Tiefenstruktur

 

auch: Basisstruktur, zugrundeliegende Struktur; in der >REST und >Rektions-Bindungs-Theorie: D-Struktur, Abk. für engl. deep structure; frz. structure profonde

 

Auf traditionelle Ideen, v. a. auf die Grammatik von Port Royal (17. Jh.) und W. v. Humboldts >Innere Sprachform zurückgehende syntaktische Ebene im Rahmen der >GG, die in Chomsky, Aspects das Konzept der >Kernsätze ablöste.

Die Tiefenstruktur ist eine syntaktische Struktur, welche alle für >Transformationen wichtigen Informationen wiedergibt. Dies sind einerseits strukturelle Informationen, welche sich auf die hierarchische (und u. U. lineare) Anordnung von Konstituenten beziehen, und andererseits Informationen von Lexikoneinträgen (>Basiskomponente), die aus der abstrakten Lexikonkomponente stammen und in der Tiefenstruktur als >Endsymbole auftreten. Die Tiefenstruktur wird von der >Basiskomponente erzeugt, und zwar durch das Zusammenwirken von >Phrasenstrukturregeln (PS-Regeln) und für die betreffenden Lexikoneinträge spezifische >Regeln der >Subkategorisierung.

In Chomsky, Aspects ist die Tiefenstruktur die Eingabestruktur für transformationelle Operationen einerseits, für die >Interpretative Semantik andererseits, und weist somit drei Schnittstellen auf (vgl. Abb. 1).

Das Konzept des >Aspekte-Modells stieß auf Kritik von verschiedenen Seiten, welche erstens in die Entwicklung der >Generativen Semantik und in deren Folge in diverse Ansätze der >Kognitiven Linguistik mündete, zweitens in Konzeptionen von Oberflächensyntaxen, drittens in Revisionen des >Modells selbst in Form der >EST, >REST, >Rektions-Bindungs-Theorie und des Minimalismus sowie in Alternativmodelle (>Unifikationsgrammatiken).

Die revidierten Versionen >EST, >REST und >Rektions-Bindungs-Theorie basieren auf der Idee, dass die Tiefenstruktur lediglich Informationen über bestimmte Relationen zwischen den Konstituenten repräsentiert, welche auf allen durch >Transformationen erzeugten Ebenen der >Ableitung erhalten bleiben, so dass die semantische Interpretation erst nach dem Operieren von >Transformationen stattfindet. Semantische und phonologische Interpretation erhalten hiermit gleichwertigen Status als auf (nun allerdings relativ abstrakten) >Oberflächenstrukturen operierende Komponenten, eine Konzeption, die im Prinzip auch noch für den Minimalismus gilt.

Die in der >REST/>Rektions-Bindungs-Theorie D-Struktur genannte Tiefenstruktur repräsentiert über die strukturellen Informationen der >X-Bar-Theorie Theta-Strukturen (>Theta-Rolle, Theta-Kriterium), die >Projektionen von >Argumenten darstellen, für welche entsprechende Lexikoneinträge spezifiziert werden.

Die D-Struktur ist somit die direkte Schnittstelle zur Lexikonkomponente, die ein mentales Lexikon abbilden soll. Die Korrektheit der erzeugten D-Strukturen wird durch das >Projektionsprinzip, durch generelle Prinzipien und >Beschränkungen der Theorie gewährleistet.

Die D-Struktur wird mittels der Transformationskomponente der Syntax, die nur noch aus dem Prinzip >Move α besteht (mit α als Variable für sprachspezifisch festzulegende Kategorien), in eine S-Struktur (>Oberflächenstruktur) überführt. Die S-Struktur ist die Eingabestruktur für die phonologische Form (PF) ( >Phonologische Komponente) und die >Logische Form (LF). PF ist die Schnittstelle zum motorischen und sensorischen System, LF ist die Schnittstelle zum konzeptuellen System. Die Gesamt-Architektur des Modells ist in Abb. 2 veranschaulicht.

Auf der Grundlage der dem >Mentalismus und dem >Nativismus verpflichteten Philosophie N. Chomskys geht die >Rektions-Bindungs-Theorie (ebenso wie der Minimalismus) davon aus, dass die Grammatik einer Einzelsprache eine spezifische Auswahl aus einem genetisch determinierten Potential möglicher sprachlicher Strukturen trifft, welches in Form von >Parametern erfasst werden soll. Die strukturell möglichen D-Strukturen und die Möglichkeit ihrer transformationellen Veränderung werden durch die Universalgrammatik begrenzt. Der Spracherwerb einer Einzelsprache besteht nach dieser Auffassung im Erwerb lexikalischer Idiosynkrasien und der Parameter-Spezifikationen (>Spracherwerbsmechanismus).

 

Abb. 1 Architektur des >Aspekte-Modells

 

Abb. 2 Architektur der >Rektions-Bindungs-Theorie

 

Literatur

siehe Generative Grammatik (GG)

 

 

© Norbert Fries, Online Lexikon Linguistik. Berlin 2006 ff.
http://fries.anaman.de

last modified: Mon 26-Nov-2007