Die Erwartungen wurden weit übertroffen

Die Humboldt-Universität zu Berlin begegnet ihrer Geschichte – von Angesicht zu Angesicht. In intensiver Forschungsarbeit hat sie fünfzig ehemalige Studenten der Friedrich-Wilhelms-Universität, die während der Naziherrschaft von der Hochschule vertrieben wurden, ausfindig gemacht und an ihre alte Alma mater eingeladen. Vom 15. bis 21. Oktober kamen die vorwiegend jüdischen "Kommilitonen von 1933" in Berlin zusammen.

Von den ersten Vorbereitungen für die Woche der "Kommilitonen von 1933" im Frühjahr 2001 an nahm die Spannung stetig zu. Wie viele der Ehemaligen würden aufgefunden werden, wie würden die Reaktionen auf die Einladungen ausfallen und würden ihr alle folgen wollen? Mehr als die Hälfte der ehemaligen Studenten, die heute in Israel, den USA, der Schweiz, Dänemark, Großbritannien und Deutschland leben, sagte schließlich zu.

Die anderen bedauerten, ausschließlich aus gesundheitlichen Gründen, nicht kommen zu können. Dann kam der 11. September. Und trotz dieses Ereignisses und ihres hohen Alters sind 22 der ehemaligen Studenten der Friedrich-Wilhelms-Universität von 1933 nach Berlin gekommen. Sie wurden schon am Flughafen von ihren "Paten", Geschichtsstudenten der Humboldt-Universität, empfangen. Von diesem Moment an dominierten die beinahe familiären Beziehungen zwischen "Großeltern und Enkeln". Eine warme und herzliche Atmosphäre herrschte während der Begegnung der Generationen. Sie ist ganz wesentlich das Verdienst der "Paten". Selbst das Wetter schien das gespürt zu haben und bescherte allen die einzige Woche schönster Herbsttage. In ihren Paten fanden die Gäste die neugierige, interessierte, engagierte und sensible Jugend, die Partner, die sie zum Teil jahrelang nicht hatten und auch über Jahrzehnte nicht haben wollten. Was Wunder, dass die Gäste hier an ihrer alten Universität von Erlebnissen berichteten, von denen sie bisher nicht gesprochen hatten. Was Wunder, dass, wo immer man ihnen begegnete, sie voller Begeisterung von ihren Paten sprachen.

 

Da konnten die organisierten Höhepunkte nur schwer mithalten. Das Dinner beim Präsidenten führte Gäste, Paten und Organisatoren erstmals im großen Kreis zusammen. Das Kennenlernen der Gäste untereinander sollte nun beginnen. Aber schon hier beherrschten die neuen "Familien" die Szene. Begegnungen der Altstudenten blieben zuerst dem Zufall und günstigen Momenten überlassen bis das Bedürfnis, sich über Vergangenheit und Gegenwart auszutauschen auch zwischen ihnen zu sehr persönlichen Gesprächen führte.

Die Stadtrundfahrt führte auf Wunsch der Gäste in den Osten Berlins, an die Stätten, die in ihrer Erinnerung an Berlin als kulturelles Zentrum der Zwanziger und Dreißiger Jahre erhalten geblieben sind.

Im Reichstag beim Empfang des Bundestagspräsidenten sprang der Funke erst langsam über. Im Gespräch mit den Zeitzeugen wurde deutlich, dass viele die Ereignisse, die ihre studentischen Paten in Seminaren behandeln, persönlich miterlebt haben. Siegfried Adlerstein saß am 27. Februar 1933 in einem Café am Anhalter Bahnhof als die Nachricht vom Reichstagsbrand durch die Stadt geht und Hilde Sittenmann, damals Medizinstudentin, erinnert sich genau an den Tag der Bücherverbrennung auf dem Bebelplatz und die Worte, die ein Kollege beim Anblick der Flammen aussprach: "Und hier trägt man die deutsche Kultur zu Grabe".

Die Zeit war knapp für soviel Geschichtsträchtiges und ließ doch Raum für sehr persönliche Rückblicke. Dafür aber wurde die Führung durch das Gebäude, die Konfrontation mit den Inschriften der russischen Soldaten, die mit der Eroberung des Reichstages das Ende der Naziherrschaft besiegelten und auch der Gang durch die gläserne Kuppel mit dem Anblick des leuchtenden Berlin zu einem Erlebnis.

Im Jüdischen Museum ist sicher jeder der Gäste mit seinen eigenen Gefühlen beschäftigt gewesen.

Zu einem Höhepunkt wurde die Podiumsdiskussion im Auditorium Maximum der Universität. Nach den langen, zu langen Begrüßungen, breitete sich, als die Ehemaligen zu Wort kamen, im gut gefüllten Raum eine eigene Atmosphäre aus. Sie ist nur schwer in Worte zu fassen. Durch die berührenden Worte der Podiumsteilnehmer wurde Geschichte lebendig. Die Zuhörer haben es gespürt. Ihr häufiger und nicht nur höflich gemeinter Applaus drückte es deutlich aus.

Die ganze Zeit sind die Ehemaligen von der Presse begleitet und ausgefragt worden. Sie hätten noch nie so viele Interviews geben müssen – und gern gegeben, sagten sie. Nicht nur die regionalen Tageszeitungen, auch überregionale Blätter, Hörfunkstationen und Fernsehsender berichteten täglich über die ungewöhnlichen Lebenswege der Gäste und ihr Wiedersehen mit ihrer Hochschule.

Unsere Erwartungen an die Woche der Kommilitonen sind weit übertroffen worden. Es hat ein Treffen der Generationen stattgefunden, wie wir es uns nicht haben erträumen können.

Aus dem Kreise der Gäste war während dieser Woche zu erfahren, dass dieser Besuch in Berlin, an ihrer alten Alma mater ihre Beziehung zu Deutschland entscheidend beeinflusst habe. Sie waren schon mehrmals in Deutschland, aber noch nie habe sie etwas so berührt, wie diese Woche.

Elly Freund, 92, aus Israel, sagte, dass sie sich erstmals in Deutschland wieder "ein bisschen zu Hause" gefühlt habe. Ein Eindruck, der Organisatoren und Paten angesichts des Unrechts, das ihren Gästen vor sieben Jahrzehnten widerfahren ist, mit Stolz erfüllt.

Peter Nolte und Anke Assig

 

Die Gäste

 

Stefan Heym (88):

"Ich freue mich jedenfalls sehr, dass die Universität zu Berlin auf die Idee gekommen ist, uns Uralt-Veteranen zusammen zu trommeln. Vielleicht kann man doch noch ein Gefühl dafür bekommen, was wir erlebt und mitgemacht haben. Denn eines dürfen Sie nicht vergessen: nach den Wünschen der Herren, die die Bücher verbrannt haben, hätten wir als Rauchwolken über Auschwitz enden sollen."

 

Paul Löw-Beer (91)

"Meine Erwartungen in den letzten Tagen sind vollauf und über erfüllt worden.

Für die Einladung bin ich enorm dankbar. Die Dinge sind weiter gegangen als geplant. Die Vernetzungen, die durch die Paten entstanden sind, sind wichtiger und mehr als die Begegnung mit den alten Kommilitonen."

 

Günter Nobel (89)

"Ich bin sicher, dass wir in fünf Jahren nicht mehr hier sitzen können. Es wird immer weniger Zeitzeugen geben. Ich freue mich sehr und danke der Universität für ihre Einladung. Sie kommt spät, aber sie kommt."

 

Rabbiner Leo Trepp (88)

"Berlin erhält durch unseren Besuch die Herausforderung Deutschland und der Welt etwas von der gestalterischen Kraft der Juden in der Gesellschaft als Ganze zu berichten. Wir müssen klar machen, wer waren denn diese Menschen, deren Vermächtnis nicht verloren gehen darf? Ich glaube, Sie haben eine Herausforderung angenommen, indem Sie uns eingeladen haben, eine Idee von Berlin weiter zu vermitteln. Machen Sie so weiter und bauen Sie in Berlin eine Hauptstadt, in der das Wesen und der Beitrag der deutschen Juden in einer Geschichte von mindestens 1500 Jahren bekannt wird."

Die Paten

 

 

Claas Greite (Geschichte und Neuere deutsche Literatur) über Volkmar Zühlsdorff (88):

"Eine Ehre, einen solchen Mann getroffen zu haben – ein Patriot der deutschen Kultur im Kampf gegen Hitler, dessen Lebensweg nicht nur beeindruckend ist, sondern auch ein Stück eines vollkommen verschütteten positiven Deutschlandbildes freilegen kann. In einer Zeit, in der unser größtes Problem das Finden eines Sitzplatzes im Seminarraum ist, bleibt die bloße Hoffnung, dass man den Mut gehabt hätte, ähnlich zu handeln."

 

Martin Schauer(28, VWL, Geschichte) über Harry Salinger (91):

"Erste Berührung mit jüdischer Kultur und den Problemen vor 1945 und heute machte ich erst zu Beginn meines Studiums in Berlin. Daher war diese Woche ein gute Gelegenheit, mehr über die Situation jüdischer Deutscher in den 30er Jahren und den Jahren nach dem Weggang aus Deutschland zu erfahren. Unsere Beziehung zu Herrn Salinger war von Beginn an herzlich und vertraut. Das Interesse am Leben des Anderen war sehr groß. Nicht nur wir Paten haben vieles aus dem Leben von Herrn Salinger erfahren, sondern haben auch selbst einige Fragen zu beantworten gehabt."

 

Dorothea Weiß (Latein und Geschichte) über Paul Löw-Beer (91):

"Ich habe einen unglaublich interessanten Menschen auf eine persönliche Art kennen gelernt. Mir ist klargeworden, wie dicht wir trotz der 72 Jahre, die seit den Ereignissen, die Anlass für dieses Treffen waren, vergangenen sind, noch an der "Geschichte" dieser Zeit sind. Wir sind die letzte Generation von Studierenden, die noch die Gelegenheit hat, Augenzeugen der Zeit des Nationalsozialismus zum Umgang mit diesem Teil unserer Geschichte zu befragen. Dies ist eine Chance und Herausforderung für ein Studium im Fach Geschichte. Wenn ich in fünf Jahren Lehrerin sein werde, dann können die meisten der SchülerInnen nicht mehr Großeltern befragen, die diese Jahre bewusst erlebt haben."