Forschungsprojekte - Prof. Dr. Werner Roecke


Lachkultur des Mittelalters und der Frühen Neuzeit
(zusammen mit H. J. Bachorski, Potsdam)

Theoretische Bestimmungen des Komischen und Forschungen zum "Grund des Vergnügens am komischen Helden" verfuhren bislang ontologisch: Gefragt wurde nach dem "Wesen des Komischen", nicht aber nach den Funktionen und Wirkungszusammenhängen des Lachens. Demgegenüber bietet die Kategorie des Performativen die Möglichkeit, die Inszenierung, die Technik und die Wirkungsmöglichkeit des Lachens in unterschiedlichen sozio-kulturellen Kontexten vergleichend zu untersuchen. Die Formen des Witzes und des Witzigen sind dafür in besonderem Maße geeignet, da jeder Witz als "sozialer Vorgang" konzipiert ist, der einer je unterschiedlichen Dramaturgie, Rhetorik und Körpersprache folgt. In dem Projekt wird der intellektuell-rhetorische Witz, der mit Hilfe von Sprachspielen, Verkehrungen vertrauter Sinndeutungen Lachen hervorruft, von dem körpersprachlichen und figurativen Witz unterschieden, der sich vor allem der Visualität des Zeigegestus und der Komik des lebenden Bildes bedient. Die Funktionsweisen des intellektuell-rhetorischen Witzes sollen anhand der lateinischen und volkssprachlichen Fazetienkultur des Spätmittelalters vergleichend erarbeitet werden, die zunächst im höfischen, dann aber auch immer mehr in universitären und humanistischen Gebrauchszusammenhängen je unterrschiedliche Formen sozialer und literarischer Kommunikation ermöglichte. Der körpersprachlich-figurative Witz hingegen soll anhand der Selbstinszenierung und Körperbilder spätmittelalterlicher Narren und närrischer Pfaffen untersucht werden. Dann soll aber vor allem die Frage im Mittelpunkt stehen, ob und wieweit die Visualität des Zeigegestus mit seiner Verschriftlichung in Fastnachtspiel oder Singspiel des 15.-17. Jahrhunderts modifiziert und literarisiert wird. 

 
Hermeneutik der Fremde: Die Logik der Monster, Erdrandbewohner und Wunderzeichen im Mittelalter und in der Frühen Neuzeit.

Fremde oder Fremdheit sind keine ontologischen Kategorien. Sie beschreiben keine objektiven Eigenschaften von Menschen, Völkern, Kulturen oder Texten, sondern markieren eine besondere Form der Erfahrung mit und der Verständigung über Menschen oder Völker, die wir als befremdlich ansehen. Daraus folgt, daß das Verstehen des Fremden und der Fremde weitgehend auf die Rekonstruktion und Analyse der Darstellungs- und Deutungsmuster beschränkt bleiben, mit deren Hilfe wir Alterität oder Fremde überhaupt wahrnehmen können. Im europäischen Mittelalter hat es nur wenige stereotype und kollektive Bilder von der Fremde gegeben, die in literarischen Texten auf ganz unterschiedliche Weise reflektiert werden. Eins, wenn nicht das wichtigste dieser Bilder, stellt die indischen Monstra oder Erdrandbewohner dar, die im Spätmittelalter und in der Frühen Neuzeit aber einer interessanten Diskursverschiebung vom geographisch-theologischen zum medizinisch-naturwissenschaftlichen Diskurs unterliegen. Während das Mittelalter die monströsen Erdrandbewohner als Teil von Gottes Schöpfung legitimierte (Augustinus), werden sie im 16. Jahrhundert - in Gestalt von Mißgeburten und Mißbildungen unterschiedlichster Art - zu apokalyptischen Zeichen von Gottes Zorn und seines bevorstehenden Weltgerichts, aber auch zum Gegenstand medizinischer Erläuterungen. In dem Projekt stehen das Nebeneinander und die Verschiebung der geographisch-theologischen und medizinisch-naturwissenschaftlichen Bilder von der Fremde im Mittelpunkt. 

 
Literatur:
  • W. Röcke: Die narrative Aneignung des Fremden. Zur Literarisierung exotischer Welten im Roman des späten Mittelalters. In: Furcht und Faszination. Facetten der Fremdheit, hg. von Herfried Münkler unter Mitarbeit von Bernd Ladwig. Berlin 1997, S. 347-378.
  • W. Röcke: Erdrandbewohner und Wunderzeichen. Deutungsmuster von Alterität in der Literatur des Mittelalters. In: Der fremdgewordene Text. Festschrift für Helmut Brackert zum 65. Gebutstag, hg. von Silvia Bovenschen, Winfried Frey, Stephan Fuchs, Walter Raitz und Dieter Seitz. Berlin/New York 1997, 265-284.
 
SFB: "Kulturen des Performativen".
'Performative turns' im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in der Moderne

 

Der SFB (FU Berlin, HU Berlin, TU Berlin, Universität Potsdam) untersucht das Verhältnis von Performativität und Textualität sowie die Funktionen und Bedeutungen des Performativen in den großen europäischen Kommunikationsumbrüchen im Mittelalter, in der Frühen Neuzeit und in der Moderne.
Bitte beachten Sie hierzu auch das Internetangebot der Uni Potsdam.
 

 

Teilprojekt A3: Dramaturgie von Witz und Witzkultur in Spätmittelalter und Früher Neuzeit 
(Prof. Dr. Hans-Jürgen Bachorski / Prof. Dr. Werner Röcke)

 

Theoretische Bestimmungen des Komischen verfuhren lange ontologisch. Gefragt wurde nach dem 'Wesen des Komischen', nicht aber nach den Funktionen und Wirkungszusammenhängen des Lachens. Die Kategorie des Performativen hingegen bietet die Möglichkeit, Inszenierungen, Techniken und Wirkungsmöglichkeiten des Lachens in unterschiedlichen soziokulturellen Zusammenhängen vergleichend zu untersuchen. die Formen des Witzes und des Witzigen sind hierfür besonders geeignet, da jeder Witz in Dramaturgie, Rhetorik und Körpersprache als "sozialer Vorgang" konzipiert ist. Intellektuell-rhethorischer Witz ruft mit Hilfe von Sprachspielen, Verkehrungen vertrauter Sinndeutungen Lachen hervor; figurativer, körpersprachlicher Witz bedient sich v.a. der Visualität des Zeigegestus und der Komik des lebenden Bildes. Die Funktionsweisen des intellektuell-rhetorischen Witzes sollen anhand der lateinischen und volkssprachigen Fazetienliteratur des Spätmittelalters erarbeitet werden, die zunächst im höfischen, dann aber auch immer mehr in universitären und humanistischen Gebrauchszusammenhängen je unterschiedliche Formen der Kommunikation ermöglichte. Der körpersprachlich-figurative Witz hingegen soll anhand der Selbstinszenierung und Körperbilder spätmittelalterlicher Narren und närrischer Pfaffen untersucht werden. Von zentraler Bedeutung wird immer die Frage sein, ob und inwieweit die Visualität des Zeigegestus mit seiner Verschriftlichung in Fastnachtspiel oder Singspiel des 15.-17. Jh.s modifiziert und literarisiert wird.

 

Stand: März 1999
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