Ausschnitte (2) aus: William Shakespeare "Hamlet"
- Hamlet im Gespräch mit Schauspielern
in der Übersetzung von Heiner Müller unter Mitarbeit von Matthias Langhoff
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HAMLET
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Auftritt Schauspieler.
Ihr seid willkommen, Meister, alle willkommen, - ich freu mich, dich wohl zu sehn - willkommen, liebe Freunde - oh mein alter Freund! Wie, dein Gesicht hat Fransen gekriegt, seit ich dich zuletzt sah. Muß man dir jetzt um den Bart gehn in Dänmark? - Wie, meine Dame und junge Frau? Bei der Jungfrau, Eure Jungfrauenschaft ist dem Himmel, seit ich Euch zuletzt sah, um die Höhe eines Absatzes näher. Geb Gott, daß Eure Stimme keinen Bruch hat wie eine Münze, die aus dem Verkehr ist. - Meister, ihr seid alle willkommen. Wir wolln es angehn wie die französischen Falkner, auf alles fliegen, was wir sehn, wir wolln gleich eine Rede! Kommt, gebt uns einen Geschmack Eurer Kunst, kommt, eine leidenschaftliche Rede.
SCHAUSPIELER Welche Rede, mein guter Lord?
HAMLET Ich hörte dich einmal eine Rede vortragen, doch sie wurde nie dargestellt, oder wenn, höchstens einmal; denn das Stück, ich erinnre mich, gefiel nicht der Menge; es war Kaviar für das Volk. Eine Stelle darin liebte ich besonders: es war Aeneas Erzählung für Dido, und da herum besonders, wo er von der Schlachtung des Priamus spricht, wenn es lebt in deinem Gedächtnis, beginn bei der Zeile... laß mich sehn, laß mich sehn . . .
»Der rauhe Pyrrhus, gleich Hyrkaniens Untier,
Nein, so nicht, es beginnt mit Pyrrhus -
Der rauhe Pyrrhus, dessen finstre Rüstung
Schwarz wie sein Vorsatz, gleichsah jener Nacht
Da er im Bauch des unglückschwangern Pferdes
Verborgen lag, hat seine Schreckgestalt
Beschmiert mit grausiger Heraldik. Jetzt
Von Haupt zu Fuß ganz scheußlich rot geschmückt
Mit Blut der Väter, Mütter, Töchter, Söhne
Das auf ihm trocknet in der Straßen Glut
Die grausam ein tyrannisches Licht verleihn
Zu ihres Herrn Mord. Heiß von Wut und Feuer
In Blut gekleidet so, mit Augen gleich
Karfunkeln, sucht der höllische Pyrrhus ihn
Den Alten, Priamus -«
So, mach du weiter.
POLONIUS Bei Gott, Mylord, wohlgesprochen, mit guter Betonung und gutem Maß.
SCHAUSPIELER »Er findet ihn
Mit Griechen kämpfend, matt. Sein altes Schwert
Rebellisch seinem Arm, liegt, wo es fällt
Verweigernd den Befehl. Ungleich gepaart
Stürzt Pyrrhus auf den Priam, holt weit aus
Aber vom Sausen seines Schwertschwungs schon
Fällt der entnervte Greis. Das tote Ilium
Als fühlt es diesen Schlag, beugt flammend
Mit seiner Höhe sich auf seinen Grund
Und nimmt mit einem fürchterlichen Krachen
Gefangen des Pyrrhus Ohr. Denn seht, sein Schwert
Das schon sich senkte auf das milchige Haupt
Des Priamus, schien in der Luft zu stehn.
So, ein gemalter Schrecken, stand er, Pyrrhus,
Und wie parteilos zwischen Kraft und Willen
Tat nichts.
Doch wie wir oftmals sehn vor einem Sturm
Ein Schweigen in den Himmeln, die Wolken still
Sprachlos die Winde und der Erdkreis unten
Dumpf wie der Tod, bis der gewaltige Donner
Die Luft zerreißt, so nach der Ruhe treibt
Die Rache neu den Pyrrhus an die Arbeit
Und niemals trafen der Zyklopen Hämmer
Die Rüstung des Mars, geschmiedet für ewige Dauer
Fühlloser als des Pyrrhus blutendes Schwert
Jetzt fällt auf Priamus. -
Schande auf dich, Hure Fortuna! All Ihr Götter
Im großen Rat, stoßt sie aus ihrer Macht
Brecht alle Speichen und Felgen ihres Rads
Und rollt vom Himmelsberg die runde Nabe
Bis zur Hölle hinab.«
POLONIUS Das ist zu lang.
HAMLET Es soll zum Barbier, mit Ihrem Bart. Bitte mach
weiter - er will einen Schwank oder eine Zote, sonst
schläft er ein - weiter, komm zu Hekuba.
SCHAUSPIELER »Doch wer oh Jammer
Gesehn hat die vermummte Königin-«
HAMLET Vermummte Königin?
POLONIUS Das ist gut, vermummte Königin ist gut.
SCHAUSPIELER »Barfuß lief sie herum, mit Tränengüssen
Den Flammen drohend, auf dem Haupte, wo
Das Diadem stand, ein Wischtuch und als Robe
Um ihre magren Lenden, von Wehen erschöpft
Ein Laken, im Alarm der Furcht ergriffen -
Der das gesehn, hätte Verrat geschrien
Zunge in Gift getaucht, gegen Fortuna.
Doch wenn die Götter selbst sie da gesehn
Als sie den Pyrrhus treiben sah sein Spiel
Mit seinem Schwert des Gatten Leib zerteilend
Der erste Ausbruch ihres Schreiens hätte
(Wenn Sterbliches die nicht ganz unbewegt läßt)
Des Himmels brennende Augen weinen gemacht
Und Götter Mitleid fühlen.«
POLONIUS Seht, hat er nicht die Farbe gewechselt, und
Tränen in den Augen - bitte, hört auf.
HAMLET Gut, du sprichst mir den Rest davon demnächst.
Bester Lord: seht zu, daß man die Schauspieler gut unterbringt. Hört Ihr, man soll sie gut behandeln, denn sie sind der Brennspiegel und die abgekürzte Chronik der Zeit. Ihr hättet, Sir, besser nach dem Tod eine schlechte Grabschrift als ihre üble Nachrede bei Lebzeit.
POLONIUS Mylord, ich werde sie behandeln nach ihrem Verdienst.
HAMLET Um Gottes Willen, Mensch, viel besser! Behandelt jeden nach seinem Verdienst, und wer ist sicher vorm Peitschen? Behandelt sie nach Eurer eignen Ehre und Würde: je weniger sie verdienen, desto mehr Verdienst ist Eure Güte. Nehmt sie mit.
POLONIUS Kommt, Sirs.
HAMLET Folgt ihm, Freunde, morgen wollen wir ein Schauspiel anhören. Ein Augenblick, alter Freund, könnt ihr »Die Ermordung Gonzagos« spielen?
1. SCHAUSPIELER Ja, Mylord.
HAMLET Das wollen wir morgen nacht haben. Du könntest, notfalls, eine Rede von einem Dutzend oder sechzehn Zeilen einstudieren, die ich aufschreiben und einschieben möchte?
1. SCHAUSPIELER Ja, Mylord.
HAMLET Sehr gut. Folg dem Lord, und mach dich nicht über ihn lustig.
Polonius und Schauspieler ab.
Liebe Freunde, ich verabschiede mich bis zum Abend, ihr seid willkommen in Helsingör.
ROSENCRANTZ Gnädiger Lord.
Rosencrantz und Guildenstern ab.
HAMLET Ja, Gott sei mit euch. Jetzt bin ich allein.
O welch ein Lump und Bauernknecht bin ich !
Ist nicht unglaublich, daß der Mime hier
Bei bloßer Dichtung, Traum von Leidenschaft
So seine Seele zwingt in eine Rolle
Daß seine Arbeit sein Gesicht entfärbt
In seinen Augen Tränen, verstört sein Blick
Gebrochne Stimme, und seine Haltung ganz
Zu seiner Rolle passend und alles um nichts
Um Hekuba!
Was ist Hekuba ihm, was er für Hekuba
Daß er um sie weinen soll? Was täte er
Hätt er zur Leidenschaft Motiv und Stichwort
Wie ich? Die Bühne mit Tränen ertränken und
Mit Greuelreden das Ohr der Menge löchern
Toll machen die Schuldigen, die Unschuld bleich.
Und ich
Ein stumpfer, schlammherziger Schurke, trotte
Wie John-im-Traum, der eignen Sache fremd
Und sage nichts, nein, nichts für einen König
An dessen Eigentum und hohem Leben
Verfluchter Raub geschah: Bin ich ein Feigling?
Wer nennt mich Schuft, schlägt mir den Schädel ein
Rupft mir den Bart, bläst ihn mir ins Gesicht
Zwickt mir die Nase, stopft mir "du lügst" in den Hals
Bis zu den Lungen - wer tut mir das?
Ha!
Bei Gott, ich steck es ein: es ist nicht anders
Ich hab ne Taubenleber, mir fehlt Galle
Den Druck zu bittern, denn sonst hätt ich längst
All unsre heimischen Geier fett gemacht
Mit dem Aas dieses Schurken. Geiler Bluthund!
Fühlloser, falscher, wüster, entarteter Bluthund.
O Rache!
Was für ein Esel bin ich. Es ist sehr tapfer
Daß ich, Sohn eines Vaters, der durch Mord starb
Zu meiner Rache von Himmel und Hölle gespornt.
Wie eine Hure mir mit Worten Luft mach
Und fall ins Fluchen wie die letzte Schlampe
Ein Waschweib!
Fie drauf, Foh! Setz dich in Gang, Gehirn! Hum, man erzählt
Daß schuldige Kreaturen im Theater
Durch bloße Kunst der Szene im Gemüt
So tief getroffen wurden, daß sogleich
Sie eingestanden ihre Missetaten.
Denn Mord, hat er auch keine Zunge, spricht
Mit wunderbarer Stimme. Sie solln mir was
Wie die Ermordung meines Vaters spielen
Vor meinem Onkel, ich will seinen Blick sehn
Treib ihm ins Fleisch die Sonde, und wenn er zuckt
Weiß ich meinen Weg. Der Geist, den ich gesehn hab
Kann ein Teufel sein, der Teufel hat die Macht
Zu lockender Verkleidung, ja, und vielleicht
Bei meiner Schwäche und Melancholie
Mißbraucht mich zur Verdammnis. Ich will Gründe
Die greifbar sind. Das Schauspiel sei die Schlinge
In die den König sein Gewissen bringe.
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9
Hamlet, Schauspieler.
HAMLET Sprecht bitte die Rede, wie ich sie euch vorsagte, leicht von der Zunge weg, denn wenn ihr den Mund voll nehmt, wie es viele von unsern Schauspielern tun, wär es mir ebenso lieb, der Stadtschreier sagte meine Verse. Auch sägt die Luft nicht zu sehr mit der Hand, so, sondern nehmt alles maßvoll, denn in allem Sturm und, darf ich sagen, Wirbelwind der Leidenschaft müßt ihr eine Mäßigung lernen und zeigen, die ihr Leichtigkeit gibt. Oh, es kränkt mich in der Seele, wenn ich einen klobigen perückenschädligen Kerl eine Leidenschaft in Stücke reißen höre, in wahre Fetzen, und sprengen die Ohren der Gründlinge im Parterre, die meist nichts begreifen als verworrenes Fratzenschneiden und Radau. Ich wollte so einen Kerl auspeitschen lassen, ich bitte euch, vermeidet das.
1. SCHAUSPIELER Ich stehe Euch dafür, Euer Gnaden.
HAMLET Seid auch nicht allzu zahm, sondern laßt euer eignes Urteil euren Erzieher sein, paßt das Spiel dem Wort, das Wort dem Spiel an, und achtet besonders darauf, daß ihr den Anstand der Natur nicht überschreitet; denn alle Übertreibung entfernt vom Zweck des Spiels, der von Anfang bis jetzt war und ist, der Natur sozusagen den Spiegel zu halten, der Tugend ihr eignes Gesicht, der Schande ihr eignes Bild zu zeigen und dem ganzen Zeitalter den Abdruck seiner Gestalt. Das übertrieben oder zu matt vorgebracht, kann, macht es auch die Unbedarften lachen, den Kenner nur ärgern; dessen einzelnes Urteil in euren Augen ein ganzes Theater voll mit den andern überwiegen muß. O, es gibt Schauspieler, die ich habe spielen sehen und von andern preisen hören, und zwar hoch, die, um es nicht grob zu sagen, weder den Tonfall hatten von Christen noch die Haltung von Christ, Heide oder Türke, und spreizten sich und blökten so, daß ich dachte, einige Handlanger der Natur hätten Menschen gemacht, und sie nicht gut gemacht, so abscheulich imitierten sie die Menschheit.
1. SCHAUSPIELER Ich hoffe, wir haben das ziemlich abgeschafft bei uns, Sir.
HAMLET O schafft es ganz ab. Und laßt die, die euch die Clowns spielen, nie mehr sagen als für sie geschrieben ist: denn unter ihnen sind welche, die lachen selbst, um einen Haufen alberner Zuschauer zum Lachen zu bringen, obwohl inzwischen eine wichtige Frage des Stücks zu bedenken wäre. Das ist schändlich und zeigt einen elenden Ehrgeiz an dem Narren, der es tut. Geht, macht euch fertig. Schauspieler ab. Auftritt Polonius, Rosencrantz, Guildenstern. Nun, Mylord, wird der König dieses Stück Arbeit hören?
POLONIUS Und die Königin auch, und das gleich.
HAMLET Treibt die Schauspieler zur Eile.
Polonius ab.
Wollt ihr zwei sie antreiben helfen?
ROSENCRANTZ Ja, Mylord.
Rosencrantz und Guildenstern ab.
HAMLET He, Horatio !
Auftritt Horatio.
HORATIO Hier, lieber Lord, zu Eurem Dienst.
HAMLET Du bist, Horatio, ein so gerader Mann
Als mir im Umgang je begegnet ist.
HORATIO O, mein teurer Lord.
HAMLET Nein, glaub nicht, daß ich schmeichle
Denn welchen Vorteil sollt ich hoffen von dir
Der kein Einkommen hat als gute Laune
Davon zu leben? Warum dem Armen schmeicheln?
Nein, laß die Honigzunge lecken den Pomp
Und beugen das immer gelenke Knie
Wo Schmeichelei Gewinn bringt. Hörst du mich?
Seit meine Seele Herrin ihrer Wahl war
Und Männer kennt nach ihrem Unterschied
Bist du darin, versiegelt. Denn du warst
Alles erleidend, einer, der nicht leidet
Ein Mann, der Schicksals Schläge und Geschenke
Hinnahm mit gleichem Dank. Gesegnet die
Bei denen Blut und Urteil so sich mischen
Daß sie nicht Flöten sind im Spiel Fortunas
Tönend nach ihrem Griff. Gebt mir den Mann
Den nicht zum Sklaven macht die Leidenschaft
In meinem Herzen, ja im Herz meines Herzens
Will ich ihn halten wie dich. Etwas zu viel davon
Heut abend ist ein Schauspiel vor dem König
Und eine Szene kommt sehr nah dem Umstand
Den ich dir sagte vom Tod meines Vaters.
Ich bitte dich, wenn du siehst, sie kommt in Gang
Dann mit den Augen deiner Seele blick
Auf meinen Onkel. Wenn versteckte Schuld
Nicht ausbricht bei einer gewissen Stelle
Ist, was wir sahen, ein verdammter Geist
Und meine Phantasien sind so schwarz
Wie Vulkans Werkstatt. Prüf ihn ganz genau
Ich selbst will meine Augen auf ihn heften
Und wir vergleichen unsern Eindruck dann
Zur Deutung seines Aussehns.
HORATIO Gut, Mylord
Wenn er was stiehlt, solang das Spiel gespielt wird
Und ich entdeck es nicht, zahl ich den Diebstahl.
Trompeten.
HAMLET Sie kommen zum Schauspiel. Ich muß albern sein.
Such dir deinen Platz.
Auftritt König, Königin, Polonius, Ophelia, Rosencrantz und Guildenstern.
KÖNIG Wie lebt Unser Neffe Hamlet?
HAMLET Ganz ausgezeichnet, von des Chamäleons Teller. Ich esse die Luft, gestopft mit Versprechungen. So könnt Ihr Kapaune nicht mästen.
KÖNIG Ich habe mit dieser Antwort nichts zu schaffen, Hamlet, diese Worte sind nicht meine.
HAMLET Meine auch nicht mehr, Mylord. Sie spielten einmal auf der Universität, sagten Sie?
POLONIUS Das tat ich, Mylord, und galt als guter Darsteller.
HAMLET Was stellten Sie dar?
POLONIUS Ich stellte Julius Caesar dar. Ich wurde umgebracht im Capitol, Brutus brachte mich um.
HAMLET Es war brutal von ihm, ein so kapitales Kalb umzubringen. Sind die Schauspieler fertig?
ROSENCRANTZ Ja, Mylord, sie warten auf Ihre Erlaubnis.
KÖNIGIN Komm hierher, mein lieber Hamlet, sitz bei mir.
HAMLET Nein, gute Mutter, hier der Magnet zieht mehr.
POLONIUS Oho! Merkt Ihr das?
HAMLET Lady, soll ich in Ihrem Schoß liegen?
OPHELIA Nein, Mylord.
HAMLET Ich meine, den Kopf auf Ihrem Schoß.
OPHELIA Ja, Mylord.
HAMLET Dachten Sie, ich meinte was Landläufiges?
OPHELIA Ich denke nichts, Mylord.
HAMLET Das ist ein schöner Gedanke, zwischen den Beinen eines Mädchens zu liegen.
OPHELIA Was ist, Mylord?
HAMLET Nichts.
OPHELIA Ihr seid lustig, Mylord.
HAMLET Wer, ich?
OPHELIA Ja, Mylord.
HAMLET O Gott, Euer einziger Spaßmacher. Was soll ein Mann tun außer lustig sein, denn, seht Ihr, wie heiter meine Mutter blickt, und mein Vater starb vor nicht zwei Stunden.
OPHELIA Nein, es sind zweimal zwei Monate, Mylord.
HAMLET So lange? Nun, dann soll der Teufel schwarz tragen, ich will einen Zobel! Oh ihr Himmel, zwei Monate tot und noch nicht vergessen? Dann ist Hoffnung, daß eines großen Mannes Andenken sein Leben überlebt um ein halbes Jahr. Doch, bei der Jungfrau, er muß Kirchen baun, sonst schwindet er aus dem Gedächtnis wie das Steckenpferd, dessen Grabschrift ist: Denn o, denn o, vergessen ist das Steckenpferd.
Auftritt ein König und eine Königin, sehr zärtlich, die Königin ihn umarmend und er sie. Sie kniet und macht Gebärden der Beteuerung. Er nimmt sie auf und neigt seinen Kopf auf ihre Schulter. Er legt sich auf ein Blumenbeet. Sie sieht, daß er schläft und geht. Dann kommt ein andrer Mann, nimmt ihm die Krone ab, küßt sie, gießt Gift in die Ohren des Schläfers und geht. Die Königin kommt zurück, findet den König tot und macht leidenschaftliche Gesten. Der Vergifter kommt mit drei oder vier Statisten wieder und scheint mit ihr zu trauern. Die Leiche wird weggetragen. Der Vergifier wirbt um die Königin mit Geschenken. Eine Zeitlang scheint sie abweisend, aber am Ende nimmt sie seine Liebe an.
OPHELIA Was bedeutet das, Mylord?
HAMLET Das ist Meuchelmischmasch, es bedeutet Unheil.
OPHELIA Vielleicht zeigt die Schaustellung den Inhalt des Spiels an.
Auftritt Prolog.
HAMLET Wir werden es erfahren von diesem Kerl. Schauspieler halten kein Geheimnis, sie plaudern alles aus.
OPHELIA Wird er aufklären, was die Schau zeigt?
HAMLET Ja, oder jede Schau, die Sie ihm zeigen. Schämen Sie sich nicht, etwas zur Schau zu stellen, er wird sich nicht schämen, Sie aufzuklären.
OPHELIA Ihr seid schlimm, Ihr seid schlimm, ich will auf das Spiel achten.
PROLOG Für uns und unsre tragische Kunst
Erbitten wir Gehör und Gunst.
Ab.
HAMLET Ist das ein Prolog oder ein Spruch für einen Ring?
OPHELIA Es ist kurz, Mylord.
HAMLET Wie Frauenliebe.
Zwei Schauspieler, König und Königin, treten auf.
KÖNIG Schon dreißig Mal hat den Apoll sein Sonnenwagen
Um Neptuns Salzflut und des Tellus Grund getragen
Und dreißig Dutzend Monde sind um diese Welt
Gegangen schon, fahl von geborgtem Glanz erhellt
Seit Liebe Herz in Herz und Hymen Hand in Hand
Vereint hat uns mit seinem sehr heiligen Band.
KÖNIGIN O möchten Sonn und Mond uns noch die Gunst erweisen
Eh Liebe stirbt zu zählen so viel Jahresreisen.
Doch weh ist mir, Ihr seid so krank in letzter Zeit
So weit entfernt von voriger Kraft und Heiterkeit
Daß mich die Sorge quält. Doch macht es mir auch Qual.
Zu denken. daß mein Sorgen Euch quält, mein Gemahl
Denn so ist Furcht der Weiber ihrer Liebe gleich
Daß beide nicht sind oder eins am andern reich.
Was meine Liebe ist, davon habt Ihr Beweis
Und so ist meine Furcht jetzt meiner Liebe Preis.
Wo Liebe ist, wächst Furcht aus kleinen Ängsten bloß
Und wachsend mit der Furcht wird auch die Liebe groß.
KÖNIG Verlassen muß ich, Liebe, dich, und das schon bald
Mich unterwirft des Alters schwächende Gewalt
Du sollst in dieser schönen Welt nach mir noch leben
Geehrt, geliebt; und vielleicht wird, dir gleich ergeben
Ein andrer Gatte
KÖNIGIN O sprich das nicht weiter, nein
Verrat nur kann in meiner Brust solch Lieben sein
Laß mich verflucht sein dafür. Nur die einem Mann
Den Tod gegeben hat den zweiten lieben kann.
HAMLET Das ist Wermut.
KÖNIGIN Aus Liebe nicht schließt man den zweiten Ehebund
Niedrige Sucht nach Vorteil ist sein wahrer Grund.
Ein zweites Mal den toten Gatten töte ich
Wenn in des Toten Bett der zweite Mann küßt mich.
KÖNIG Ihr denkt was Ihr jetzt redet, daran zweifl ich nicht
Doch oft geschiehts, daß man den eignen Vorsatz bricht.
Der Sklave der Erinnrung ist er nur, geboren
Mit Kraft, an Wirkung arm und mit der Zeit verloren
Gleichend der grünen Frucht, die fest am Baum sich hält
Und vor dem ersten Schütteln, wenn sie reif ist, fällt.
Notwendig ist es wohl, daß man so leicht vergißt
Sich selbst zu zahlen, was sich selbst man schuldig ist.
Was in der Leidenschaft beschlossen ist, verliert
Sein Ziel, wenn Leidenschaft zu kalter Asche wird
Solche Gewalt ist in der Freude und im Leid
Die selber sich zerstört durch eigne Heftigkeit.
Es ist nicht seltsam, weil ja diese Welt vergeht
Daß unsre Lieb sich wendet wie das Glück sich dreht
Denn das ist eine Frage, die zu fragen bleibt
Ob Liebe treibt das Glück oder Glück Liebe treibt.
Der große Mann gestürzt, siehst du den Günstling fliehn
Der Arme aufgestiegen, Feinde lieben ihn
Und so ganz nach dem Glück scheint Liebe auszuwählen
Denn wer ihn gar nicht braucht, dem wird ein Freund nie fehlen
Und wer in Not erproben will den falschen Freund
Verwandelt ihn auf gradem Weg in seinen Feind.
Zu enden nach der Regel so wie ich begann:
Wille und Schicksal gehen so konträre Bahn
Daß unser Planen stets der Zufall biegt und bricht
Unser ist der Gedanke, doch sein Wirken nicht.
Du denkst, ein zweiter Gatte soll dich nicht erwerben.
Mit deines ersten Tod kann der Gedanke sterben.
KÖNIGIN Gib mir nicht Nahrung, Erde, Himmel mir kein Licht
Vergönn mir, Tag, die Lust, und Nacht den Schlummer nicht
Mein Glauben und mein Hoffen soll Verzweiflung sein
Kette und Kerker schließe ganz mein Leben ein
Mag alles, was das Bild der Freude bleichen mag
Zerstören was als Liebstes ich im Herzen trag
Heimsuchung sei mein Teil im Himmel wie auf Erden
Sollt, einmal Witwe, jemals wieder Weib ich werden.
HAMLET Wenn sie den Eid nun bricht.
KÖNIG 's ist tief geschworen. Lieb, laß eine Zeit mich ruhn
Mein Geist wird matt, den langen Taglauf will ich nun
Täuschen mit Schlaf.
KÖNIGIN Mag deinem Denken Wiege sein
Dein Schlaf. Und nie soll irgend Unglück uns entzwein.
Ab.
HAMLET Madam, wie gefällt Ihnen das Stück?
KÖNIGIN Die Dame verspricht zu viel, scheint mir.
HAMLET Oh, aber sie wird ihr Wort halten.
KÖNIG Habt Ihr den Inhalt gehört? Ist kein Ärgernis darin?
HAMLET Nein, nein, sie machen nur Spaß, vergiften zum
Spaß, kein Argernis in der Welt.
KÖNIG Wie nennt Ihr das Spiel?
HAMLET Die Mausefalle. Und warum? Bildlich. Das Stück ist die Darstellung eines Mordes, ausgeführt in Wien. Gonzago ist der Name des Herzogs, seine Frau Baptista, Sie werden gleich sehn, es ist ein schurkisches Stück Arbeit, aber was macht das? Eure Majestät und uns, die wir ein unbeschwertes Herz haben, uns berührt das nicht. Mag die wundgerittne Mähre zucken, unser Fell ist heil.
Auftritt Lucianus.
Das ist ein gewisser Lucianus, Neffe des Königs.
OPHELIA Ihr seid ein guter Chorus, Mylord.
HAMLET Ich könnte dolmetschen zwischen Ihnen und Ihrer Liebe, wenn Sie nur die Puppen tanzen ließen.
OPHELIA Ihr seid spitz, Mylord, Ihr seid spitz.
HAMLET Es würde Sie ein Stöhnen kosten, meine Spitze abzustumpfen.
OPHELIA Noch besser und schlimmer.
HAMLET So nehmt ihr eure Männer.
Fang an, Mörder, Pest! Laß deine verdammten Fratzen und fang an! Komm
»Der krächzende Rabe, der um Rache schreit . . .«
LUCIANUS Gedanken schwarz, Hände bereit, Gift wirksam, Zeit
Verbündet, kein sehendes Auge weit und breit
Du Trank voll Finsternis aus mitternächtigem Kraut
Dreifach von Hekate verflucht und giftumbraut
Mit deinem Zauber und grausamer Eigenschaft
Wirf schnell dich jetzt auf die gesunde Lebenskraft.
Gießt das Gift in das Ohr des Schlafenden.
HAMLET Er vergiftet ihn im Garten von Staats wegen, sein Name Gonzago. Die Geschichte ist wahr, und geschrieben in sehr gewähltem Italienisch. Sie werden gleich sehn, wie der Mörder die Liebe von Gonzagos Weib gewinnt.
OPHELIA Der König steht auf !
HAMLET Wie, Angst vor Strohfeuer?
KÖNIGIN Was ist, Mylord?
POLONIUS Brecht das Schauspiel ab!
KÖNIG Gebt mir etwas Licht, weg!
POLONIUS Licht! Licht! Licht!
Abgang Hof.
HAMLET Laßt weinen gehn den Hirsch, dens traf
Der heile spielt im Feld
Denn der muß wachen, der braucht Schlaf
Das ist der Lauf der Welt.
Würde nicht das, Sir, und ein Wald Federbüsche, wenn mein restliches Glück in die Binsen geht, mit zwei provencalischen Rosen auf meinen geschlitzten Schuhn, mich zum Mitglied machen in einer Meute von Schauspielern, Sir?
HORATIO Mit halbem Anteil.
...
aus: Heiner Müller: Shakespeare Factory 2. Berlin: Rotbuch, 1994. (5.-6. Tausend).