Humboldt-Universität zu Berlin, HUMBOLDT Nr. 6/96

Ethnisierung Ost

Sammlungs- und Präsentationsstrategien zur Produktkultur der DDR

Am 24. November 1995 richtete die "Landesstelle für Berlin-Brandenburgische Volkskunde" des "Instituts für Europäische Ethnologie" der Humboldt-Universität zu Berlin den 3. Workshop "Museen und Universität" aus, zusammen mit der "Stiftung Industrie- und Alltagskultur" und der "Deutschen Gesellschaft e. V.". Der Einladung folgten rund 35 Mitarbeiter aus Museen Brandenburgs, Sachsen-Anhalts sowie aus Berliner Kultur- und Forschungsinstitutionen.

In seinem einführenden Beitrag zeichnete Hein Köster (Sammlung industrielle Gestaltung, Berlin) die Geschichte der 1950 in der DDR von Mart Stam als Institut für industrielle Gestaltung gegründeten Sammlung nach. Ausgehend von künstlerisch-ästhetischen Aspekten lassen sich anhand der zusammengetragenen Objekte Stufen der Entwicklung der DDR nachzeichen, denn die damaligen politischen, wirtschaftlichen, rechtlichen, technologischen, kulturellen, ästhetischen und alltagskulturellen Faktoren verschränkten sich auch in der Produktkultur. Das in der Berliner Kulturbrauerei entstehende Museum wird weitgehend unbekannte Seiten 40jähriger DDR-Geschichte aufarbeiten, um deutlich zu machen, daß der Alltag der Menschen nicht dem des propagierten Staatsvolkes entsprach. Dabei erscheint es unumgänglich, eine heute nicht selten als minderwertig verdächtigte Kultur derart transparent zu machen, daß übergreifende kulturelle Traditionslinien in Deutschland augenfällig werden und zu Diskussionen Anlaß geben.

Eckhard Siepmann und Eveline Mahler (Werkbund-Archiv-Museum der Alltagskultur des 20. Jahrhunderts, Berlin) ließen in ihrem Vortrag die Entstehungsbedingungen der DDR-Sammlung und einige Ausstellungen der 90er Jahre Revue passieren. Bisherige Ausstellungen des Werkbund-Archivs befaßten sich mit der großen Demonstration vom 4. November 1989 oder dem interessanten Thema "Westpakete-Ostpakete". Während auf den gegenseitigen Postkarten aus Ost und West rein äußerlich kaum Herkunftsunterschiede erkennbar waren, unterschieden sich die Inhalte der Pakete - meist Mangelwaren wie Backzutaten, Drogerieartikel, Genußmittel (Kaffee) und dergleichen aus dem Westen, sorgfältig ausgewählte und mühselig beschafte Präsente wie Kunstgewerbegegenstände, Tischdecken u. ä. aus dem Osten - vehement. In der anschließenden Diskussion betonte Eckhard Siepmann noch einmal, daß Alltagskultur nur ausstellbar wird, wenn man stärker thematisch orientiert sammelt und zudem ein großes Maß an Abstraktion und Verfremdung einbringt.

Im Mittelpunkt des sich anschließenden Vortragskomplexes stand die Industriestadt Brandenburg. Katharina Kreschel vom "Museum im Frey-Haus" wies auf die in den letzten 20 Jahren zusammengetragenen und mit großer Resonanz gezeigten "Forschungs-Ausstellungen" zur Alltagskultur der Arbeiter hin, die mehr als nur Objektpräsentationen waren. Mit den Veränderungen der Wende war im Museum eine Dezimierung des ethnographischen Ausstellungsteils verbunden. Hinzu tritt, daß die Stadtverwaltung zunehmend eine Loslösung vom Immage der Arbeiterstadt anstrebt. Die denkmalgeschützte mittelalterliche Altbausubstanz wird bevorzugt rekonstruiert.

Lediglich die Entstehung eines anderen Museums, nämlich im ehemaligen Stahl- und Walzwerk Brandenburg, findet vor diesem Hintergrund eine - keineswegs ungeteilte, aber doch meist - positive Resonanz in der Bevölkerung. Mit dem letzten Abstich 1994 wurde die 1914 aufgenommene Stahlproduktion eingestellt. Im nun einzurichtenden Museum - so Jeannette Goldmann in ihren Ausführungen - erscheint es zunächst angebracht, den Ausstellungsbereich auf ein zentrales Produktionsverfahren (bis hin zur zugehörigen Büroarbeit) einzuschränken, symbolisiert durch den letzten erhaltenen Siemens-Martin-Ofen als technisches Denkmal.

Ins Zentrum der Diskussion um mögliche Formen von Alltagspräsentation hat sich - als nachfolgender Redner - Andreas Ludwig (Dokumentationszentrum Alltagskultur der DDR, Eisenhüttenstadt) mit der Eröffnung einer ersten Ausstellung begeben. Mit Hilfe weniger Mitarbeiter und bei bescheidenem Etat sowie angesichts des allgemein geringen Standes der wissenschaftlichen Aufarbeitung der Geschichte der DDR werden thematisch gestaltete Räume präsentiert, in denen vielfältige Gegenstände aus Bereichen wie Mode und Konfektionsindustrie, Jugendfreizeit, Kultur usw. zu sehen sind. Inwiefern mit der Ausstellung von oftmals exotisch wirkenden Gebrauchgegenständen Aspekte des Alltags in der DDR aufgezeigt werden können, wurde anschließend diskutiert. Überhaupt stellte sich die Frage, ob Alltag nicht eher regional sowie in Abhängigkeit von Sozial- und Altersgruppen etc. existent ist und dazu individuell-biographisch geprägt differiert. Ein vergleichender Ansatz unter bestimmten Schwerpunkten könnte hier neue Möglichkeiten für eine Bearbeitung und Diskussion schaffen. Darauf wies Simone Hain (Institut für Regionalentwicklung und Strukturplanung, Erkner) hin. Mit einer Untersuchung städtebaulicher Planungen und deren Umsetzung versuchte sie am Beispiel der Stalinallee zu ermitteln, was allgemein typisch für die Industriegesellschaft und was spezifisch für die DDR ist. Mittels lebensgeschichtlicher Interviews wurde festgestellt daß zum überwiegenden Teil ganz "normale" Menschen verschiedenster sozialer Gruppen und politischer Orientierungen in der heutigen Karl-Marx-Allee wohnten und wohnen. Von daher ist "die Ästhetik der Umwelt keine biographisch-soziale Instanz. Die sozialen Milieus schöpfen ihre Lebensorientierungen teils aus historischen, teils aus theoretischen, meist aber aus lebenspraktischen und überlokalen Zusammenhängen."

Abschließend wurde für den 7. Juni 1996 ein nächstes Treffen anberaumt. In Fortsetzung der begonnen Diskussionen soll es um die Entwicklung der Landwirtschaft in der DDR und deren Rückwirkung auf Raumbild und Lebensraum gehen.

L. Scholze-Irrlitz