100 Jahre Chemisches Institut in der Hessischen Straße

Nach der Gründung der Berliner Universität im Jahre 1810 wurde durch Wilhelm von Humboldt als erster Ordinarius für Chemie der im Chemischen Laboratorium an der Berliner Königlichen Akademie der Wissenschaften tätige Martin Heinrich Klaproth vorgeschlagen, dem 1822 Eilhard Mitscherlich und 1865 August Wilhelm Hofmann folgte. Erst als dieser im Jahre 1865 den Ruf nach Berlin annahm, war eine seiner Bedingungen die Zusicherung, dass ein chemisches Institut gebaut würde. 1869 wurde dieses in der Georgenstraße gelegene Institut eingeweiht. Bis dahin war die Ausbildung in den Akademielabors und privaten Laboreinrichtungen erfolgt.

Als Hofmann 1892 starb, kam als Nachfolger für diesen so außergewöhnlich profilierten Forscher, hervorragenden Lehrer wie auch erfolgreichen Wissenschaftsorganisator nur ein Chemiker von außerordentlichem Format in Frage. Der in Würzburg tätige Baeyer-Schüler Emil Fischer, der früh durch die Entdeckung des Phenylhydrazins und die Untersuchungen zur Chemie der Hydrazine auf sich aufmerksam gemacht hatte und sich danach mit der Aufklärung der Struktur von Naturstoffen, insbesondere der Kohlenhydrate befasste, war mit 40 Jahren der jüngste der vorgeschlagenen Kandidaten. Der Ruf als Nachfolger Hofmanns erging im Jahre 1892 an Emil Fischer, der in Fachkreisen bereits als der künftige "regierende Oberchemiker" in Deutschland angesehen wurde, eine Prognose, die schließlich durch die führende Rolle, die Fischer auf vielen Gebieten der organischen Chemie spielte, bestätigt wurde. So hat Fischer auch als erster Deutscher im Jahre 1902 den Nobelpreis für Chemie erhalten.

Fischer nahm den Ruf nach Berlin unter der Bedingung an, dass ein neues, den inzwischen gestiegenen Ansprüchen an Forschung und Ausbildung entsprechendes chemisches Institut errichtet wird. Nach einiger Verzögerung wurde schließlich 1897 mit dem Bau des neuen Instituts begonnen. Es war am 24. April 1900 bezugsfertig und wurde offiziell am 14. Juli 1900 feierlich eingeweiht. Dieses nach Fischers Vorschlägen und unter seiner beratenden Mitwirkung errichtete Haus wurde, wie er in seiner Festansprache sagte "an Mannigfaltigkeit und Reichhaltigkeit der Arbeitsmittel von keinem ähnlichen Institut in der Welt übertroffen".
Emil Fischer hat durch die Forschungen in seiner Berliner Zeit vor allem auf dem Gebiet der Aminosäuren und Peptide und der natürlichen Gerbstoffe ganz wesentliche Beiträge zum chemischen Verständnis dieser Verbindungsklassen geleistet. Er wurde ebenso wie sein Vorgänger zum Mittelpunkt einer bedeutenden Schule von Organikern. Die von Hofmann eingeleitete glanzvolle Ära der organischen Chemie in Berlin wurde also durch Fischer in beeindruckender Weise fortgeführt und festigte den Weltruf des Berliner Chemischen Instituts.
Diese Entwicklung wurde durch den ersten Weltkrieg jäh unterbrochen und endete schließlich 1919 mit dem tragischen Tod von Emil Fischer. Die dadurch entstandene Lücke konnte erst 1921 mit der Berufung Wilhelm Schlenks geschlossen werden. Mit Schlenk kamen als neue Arbeitsgebiete die Chemie der freien Radikale sowie die Chemie metallorganischer Verbindungen an das Chemische Institut.

Unter der braunen Herrschaft mussten nahezu zwei Drittel der Dozenten das Institut verlassen. Auch Schlenk wurde 1935 wegen seiner aufrechten Haltung von seinem Berliner Ordinariat entfernt und an die Universität Tübingen zwangsversetzt. Sein Nachfolger wurde Hermann Leuchs, der insbesondere durch seine Arbeiten über Strychnos-Alkaloide bekannt geworden ist, bis auch er im Jahre 1942 als nicht mehr zuverlässig angesehen und von dem Abteilungsleiter für anorganische Chemie, Erich Tiede abgelöst wurde.

Hatte die politische Einflussnahme der Nationalsozialisten zu einer deutlichen Ausdünnung des geistigen Potentials am Chemischen Institut geführt, so bedeutete das Ende des zweiten Weltkrieges auch das physische Aus des Chemischen Instituts, das durch starke Luftangriffe im Februar und März 1945 bis auf wenige Teile in den Eckflügeln vollständig zerstört wurde
1946 wurde Erich Thilo mit der Leitung des Instituts betraut. Der Wiederaufbau des Instituts und die Sicherung des Lehrbetriebs waren gewaltige Aufgaben, die von Thilo viel Fingerspitzengefühl und einen unbändigen Optimismus erforderten, um das Berliner Chemische Institut wieder zu einer Stätte international beachteter Lehre und Forschung zu machen. Es zeigte sich aber bereits zu dieser Zeit die immer stärker werdende politische Einflussnahme staatlicher Stellen auf die Besetzung der Hochschullehrerstellen.
Die Wiederaufbau war zum Ende des Jahres 1952 weitgehend abgeschlossen, und am 18. Januar 1953 wurde der wiederhergestellte große Hörsaal feierlich eingeweiht und erhielt den Namen des Institutsgründers.
Thilo setzte sich für die Einrichtung zweier gleichberechtigter Lehrstühle für Anorganische (I. Chemisches Institut) und Organische Chemie(II. Chemisches Institut) ein.
1968 wurde im Rahmen der sogenannten 3. Hochschulreform die Institutsstruktur abgeschafft, und die Sektion Chemie der Humboldt-Universität mit Wissenschaftsbereichen gegründet. Die nun durchgeführten Forschungsarbeiten waren weitgehend praxisorientiert. Als Folge dieser Umprofilierung mussten traditionelle Forschungsgebiete aufgegeben werden.
Nach 1990 wurde die Chemie an der Humboldt-Universität aufgrund von Empfehlungen der Landeshochschulstrukturkommission völlig neu strukturiert, alle Hochschullehrerstellen ausgeschrieben und neu besetzt.
Die auch international herausragende Stellung, die das Chemische Institut durch die Arbeiten von Emil Fischer und seinen Schülern besaß, hat es in den Jahrzehnten danach nicht wieder erreichen können. Aus seiner wechselhaften Geschichte lässt sich nachvollziehen, dass die Bedeutung, der wissenschaftliche Rang einer derartigen Einrichtung in Forschung und Lehre im wechselseitigen Sinne abhängt von den in ihr wirkenden Personen und dem gesellschaftlichen Umfeld. So hat sich gezeigt, dass die politische Einflussnahme des Staates auf Lehre und Forschung dazu führte, dass einige der besten Köpfe entweder verdrängt oder in ihrer Entwicklung behindert wurden. Hoch-Zeiten wissenschaftlicher Leistungen waren und sind nur dann zu erwarten, wenn sich im Geiste des Gründers der Berliner Universität die Wissenschaft als ein sich in Freiheit vollziehender Prozess entwickeln und das persönlichkeitsbildende Prinzip der Einheit von Lehre und Forschung zur Anwendung kommen kann. In diesem Sinne bietet der Neuanfang nach der Wende mit dem aus beiden Teilen Deutschlands kommenden Lehrkörper für das Chemische Institut die Chance, wieder Herausragendes für die Weiterentwicklung unserer Wissenschaft zu leisten.

Manfred Meisel