lat. conventio 'Übereinkunft', 'Verabredung'; engl. conventionality
(1)
In einem weiteren Sinn dient der Terminus Konventionalität zur Charakterisierung eines durch Gewohnheit oder Eingelebtheit entwickelten, sich am allgemein Üblichen orientierenden sozialen Verhaltens, auf welches gegebenenfalls durch die explizite Vereinbarung von Regeln Einfluss genommen wurde. Das Resultat einer entsprechenden Übereinkunft, welche das Verhalten einer menschlichen Gemeinschaft reguliert, wird als Konvention bezeichnet. Konventionen im menschlichen Zusammenleben beziehen sich auf Verhalten, bei welchem gesellschaftliche >Normen eingehalten werden, die von den meisten Mitgliedern der betreffenden Population nicht als Zwang erlebt werden.
In verschiedenen Disziplinen wird zwischen solchen Verhaltensweisen differenziert, die durch historisch-soziale Entwicklung begründbar sind, und solchen, die durch explizite Vereinbarungen entstehen. Max Weber unterscheidet in seinem 'Grundriß der verstehenden Soziologie' (1921) zwischen >Sitte und Konvention:
"Wir wollen unter 'Sitte' den Fall eines typisch gleichmäßigen Verhaltens verstehen, welches lediglich durch seine 'Gewohntheit' und unreflektierte 'Nachahmung' in den überkommenen Geleisen gehalten wird, ein 'Massenhandeln' also, dessen Fortsetzung dem Einzelnen von niemandem in irgendeinem Sinn 'zugemutet' wird. Unter 'Konvention' wollen wir dagegen den Fall verstehen, daß auf ein bestimmtes Verhalten zwar eine Hinwirkung stattfindet, aber durch keinerlei physischen oder psychischen Zwang, und überhaupt zum mindesten normalerweise und unmittelbar durch gar keine andere Reaktion als durch die bloße Billigung oder Mißbilligung eines Kreises von Menschen, welche eine spezifische 'Umwelt' des Handelnden bilden. Streng zu scheiden ist die 'Konvention' von dem Fall des 'Gewohnheitsrechts'."
[M. Weber, Grundriß der verstehenden Soziologie II. Teil, Kap. I, §2.]
(2)
In Bezug auf Zeichen und Sprache thematisieren sprachphilosophische Diskussionen seit der Antike die Frage, inwiefern die Bedeutung von Zeichen bzw. ihr Gebrauch durch Konventionen bestimmt wird. So sagt Hermogenes in Platons Kratylos:
"Ich meines Teils, Sokrates, habe schon oft mit diesem und vielen andern darüber gesprochen und kann mich nicht überzeugen, daß es eine andere Richtigkeit der Worte gibt, als die sich auf Vertrag und Übereinkunft gründet. Denn mich dünkt, welchen Namen jemand einem Dinge beilegt, der ist auch der rechte, und wenn man wieder einen andern an die Stelle setzt und jenen nicht mehr gebraucht, so ist der letzte nicht minder richtig als der zuerst beigelegte, wie wir unsern Knechten andere Namen geben. Denn kein Name keines Dinges gehört ihm von Natur, sondern durch Anordnung und Gewohnheit derer, welche die Wörter zur Gewohnheit machen und gebrauchen."
[Platon, Kratylos, 383a-b.]
Für den 'Cours de linguistique générale' sind Kollektivgewohnheit (= Sitte i.S. von Max Weber, vgl. (1)) und Konvention Prinzipien, welche die Verbindung von Lautbild ('image acoustique', 'signifiant', 'Signifikant') und Vorstellung ('concept', 'signifié', 'Signifikat') konstituieren:
"Tatsächlich beruht jedes in einer Gesellschaft rezipierte Ausdrucksmittel im Grunde auf einer Kollektivgewohnheit, oder, was auf dasselbe hinauskommt, auf der Konvention."
[F. de Saussure (1967: 80)]
Für den 'Cours de linguistique générale' beruhen Konventionen auf Billigung oder Mißbilligung und stellen keine systematisch ableitbaren Gesetzmäßigkeiten dar; dementsprechend steht die Konventionalität sprachlicher Zeichen für den 'Cours de linguistique générale' in einem wechselseitigen Begründungsverhätnis mit der >Arbitrarität der Verbindung von Lautbild und Vorstellung:
"Daß eine wesentliche Eigenschaft der Sprache die Beständigkeit ist, hat seinen Grund nicht nur darin, daß sie in der Gesamtheit verankert ist, sondern auch darin, daß sie in der Zeit steht. Diese beiden Tatsachen sind untrennbar voneinander. Die Freiheit der Wahl wird in jedem Augenblick durch die Übereinstimmung mit der Vergangenheit in Schach gehalten: wir sagen 'Mensch' und 'Hund', weil man vor uns 'Mensch' und 'Hund' gesagt hat. Betrachtet man jedoch die Sprache als Gesamterscheinung, so besteht gleichwohl ein Zusammenhang zwischen diesen beiden einander widersprechenden Tatsachen: der freien Übereinkunft, kraft deren die Wahl in das Belieben gestellt ist, und der Zeit, vermöge deren das Ergebnis der Wahl schon festgelegt ist. Gerade deshalb, weil das Zeichen beliebig ist, gibt es für dasselbe kein anderes Gesetz als das der Überlieferung, und weil es auf die Überlieferung begründet ist, kann es beliebig sein."
[F. de Saussure (1967: 87)]
Konventionalität und Arbitrarität sprachlicher Zeichen beziehen sich im 'Cours de linguistique générale' auf unterschiedliche Aspekte: Während Arbitrarität das Verhältnis von Bezeichnetem und Bezeichnendem charakterisiert, kennzeichnet Konventionalität das sprachliche Verhalten, also das Verhältnis zwischen Zeichenbenutzern und Zeichen. (Zum Verhältnis von Konventionalität und Arbitrarität sprachlicher Zeichen vgl. z.B. Fónagy (1971), Küper (1983), Burling (1999), Lehmann (2006; 2007), Sofia (2007)).
(3)
Die neuere sprachphilosophische Literatur zum Thema Konventionalität/Konvention ist durch die Arbeiten des US-amerikanischen Philosophen D. K. Lewis (1941-2001) geprägt; vgl. zur Diskussion z.B. Essler (1987), Haller (1987), Millikan (1998), Muchlinski (1998), Pfister (2003), Rott (2003); umfassend Eicker (2005).
D. K. Lewis versteht unter Konventionen
"Regularitäten in unserem Verhalten, bzw. in unserem Verhalten und in unseren Annahmen (kurz: Verhaltens- und Glaubensregularitäten), Regularitäten, die zwar arbiträr sind, sich aber doch selbst perpetuieren"
[D. K. Lewis, Die Sprachen und die Sprache (1975). 1979: 198f.]
"mit gesellschaftlichem Druck ausgestattete Norm[en]"
[D. K. Lewis, Konventionen (1969). 1975: 99]
"Regularitäten, von denen wir glauben, daß man sie befolgen sollte."
[a.a.O. S. 97]
Konventionen sind Lewis zufolge Regularitäten, die sich in einer menschlichen Gemeinschaft auf der Grundlage wechselseitiger Erwartungen und gemeinsamer Präferenzen zur Lösung von so genannten Koordinationsproblemen entwickelt und stabilisiert haben. Koordinationsprobleme
"sind Situationen wechselseitig abhängiger Entscheidungen zwischen zwei oder mehr Teilnehmern, in denen Übereinstimmung der Interessen vorherrscht und in denen es zwei oder mehr echte Gleichgewichte gibt."
[a.a.O. S. 24]
Die Lösung von Koordinationsproblemen besteht in einem so genannten koordinativen Gleichgewicht, d.h.
"ein Gleichgewicht, bei dem kein Teilnehmer besser abgeschnitten hätte, wenn irgendein Teilnehmer allein anders gehandelt hätte"
[a.a.O. S. 14]
Ein Koordinationsgleichgewicht entsteht durch eine gewisse Regelmäßigkeit in den Handlungen der beteiligten Personen. Je öfter Personen einer solchen Regelmäßigkeit folgen, desto stärker wird der Glaube sein, dass sie dies auch bei zukünftigen Handlungen tun werden, und je stärker der diesbezügliche Glaube ist, desto öfter werden sie dieser Regelmäßigkeit folgen.
Eine Regularität R ist nun nach D. K. Lewis
"eine Konvention in einer Population P dann und nur dann, wenn in P die folgenden 6 Bedingungen gelten. (Oder zumindest meistens gelten. Ein paar Ausnahmen von den folgenden Allsätzen kann man tolerieren.)
(1) Jeder hält sich an R.
(2) Jeder glaubt, daß sich auch die anderen an R halten.
(3) Der Glaube, daß die anderen sich an R halten, gibt jedem einen guten und entscheidenden Grund, sich selbst an R zu halten. [...]
(4) Jeder zieht einen Zustand, in dem sich alle an R halten, einem Zustand vor, in dem sich nur fast alle an R halten, insbesondere also einem Zustand, in dem sich alle an R halten – nur ein einziger nicht. [...]
(5) R ist nicht die einzige mögliche Regularität, die die zuletzt genannten zwei Bedingungen erfüllt. [...]
(6) Schließlich sind die in den Bedingungen (1) bis (5) aufgeführten unterschiedlichen Tatsachen Gegenstand gemeinsamen (oder wechselseitigen) Wissens: Sie sind jedem bekannt, jeder weiß, daß sie jedem bekannt sind, usw."[D. K. Lewis, Die Sprachen und die Sprache (1975). 1979: 199f.]
Sprachliche Verständigung stellt nach Lewis ein spezielles Koordinationsproblem dar, dessen Lösung (neben der Beherrschung ein und derselben Sprache L) zwei Konventionen voraussetzt, convention of truthfulness und convention of trust:
"eine Konvention der Wahrhaftigkeit und des Vertrauens in L. In L wahrhaftig zu sein, heißt, in einer gewissen Art und Weise zu handeln: Niemals zu versuchen, irgendwelche Sätze von L zu äußern, die nicht wahr in L sind. Irgendwelche Sätze von L also nur dann zu äußern, wenn man glaubt, daß sie wahr in L sind. In L Vertrauen zu haben heißt, seine Annahmen auf eine gewisse Art und Weise zu bilden: Den anderen Wahrhaftigkeit in L zuzuschreiben und somit auf eine durch andere gemachte Äußerung eines Satzes von L hin in der Regel anzunehmen, daß der geäußerte Satz wahr in L ist."
[a.a.O. S. 202f.]
Entsprechend konstatiert auch G. Meggle (2003) im Hinblick auf die Bedingungen kommunikativen Erfolges:
"Verstandenwerden reicht nicht, damit Kommunikation Erfolg hat; und ebenso wenig reicht ein Verstandenwerden für die Stabilität einer Kommunikations-Regularität. [...] Stabil ist eine Kommunikative Regularität nur bei hinreichend häufigem kooperativem Verhalten auch auf Seiten des Kommunikations-Adressaten; und das wiederum ist nur dann gewährleistet, wenn hinter dieser Kooperation von S und H gemeinsame Interessen (und wiederum das gemeinsame Wissen um diese) stehen. [...] Verdankt sich die Stabilität einer Regularität solcherart gemeinsamen Interessen, so ist die betreffende Regularität mehr als nur eine solche: Sie ist eine Konvention. Kommunikative Konventionen - das ist die Basis, auf die sich unsere kommunikativen Verstehens- und Erfolgserwartung normalerweise stützen."
[Meggle 2003: S. 351]
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[auch in: ders., Philosophical Papers I. Oxford 1983, 163-188.]
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[http://www.saussure.ch/preprints/Sofia.pdf]
P. F. Strawson, Intention and Convention in Speech Acts. The Philosophical Review 1964/73, 439-460.
M. Weber, Wirtschaft und Gesellschaft. Grundriß der verstehenden Soziologie. Tübingen 11921, 21925, 41956, 51972.
Arbitrarität
Ikonizität
Motiviertheit
Norm
Sitte