Die frühe Musikgeschichte in Berlin-Brandenburg

Frankfurt (Oder), Stadtansicht

ist nur sehr lückenhaft erforscht. Dieser Mangel hat zu dem auch heute noch kaum ausgeräumten Vorurteil beigetragen, daß vor dem Regierungsantritt Friedrichs des Großen (1740) diese Region eine kulturelle Wüste gewesen sei. Insbesondere wurde die überragende Bedeutung der Stadt Frankfurt (Oder) für die Mark Brandenburg und für den gesamten Osten Deutschlands von der Musikforschung lange Zeit nicht wahrgenommen. Erst relativ spät ist sichtbar geworden, daß Frankfurt (Oder) mehrere Jahrhunderte lang nicht nur ein bedeutendes Handels- und akademisches Zentrum, sondern im 16. und 17. Jahrhundert überhaupt das bedeutendste Kulturzentrum Ostdeutschlands, insbesondere auch ein wichtiges Zentrum der Musikpflege sowie des Buch- und Notendrucks gewesen war. Die bedeutendste Stätte der Musikpflege und der Komposition von Musik um 1600 in Frankfurt war die Marien- oder Oberkirche (die zugleich als Universitätskirche fungierte), an der musikeren wie Michael Praetorius (als Organist) sowie Gregor Lange und Bartholomäus Gesius (als Kantor) wirkten. Ferner läßt die umfangreiche Überlieferung von Lautentabulaturen aus dem späten 16. Jahrhundert auf eine rege hausmusikalische Betätigung in der Universitätsstadt schließen. Die Auflösung der 1506 gegründeten Universität Viadrina – sie wurde 1811 samt ihres Archivs nach Breslau verlagert – hatte nicht nur einen Bedeutungsverlust für die Stadt im allgemeinen zur Folge gehabt; sie führte auch zum Abbruch der Kontinuität in der Überlieferung der kulturellen Tradition. Die Kenntnis über die Bedeutung Frankfurts als ein einstmals blühendes Kultur- und Musikzentrum ist heute aus dem Bewußtsein sowohl der Öffentlichkeit als auch der meisten Fachleute fast völlig geschwunden. Noch immer wirkt das im 19. Jahrhundert entstandene, erst durch Forschungsergebnisse der letzten Jahrzehnte widerlegte Vorurteil nach, die Viadrina hätte „im geistigen Leben Deutschlands keine Rolle“ gespielt.

 

Bedeutende brandenburgische Musiker vor 1740

Der früheste brandenburgische Musiker von Bedeutung, Gregor Lange alias Gregorius Langius (um 1540–1587), wurde im damals brandenburgischen Havelberg geboren, wo er Schüler der Domschule war. Er wurde 1573 Student der Viadrina und war von 1574 bis 1579 Kantor an der Marienkirche in Frankfurt (Oder). Aus Krankheitsgründen mußte er sein Amt niederlegen und ging 1583 nach Breslau, wo er 1587 gestorben ist.
Die wichtigsten, in Drucken erhalten gebliebenen Kompositionen Langes sind mehrere Zyklen von Cantiones sacrae und von geistlichen deutschen Liedern.
Der bedeutendste brandenburgische Musiker vor Johann Crüger, Bartholomäus Gesius alias Bartel Göß bzw. Gese (um 1560–1613), geboren im märkischen Müncheberg als Sohn eines Ackerbürgers und Ratsherrn, nahm 1578 an der Frankfurter Universität Viadrina das Theologiestudium auf, entschied sich dann aber für die Musik. Er war nach dem Studium als Hauslehrer und in den 1580er Jahren in Wittenberg als Musiker tätig, kehrte nach Frankfurt zurück, wo er von 1593 an Kantor an der Marienkirche war und 1613 – vermutlich an der Pest – verstarb. Gesius ist heute der musikinteressierten Öffentlichkeit nur noch als Schöpfer von Melodien evangelischer Kirchenlieder und als Gesangbuchherausgeber bekannt. Er hatte sich aber in seiner Zeit auch als Theoretiker und als musiker von Figuralmusik einen Namen gemacht. Viele Werke sind zu seinen Lebzeiten gedruckt worden; die Drucke – und darauf basierende Abschriften – haben sich bis heute in verschiedenen europäischen Bibliotheken erhalten. Als ein Ergebnis des DFG-Projekts „Musiklandschaft Brandenburg vor 1740“ erschien im Jahr 2005 eine Kritische Edition des Hauptwerks von Gesius: eines Zyklus’ von 19 Messen (größtenteils Parodiemessen) und einzelnen Messensätzen: Bartholomäus Gesius: Messen, hrsg. von Lars Klingberg, Berlin: Akademie für historische Aufführungspraxis, 2005.