auch: Abbildhaftigkeit; altgriech. εικον 'Abbild'; lat. iconismus 'Abbildung, treue Darstellung'
(1)
In einem weiteren, prätheoretischen Sinn dienen die Termini Ikonizität bzw. ikonisch zur Charakterisierung einer zwischen beliebigen (visuell, auditiv, taktil, olfaktorisch oder gustatorisch wahrnehmbaren) Phänomenen postulierten Beziehung als ableitbar aufgrund gemeinsamer Qualitäten. In diesem Sinne lässt sich beispielsweise von 'ikonischer Interaktion' oder 'ikonischer Navigation' oder 'ikonischer Welt' sprechen bzw. davon, dass die "Ikonizität der Objekte durch körperliches Handeln manipulierbar" sei (A. Schelske, Bild als Link = Die gesellschaftliche Pragmatik der Bilder in multimedialen Systemen. Ms. Univ. Lübeck 2003).
(2)
Im Rahmen von Theorien hat die Idee der Ikonizität ebenso wie die Idee der >Arbitrarität eine bis in die Antike reichende Tradition, vgl. überblickshalber Swiggers (1993), Simone (1995: Forword), Nöth (2000: 329ff.), und ist insbesondere stets auf spezifische Explikationen des Begriffs Zeichen bezogen.
Während das Zeichenmodell im 'Cours de linguistique générale' (de Saussure (1916)) von weitreichender Arbitrarität in der Zuordnung von Signifikant und Signifikat ausgeht und der Ikonizität eine marginale Rolle zuordnet (lediglich für Onomatopoetika, 1. Teil, Kap. I, §2), unterscheidet C. S. Peirce (1839-1914) zwischen Indices, Ikonen und Symbolen, welche jeweils unterschiedliche Similaritätsgrade zwischen Signifikant und Signifikat aufweisen (vgl. Burks (1949), Jakobson (1959; 1965), Ransdell (1986), Keller (1995: 177ff.), Nöth (2000: 59 ff.)):
"An index is a sign fit to be used as such because it is in real reaction with the object denoted."
[C. S. Peirce, 'New Elements', (1998: 307)]
– ein Index verweist also auf einen materiell oder diskursiv vorhandenen Referenten und ist von dessen Präsenz abhängig.
"A symbol is defined as a sign which is fit to serve as such simply because it will be so interpreted."
[a.a.O.]
"A symbol is defined as a sign which becomes such by virtue of the fact that it is interpreted as such. The signification of a complex symbol is determined by certain rules of syntax which are part of its meaning. A simple symbol is interpreted to signify what it does from some accidental circumstance or series of circumstances, which the history of any word illustrates."
[a.a.O. 317]
– ein Symbol ist demnach arbiträr.
"An icon is a sign fit to be used as such because it possesses the quality signified."
[a.a.O.]
"An Icon is a sign which refers to the Object that it denotes merely by virtue of characters of its own and which it possesses, just the same, whether any such Object actually exists or not. It is true that unless there really is such an Object, the Icon does not act [as] a sign; but this has nothing to do with its character as a sign. Anything whatever, be it quality, existent individual, or law, is an icon of anything, in so far as it is like that thing and used as a sign of it."
[C. S. Peirce, 'A Syllabus of Certain Topics of Logic', (1998: 291)]
Definiert man ein Ikon als ein Zeichen, dessen Signifikant und dessen Signifikat über gemeinsame Qualitäten struktureller oder inhaltlicher Art verfügen, so kann Ikonizität als diejenige Eigenschaft eines Zeichens definiert werden, in welchem Ausmaß es als Ikon explizierbar ist bzw. expliziert wird. Ikonizität ist demzufolge eine graduierbare Eigenschaft von Zeichen:
"A sign is iconic to the extent to which it itself has the properties of its denotata [...].",
[Morris (1971: 98)]
"An iconic sign [...] is any sign which is similar in some respect to what it denotes. Iconicity is thus a matter of degree. [...] the extent of iconicity is a difficult matter to determine".
[a.a.O. 273]
In diesem Sinne kann auch davon gesprochen werden, dass der
"Grad der Ikonizität eines Zeichens [...] um so höher [ist], je mehr Eigenschaften des Realen ein Zeichen des Realen besitzt. [...] Der Zusammenhang zwischen Zeichen und Bezeichnetem kann symbolischen Charakter besitzen (wie z.B. Schrift) oder auch einen Ähnlichkeitszusammenhang (wie etwa ein Portrait oder Passfoto). Zeichen die nicht mehr als Zeichen wahrgenommen werden, sondern als real, sind also nicht nur hyperreal sondern ebenfalls hyperikonisch."
[Fahle (1999: 14)]
Seit C. S. Peirce wird mindestens zwischen drei Typen der Ikonizität (bzw. ikonischer Zeichen) differenziert:
"Those which partake of simple qualities, or First Firstnesses, are images; those which represent the relations, mainly dyadic, or so regarded, of the parts of one thing by analogous relations in their own parts, are diagrams; those which represent the representative character of a representamen by representing a parallelism in something else, are metaphors."
[C. S. Peirce, 'Syllabus', (1998: 277)]
Ikonische Zeichen unterscheiden sich demnach darin, auf welchen Beschreibungsebenen gemeinsame Qualitäten eines Signifikanten und dem Signifikatum postuliert bzw. konstatiert werden:
(a) Bildhafte Ikonizität bezieht sich auf gemeinsame Qualitäten der Form eines Signifikanten und seines Signifikatums z.B. phonetische Ikonizität: Lautsymbolik
(b) Diagrammatische Ikonizität bezieht sich auf gemeinsame Qualitäten der morphologischen und der syntaktischen Konstruktion eines Signifikanten und seines Signifikatums, vgl.
"A diagram is an icon or schematic image embodying the meaning of a general predicate;
and from the observation of this icon we are supposed to construct a new general predicate."[C. S. Peirce, 'New Elements', (1998: 303)]
(c) Semantische Ikonizität bezieht sich auf
gemeinsame Qualitäten eines Quell-Signifikatum und seines Ziel-Signifikatum
z.B. Metaphern
Die diagrammatische Ikonizität (b) wird von Haspelmath (2003: 2) nochmals in sechs Untertypen differenziert:
(b-1) Iconicity of sequence
(sequence in speech is identical to sequence of actions,
e.g. I came, I saw, I conquered)
(b-2) Iconicity of adjacency
(connected concepts are expressed by adjacent constituents)
(b-3) Iconicity of scope
(earlier elements take wider scope)
(b-4) Iconicity as syntagmatic isomorphism
("one-meaning-one-form", i.e. no unexpressed meanings, no meaningless forms)
(b-5) Iconicity as correspondence of markedness/complexity
(marked/complex meanings receive marked/complex coding)
(b-6) Iconicity of cohesion
(i.e. distance and independence: linguistic cohesion mirrors conceptual cohesion)
Ikonizität dient in zahlreichen Theorieentwürfen als explanatorisches Konzept, insbesondere auch in der Gebärdensprachforschung (vgl. die unter Literatur (2) gelisteten Arbeiten); zur Diskussion im Hinblick auf unterschiedliche Zeichentypen wie Texte, Schrift(zeichen), Bilder, Fotos, Piktogramme, Film vgl. z.B. Bierman (1963), Goodman (1968; 1970), Reimund (1993), Schelske (1998), Fenk (1999), A. Müller (2000), Krämer (2003), Krämer/Bredekamp (2003), Morenz (2004), Schneider (2004), Grube/Kogge/Krämer (2005), umfassend auch die Editionen von O. Fischer (1999 ff.).
Zur Problematik der Ikonizität und zur Differenzierung ikonischer Zeichen aus semiotischer Perspektive vgl. z.B. Eco (1977: 66ff.):
'Der Begriff >Ikon< muß in mehrere andere analytischer Begriffe aufgefächert werden. [...] auch die Zeichen, die man Symbole nennt, [sind] Ikone, insofern nämlich, als man ein Exemplar von ihnen (ein token [...]) als Reproduktion des abstrakten Modells (oder type) betrachtet.'
[a.a.O. S. 67f.]
Als explanatorisches Konzept findet sich Ikonizität auch als Grundlage diverser Formulierungen so genannter Ikonizitätsprinzipien (insbesondere im Anschluss an die Arbeiten von J. L. Bybee und J. Haiman).
Ikonizitätsprinzipien, wie etwa, "The linguistic distance between expressions corresponds to the conceptual distance between them." (Haiman: 1983: 782), oder dass die strukturelle Komplexität eines Ausdrucks der Komplexität seiner Bedeutung entspräche, oder dass die lineare Abfolge von Ausdrücken mit einer durch sie kodierten zeitlichen Abfolge korreliere, oder dass "Ähnlichkeit in der Form [...] Ähnlichkeit in der Funktion [impliziert]" (G. Müller (2006: 3)) wurden in Bezug auf alle für Sprachen und für sprachliche Äußerungen relevanten Beschreibungsdomänen postuliert, vgl.
– überblickshalber: Pusch (2001)
– für morphologische und syntaktische Strukturen: z.B.
Haiman (1983; 1985; 1994), Dotter (1990), Song (1992), Rosenbach (2003),
Newmeyer (1992), Kaiser (1998), Meyer-Hermann (1998),
Fujinawa (2001), Oviedo (2002), G. Müller (2004; 2006), Rau (2005), Egg (2006), Lühr (2006)
– zu Phraseologismen: die Arbeiten von K. J. Farø
– für Texte: Fischer/Nänny (1999 ff.), Godglück (2002), Holz (2005)
– für verlinkte Internet-Texte: Wirth (2002)
– zu Gebärdensprachen: vgl. die Angaben unter Literatur (2)
– zur nonverbalen Kommunikation: z.B. McNeill (1992; 2000; 2005), Duncan (2005),
Beattie/Shovelton (1999).
Während sich Erörterungen in der Folge des 'Cours de linguistique générale' wesentlich am Konzept der Arbitrarität orientieren (vgl. die unter >Arbitrarität gelistete Literatur), sehen Diskussionen im Rahmen der natürlichkeitstheoretischer Modelle und neuere generative Grammatiktheorien das Konzept der Ikonizität und die Relevanz von Ikonizitätsprinzipien stärker im Zusammenhang mit Konzeptionen für z.B. Markiertheit bzw. Optimalität bzw. Minimalität (vgl. z.B. die Arbeiten in Posner (1980), von Mayerthaler (1980; 1983; 1993), Givón (1990), Aissen (1999; 2003), Newmeyer (2000), Bresnan (2001), Fujinawa (2001), Helmbrecht (2004), G. Müller (2007)).
So argumentiert z.B. M. Haspelmath dafür (2003; 2006; 2007; eine teils ähnliche Argumentation findet sich schon bei Fenk-Oczlon (1990; 1991)), dass 'Ikonizität' (ebenso wie 'Markiertheit') als für Sprachtheorien explanatorisches Konzept verworfen werden sollte und dass dieses
"can be reduced to economy, distinctiveness and parsability; there is no need for an independent notion of iconicity (especially not a notion of iconicity that is somehow in competition with economy)".
[Haspelmath (2003: 2)]
Ebenso skeptisch schätzt Dryer (2006) die Relevanz von Ikonizitätsprinzipien für Sprachtheorien ein:
"Such a principle could be playing a major role in explaining why grammars are the way they are, but the most plausible locus for such a role would again be at the level of language change. But if true, this means that we need some sort of theory about what grammars are like, independent of such functional principles."
[Dryer (2006: 8)]
Literatur (1)
vgl. auch >Arbitrarität;
zur Ikonizität im Hinblick auf Gebärdensprachen vgl. die Angaben unter Literatur (2)
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Arbitrarität
Demotivierte Wortbildung