Generative Semantik

 

Die Diskussion des >Aspekte-Modells führte seit Mitte der 1960er Jahre in der >GG zu zwei divergierenden Positionen:
(a) zu einer Revision des >Modells als >EST, inklusive der Entwicklung interpretativ-semantischer Vorstellungen (>Interpretative Semantik), und
(b) zur sog. Generativen Semantik, letztere von einigen Kollegen N. Chomskys am MIT vertreten (u. a. G. Lakoff, J. D. McCawley, P. M. Postal, J. R. Ross).

Die heftige Auseinandersetzung zwischen diesen theoretischen Positionen wurde in der Öffentlichkeit als linguistic war bekannt (vgl. Harris (1993), Goldsmith (1995)). Hauptcharakteristika der keineswegs einheitlichen Generativen Semantik sind
(a) die Vermeidung von ad-hoc-Annahmen für die Beschränkung transformationeller Prozesse und die Annahme >Globaler Regeln und
(b) die Voraussetzung, dass >Transformationen Beziehungen zwischen semantischen und phonologischen Repräsentationen explizieren (vgl. Performative Analyse).

Die Generative Semantik postulierte, dass eine Grammatik nicht aus zwei verschiedenen Regelapparaten besteht, nämlich einer generativen Syntax und einer die syntaktischen Strukturen interpretierenden Semantik (>Interpretative Semantik), sondern aus einem einzigen Regelapparat, den man besser semantisch nennen sollte, da einerseits bestimmte Regelformate, die im Rahmen des Aspekte-Modells als syntaktisch postuliert werden, mit adäquaterer Motivation zur Semantik zu rechnen seien (z.B. >Selektionsbeschränkungen) und andererseits bestimmte Regelformate im Rahmen einer generativen Syntax nicht berücksichtigt werden können (z.B. >Beschränkungen, die sich auf Präsuppositionen und Implikationen beziehen).

Die Kritik an der Generativen Semantik richtete sich v. a. gegen den ad-hoc-Charakter semantisch-generativer Ableitungsprozesse und ihrer Nicht-Differenzierung sprach-systematischer Phänomene und solcher Erscheinungen, die auf Sprachhandlungs- und Weltwissen basieren. Mit zunehmender Differenzierung der >GG und von Auffassungen über die Autonomie (>Autonomieprinzip) spezifischer Regelsysteme für Sub-Systeme sprachlich und außersprachlichen Wissens konnten die Kritikpunkte der Generativen Semantik am >Aspekte-Modell konstruktiv in Revisionen verschiedener >Modelle der >GG umgesetzt werden. In der Argumentation einiger neuer kognitivistischer Sprachtheorien (>Kognitive Linguistik) wurden manche grundlegenden Ideen der Generativen Semantik wiederbelebt (z. B. Lakoff & Johnson (1999); zur kritischen Stellungnahme vgl. Newmeyer (2003)).

 

Literatur

J. Allwood & P. Gärdenfors (Hg.), Cognitive Semantics. Meaning and Cognition. Amsterdam 1999.

A. Goldsmith, Ideology and Linguistic Theory: Noam Chomsky and the Deep Structure Debate. Ldn. 1995.

H. Härtl & H. Tappe (Hg.), Mediating between Concepts and Grammar. Berlin 2003.

R. A. Harris , The Linguistics Wars. Oxford 1993.

M. Immler, Generative Syntax – Generative Semantik. München 1974.

G. Lakoff, On Generative Semantics. In: D. D. Steinberg & L. A. Jakobovits (Hg.), Semantics. Cambridge 1972, 305-359.

Ders. & M. Johnson, Philosophy in the Flesh: The Embodied Mind and Its Challenge to Western Thought. New York 1999.

F. Newmeyer, Linguistic Theory in America . New York 1980.

Ders., Grammar is Grammar and Usage is Usage. Language 2003/79, 682-707.

P. Sgall, Topic, Focus and Generative Semantics. Berlin 1973.

 

 

© Norbert Fries, Online Lexikon Linguistik. Berlin 2006 ff.
http://fries.anaman.de

last modified: Mon 26-Nov-2007