Interpretative Semantik

 

engl. interpretative semantics; frz. sémantique interprétative

 

Bezeichnung für die bis Mitte der 1960er Jahre im Rahmen der >GG insbesondere von N. Chomsky, J. J. Katz und J. A. Fodor entwickelte Auffassung, nach welcher auf der Grundlage einer autonomen generativen >Syntaktischen Komponente syntaktischen Strukturen durch semantische Regeln systematisch Lesarten zugewiesen werden ('interpretiert werden').

Die Interpretative Semantik soll die semantische Kompetenz (>Kompetenz vs. Performanz) des >Idealen Sprecher-Hörers erfassen, u. a. die Fähigkeit, Sätze zu paraphrasieren und Mehrdeutigkeiten und semantische Anomalien zu erkennen, d. h. sie soll alle semantischen Eigenarten und Beziehungen explizieren, die für die semantische Kompetenz eine Rolle spielen, vgl. Katz & Fodor (1963).

Im Rahmen des >Aspekte-Modells werden die hierzu notwendigen syntaktischen Informationen schon durch syntaktische >Tiefenstrukturen geliefert und >Transformationen, welche >Tiefenstrukturen in >Oberflächenstrukturen überführen, sind selbst bedeutungsneutral; im Rahmen der >EST (vgl. Katz (1972)) bezieht sich die semantische Interpretation sowohl auf die Tiefen- wie auf die Oberflächenstruktur (letztere bezüglich Phänomenen wie Fokus und Skopus von Quantoren); im Rahmen der Folgemodelle (>REST, >Rektions-Bindungs-Theorie, >Barrieren-Theorie, Minimalismus) bezieht sich die semantische Interpretation jeweils auf die oberflächennächsten Strukturen bzw. auf die sog. >Logische Form.

Die Interpretative Semantik geht davon aus, dass sich die Bedeutung sprachlicher Ausdrücke durch ein endliches Inventar universaler und sprachspezifischer semantischer Merkmale vollständig beschreiben lässt. Ihr Beschreibungsapparat besteht hierbei aus zwei Komponenten:
(a) lexikalische Informationen und
(b) >Projektionsregeln, welche lexikalische Bedeutungen aufgrund der syntaktischen Relationen, in welche sie eintreten, zu phrasalen Bedeutungen kombinieren.

Lexikalische Informationen werden in einer abstrakten, das mentale Lexikon abbildenden Lexikonkomponente erfasst und beziehen sich auf
(a) systematische semantische Beziehungen zwischen Lexikoneinträgen (>Basiskomponente),
(b) idiosynkratische semantische Informationen für spezifische Lexikoneinträge und
(c) >Selektionsmerkmale.

Lexikoneinträge werden in die Endknoten syntaktischer >Tiefenstrukturen eingesetzt; Lexeme erhalten ihre endgültige semantische Interpretation durch >Projektionsregeln, welche die semantischen Merkmale der einzelnen Konstituenten schrittweise von der untersten Ebene der >Ableitung auf die höchste projizieren, und zwar unter Berücksichtigung der >Selektionsmerkmale und >Selektionsbeschränkungen und der hierarchischen Beziehungen zwischen den syntaktischen Konstituenten (vgl. z.B. >Verbalphrase für neuere Darstellungsverfahren).

Die kritische Diskussion der Grundannahmen der Interpretativen Semantik schlug sich im Rahmen der von N. Chomsky geprägten syntaktozentrierten Grammatikmodelle (>Modell) in den erwähnten Modifikationen des >Aspekte-Modells nieder, wobei allerdings trotz gelegentlicher Ausweitungen der Interpretativen Semantik auf die Textebene (vgl. z.B. Rastier (1996), Thlivitis (1998)) bis zum Minimalismus keine prinzipielle Neupositionierung bezüglich des grundsätzlichen Status der Semantik (ebenso wie der >Phonologischen Komponente) als einer lediglich interpretativen Komponente erfolgte (vgl. zur Diskussion z.B. Jackendoff (2002)); andererseits wurden zahlreiche alternative Semantik-Modelle entwickelt, welche der Semantik von der Syntax autonome generative Eigenschaften zubilligen, etwa in der >Generativen Semantik, der Situationssemantik, der >Kognitiven Linguistik oder in optimalitätstheoretischen Ansätzen (vgl. z.B. Zeevat (2000), Hendriks & Hoop (2001)).

 

Literatur

K. Baumgärtner, Die Struktur des Bedeutungsfeldes. In: Satz und Wort im heutigen Deutsch. Düsseldorf 1967, 165-197.

D. L. Bolinger, The Atomization of Meaning. Lg. 1965/41, 202-268.

F. R. Cummins, Meaning and Mental Representation. Cambridge, Mass. 1991.

C. J. Fillmore & D. T. Langendoen (Hg.), Studies in Linguistic Semantics. Winston 1972.

P. Hendriks & H. de Hoop, Optimality Theoretic Semantics. LP 2001/24, 1-32.

M. Immler, Generative Syntax – generative Semantik. München 1974.

R. S. Jackendoff, Semantic Interpretation in Generative Grammar. New York 1972.

– Ders., Foundations of Language. Oxford 2002.

J. J. Katz, Semantic Theory. New York 1972.

– Ders. & J. A. Fodor, The Structure of Semantic Theory. Lg. 1963/39, 170-210.

W.-P. Leung, Interpretative Semantik und Transformative Beschreibung (Am Beispiel des Kantonesischen). Tübingen 1977.

F. Rastier, Sémantique Interprétative. Paris 1996.

C. Süß, Semantikrepräsentation für ein Fragment des Deutschen. Überblick über aktuelle Semantiktheorien der Computerlinguistik und Untersuchung ihrer Verwendbarkeit im Rahmen von Chomskys Government-and-Binding-Theory. Passau 1996.

T. Thlivitis, Sémantique Interprétative Intertextuelle: assistance informatique anthropocentrée à la compréhension des textes. Diss. Univ. de Rennes 1998.

H. Zeevat, The Asymmetry of Optimality Theoretic Syntax and Semantics. JS 2000 17/3, 243-262.

 

 

© Norbert Fries, Online Lexikon Linguistik. Berlin 2006 ff.
http://fries.anaman.de

last modified: Sun 25-Nov-2007