Fast zehn Jahre nach seiner Gründung am 8. Dezember 1989 beging das Zentrum für interdisziplinäre Frauenforschung (ZiF) mit einer Tagung zu "Gender in Transition in Eastern and Central Europe" sein zehnjähriges Jubiläum. Das ZiF entstand aus einem seit 1980 existierenden halboffiziellen Arbeitskreis, in dem sich an Frauenforschung interessierte Wissenschaftlerinnen trafen. Schon lange vor 1989 brachten diese Frauen- bzw. Geschlechterperspektiven in ihre Forschungen und Lehre ein.
In den zehn Jahren seines Bestehens kann das Zentrum auf eine beachtliche
Erfolgsgeschichte zurückblicken: Als einzige Frauenforschungseinrichtung
der neuen Bundesländer begleitete das ZiF wissenschaftlich die Folgen
des Transformationsprozesses für Frauen und sorgte ganz entscheidend
dafür, dass Frauen als Akteurinnen der Wende sichtbar geworden sind.
Darüber hinaus gehörte es zum Selbstverständnis des
ZiF, Interdiziplinarität in Lehre und forschung herzustellen sowie
Einzelforscherinnen zu unterstützen. Dass dies gelungen ist, zeigt
nicht zuletzt der Erfolg des vom ZiF getragenen Studienganges "Gender Studies".
Da die Gründung des ZiF ohne "Wende", ohne den Beginn der gesellschaftlichen
Transformation in der DDR und mit ihr in den ehemals sozialistischen Ländern
kaum so zustande gekommen wäre, lag es nahe, das Jubiläum mit
einer Tagung zu begehen, die genau diese Veränderungen in den Vordergrund
stellt. Ziel der Konferenz "Gender in Transition in Eastern and Central
Europe" war es aufzuzeigen, wie diese sich in den ost-, mittel- und südosteuropäischen
Ländern auf die Organisation von Geschlechterverhältnissen und
insbesondere die Situation von Frauen auswirken. Dabei sollte diskutiert
werden, wie sich Geschlechterungleichheiten verändern, fortgeführt
werden oder an bestimmten Stellen bzw. auf bestimmten Ebenen auflösen.
Ein weiteres, eng an das Selbstverständnis des ZiF geknüpftes
Ziel der Tagung war, einen ‘Brückendiskurs’ ins Leben zu rufen, internationale
Kooperationsbeziehungen aufzubauen und damit den Prozess der Institutionalisierung
von Frauen- und Geschlechterforschung an den ost-, mittel- und südosteuropäischen
Universitäten voranzubringen.
Eingeladen waren Expertinnen, die in ihren Ländern führend
auf dem Gebiet der Transformationsforschung sind. Die etwa 160 Teilnehmerinnen
kamen aus Polen, Lettland, Russland, Rumänien, der Slowakei, Bulgarien,
Tschechien, Jugoslawien, Belorussland, der Ukraine, Großbritannien,
Kanada sowie den USA.
Nach der Eröffnung durch die derzeitige wissenschaftliche Leiterin,
Prof. Dr. Hildegard-Maria Nickel, wurde das erste Grußwort durch
den Vizepräsidenten, Prof. Dr. Richard Schröder, gehalten. Er
würdigte besonders die interdisziplinäre Ausrichtung des ZiF.
Die Bundesministerin für Frauen, Senioren, Familie und Jugend, Dr.
Christine Bergmann, die durch ihre vormalige Tätigkeit als Berliner
Frauensenatorin langjährig mit dem ZiF verbunden ist, hob die Bedeutung
des ZiF als wissenschaftlich fundierte Unterstützung für ihre
eigene politische Arbeit hervor.
Die Workshops konzentrierten sich auf fünf Schwerpunkte: Im ersten
Schwerpunkt "The Changing Labour Market: Structures and Prospects" ging
es um die Analyse der Hierarchisierungs- und Segregationsprozesse auf dem
Arbeitsmarkt und deren Auswirkungen auf Frauen: Inwieweit wird in postsozialistischen
Ländern Frauenerwerbsarbeit durch "Modernisierungsprozesse" verändert,
welche Chancen und Risiken beinhalten diese Prozesse für Frauen und
welche Entwicklungen bieten Ansatzpunkte für die Neugestaltung von
Frauenerwerbsarbeit?
Der zweite Schwerpunkt "Feminist Theory and the Public-Private-Debate"
konzentrierte sich auf die politischen Partizipationsmöglichkeiten
von Frauen im Demokratisierungsprozess. Nach den demokratischen Wahlen
in den Ländern Mittel- und Osteuropas wurden Frauen von politischer
Macht weitgehend ausgeschlossen; ihre Interessen, Forderungen und spezifischen
Probleme wurden durch die Marginalisierung in politischen Institutionen
weitgehend ignoriert.
Ein dritter Schwerpunkt diente dem Austausch von Erfahrungen und Strategien
bei der Institutionalisierung der Frauen- und Geschlechterforschung in
der Wissenschaft. Vielen Zentren ist gemeinsam, dass sie mit finanzieller
Unterstützung ausländischer Sponsoren (Soros, Ford-foundation,
Frauen-Anstiftung/Böll-Stiftung) etabliert wurden. Daraus ergibt sich
im Unterschied zu Westeuropa in einigen Ländern die besondere Situation,
dass Gender Studies als international anerkanntes Gebiet und Drittmittelquelle
wissenschaftspolitisch interessant werden. Teilweise erleichtert dies die
Etablierung geschlechterspezifischer Fragestellungen in der Lehre , z.T.
auch schon als Studiengänge, ohne dass damit allerdings eine finanzielle
Absicherung durch die Universitäten verbunden wäre.
Im Mittelpunkt des vierten Schwerpunkts "Construction of Identities,
Images of Women" stand die Analyse der diskursiven Produktion von Weiblichkeitsbildern
und Identitäten. Eine Folge des Transformationsprozesses ist, dass
der Kampf um knapper werdende Ressourcen, wie bezahlter Erwerbsarbeit,
zur Wiederbelebung traditioneller Rollenbilder führt.
Der fünfte Schwerpunkt "Feminist Perspectives and National Identities"
lag auf der Analyse der Veränderungen von Geschlechterarrangements
im Spannungsfeld von Globalisierungsprozessen und der Neukonstituierung
nationaler Identitäten. Während sich nationalistische Politik
direkt auf Männer richtet und dabei eine aggressive, gewaltorientierte
Männlichkeit konstruiert wird, werden Frauen meist auf ihre besondere
Verantwortung für den Reproduktionsbereich zurückverwiesen und
es kommt dabei zu einer "Refeminisierung" der Frau.
Die dargestellten Ergebnisse empirischer Untersuchungen waren außerordentlich
vielfältig und zeigten, dass sich die Auswirkungen der gesellschaftlichen
Transformation vor dem Hintergrund unterschiedlicher nationaler Ausgangsverhältnisse
und ökonomischer wie politischer Entwicklung auf das Geschlechterverhältnis
und die Situation von Frauen in den einzelnen ost-, mittel- und südeuropäischen
Ländern zum Teil erheblich unterscheiden und Generalisierungen länderspezifischer
Untersuchungen kaum möglich sind, dass aber gleichzeitig auch eine
Reihe von Gemeinsamkeiten existieren.
Ein Ziel der Tagung, einen "Brückendiskurs" ins Leben zu rufen,
kann als wirklich gelungen bezeichnet werden. Die wissenschaftliche Vernetzung
voranzubringen, könnte an kaum einem Ort besser gelingen als an diesem
Schnittpunkt zwischen Ost und West.
(Es wird ein Tagungsband veröffentlicht.)
Daphne Hahn