|
|
Volker Hoffmann (München)
Für den Zeitraum von 1770 bis 1790, in dem sich die moderne Literaturgesellschaft
herausbildet, ist es typisch, daß überlieferte Denk- und Wertvorstellungen
in Frage gestellt und neue Konzeptionen oft stürmisch und kontrovers
entwickelt werden, die dann um und nach 1800 in umfassenden Systemsynthesen
gebändigt werden. Dies trifft auch für die Festlegung männlicher
und weiblicher Rollenbilder zu: mit Recht wurde gesagt, daß die bis
weit in unser Jahrhundert hinein gültigen psychosozialen Geschlechtercharakteristika
„[...] im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts `erfunden´“ wurden [1].
Zuvor waren einzelne Aspekte der Geschlechterbestimmung - sieht man von
der Satire, der Komödie und ihren einschlägigen Thementopoi ab
- innerhalb der moralischen Naturlehre, Verhaltenskasuistik und der Reformerziehung
behandelt worden; an der Festlegung einer generell gültigen ‘Geschlechtercharakteristik’
bestand kein Interesse [2].
Ab ca. 1770 ändert sich das Bild. Die singulären, bisher auch
mit Berufung auf Konvention und Tradition begründeten, stets streng
standesbezogenen Pflichten von Mann und Frau werden von der jungen bürgerlichen
Bildungselite innerhalb des neu expandierenden moralessayistischen Schrifttums
generalisiert und in standesübergreifende und möglichst ‘natur’-begründete
Werte umgewandelt, für die breite, wenn nicht universale Geltung beansprucht
wird. Gegen Ende des Jahrhunderts markieren Bezeichnungen und Titel wie
„Charakter des Geschlechts“, „Charakteristik dieses Geschlechts“ (I. Kant)
[3]; „Charakteristik des weiblichen Geschlechts“ bzw. „Der Mann. Ein anthropologisches
Charaktergemälde seines Geschlechts“ (C. Fr. Pockels) [4], „Der Charakter
und die Bestimmung des Mannes” (Fr. Ehrenberg) [5] dieses neue Interesse
an prinzipieller Festlegung der Geschlechterrollen.
Im Zusammenhang mit dem neuen Bedürfnis, die Geschlechtercharakteristik
grundsätzlich zu etablieren, findet in Deutschland seit Beginn der
70er Jahre des 18. Jahrhunderts bis kurz nach der Jahrhundertwende eine
kontroverse und teilweise innovatorische Diskussion über die Rolle
der beiden Geschlechter statt. Sie ist in zahlreichen Punkten den einschlägigen
englischen und französischen Schriften verpflichtet, was sich schon
an dem hohen Anteil der Übersetzungsliteratur zeigt [6]; vor allem
die Rousseaurezeption [7], wie später dann auch die Ereignisse der
Französischen Revolution [8], intensivieren und beschleunigen die Diskussion
in Deutschland. Man war sich der wechselseitigen Bezogenheit der beiden
beunruhigenden Problemkreise, hier der politisch-ständischen, dort
der häuslich-partnerschaftlichen Neuordnung, bewußt: man denke
an Goethes Trauerspiel Die natürliche Tochter (1803) oder an
Hippels Vorwurf, die Französische Revolution habe vor der Frauenemanzipation
halt gemacht [9].
Dennoch nimmt die Diskussion in Deutschland einen eigenen Verlauf. Ihre
kontinuierliche Basis bilden nach dem Vorgang der Moralischen Wochenschriften
[10] die Almanache und Taschenbücher [11] sowie Zeitschriften [12],
das ökonomische Schrifttum in Form der Hausväter- und Hausmutterliteratur
[13], die pädagogischen [14], lebenspraktischen [15] und diätetischen
[16] Schriften, ferner die populärwissenschaftlichen psychologisierenden
Charakteristiken [17] und die vergleichenden Kultur- bzw. Sittengeschichten
[18] sowie die Länderkunden und Reisebeschreibungen [19]. Von dieser
Basis heben sich fünf Phasen der Argumentation ab, welche die Diskussion
anfangs vorantreiben, am Schluß allerdings auch hemmen und zum Erliegen
bringen.
Der erste Impuls für die goethezeitliche Diskussion der Geschlechtercharakteristik
geht von der ostpreußischen Literatengruppe Hamann [20], Herder,
August Wilhelm Hupel (1737-1819) [21] und Hippel [22] aus. Eine Art Vorläufer
ist der aus Nürnberg gebürtige und später in Warschau ansässige
Buchhändler Michael Gröll (1722-1800), der das weibliche Geschlecht
unter Berufung auf den konventionellen Status der Geschlechterrollen und
auf frauenfreundliche moralische Wochenschriften gegen die satirischen
Vorwürfe der nachbarocken Frauenkritik verteidigt [23]. Die genannte
Gruppe unternimmt in bislang ungewohnter Radikalität eine neue ‘Lektüre’
der in Natur, Offenbarung und antiker Überlieferung enthaltenen Daten
zu den Geschlechterrollen und gibt die Ergebnisse in provokativ-witzigem
Stil weiter.
So kehren Hupel und Hippel die traditionelle Hierarchie der Ehezwecke
um, indem sie die partnerschaftliche Hilfeleistung der Arterhaltung bzw.
Fortpflanzung verordnen [24]. Im Briefgespräch zwischen Hamann und
Herder wird die folgende Umwertung der Sündenfallgeschichte vorgenommen:
Die Frau ist nicht länger Verursacherin einer heilsgeschichtlich-anthropologischen
Katastrophe, sondern Geburtshelferin bei der Vernunftwerdung des Menschen
[25].
Die zweite Phase der Diskussion wird durch die belletristische Revolution
zwischen Goethes Die Leiden des jungen Werther (1774) und Heinses
Ardinghello und die glückseeligen Inseln (1787) geprägt. In den fiktionalen
Texten dieser Jahre werden die Gewichte zwischen den niederen, sogenannten ‘tierischen’
Vermögen des Menschen (Sinnlichkeit, Affekte, auch Einbildungskraft
und Wille) und den höheren Geistes- und Seelenkräften (Verstand,
moralische Vernunft) neu verteilt und für die damit verbundene Normenänderung
werden neue Leserkreise, vor allem auch Frauen, gewonnen [26].
Gegenüber den bislang überwiegend progressiv-emanzipatorischen
Tendenzen meldet sich in der dritten Phase die feudalistisch-bürgerliche
Männerfronde in der Person des hohen Göttinger Beamten Ernst
Brandes zu Wort. An seinem 1787 anonym erschienenen Buch Über die
Weiber, das sich gegen die aus Frankreich übernommene Galanterie
und die damit verbundenen Änderungen des Frauenbildes wendet, entzündet
sich eine heftige Diskussion, die bis kurz nach 1800 dauert [27]. Brandes
wird von Meiners und Pockels unterstützt [28]. Im Gegenlager stehen
Mauvillon, der eine förmliche Gegenschrift verfaßt [29], und
- schwieriger in seiner Position zu bestimmen - Hippel [30].
An Argumenten prallen aufeinander: 1. die Dekadenztheorie in Form von
antifranzösischer Zivilisationskritik und Rückwendung zu altdeutschen
‘naturnahen’ Zuständen gegen den frankophilen Zivilisationsoptimismus;
2. die völlige Dichotomie der Geschlechter in allen Bereichen (physiologisch,
psychisch, intellektuell, moralisch) und die Betonung der Selbständigkeit
der Geschlechter außerhalb der Fortpflanzungstätigkeit gegen
die Reduzierung der Dichotomie der Geschlechtseigentümlichkeiten auf
die physiologischen Unterschiede und die Betonung der wechselseitigen Ergänzungsbedürftigkeit
der Geschlechter; 3. die grundsätzliche Abwertung der Frau aufgrund
naturhafter Defekte und sozialer Minderwertigkeit gegen die grundsätzliche
Gleichwertigkeit der Geschlechter und Forderung nach Gleichberechtigung
auf allen Ebenen.
Mit dem Jahr 1795 beginnen als vierte Phase, die ebenfalls kurz nach
1800 endet, zwei weitere Stränge der Diskussion. Der eine geht von
dem Erfolgsbuch der Wilhelmine Karoline von Wobeser Elisa, oder das
Weib, wie es seyn sollte [31] aus [32], das die in der zweiten Phase
gewonnene Beweglichkeit der Normen dadurch wieder rückgängig
zu machen sucht, daß die Frau auf ein der Moral der Hausväterliteratur
[33] analoges Frauenbild festgelegt wird. - Der andere Diskussionsstrang
beginnt mit Wilhelm von Humboldts Aufsätzen zur Geschlechterpolarität,
die 1795 in Schillers Monatsschrift Die Horen erscheinen [34]. Kennzeichnend
für Humboldt ist, daß in binären Merkmalskatalogen die
gegensätzliche ‘Natur’ und zugleich die wechselweise Bezogenheit der
Geschlechter herausgearbeitet wird und daß dieses als ‘Polarität’
bezeichnete Denkmodell zu einer universalen Wirklichkeitsstruktur generalisiert
und hypostasiert wird. Die Geschlechterpolarität bleibt bis zu den
Anthropologien der späten Goethezeit eines der attraktivsten Ordnungsraster
[35].
Die Gegenposition vertritt Friedrich Schlegel mit seiner Konzeption
von der Mischung der dichotomischen Geschlechtercharakteristika in einem
Geschlecht. Das Ideal ist - wohl unter Rückbezug auf Winkelmann [36]
- „sanfte Männlichkeit” und „selbständige Weiblichkeit” [37].
Schiller, der sich von Schlegels Gegenposition provoziert fühlt, vergröbert
Humboldts Polaritätskonzeption zur plakativen Dichotomie der Geschlechterrollen
und zieht sich durch deren Versifizierung - Die Würde der Frauen
(1796), Das Lied von der Glocke (1799) u.a. - den Spott und die
Kritik Schlegels und Schleiermachers zu. Diese veröffentlichen im
Zeitraum von 1798 bis Sommer 1800 zum Thema Geschlechtercharakteristik
Fragmente im Athenäum, darunter Schleiermacher den Katechismus
der Vernunft für edle Frauen (1796), daraufhin publizierte Schlegel
allein den Brief Über die Philosophie (1799), das Gespräch
über die Poesie (1800) und vor allem den Roman Lucinde
(1799), dessen innovatorischen Charakter dann Schleiermacher mit seinen
anonym erschienenen Vertrauten Briefen über Friedrich Schlegels
Lucinde (1800) „Unverständigen„ [38] näherzubringen sucht
[39].
In dieser kontroversen Situation verfaßt Goethe im Juni 1800 für
Cottas Taschenbuch für Damen auf das Jahr 1801 (hg. v. Therese
Huber, August Lafontaine, Gottlieb Konrad Pfeffel u.a.) einen Beitrag mit
dem Titel Die guten Frauen, als Gegenbilder der bösen Weiber, auf
den Kupfern des diesjährigen Damenalmanachs [40]. Der Text bezieht
sich - wie der Titel ankündigt - auf zwölf satirische Kupferstiche
zu Negativtypen von Frauen; seine erklärte Intention ist es, auf der
literarischen Ebene eine positive Gegendarstellung zu den satirischen Bildvorlagen
zu schaffen. Eine genaue Analyse des Textes aber zeigt, daß ihm dies
nur teilweise gelingt. Immer wieder fällt die Argumentation in die
negative Bewertung der Frau, die dichotomische Trennung der Geschlechtercharaktere
und in die Verteidigung der Vorherrschaft des Mannes zurück. Goethe
versucht zwar mit diesem Text Mitte 1800, sich innerhalb der Diskussion
formal der Gegenposition Friedrich Schlegels durch die Gesprächsform
und teilweise auch in den Argumenten anzunähern [41], was aber - angesichts
der auch bei Schlegel und Schleiermacher wie zuvor bei Hippel nachweisbaren
misogynen Subargumente - nicht heißt, daß er trotz bemühter
Flexibilität die Auffassung von der Ungleichwertigkeit der Geschlechter
völlig aufgibt.
Die fünfte und abschließende Phase der goethezeitlichen Diskussion
der Geschlechtercharakteristik ist einerseits durch die Integration der
Geschlechterpolarität in Systembildungen [42], andererseits durch
deren Popularisierung und Propagierung nicht zuletzt durch die von der
schönen Literatur bereitgestellten Figuren- und Zitatmuster [43],
sowie durch Pragmatisierung in Form der Umsetzung in pädagogische
Aktivitäten bestimmt. Soweit diese in Frauenhänden sind, kann
es regional beschränkt noch einmal kurzzeitig zu progressiven Ansätzen
kommen [44]. Ansonsten stagniert die Diskussion und kommt erst zwei Jahrzehnte
später unter anderen Vorzeichen, aber unter ausdrücklichem Rückbezug
auf die goethezeitliche Diskussion [45], wieder in Bewegung.
Die skizzierte Übersicht über die Diskussion zur Geschlechtercharakteristik
in Deutschland zwischen 1770 und 1805 geht davon aus, daß die Diskussion
sowohl in pragmatischen wie in fiktiven Texten geführt wird. Die Übergänge
sind fließend. Die pragmatischen Texte definieren sich wiederholt
als Beobachtungen der praktischen Moral [46], die durch ihren unsystematischen
Charakter, ihre literarische Stilisierung und ihre zitierenden und alludierenden
Bezugnahmen auf dichterische Texte [47] Verbindungen zur fiktionalen Literatur
herstellen. Bei den Texten von Hippel und Schlegel, aber auch bei dem zitierten
Gesprächstext von Goethe, erscheint eine Trennung der Texttypen als
wenig sinnvoll.
In der ersten Hälfte der Goethezeit unternehmen es sowohl die moralischen
Schriften wie die Dichtungen im engeren Sinn, Realität hinsichtlich
der Geschlechtercharakteristik neu zu modellieren, wodurch ein neues „Legitimations-
und Orientierungsmuster” für die Geschlechterrollen geschaffen wird
[48]. Dies geschieht allerdings nicht in einem kontinuierlich fortschreitenden,
sondern in einem wechselseitigen Prozeß, der kontrovers zwischen
den Positionen und auch relativ widersprüchlich innerhalb einer Position
verläuft. Die schöne Literatur ist in dem ganzen Verlauf bald
innovatorisch, bald hemmend beteiligt.
Stark verallgemeinernd kann man sagen, daß die goethezeitliche
Literatur in Bezug auf die in der Diskussion vertretenen Gegensätze:
Arterhaltung vs. Partnerschaft als oberster Ehezweck, Geschlechterdichotomie
und -isolierung vs. Mischung im einzelnen Geschlechtscharakter, den anfangs
entwickelten innovatorischen Gegenpositionen gegenüber eher positiv
eingestellt ist und bleibt, während sie in der überwiegenden
Mehrheit ihrer Texte den später in der Diskussion vereinzelt vertretenen
gemischten Geschlechtscharakter trotz oberflächlicher Faszination
durch diesen im Grunde ablehnt und statt dessen die Geschlechterpolarität
als eine weiterentwickelte Form der traditionellen Geschlechterdichotomie
vertritt.
Man kann aufgrund der quantitativen Verteilung eine Standardposition
von einer Ausnahmeposition unterscheiden. Für die literarische
Standardposition ist die Konzeption des dichotomisch-polaren Geschlechterverhältnisses
bei Vorbehalten gegen die primär auf Fortpflanzung ausgerichtete Partnerschaft,
für die Ausnahmeposition der gemischte Charakter innerhalb des einzelnen
Geschlechts bei voller Integration einer primär auf Fortpflanzung
gerichteten Partnerschaft typisch. Hinzu kommt, daß die Standardposition
teils prinzipiell, teils wenigstens faktisch die Ungleichwertigkeit der
Geschlechter vertritt, während die Ausnahmeposition das Gegenteil
behauptet. Aber auch bei den Texten der sonst abweichenden Position ist
sorgfältig zu prüfen, ob sie nicht versteckt Abwertungstendenzen
des weiblichen Geschlechts, wie sie die Standardposition kennt, teilt.
Überhaupt kann man sich die Argumentation auch da, wo sie sich abweichend
gibt, nicht widersprüchlich genug vorstellen, wodurch die jeweiligen
Abweichungen teilweise wieder zurückgenommen werden.
So folgt die goethezeitliche Diskussion zwar überwiegend dem in
der dritten Phase der Diskussion gegen die Geschlechterisolation propagierten
Geselligkeitsideal der gemischten Gesellschaft, relativiert dieses aber
sofort durch die bevorzugte Darstellung von gefährdeten instabilen
Partnerbeziehungen (Mesalliancen hinsichtlich Alter, Stand, Vermögen).
Ebenso übernimmt die Standardposition die Negierung der Fortpflanzung
als ersten Ehezweck, ja sie radikalisiert diese Umwertung, indem sie nicht
die eheliche Partnerschaft, sondern den Junggesellen und Sonderling, Ersatzzeugungen
(z.B. Adoption von ‘Findlingen’, Hausgründungen als ‘Majorate’, Stiftungen,
Erziehung) und alle Formen nicht-prokreativer Aktivität (z.B. Motorik,
Sammeln, Kunstbetätigung) propagiert, weil sie ihre eigene Kunst und
Künstlichkeit, das Generalthema ihrer Texte, nur so zur Darstellung
bringen kann.
Aber normalerweise wird durch Erzählerkommentar, Rahmengeschehen
bzw. negativen Handlungsverlauf die vorgenommene Abweichung dann nachträglich
kritisiert, wenn nicht gar verteufelt (vgl. alle goethezeitlichen Teufelspaktgeschichten).
So wundert es nicht, daß auch die goethezeitlichen Texte, die am
eklatantesten von der Standard-Geschlechtercharakteristik abweichen, näher
besehen zahlreiche standardkonforme Züge aufweisen. Heinses Ardinghello
erprobt zwar als Rezept gegen die Langeweile Partnerwechsel, Gruppenerotik,
Homoerotik und Kindererotik, verläßt aber nie die Werte der
dichotomischen Geschlechtercharakteristik und endet bei der wenigstens
faktischen Höchstschätzung der monogamen Bindung.
Schlegels Roman Lucinde, der noch enzyklopädisch-witziger
als Heinses Roman alle Formen der Sexualität als Allegorie für
verschiedene Stufen von Kunst und Künstlertum durchspielt, folgt trotz
der proklamierten anarchischen Verwirrungen, lieblichen Vermischungen und
Verschlingungen und des gelegentlichen Vorkommens von echter Merkmalsmischung
in einem Geschlechtscharakter überwiegend der dichotomischen Gechlechtercharakteristik.
Dabei werden der Frau negative Merkmale wie mutwillige Bosheit, Prüderie
und fehlende erotische Bildungsfähigkeit zugeschrieben, während
der Mann lediglich ‘ungeschickt’ ist. Und schließlich ist der exzeptionelle
Fall, daß eine Frau den Mann aus der Erstarrung seiner zum Hindernis
gewordenen Geschlechtsprivilegien zum gleichberechtigten Tausch der je
eigenen Stärken und Schwächen zwingt, ‘nur’ in einer Komödie
belegt (Lessing: Minna von Barnhelm [49]) die als Gattung - abgesehen
von ihrem suspekten, weil notorischen Eheschluß - in der goethezeitlichen
Poetik der ehefeindlichen Tragödie in der Regel untergeordnet bleibt.
Auch innerhalb der dichotomischen bzw. polaren Geschlechtercharakteristik
gibt es trotz der scheinbaren systematischen Ordnung zahlreiche Inkonsistenzen
in der Argumentation und Anwendung, die es unmöglich machen, auch
nur für die Standardposition ein einheitliches System dieser Merkmalsbildungen
zu rekonstruieren. Es wird zwar schon in der Goethezeit versucht, die lange
Liste der binären Merkmalsreihen (z.B. stark vs. schwach, aktiv vs.
passiv, produktiv vs. rezeptiv, außenorientiert vs. innenorientiert,
kultur- vs. naturrepräsentierend, rational vs. gefühlsbestimmt
usw. [50]) nach anthropologischen Bereichen zu ordnen (physisch-körperlich,
niederes Seelenwesen: Gemüt, höheres Seelenwesen: Intellekt,
moralischer Wille [51]), die Probleme einer teilweise widersprüchlichen,
teilweise ad hoc konstruierten Scheinordnung bleiben [52].
Widersprüche innerhalb der dichotomischen Geschlechtercharakteristik
zeigen sich etwa an dem auch in Schillers Würde der Frauen
belegten Punkt, daß dem Mann ein antagonistisch-gespaltenes Wesen
zugesprochen wird, die Frau aber als in sich ruhende Einheit gesehen wird.
Auf der anderen Seite wird aber dem Mann eine klar definierte geschlechtscharakteristische
Einheit, nämlich die Männlichkeit, zugeordnet, während die
ideale Weiblichkeit aus verschiedenen Frauenrollen (Jungfrau, Mutter, Schwester,
Madonna, Dirne) zusammengesetzt erscheint, womit eine entsprechende moralische
ambivalente Bewertung verbunden wird [53]. Einzelvermögen, wie Verstand
und Phantasie, werden der Frau bald ab-, bald zugesprochen, im letzteren
Fall dann gern mit einer zusätzlichen Spezifizierung (z.B. schöner,
nicht tiefer Verstand [54]).
Die Innenorientierung der Frau, wozu die Gebundenheit an das Haus gehört,
findet ihre Grenze an dem Herrschaftsanspruch des Mannes. Die Hausherrschaft
ist ihm vorbehalten, allerdings ist dies ein - nicht nur in der Komödie
- umstrittener Punkt. Selbst ein so entschiedener Vertreter der Männerherrschaft
wie Brandes akzeptiert in Ausnahmefällen, daß die Frau die Leitung
des Hauses übernimmt [55]; normalerweise aber darf sie Herrschaft
nur indirekt (durch List, Charme, Galanterie) ausüben, nicht direkt
gewalttätig wie der Mann [56]. Gibt es schon Diskrepanzen der Merkmalszuordnung
bei einem Vertreter der Geschlechterdichotomie, so vervielfältigen
sie sich zwischen den verschiedenen Vertretern des moralischen Schrifttums
und werden Legion, wenn man ihre Übertragung auf literarische Texte
hinzunimmt, wo taktische ad-hoc-Bestimmungen durch die Figurenperspektive
und Kontextargumentationen die Regel werden [57]. Insgesamt ist die dichotomisch-polare
Geschlechterordnung ein flexibles Argumentationsinstrument, das Unschärfen
und Widersprüche in Kauf nimmt, solange dadurch die Wirkung der jeweiligen
Hauptintention nicht beeinträchtigt wird.
Ein zweites Problem ist die Art der Gegensatzbildung. Es handelt sich
bei den dichotomischen Geschlechtsmerkmalen um graduelle, d.h. konträre
Gegensätze [58]. Sie werden in der Polaritätskonzeption in Richtung
auf kontradiktorische Gegensätze verschärft, die dennoch durch
die geforderte Wechselwirkung so behandelt werden, als könnten sie
lückenlos ineinander übergehen.
Ein drittes Problem ist die Anwendungsbreite der dichotomisch-polaren
Geschlechtercharakteristisk. Je nach Standpunkt wird sie auf einen anthropologischen
Teilbereich (den physiologischen) beschränkt oder auf mehrere bzw.
alle ausgedehnt [59]. Von der mit dem Polaritätsmodell arbeitenden
Geschlechtercharakteristik werden die binären Geschlechtsmerkmale
an die Kette der analogen naturphilosophischen, intellektualen und ästhetischen
Ordnungsschemata der Goethezeit angeschlossen, die eine lückenlose
Durchleuchtung der Realität erlauben. Darüber hinaus wird für
diese Ordnungskategorien im Zusammenhang der Renaturalisierung ihrer Fundierung
[60] bei gleichzeitiger Zurückdrängung der konventionellen Begründung
(positives Recht, Gesellschaftsentwicklung, Erziehungseinfluß) ein
ontischer Wirklichkeitsstatus beansprucht [61].
Eine vergleichbare Generalisierung der Geschlechterkategorien wird hinsichtlich
ihres sozialen Gültigkeitsbereichs vorgenommen. Während die dichotomischen
Gechlechtercharakteristiken eine klare Beschränkung der Gültigkeit
ihrer Aussagen auf das (höhere) Bürgertum und den niederen Adel
einräumen [62], kennen die polaren Geschlechtercharakteristiken eine
derartige Restriktion nicht mehr und beanspruchen damit stillschweigend
Gültigkeit für alle Stände. Eine derartige Generalisierung
und Universalisierung bringt mit sich, daß mit diesen Begriffen alles
und nichts mehr erklärt werden kann. Hegel erkannte in der Auseinandersetzung
mit Schelling die Gefahr des leeren Polaritäts- bzw. Triplizitätsformalismus
[63], verzichtete aber für sich nicht auf das Polaritätsschema
als grundlegende Kategorie der Entfaltung des Geistprozesses [64].
Aus der Sicht der Geschlechtercharakteristik gibt es mehrere Gründe,
die erklären, daß die dichotomisch-polare Geschlechtercharakteristik
trotz ihrer inhärenten Schwierigkeiten eine dermaßen große
Faszinationskraft für die Goethezeit hatte. Der polare Binarismus
vermeidet einerseits den offensichtlich als irritierend angesehenen Diffusionismus,
der eine Rückkehr zum Ausgangspunkt, d.h. die goethezeitlich höchst
geschätzte ‘Reflexion’ nicht mehr zulassen würde. Geschlechtscharakteristisch
gesehen stützt er die stabile Zweierbeziehung, die als monogame Ehe
auch für die Goethezeit nur mit großen Schwierigkeiten aus der
„Natur” zu begründen ist [65]. Er vermeidet andererseits die bloße
Identität, die als spannungslos, nichtinformativ und nichtkommunikativ
und damit für ein Kultursystem, welches das Signifikat bzw. Tausch,
Handel, Umgang und Geselligkeit sehr hoch einstuft [66], als unergiebig
angesehen wird [67]. Auf höherer Entwicklungsstufe führt nur
der Umweg über den Zweiten zum Dritten, zum Produkt [68]. Das ist
die Version der Polaritätskonzeption, in der Arterhaltung weiterhin
den ersten Ehezweck zu sehen. Die Verbindung der Extreme in dem Polaritätsdenken
kommt schließlich dem goethezeitlichen Wunsch nach totaler Wirklichkeitserfassung,
nach Ganzheit bzw. Synthetisierung des Singulären [69] und nach Harmonisierung
auf ein diätetisches Mittelmaß entgegen [70].
Abschließend soll die dichotomisch-polare Geschlechtercharakteristik
speziell auf die Gestaltung weiblicher Figuren in den Texten der schönen
Literatur unter drei Gesichtspunkten bezogen werden: 1. die klassifikatorische
Einordnung der Frau, 2. die ambivalente Bewertung am Beispiel der synthetisierenden
Frauenfigur, 3. die Frau als Nichtkünstlerin bzw. als Durchschnittskünstlerin.
Nach der dichotomischen Geschlechtercharakteristik ist der eigentliche
Mann der erwachsene Mann und als solcher ist er der eigentliche Mensch
[71], während die erwachsene Partnerin als Kind bezeichnet bzw. mit
kindlichen Eigenschaften versehen [72] und mit klassifikatorischen Bereichen
unterhalb und überhalb des Menschlichen (Pflanze, Tier, Engel) in
Verbindung gebracht wird [73]. Die Lexik vieler literarischer Texte bestätigt
durch die Verwendung und Semantisierung der Bezeichnungen Kind, Engel,
Pflanze, Ding diese klassifikatorische Diskrepanz und verstärkt sie
noch durch entsprechende Figurenbeiordnungen bzw. Substitution der weiblichen
Figur (z.B. Hunde als Begleiter der Frau, Goethe: Die guten Frauen;
ein Ding-Instrument an Stelle des Tochterkindes, Hoffmann: Rat Krespel).
Umgekehrt finden sich bei Kant wiederholt gewagte Deduktionen aus dem Sprachgebrauch
für die dichotomische Geschlechtscharakteristik, so für die Gegenüberstellung
des erhabenen gegen das schöne, des starken gegen das schwache Geschlecht
[74].
Ein weiterer aus der dichotomischen Gechlechtercharakteristik abstrahierbarer
Merkmalsgegensatz ist, daß der Mann als Geschlechtscharakter von
fraglosem eindeutigen Wert ist, während die Frau mehrere Geschlechtsrollen
in sich vereinigt und entsprechend ambivalent bewertet wird. Man kann fast
sicher sein, daß immer, wo eine Frau positiv hervorgehoben wird,
zugleich explizite oder implizite Abwertungen damit verbunden sind. Das
ist in der Folge an verschiedenen Ausprägungen der synthetisierten
Frauenfigur: der erotisch aktiven Frau, der Regentin und Retterin, der
Frau als Bildungsobjekt und erziehende Bildnerin sowie der Amazone zu belegen.
Die oben beobachtete klassifikatorische Unsicherheit hinsichtlich der
Frau setzt sich im Bereich der menschlichen erotischen Verhaltensmöglichkeiten
fort. Die goethezeitliche Geschlechtercharakteristik macht aus der Not
eine Tugend. Das Idealbild der Frau ist eine klassifikatorische Summenfigur.
Während der Mann auch hier eindeutig definiert ist, vereinigt die
ideale Frau möglichst viele erotische Verhaltensrollen (Jungfrau -
oft homoerotisch als Jüngling verkleidet -, erotische Partnerin, Mutter,
Schwester, Tochter, Ehefrau, Dirne, Madonna).
Sobald dieses Frauenbild aufgrund seines synthetisierenden Vermögens
auf männliche Geschlechtscharakteristika übergreift bzw. aufgrund
seiner integrativen Kraft Überlegenheitsansprüche gegenüber
der ‘einfachen’ männlichen Geschlechterrolle (die in ‘männlichem
Protest’ weibliche Eigenschaften abwehrt) anmeldet, stößt es
auf massive Abwertung.
Nach der dichotomischen Geschlechtercharakteristik ist der Mann aktiv,
die Frau passiv. Nun wird gerade von den progressiveren Texten die Gefahr
völliger erotischer Passivität für das erotische Verhalten
gesehen (Negantentyp „Schalk” in Goethe: Die guten Frauen; Prüderie
und Frigidität als „Engländerei” in Schlegels: Lucinde).
Nicht zuletzt aus diesen Gründen wird die erotisch aktive Frau in
literarischen Texten der Goethezeit vielfach als attraktiv dargestellt.
Selten aber wird versäumt, sie gleichzeitig abzuwerten, indem ihr
z.B. nur ein untergeordneter Rang in der Figurenhierarchie eingeräumt
wird (z.B. Philine) bzw. Einseitigkeiten in ihrer Charakterbildung (nur
sinnlich-triebhaft) betont werden.
Die Frau als Regentin bringt für die dichotome Geschlechtercharakteristik
große Probleme, weil sie auf die männliche Domäne der Herrschaft
übergreift. Soweit nicht dieser Typ wie die gelehrte Frau überhaupt
abgelehnt wird, was angesichts der historischen Fakten und der monarchiefreundlichen
Haltung der meisten Verfasser schwer fällt, wird er mit rabulistischer
Kasuistik als Ausnahmeerscheinung in die Geschlechtercharakteristik eingebaut.
Soweit die literarischen Texte den Herrscherintyp verwenden, spiritualisieren
sie ihn entweder zur ‘hohen Herrin’, was eine faktische Entmächtigung
bedeutet, oder sie werten ihn ab: die reale Herrscherin wird negativ gezeichnet,
z.B. als Männermörderin (Maria Stuart), oder sie muß
auf ihr Geschlecht (teilweise) verzichten (die Regentin als Amazone im
Egmont).
Retter bzw. Verführer und Verderber zu sein, ist goethezeitlich
ein Vorrecht des Mannes, was wiederum der dichotomen Geschlechtercharakteristik
konform ist, weil beides Stärke voraussetzt, während das Objekt
schwach zu sein hat. Wo nun in der goethezeitlichen Literatur die Frau
als Retterin auftritt, muß sie ihr Geschlecht unter Männerrüstung
verbergen und auf erotische Aktivität verzichten (Jungfrau von
Orleans) [75], während der Mann als Retter sein Geschlecht und
seine erotische Aktivität nicht aufgeben muß, vielmehr für
seine Familie neuzeugend tätig sein kann (Wilhelm Tell). In
diesem Zusammenhang ist anzumerken, daß von Ausnahmeoeuvres (Arnim)
[76] oder von der Theatersituation [77] abgesehen, der Geschlechtertausch
durch Verkleidung goethezeitlich nur für Frauen, nicht für Männer
belegt ist.
In der goethezeitlichen Diskussion zur Geschlechtercharakteristik ist
umstritten, ob die Frau fähig ist, als Erzieherin des Mannes zu wirken.
Während die ältere zivilisationsfeindliche Position, welche den
geselligen Geschlechterkontakt ablehnt, dies verneint und allein den Mann
als Erzieher der Frau sehen will [78], sieht die fortschrittliche Position
in der Frau eine besondere Fähigkeit zur Bildung angelegt [79]. Knigge,
dem geselligen Austausch der Geschlechter gegenüber offen, spricht
den Frauen hohe bildende Kräfte den Jünglingen gegenüber
zu, wobei er interessanterweise bemerkt, daß die Frau, ohne selbst
Lehrjahre durchgemacht zu haben, als Erzieherin wirken kann [80]. Dies
führt zu der passiven Seite der Erziehung und zu der Frage, ob die
Frau Objekt eines Bildungsprozesses werden kann. Während die literarischen
Texte der Goethezeit, was die aktive Erzieherrolle betrifft, sich der progressiveren
Position anschließen und in der Frau eine Bildnerin und Erzieherin
sehen (z.B. Iphigenie auf Tauris, Wilhelm Meisters Lehr- und
Wanderjahre), teilen sie mit der Mehrheit des geschlechtscharakteristischen
Schrifttums die Ansicht, daß die Frau vom Bildungsprivileg ausgeschlossen
bleibt.
Dies ist so sehr in der polaren Merkmalsbestimmung der Geschlechtercharakteristik
verankert, die dem Mann den Bereich des Werdens und der Veränderung,
der Frau den Bereich des Seins und der Konstanz zuspricht, daß nicht
nur der Bildungsroman, sondern auch Schlegels Lucinde die Frau von
der Entwicklung und Bildung ausschließt. Die genannte Merkmalsbestimmung
widerspricht aber - ein weiteres Beispiel der geschilderten Inkonsistenz
des dichotomisch-polaren Geschlechtercharakteristik-‘Systems’ - der anderen
Bestimmung, nach der die Frau im Gegensatz zum Mann integrationsfähig
ist, Neues und Fremdes, und hier vor allem Männliches absorbieren
kann, während der Mann dazu nicht fähig ist, ohne sich und seine
Männlichkeit aufzugeben. Daraus folgt, daß die Frau im Bildungsprozeß
sich als aufnahmefähiger erweist und am Ende als alle Bereiche synthetisierende
Figur dem Mann, der in der Vereinzelung stecken bleibt, überlegen
ist. An Goethes Text Die guten Frauen, in dem zwei männliche
Gesprächsteilnehmer diese Perspektive eröffnen, ist ablesbar,
wie die goethezeitliche Männergesellschaft die drohenden Folgen ihres
Bildungskonzepts durch verbale Abwertung und faktische Eliminierung der
Frauen abzuwehren weiß.
Die Männliches und Weibliches in Gestalt der Amazone integrierende
Frau, die in dem moralischen Schrifttum kaum und dann nur negativ behandelt
wird, trifft in besonderer Weise die ambivalente Bewertung innerhalb der
goethezeitlichen Literatur. So wird sie als Einzel- und Ausnahmeerscheinung
und in übertragender Bedeutung als erotisch tätige, kühne,
rettende weibliche Figur verschiedentlich hoch geschätzt [81]: der
Rang Thereses, der schönen Seele und Nataliens in der Figurenhierarchie
des Wilhelm Meisters beweisen es. Auf der anderen Seite bleibt die
Amazone, wenn sie nicht durch Alter und soziale Rolle (Regentin im Egmont)
eine Ausnahme bildet, eine suspekte Erscheinung (Eugenie in Die natürliche
Tochter, Friederike in Die Aufgeregten).
Als normale Kollektiverscheinung mit Realitätsanspruch - wirkliche
Amazonen als Regelfall - wird die synthetisierende Frau nicht akzeptiert.
Das ist selbstverständlich, denn als Regelfall würde die Amazone
eklatant gegen die dichotomische Geschlechternorm verstoßen, daß
die Frau sich in Beziehung auf und in Abhängigkeit vom Mann definiert,
während dieser in sich selbständig ist. Ins erotische Verhalten
übersetzt und auf die goethezeitlichen Texte angewandt heißt
das, daß den Männern bereitwillig homoerotisches Verhalten zugestanden
wird - an die vielen Freundschafts-, Bildungs- und Kampfbünde ist
zu erinnern -, daß man aber Analoges den Frauen vorenthält.
Der Frau wird grundsätzlich die Fähigkeit zu einer positiven
Beziehung zu ihren Geschlechtsgenossinnen abgesprochen; rein weibliche
Gesellschaften sind in der Regel verpönt [82]. Dahinter steht die
Angst vor der erotisch-sozialen Unabhängigkeit der Frau. Kleist ist
mit seinem Amazonenstaat hier wie auch sonst ein Durchbrecher goethezeitlicher
Tabus.
Noch enger als im Fall der ambivalenten Bewertung der synthetisierenden
Frauenfigur folgt die goethezeitliche Literatur den Vorstellungen der dichotomisch-polaren
Geschlechtercharakteristik hinsichtlich ihrer Befähigung zu Kunst
und Kunstausübung. Während dem Mann Spitzenleistungen vorbehalten
bleiben, produziert die Frau nur Durchschnittskunst, „sehr mittelmäßige
Sachen” [83], „Künste des Hauses” weil ihr das „wahrhaft schaffende
Vermögen” abgeht [84]. Diese Verteilung spiegelt sich überall
in der goethezeitlichen Literatur: Virtuosen und Spitzenkünstler sind
- mit Ausnahme der Vokalmusik, die in den Bereich der natürlichen,
nicht der künstlichen Kunst gehört - nur Männer. Wenn Frauen
künstlergleich für sich solitär zu schaffen versuchen, produzieren
sie nur bedenkliche Wechselbälge (Arnim: Isabella von Ägypten;
Hoffmann: Klein Zaches, genannt Zinnober) oder eben mittelmäßige
Durchschnittskunst, so sehr diese gegenüber der männlichen Spitzenkunst
auch menschen- und lebensfreundlicher sein mag ( Hoffmann: Das Fräulein
von Scuderi).
Anmerkungen
1. Karin Hausen: Die Polarisierung der 'Geschlechtscharaktere'.
Eine Spiegelung der Dissoziation von Erwerbs- und Familienleben. In: Sozialgeschichte
der Familie in der Neuzeit Europas. Neue Forschungen. Hg. v. Werner Conze
(Industrielle Welt. Schriftenreihe des Arbeitskreises für moderne
Sozialgeschichte 21) Stuttgart 1976, S. 363-393. Hier S. 369. - Grundlegender
Beitrag! ««
2. Das enzyklopädisch angelegte Philosophische Lexikon
von Johann Georg Walch (1726) hat noch in seiner Neubearbeitung von 1775
nur einen knappen Artikel zu "Geschlecht", der keine Geschlechtscharakteristik
bietet; die beiden Artikel "Frau" und "Mann" beschränken sich auf
die Angabe der Wortbedeutungen; einzelne geschlechtsspezifische Aspekte
werden in den Artikeln "Ehestand", "Ehebruch", "Erziehung der Kinder" und
"Impotenz" behandelt: Johann Georg Walchs philosophisches Lexicon, worinnen
die in allen Theilen der Philosophie, vorkommende Materien und Kunstwörter
erkläret, aus der Historie erläutert, die Streitigkeiten der
ältern und neuern Philosophen erzehlet, beurtheilet, und die dahin
gehörigen Schriften angeführet werden, mit vielen neuen Zusätzen
und Artikeln vermehret, und bis auf gegenwärtige Zeiten fortgesetzet,
wie auch mit einer kurzen kritischen Geschichte der Philosophie aus dem
Bruckerischen Großen Werke versehen von Justus Christian Hennings.
Vierte Auflage in zween Theilen. Leipzig 1775. Neudruck Hildesheim 1968.««
3. Kant bietet im zweiten Teil seiner Anthropologie in pragmatischer
Hinsicht (1798) unter der Überschrift "Die anthropologische Charakteristik.
Von der Art, das Innere des Menschen aus dem Äußeren zu erkennen."
teils prinzipielle, teils aphoristische Ausführungen zur Charakteristik
der Person, der Geschlechter (u.d.T. "Der Charakter des Geschlechts"),
Völker, Rassen und der Menschengattung. Die zitierten Bezeichnungen
nach Immanuel Kant: Schriften zur Anthropologie, Geschichtsphilosophie,
Politik und Pädagogik. Bd. 2, Register zur Werkausgabe. Hg. v. Wilhelm
Weischedel (Immanuel Kant: Werkausgabe 12; suhrkamp taschenbuch wissenschaft
193) Frankfurt a. M. 1977, S. 648, 651 (1. Aufl. 1798, S. 284, 289).««
4. Carl Friedrich Pockels: Versuch einer Charakteristik des
weiblichen Geschlechts. Ein Sittengemählde des Menschen, des Zeitalters
und des geselligen Lebens. Bd. 1-5. Hannover 1797-1802. - Ders.: Der Mann.
Ein anthropologisches Charaktergemälde seines Geschlechts. Ein Gegenstück
zu der Charakteristik des weiblichen Geschlechts. Bd. 1-4. Hannover 1804-1808.
««
5. Friedrich Ehrenberg: Der Charakter und die Bestimmung des
Mannes. (1. Aufl. 1808) 2. vermehrte und verbesserte Aufl. Elberfeld 1822.
Ein Auszug daraus in der Reihe von Meyers Bibliographischem Institut: Der
Charakter und die Bestimmung des Mannes (Cabinets-Bibliothek der Deutschen
Classiker 56) Hildburghausen u. New York 1829. - Noch 1837 beschreibt der
Arzt Karl Friedrich Burdach den "Geschlechtscharakter" unter Betonung der
physiologischen Basis in seiner populärwissenschaftlichen Anthropologie:
Der Mensch nach den verschiedenen Seiten seiner Natur [bzw.] Anthropologie
für das gebildete Publicum. Stuttgart 1837, S. 468-481. Der ebenfalls
stark physiologisch orientierte grundlegende Artikel in der 1. Auflage
von Meyers Großem Conversations-Lexikon für die gebildeten
Stände, 1. Abteilung, Bd. 12, Hildburghausen 1848, S. 741-750,
steht unter dem Stichwort "Geschlechtseigenthümlichkeiten".««
6. Paul Hoffmann: La femme dans la pensée des Lumières
(Association des Publications près les Universités de Strasbourg
158) Paris 1977. - Jeanette Geffriaud Rosso: Montesquieu et la Féminité
(Studi e Tresti 52) Pisa 1977, S. 15f. - The portrayal and condition of
women in eigtheenth-century literature (Transactions of the fifth International
Congress on the Enlightentment 18) Oxford 1981. - Wegen der Reichhaltigkeit
der erfaßten Quellen bleibt unter den älteren Arbeiten grundlegend
Paul Kluckhohn: Die Auffassung der Liebe in der Literatur des 18. Jahrhunderts
und in der deutschen Romantik (Halle 1922, 2. Aufl. 1931). 3. Aufl. Tübingen
1966; für das französische und englische Schrifttum siehe S.
18-118.««
7. Die Stellung zu Rousseau kennzeichnet die Positionen der
beiden Hauptkontrahenten der unten erwähnten dritten Phase der Diskussion
Ernst Brandes und Jakob M. Mauvillon. Während Brandes Rousseaus Vorstellungen
zu den Frauen und der Ehe teilt, seine politischen Konzeptionen aber ablehnt,
bewundert Mauvillon den Gesellschaftskritiker Rousseau, kritisiert aber
seine Ansichten und Lebenspraxis, was die Frauen und die Familie betrifft.
Brandes: Betrachtungen (s. Anm. 27) Bd. 1, S. XXVIII, 279-292. Mauvillon:
Mann und Weib (s. Anm. 29), S. VII-XIV, 419-490, 510. - Adolf Freiherr
von Knigge übersetzte Rousseaus Bekenntnisse, Berlin 1786-1790.
Aufgrund der Bekenntnisse schreibt der Herzoglich Sachsen-Weimarische
Rat Karl Gotthold Lenz - der Verfasser einer Geschichte der Weiber im
heroischen Zeitalter (Hannover 1790). Neudruck Selb 1976 - Über
Rousseaus Verbindung mit Weibern. Bd. 1-2. Leipzig 1792; unverkürzte
Neuausgabe des Originals von 1792. Mit 12 Porträts und Illustrationen
nebst 18 neuaufgefundenen, bisher unveröffentlichten Briefen Rousseaus
an die Gräfin Houdetot. Berlin 1906.««
8. Viele der Teilnehmer an der Diskussion zur Geschlechtercharakteristik
haben sich zu den Revolutionsereignissen geäußert: Brandes revidiert
1793 seine anfangs positive Einstellung zur Revolution; Mauvillon arbeitet
mit Mirabeau zusammen, Knigges (s. Anm. 15) Revolutionsschriften sind bekannt.
««
9. [Theodor Gottlieb Hippel:] Über die Bürgerliche
Verbesserung der Weiber. Berlin 1792, S. 9 ff., 192 ff. - Die Frauenrechtlerin
Olymp Marie de Gouges, die 1792 in Paris die "Deklaration der Rechte der
Frau und Bürgerin" veröffentlichte, wurde 1793 hingerichtet.««
10. Wolfgang Martens: Die Botschaft der Tugend. Die Aufklärung
im Spiegel der deutschen Moralischen Wochenschriften. Stuttgart 1968, v.a.
S. 520-542. Ders.: Leserezepte für Frauenzimmer. Die Frauenzimmerbibliotheken
der deutschen Moralischen Wochenschriften. In: Archiv für Geschichte
des Buchwesens 15 (1975), Sp. 1143-1200. Peter Nasse: Die Frauenzimmer-Bibliothek
des Hamburger Patrioten von 1724. Zur weiblichen Bildung in der
Frühaufklärung. Bd. 1-2 (Stuttgarter Arbeiten zur Germanistik
10) Stuttgart 1976.««
11. Maria Gräfin Lanckoronska und Arthur Rümann: Geschichte
der deutschen Taschenbücher und Almanache aus der klassisch-romantischen
Zeit. München 1954, S. 59-78.««
12. Neben Wielands Teutschem Merkur ist Biesters Berlinische
Monatsschrift eine wichtige Plattform der Diskussion zur Geschlechtercharakteristik.
Frank Schubert: Die Stellung der Frau im Spiegel der Berlinischen Monatsschrift
(Abhandlungen zur Philosophie, Psychologie und Pädagogik 150) Bonn
1980.««
13. Christian Friedrich Germershausen: Die Hausmutter in allen
ihren Geschäfften. Bd. 1-5 (Leipzig 1779-1781). 3. vermehrte Aufl.
Leipzig 1791-1793. Vergl. dazu Rainer Gruenter: Die Hausmutter in allen
ihren Geschäfften. In: Euphorion 57 (1963), S. 218-226. Ders.: Nachtrag
zur Hausmutter. In : Euphorion 61 (1967), S. 155-162. - Christian Friedrich
Germershausen: Der Hausvater in systematischer Ordnung. Teil 1-5. Leipzig
1783-1786. Zur Hausväterliteratur: Julius Hoffmann: Die ‚Hausväterliteratur'
und die ‚Predigten über den christlichen Hausstand'. Weinheim u. Berlin
1959. Dieter Schwab: Familie. In: Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart
Kosseleck: Geschichtliche Grundbegriffe. Historische Grundbegriffe. Historisches
Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland. Bd. 2. Stuttgart
1975, S. 253-301.««
14. Neben dem Nachwirken von Gellert sind hier vor allem die
geschlechtsspezifischen Erziehungsschriften von Campe zu nennen - Joachim
Heinrich Campe: Theophron, oder der erfahrne Rathgeber für die unerfahrene
Jugend. Ein Vermächtniß für seine gewesenen Pflegesöhne,
und für alle erwachsnere junge Leute, welche Gebrauch davon machen
wollen. 2 Teile. Hamburg 1783, 2. Aufl. Wolfenbüttel 1786, 3. Umgearbeitete
Aufl. Braunschweig 1843. Ders.: Väterlicher Rat für meine Tochter.
Ein Gegenstück zum Theophron. Der erwachsenen weiblichen Judend gewidmet.
Braunschweig 1789. Als zwei weitere der Pestalozzischen Reformpädagogik
nahestehende Vertreter seien der Bremer Prediger und spätere Professor
in Heidelberg Joachim Ludwig Ewald (1747-1822) und die Bremer Reformpädagogin
Betty Gleim (1781-1822) genannt, die wie die berühmte Mary Wollstonecraft
(1759-1797, “A Vindication of the Rights of Woman London” 1792) zeitweilig
eine Privatschule leitete. Johann Ludwig Ewald: Die Kunst, ein gutes Mädchen,
eine gute Gattin, Mutter und Hausfrau zu werden. Ein Handbuch für
erwachsene Töchter, Gattinnen und Mütter (Bremen 1798). 4. vermehrte
und verbesserte Ausgabe. Bd. 1-3. Frankfurt a. M. 1807, 5. Aufl. 1826.
Derselbe: Eheliche Verhältnisse und eheliches Leben, in Briefen von
Johann Ludwig Ewald. Fortsetzung von den beiden Schriften für Mädchen,
Gattinnen und Mütter sowol, als für Jünglinge, Gatten und
Väter. Bd. 1-4. Leipzig 1810-1813. - Betty Gleim: Erziehung und Unterricht
des weiblichen Geschlechts. Ein Buch für Eltern und Erzieher. Leipzig
1810. Dies.: Über die Bildung der Frauen und die Behauptungen ihrer
Würde in den wichtigsten Verhältnissen ihres Lebens. Bremen und
Leipzig 1814. - Zu Ewald und Gleim vgl. Rolf Engelsing: Der Bürger
als Leser. Lesergeschichte in Deutschland 1500-1800. Stuttgart 1974, S.
319-331, 337 f.««
15. Adolph Freiherr von Knigge: Über den Umgang mit Menschen,
Bd. 1-2. Hannover 1788, 4. verbesserte und vermehrte Aufl. Bd. 1-3. Hannover
1817/18. Neuausgabe der 3. Auflage von 1790, hg. v. Gert Ueding (insel
taschenbuch 273) Frankfurt a. M. 1977.««
16. Einen Überblick über die medizinisch-diätische
Literatur (mit Bibliographie) gibt der Artikel von [Christian Heinrich]
Theodor Schreger: Diätetik. In: Allgemeine Encyklopädie der Wissenschaften
und Künste. Hg. v. J. S. Ersch und J. G. Gruber. Erste Section, 24.
Theil. Leipzig 1833, S. 431-434. - Zu Sonderproblemen: Jos van Ussel: Sexualunterdrückung.
Geschichte der Sexualfeindschaft. (rororo sexologie 8024/25) Reinbek bei
Hamburg 1970, 2. Aufl. Gießen 1977. Günter Erning: Das Lesen
und die Lesewut. Beiträge zu Fragen der Lesergeschichte; dargestellt
am Beispiel der schwäbischen Provinz. Phil. Diss. Bonn. Bad Heilbrunn
1974. Dominik von König: Lesesucht und Lesewut. In: Buch und Leser.
Hg. v. H. G. Göpfert (Schriften des Wolfenbütteler Arbeitskreises
für Geschichte des Buchwesens 1) Hamburg 1977, S. 89-124.««
17. Carl Friedrich Pockels: Fragmente zur Kenntniß und
Belehrung des menschlichen Herzens. Erste, Zweite ( = Briefe über
die Weiber. Erstes Bändchen), Dritte Sammlung. Hannover 1788, 1792,
1794. Vergl. ferner die beiden in Anm. 4 genannten geschlechtsspezifischen
Charakteristiken Pockels.««
18. Christoph Meiners: Geschichte des weiblichen Geschlechts.
Bd. 1-4. Hannover 1788, 1799, 1800.««
19. Bei Kant stehen die Ausführungen zur Geschlechtercharakteristik
und Völkercharakteristik nicht erst in der späten Anthropologie-Vorlesung
(s. Anm. 3), sondern bereits in der vorkritischen Schrift Beobachtungen
über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, 1. Aufl.
1764, direkt nebeneinander und werden auch argumentativ verknüpft.
Immanuel Kant: Vorkritische Schriften bis 1768. Bd. 2. Hg. v. Wilhelm Weischedel
(Immanuel Kant Werkausgabe 2; suhrkamp taschenbuch wissenschaft 187) Frankfurt
a. M. 1977, S. 853 f. (1. Aufl., S. 54).««
20. [Johann Georg Hamann:] Versuch einer Sibylle über die
Ehe. [Motto:] Komm ich als ein Geist zu dir, so erschrick nur nicht vor
mir. [Königsberg] 1775. Hamanns Schriften zur Geschlechtercharakteristik
finden sich kommentiert in: Johann Georg Hamann: Mysterienschriften. Hierophantische
Briefe, Versuch einer Sibylle über die Ehe, Konxompax, erklärt
von Evert Jansen Schoonhoven. Schürze von Feigenblättern, kritisch
herausgegeben und erklärt von Martin Seils (Johann Georg Hamanns Hauptschriften
erklärt 5) Gütersloh 1962.««
21. August Wilhelm Hupel: Vom Zweck der Ehen, ein Versuch, die
Heurath der Castraten oder die Trennung unglücklicher Ehen zu vertheidigen.
Riga 1771. Ders.: Origenes oder von der Verschneidung, über Matth.
19. V. 10-12. Ein Versuch, zur Ehrenrettung einiger gering geachteten Verschnittenen
[...] Riga 1772.««
22. [Theodor Gottlieb von Hippel:] Ueber die Ehe [...] Berlin
1774, 4. Viel vermehrte Aufl. Berlin 1793. Vergl. auch Anm. 9.««
23. [Michael Gröll:] Vertheidigung des Weiblichen Geschlechts.
[Motto:] Les Libertins dechirent/La Reputation des Femmes./ Les Hommes.
Frankfurth u. Leipzig 1753. ««
24. Hupel: Zweck; Hippel: Ehe, 2. Capitel
"Der Endzweck der Ehe. Eine academische Vorlesung". - Zu der Diskussion
über den Vorrang unter den Ehezwecken vgl. Kluckhohn: Auffassung der
Liebe, S. 148-152.««
25. Herder an Hamann, Riga, April 1768; Hamann an Herder, Königsberg,
23.5.1768. In: Johann Georg Hamann Briefwechsel Bd. 2: 1760-1769. Hg. v.
Walther Ziesemer u. Arthur Henkel. Wiesbaden 1956, S. 408-412, 415-418.««
26. Vgl. Wielands positive und Brandes negative Äußerungen
zu dem völlig geänderten Leseverhalten der Frauen im Zuge der
sog. Ersten Leserevolution. Christoph Martin Wieland: Über den Historischen
Kalender für Damen für das Jahr 1791 von Friedrich Schiller [Anzeige
im Teutschen Merkur 1791]. In: Wielands Werke Bd. 35. Berlin o.
J., S. 238-245. Hier: S. 240 f. Brandes: Betrachtungen (s. Anm. 27) Bd.
1, S. XVI-XXV, 378-383. Vgl. die Literatur zu der Lesesucht, Anm. 16.««
27. [Ernst B. Brandes:] Ueber die Weiber. Leipzig 1787. - Ders.:
Betrachtungen über das weibliche Geschlecht und dessen Ausbildung
in dem geselligen Leben. Erster (-Dritter und letzter) Theil. Hannover
1802. Zu Brandes vgl. Klaus Epstein: The Genesis of German Conservativism.
Princeton 1966; dt.: Die Ursprünge des Konservativismus in Deutschland:
Die Herausforderung durch die Französische Revolution 1770-1806. Aus
dem Englischen von Johann Zischler. Berlin 1973, S. 268-276, 633-687, 815-817.
- Ein süddeutscher Vertreter der konservativen Gruppe ist Johann Georg
Heinzmann: Appell an meine Nation. Über die Pest der deutschen Literatur.
Neudruck der Ausgabe Bern 1795, mit einem Nachwort von Reinhard Wittmann.
Hildesheim 1977, S. 337-340, 400 f., 443-452.««
28. Pockels: Fragmente, 2. Sammlung; Meiners: Geschichte.
««
29. [Jakob M. Mauvillon:] Mann und Weib nach ihren gegenseitigen
Verhältnissen geschildert. Ein Gegenstück zu der Schrift: Ueber
die Weiber. Leipzig 1791. - Zu Mauvillon vgl. Jochen Hoffmann: Jakob Mauvillon:
Ein Offizier und Schriftsteller im Zeitalter der bürgerlichen Emanzipationsgesellschaft
(Historische Forschungen 20) Berlin 1981. Hoffman geht nicht näher
auf Mauvillons Beitrag zur Geschlechtercharakteristikdebatte ein. ««
30. Hippel: Bürgerliche Verbesserung. Hippel verbindet
wie schon in seiner Ehe-Schrift von 1774 mittels seines witzigen Stils
geschickt egalitär-emanzipatorische mit misogynen Aussagen. Seltsamerweise
schont Brandes in seinem Rückblick von 1802 Mauvillon, während
er Hippel neben der Wollstonecraft hart kritisiert. Brandes: Betrachtungen Bd.
1, S. XXVIII-XXXI.««
31. [Wilhelmine Caroline von Wobeser:] Elisa oder das Weib wie
es seyn sollte. 1. Aufl. Leipzig 1795, 4. verbesserte Aufl. 1799, 6. Aufl.
1811. - 1800 erscheint ebenfalls anonym ein zweiter Teil: Ueber den Umgang
von Weibern mit Männern. Ein nothwendiger Anhang zu der bekannten
Schrift: Elisa, oder das Weib, wie es seyn sollte. Leipzig 1800.««
32. Das Werk wurde in mehrere Sprachen übersetzt, oft nachgeahmt
bzw. parodiert. Zwei Beispiele: [Christian Friedrich Traugott Voigt:] Robert
oder der Mann, wie er seyn sollte. Ein Seitenstück zu Elisa, oder
das Weib, wie es seyn sollte. Leipzig 1799. - Der Umgang mit Weibern, wie
er ist und wie er sein sollte. Berlin 1802.««
33. Neben der in Anm. 13 genannten ökonomischen Hausväterliteratur
ist die durch Otto Freiherrn von Gremmingen-Hornbergs Stück Der
Deutsche Hausvater oder die Familie, Mannheim 1780, begründete
dramatische Hausväterliteratur, die massiv Wertvorstellungen vermittelt,
zu berücksichtigen.««
34. Wilhelm von Humboldt: Über den Geschlechtsunterschied
und dessen Einfluß auf die organische Natur. In: Die Horen (1795)
2, S. 99-132. Ders.: Über die männliche und weibliche Form. In:
Die Horen (1795) 3, S. 80-103, und 4, S. 14-40. Ders.: Plan einer vergleichenden
Anthropologie. (1797?, Nachlaß). Alle Aufsätze in W. v. H.:
Werke in 5 Bänden. Hg. v. Andreas Flitner u. Klaus Giel. Bd. 1: Schriften
zur Anthropologie und Geschichte. Darmstadt 1960, S. 268-295, 296-336,
337-375.««
35. Johann Christian August Heinroth: Lehrbuch der Anthropologie.
Zum Behuf academischer Vorträge und zum Privatstudium. Nebst einem
Anhange erläuternder und beweisführender Aufsätze [...]
Leipzig 1822, S. 104-113. Burdach: Der Mensch, S. 96 f., 476-482.««
36. These von Mommsen, s. Anm. 39.««
37. Zuerst in Schlegels Aufsatz "Über die Diotima" in der
Berlinischen Monatsschrift 26 (1795) Nr. 3 und 4; dann in dem an Dorothea gerichteten
Lehrbrief "Über die Philosophie" im Athenaeum Bd. 2/1 (1799).
««
38. Vgl. die "Zueignung an die Unverständigen".
««
39. Die Darstellung des Diskussionsverlaufs folgt Momme Mommsen:
Der "Schalk" in den Guten Weibern und im Faust. In: Goethe-Jahrbuch
N.F. 14/15 (1952/53), S. 171-202. Hier: S. 181 ff.««
40. Unter dem Titel Die guten Weiber übernommen
in: Goethe's Werke Bd. 13. Stuttgart u. Tübingen 1817, S. 157-195.««
41. These von Mommsen: Der "Schalk".««
42. Das berühmteste Beispiel ist Hegel, der in der Phänomenologie
des Geistes, 1807 (VI. A. "Der wahre Geist. Die Sittlichkeit"), in
den Grundlinien der Philosophie des Rechts, 1820 (3. Teil, 1. Abschnitt:
Die Familie, hier v.a. § 158-169) und in der Enzyklopädie
der Philosophischen Wissenschaften im Grundrisse 1817, 1827, 1830 (2.
Teil: Die Naturphilosophie, 3. Abteilung: Organische Physik, v.a. §
369 f. "Das Geschlechtsverhältnis") der "natürlichen Bestimmtheit
der beiden Geschlechter" ihren systemimmanenten, teils geschichts-, teils
naturphilosophischen spezifizierten Platz anweist.««
43. Ein Vertreter dieser Richtung ist der Berliner Hofprediger
Friedrich Ehrenberg (1776-1852). Von seinen zahlreichen einschlägigen
Schriften neben der in Anm. 5 genannten Männercharakteristik: Reden
an Gebildete aus dem weiblichen Geschlechte. Elberfeld 1804, 3. veränderte
und vermehrte Aufl. Bd. 1-2. Elberfeld 1817, 4. verbesserte Aufl. Bd. 1-2.
Elberfeld 1827, 1829.««
44. Amalie Holst in Berlin, Betty Gleim in Bremen (s. Anm. 14),
Auguste Fischer in Hannover.««
45. Schleiermachers Vertraute Briefe über die Lucinde.
Mit einer Vorrede von Karl Gutzkow. Stuttgart 1835. Hier: u.a. S. V-XXXVI.««
46. Pockels: Charakteristik Bd. 1, S. III-XIV; Karl Heinrich
Heydenreich: Mann und Weib. Ein Beytrag zur Philosophie über die Geschlechter.
Leipzig 1798, S. 56; Brandes: Betrachtungen Bd.1. S. VIII, X.««
47. Z.B. Pockels: Charakteristik Bd. 3, S. 435 f., Anm. Für
Heydenreich liegt in der Dichtung das Idealbild des häuslichen Lebens,
seiner primären Wertbezugsgröße, vor. Heydenreich: Mann
und Weib, S. 14, 100, 154, 185, 189. Zu Ehrenberg s. Anm. 43.««
48. Hausen: Polarisierung, S. 372.««
49. Walter Hinck: Lessings Minna: Anmut und Geist. Kleine Komödien-Chronik
zur Emanzipation der Frau. In: Festschrift für Rainer Gruenter. Hg.
v. Bernhard Fabian. Heidelberg 1978, S. 9-25.««
50. Eine informative Auflistung der dualistischen Geschlechtsmerkmale
bieten die philosophischen Geschlechtercharakteristiken Ende des 18. Jahrhunderts,
so Humboldt: Geschlechtsunterschied; Heydenreich: Mann und Weib, S. 89
ff.; [Wilhelm Traugott Krug:] Philosophie der Ehe. Ein Beytrag zur Philosophie
des Lebens für beyde Geschlechter. Leipzig 1800, Kap. 4. - Vgl. auch
Hausen: Polarisierung, S. 368.««
51. Kombination der klassifikatorischen Bezeichnungen von Heinroth:
Anthropologie, S. 106, und von Friedrich Wilhelm Basilius von Ramdohr:
Venus Urania. Ueber die Natur der Liebe, über ihre Veredlung und Verschönerung.
Bd. 1-4. Leipzig 1798, v.a. Bd. 1, 3. und 4. Buch.««
52. Ramdohr: Venus Urania, ist der auffallendste Vertreter von Pseudosystematisierungen.««
53. Krug: Philosophie, Kap. 10.««
54. Kant: Beobachtungen, S. 851.««
55. Brandes: Weiber, S. 294-297.««
56. Kant: Anthropologie, S. 648 f., 657; vergl. auch Arthur
Schopenhauer: Parerga und Paralipomena. Kapitel 27 "Über die Weiber"
§369, die hier wie in vielen Punkten die goethezeitliche dichotomische
Geschlechtercharakteristik resümiert.««
57. Ein Beispiel: In den Wahlverwandtschaften (I,1) wird
kontextbedingt entgegen der sonst üblichen Merkmalszuordnung der Objektbereich
des Mannes auf das konkrete Einzelne und Gegenwärtige eingeschränkt,
während Sache der Frau das Allgemeine, Vergangene und Zukünftige
ist.««
58. Brandes: Betrachtungen Bd. 1, Kap. 2.
««
59. Es ist umstritten, ob es neben den physiologischen Geschlechtsunterschieden
auch psychische, intellektuelle, moralische und soziale gibt. Während
Hippel (Bürgerliche Verbesserung, S. 50) die Existenz von psychischen
Unterschieden beim derzeitigen Stand der Erfahrungsseelenkunde für
ungeklärt hält, bejahen sie Brandes: Weiber; ders.: Betrachtungen;
Pockels: Charakteristik Bd. 1; Ramdohr: Venus Urania; Ewald: Mädchen.
««
60. Heydenreich: Mann und Weib, passim, z.B. S. 179. G.W.F.
Hegel: Phänomenologie des Geistes (Theorie-Werkausgabe 3) Frankfurt
a. M. 1970, S. 330, 336, 526. Ders.: Enzyklopädie der philosophischen
Wissenschaften im Grundrisse (1830), § 518 (Theorie-Werkausgabe 10)
Frankfurt a. M. 1970, s. 319 f. Noch Schopenhauer operiert trotz der Berücksichtigung
abweichender Kulturen und Zivilisationserscheinungen selbstverständlich
mit der Begründung der Natur ("jusei"): Parerga Paralipomena, Kap.
27 "Über die Weiber" § 371. - Die Renaturalisierung wird im weiteren
Verlauf der Begründung der Geschlechtercharakteristik im 19. Jahrhundert
immer ausschließlicher zu einer Rephysiologisierung. Vgl. die allerdings
schon seit Galen geläufige Begründung der geschlechtsspezifischen
Differenz von Innen- und Außenorientierung im Bau der menschlichen
Geschlechtsorgane bei Hegel: Enzyklopädie der philosophischen Wissenschaften
im Grundrisse (1830), Zusatz zu § 369 (Theorie-Werkausgabe 9) Frankfurt
a. M. 1970, S. 518 f. und die durchgehende physiologisch-anatomische Begründung
der Geschlechtseigentümlichkeiten in dem gleichnamigen Artikel in
der 1. Auflage von Meyers Conversations-Lexikon (1848), s. Anm.
5. - Bei Hippel ist umgekehrt hinsichtlich der geschlechtsspezifischen
Differenz von Kunst- und Naturzuordnung eine Hinwendung zu der Fundierung
der Geschlechtercharakteristik in der sozialen Konvention zu beobachten.
Hippel: Bürgerliche Verbesserung, S. 258-261 in Bezug auf Hippel:
Ehe, Kap. 6.««
61. Michael Titzmann: Allegorie und Symbol im Denksystem der
Goethezeit. In: Formen und Funktionen der Allegorie, Symposium Wolfenbüttel
1978. Hg. v. Walter Haug. Stuttgart 1980, S. 642-665. Hier: 648 f.««
62. Knigge: Umgang, 2. Teil, 3. Kapitel, Nr. 22. Mauvillon:
Mann und Weib, 2. Abteilung, 1. u. 4. Hauptstück, S. 410-419. Brandes:
Betrachtungen Bd. 1, S. V-VII u. 5 f., nach der diesbezüglichen Kritik
Mauvillons an Brandes vergl. ders.: Weiber.««
63. G.W.F. Hegel: Vorlesungen über die Geschichte der Philosophie,
3. Teil, 3. Abschnitt: Schelling (Theorie-Werkausgabe 20) Frankfurt a.
M. 1971, S. 443 f., 445.««
64. In Bezug auf das Geschlechterverhältnis siehe G.W.F.
Hegel: Phänomenologie des Geistes (Theorie-Werkausgabe 3) Frankfurt
a. M. 1970, S. 341.««
65. Hippel: Ehe, 4. Aufl., Kap. 4.««
66. Vgl. die programmatischen Titelformulierungen bei Knigge:
Über den Umgang mit Menschen, und N.N.: Der Umgang mit Weibern, wie
er ist und sein sollte. Berlin 1800.««
67. "Conson", nicht "unison" ist die Devise. Herder: Liebe und
Selbstheit. Ein Nachtrag zum Briefe des Herrn Hemsterhuis [über das
Verlangen] (1781. 1785. 1791). In Johann Gottfried Herder: Sämmtliche
Werke. Hg. v. Bernhard Suphan u.a. Bd. 15. Berlin 1888, S. 304-326. Hier:
322, 326. - Ebenso Hippel: Ehe Kap. 3. - Ders.: Bürgerliche Verbesserung,
S. 20, 344 f., 349 f.,408.««
68. Die geschlechtliche Fortpflanzung gilt gegenüber der
ungeschlechtlichen als Zeichen für die höhere Entwicklungsstufe.
Burdach: Der Mensch, S. 468 f.««
69. Humboldt, vgl. in Anm. 34; in der Nachfolge des Klassikerideals
Gleim: Erziehung, 2. Teil.
««
70. Zur Komplementarität von Kontrast und Harmonie siehe
Heydenreich: Mann und Weib, S. 100 f.
««
71. Johann Gottlieb Fichte: Erster Anhang des Naturrechts. Grundriß
des Familienrechts. Zu: Grundlage des Naturrechts nach Principien der Wissenschaftslehre
(1796). In: Johann Gottlieb Fichte's sämmtliche Werke. Hg. v. Immanuel
Hermann Fichte. Bd. 3. Berlin 1845, S. 304-368. Hier: § 7.
««
72. Hausen: Polarisierung, S. 386, Anm. 66.
««
73. Vgl. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts, §
166.
««
74. Kant: Beobachtungen, S. 850. Kant: Anthropologie, S. 649:
"Die Weiblichkeiten heißen Schwächen."««
75. Klärchen müßte nach Egmonts Vorstellungen
ein Mann sein, wenn er von ihr gerettet werden sollte (Egmont, V,
Gefängnis).««
76. Achim von Arnim: Die Verkleidungen des französischen
Hofmeisters und seines deutschen Zöglings (1823) u.ö.««
77. Anton Reiser übernimmt in dem Stück Medon oder
die Rache der Weisen die Rolle der Clelie (Anton Reiser. 4. Buch, 1790).
Vgl. Goethes Aufsatz Frauenrollen auf dem römischen Theater durch
Männer gespielt (1788).««
78. Brandes: Weiber, S. 296 f.; Pockels. Fragmente Bd. 2, 5.
Brief.««
79. Mauvillon: Mann und Weib, S. 499-517; Hippel: Bürgerliche
Verbesserung, S. 218 ff., 250-282.««
80. Knigge: Umgang. 2. Teil, 5. Kapitel, Nr. 2 und 21.««
81. Johann Christoph Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch
der Hochdeutschen Mundart. Bd. 1. 3. Aufl. Wien 1807, Sp. 244 f.««
82. Herder: Liebe, S. 311, protestiert ausdrücklich gegen
das verbreitete Vorurteil, daß nur Männer zur Freundschaft fähig
seien.««
83. Pockels: Fragmente Bd. 2, 3. Brief. S. 46.««
84. Heinroth: Anthropologie, S. 111 f. - Auch für die Kunstrezeption
gilt dieselbe Einschätzung der Frau. Kant: Beobachtungen, S, 854:
Musik ist den Frauen "[...] nicht in so ferne sie Kunst sondern Empfindung
äußert [...]" zu vermitteln. Vgl. Schopenhauer: Weiber §369.««
In: Klassik und Moderne. Hg. v. Karl Richter. Stuttgart
1983, S. 80-97.
© Volker Hoffmann, 1983.
|