface) interagieren.

In den Neurowissenschaften sind die entsprechenden Positionen als lokalisierende (dem Autonomieprinzip folgend) vs. holistische (dem Autonomieprinzip nicht folgend) polarisiert.

Für N. Chomsky ist die Annahme der Autonomie sprachlicher Prozesse eine der grundlegenden Bedingungen für ihre wissenschaftliche Untersuchung:

„[Falls] nichtsprachliche Faktoren in die Grammatik [einbezogen werden müssen], Überzeugungen, Einstellungen etc., [läuft dies] auf eine Ablehnung der anfänglichen Idealisierung von Sprache als Forschungsgegenstand hinaus. [… Wenn sich dies] als richtig erweist, dann würde ich folgern, dass Sprache ein Chaos ist, das der Untersuchung nicht wert ist.”
Chomsky (1981, 173).

Unter der Voraussetzung eines autonomen kognitiven Moduls für die Verarbeitung von Sprache (Sprachorgan, Sprache als Organ, vgl. Grewendorf (1995); Anderson & Lightfoot (2002)) können die für eine bestimmte Sprache spezifischen grammatischen und lexikalischen Eigenschaften als eine arbiträre Auswahl (>Arbitrarität) eines universalen Inventars an generell kognitiven und spezifischen sprachlichen Möglichkeiten interpretiert werden (vgl. Wiese (2003)).

Als empirische Evidenz für die Autonomie sprachlich relevanter Bereiche werden Ergebnisse aus der Erforschung des Spracherwerbs, der Sprachprozessualisierung (Sprachproduktion und -rezeption), aus der Aphasieforschung und aus der Neuropsychologie und Neurobiologie (vgl. Pulvermüller (2003)) herangezogen.

2.

Im engeren Sinne bezieht sich das Autonomieprinzip auf die Architektur einer Sprachtheorie, welche ihre einzelnen Beschreibungs- und Erklärungsebenen unabhängig voneinander in einzelnen Modulen modelliert. Die betreffenden Module interagieren miteinander über Schnittstellen, so dass z.B. unter der Annahme der Autonomie der Syntax syntaktische Regeln nicht direkt auf phonologische, semantische oder pragmatische Informationen rekurrieren dürfen.

 

Literatur

zu 1.

S. R. Anderson & D. W. Lightfoot, The Language Organ. Cambridge 2002.

A. Belletti (Hg.), Structures and Beyond: The Cartography of Syntactic Structures, Vol. 3, Oxford 2004.

P. Carruthers et al. (Hg.), The Innate Mind: Culture and Cognition. Oxford 2005.

N. Chomsky, Lectures on Government and Binding. Dordrecht 1981.

– Ders., On Nature and Language. Cambridge 2002.

A. M. Di Sciullo (Hg.), UG and External Systems: Language, Brain and Computation. Amsterdam 2005.

J. A. Fodor, The Modularity of Mind. Cambridge 1983.

– Ders., The Mind Doesn’t Work That Way: The Scope and Limits of Computational Psychology. Cambridge 2000.

J. Garfield (Hg.), Modularity in Knowledge Representation and Natural-Language Understanding. Cambridge 1987.

G. Grewendorf, Sprache als Organ – Sprache als Lebensform. Frankfurt/Main 1995.

R. S. Jackendoff, Foundations of Language. Oxford 2002.

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S. M. Lamb, Pathways of the Brain. Amsterdam 1999.

R. A. Mueller, Innateness, Autonomy, Universality? Neurobiological Approaches to Language. BBS 1996/19, 611-675.

S. Pinker & R. S. Jackendoff , The Faculty of Language: What’s Special about It? Cognition 2005, 1-36.

F. Pulvermüller, The Neuroscience of Language. Cambridge 2003.

R. Samuels, Evolutionary Psychology and the Massive Modularity Hypothesis. BJPS 1998/49, 575-602.

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R. Stainton (Hg.), Contemporary Debates in Cognitive Science. Blackwell 2005.

H. Wiese, Sprachl. Arbitrarität als Schnittstellenphänomen. Habil.schrift. Berlin 2003.

D. Wilson , New Directions for Research on Pragmatics and Modularity. UCLWPL 2003/15, 105-127.

 

zu 2.

M. Schwarz, Einführung in die Kognitive Linguistik. Tübingen 21996.

P. A. M. Seuren, The Importance of Being Modular. JL 2004/40, 593-635.

E. Yuasa, Modularity in Language. Berlin 2005.

 

Verweis

zu 1.

Mentalismus

 

© Norbert Fries, Online Lexikon Linguistik. Berlin 2006 ff.
http://fries.anaman.de

last modified: Mon 08-Feb-2010