Das besondere Studienpraktikum

Auf der Suche nach vergangenen Kulturen in einer Oase der Libyschen Wüste Ägyptens

"Wo fahrt ihr hin, nach Dachla? Wo ist DAS denn?" wurden wir nicht nur einmal aus Freundes- und Verwandtenkreisen gefragt; und zugegeben, bevor wir sieben Studentinnen selbst dort ein gut dreiwöchiges Praktikum im Rahmen unseres Ägyptologiestudiums an der Humboldt-Universität antreten sollten, wussten wir eigentlich auch nicht viel über die Oase Dachla, die in der Wüste Ägyptens, rund achthundert Kilometer südwestlich von Kairo entfernt, gelegen ist. Unsere Unkenntnis war aber nicht ganz unberechtigt, denn den Kulturen der Oasen Ägyptens war selbst von der Ägyptologie bis vor kurzem allenfalls ein Seitenblick geschenkt worden. Es ist fast peinlich, aber eigentlich ist die Oase Dachla mit ihrer "Hauptstadt" Mut ganz besonders Sports- und Abenteuerfreunden ein Begriff, denn genau hier landete der Heißluftballon von Jean-Luc Picard nach der ersten geglückten Weltumsegelung ... aber deshalb waren wir nicht dort.

Gesamtansicht des Tempels von Deir el-Haggar. Auf dem Gerüst zeichnen Ägyptologie-Studentinnen der Humboldt-Universität zu Berlin hieroglyphische Texte mit Filzstift auf Plastikfolie durch. Diesen aus der römischen Zeit Ägyptens (1. Jh. n. Chr.) stammenden Sandsteintempel bearbeitet die Ägyptologie der Humboldt-Universität in Kooperation mit dem kanadischen „Dakhleh Oasis Project“, das ihn als letzten unausgegrabenen Tempel Ägyptens erst 1995 vom Sand befreit hat.
Foto: Christian e. Loeben
 

Die westlichen Oasen Ägyptens beeindrucken durch ihre Größe. Sie liegen in flachen Senken und nur die steilen rötlichen Felswände am Horizont lassen die eigentliche Libysche Wüste erahnen. Kein geschlossenes Grün bedeckt den kahlen Boden; vielmehr reihen sich Dörfer, von kleinen Feldern und Palmenhainen umgeben, in Abständen aneinander. Der kontinuierlich angewehte Sand der Wüste erschwert dabei die Kultivierung des nutzbaren Bodens. Entsprechend hart ist das Leben der Oasenbewohner. Der Wasserbedarf wird teils von natürlichen Quelle, teils von sehr tief gebohrten Brunnen gedeckt. In einer dieser schwefelhaltigen, bis zu 40 Grad heißen Quellen badeten wir jeden Abend. Dies war die einzige Möglichkeit, den sich tagsüber ansammelnden Wüstenstaub von uns abzuwaschen, denn eine Dusche konnte unsere spärliche Behausung nicht ihr eigen nennen. Für unseren dreiwöchigen Aufenthalt wurde uns ein äußerst spartanisch eingerichtetes Haus im Dorf mit dem romantisch klingenden Namen Mawhub zur Verfügung gestellt. Beinahe alle Gebäude des Dorfes sind in traditioneller ägyptischer Bauweise aus Lehmziegeln errichtet. Wie wir selbst feststellen konnten, bieten Lehmziegeln den besten Schutz vor den häufig extremen Temperaturschwankungen der Wüste. Die Innenräume dieser Bauten sind meist ebenerdig, aber auch doppelstöckige Häuser sind keine Seltenheit. Nur einige wenige Autos und das Vorhandensein von Elektrizität in Mawhub stören die Illusion einer Zeitreise, denn die Oase Dachla kann mit vollem Recht als eine gänzlich andere Welt bezeichnet werden, in der man sich gut und gern in pharaonische Zeiten zurückversetzt fühlt ... schon deshalb war der dortige Aufenthalt ein außerordentliches Erlebnis für Ägyptologie-Studierende!

In jedem Ort der Oase Dachla finden sich archäologische Kostbarkeiten, angefangen von winzigen Feuersteinartefakten über riesige altägyptische Mastaba-Gräber (ca. 2300v.Chr.) bis hin zu reich dekorierten römerzeitlichen Tempeln und Bauernhäusern, und bedeutenden christlichen Nekropolen; das heißt, die gesamte Geschichte der Oase lässt sich vom Ende des Altpaläolithikum (erste Periode der Altsteinzeit, ab ca. 350000 v.Chr.) bis zur Gegenwart kontinuierlich verfolgen. Diesem Reichtum an materiellen Zeugnissen menschlicher Aktivitäten Herr zu werden, wird das seit 1978 bestehende internationale "Dakhleh Oasis Project" durch eine in der Ägyptologie ungewöhnlich breite wissenschaftliche Ausrichtung gerecht: Unter der Leitung eines kanadischen Ägyptologen arbeiten jährlich ca. 30 Wissenschaftler verschiedenster Disziplinen und diverser Institutionen in Dachla zusammen, z.B. Geologen, Prähistoriker, Archäologen, Archäobotaniker, Ägyptologen, Papyrologen, Sozionolgen, Ethnologen, Biologen etc. Diese Wissenschaftler kommen u.a. aus Calgary, Toronto, Kairo, Melbourne Amsterdam, Oxford und Warschau. Sie alle haben das Ziel, Geschichte und Leben der Oase Dachla zu erforschen.

Das kanadische "Dakhleh Oasis Project" und dessen holländischer "Chie Epigrapher", Dr. Olaf E. Kaper. z.Zt. Alexander von Humboldt-Stipendiat an unserem Seminar, waren es auch, die unseren dortigen Aufenthalt im Frühjahr dieses Jahres ermöglichten. Wir waren die ersten Berliner Studenten, die dank der Unterstützung unserer Ägyptologie-Professorin Erika Endesfelder, und des vermittelnden Engagements ihres Assistenten Dr. (des.) Christian E. Loeben, an diesem in Fachkreisen gut bekannten und außerordentlich geschätzten interdisziplinären Projekt teilnehmen konnten. Dieses vom DAAD und der Humboldt-Universität zu Berlin finanzierte Auslandspraktikum wurde in Kooperation mit der "American University of Cairo" durchgeführt und sollte uns auf eine der wichtigsten Aufgaben eines zukünftigen Ägyptologen vorbereiten: die epigraphische Dokumentation von altägyptischen Tempelreliefs und hieroglyphischen Inschriften.

Unser Arbeitsort war ein kleiner Tempel aus der römischen Kaiserzeit, der unter Kaiser Nero aus Sandsteinblöcken errichtet worden ist und unter seinen Nachfolgern Vespasian, Titus, Domitian, Trajan und Hadrian erweitert wurde; das entspricht dem Zeitraum von 54-138 n. Chr. In seiner Gestalt gleicht er vollkommen den in pharaonischer Zeit in Ägypten erbauten Tempeln, nur wenige Details in der Architekturornamentik verraten römischen Einfluss. Dieser in der arabischen Landessprache "Deir el-Haggar" ("das Steinkloster") genannte Tempel, befindet sich rund 40 Gehminuten von Mawhub entfernt. Da wir sehr früh aufstehen mussten, um noch vor der größten Hitze mit der Arbeit beginnen zu können, fuhren wir lieber 10 Minuten Auto zum Tempel. Unser Gefährt, ein Landrover Baujahr 1960, auf dessen offener Ladenfläche wir in Decken gehüllt saßen, erwies sich als eine Art bewegliche Aussichtsterrasse. Der Wechsel von Wüste und kultiviertem Land im Morgenlicht bot dabei einen unvergesslichen Anblick.

Der Tempel von Deir el-Haggar ist erst in den 90er Jahren dieses Jahrhunderts ausgegraben und restauriert worden. Es handelt sich somit um den letzten in Ägypten freigelegten antiken Tempel. Auf den dabei ans Licht gekommenen Reliefs hat sich zum Teil sogar noch die originale Bemalung in voller Farbenpracht erhalten. Die Anfälligkeit dieser einzigartigen Dekoration gegenüber Klimaeinflüssen und Tourismus erfordert sofortige epigraphische Dokumentation, d.h. die originalgetreue zeichnerische Aufnahme der vorhandenen Reliefs, der Inschriften und ihrer Bemalungen. Die wichtigste von uns angewandte Dokumentationstechnik bestand aus dem Durchzeichnen der Reliefs mit dünnem Filzstift auf transparente Plastikfolie, eine einfache Methode, um gut erkennbare Reliefs genau und zügig durchzupausen. Ist jedoch auf den Reliefs Malerei enthalten, so ist es aufgrund der Empfindlichkeit der Farbe nicht möglich, Folie zu verwenden, und man muss auf andere, kompliziertere Methoden des Zeichnens zurückgreifen. Die von uns in Deir el-Haggar angefertigten Zeichnungen werden zur Publikation vorbereitet, wozu es notwendig ist, diese maßstäblich zu verkleinern und in Tinte auf Pergamentpapier abzupausen. Auch das Anfertigen der Tintenzeichnungen gehörte zu unseren Aufgaben und erforderte äußerste Sorgfalt sowie ein gutes Augenmaß, das sich nur durch praktische Übung erlangen ließ.

Das wesentliche Handwerkszeug epigraphischer Arbeit ist die gute Kenntnis der Hieroglyphenschrift und eine gewisse Vertrautheit mit der Ikonographie und den Konventionen ägyptischer Darstellungen, denn teilweise sind die Reliefs durch natürliche Verwitterung oder mutwillige Zerstörung beschädigt, so dass man die antiken Relieflinien nur noch erahnen kann. Eine gute Möglichkeit, kaum noch erkennbare Linien sichtbar zu machen, war das Ausleuchten der Reliefs durch das von einem Spiegel reflektierte Sonnenlicht. Dennoch war es oft nötig, Entscheidungen darüber zu fällen, welche Linie im Relief man für antik und gewollt erachtet und welche lediglich als Folge von Zerstörung anzusehen ist. Auch die Dreidimensionalität der Reliefs bot gewisse Schwierigkeiten, da diese in adäquater Weise auf die zweidimensionale Folie zu übertragen war. Aus diesen Gründen ist es auch nicht ausreichend, allein Photographien der Reliefs zu veröffentlichen, da viele kleine, aber äußerst wichtige Details von Darstellungen und Inschriften auf Photos nur sehr schwer oder meist gar nicht auszuwerten sind. Weil die Tempelwände in ihrer gesamten Höhe von Reliefs bedeckt sind, mussten wir sowohl auf dem Boden liegend oder hockend als auch in 10 m Höhe auf Leitern und Gerüsten arbeiten.

Epigraphische Dokumentation bedeutet Kampf gegen den Verfall und Wettlauf mit der Zeit, wie wir aus eigener Anschauung erfuhren. Sand und Wind fügen den freigelegten Reliefs großen Schaden zu und lassen die von ihnen verursachte Zerstörung fast stündlich sichtbar werden. Da jedes pharaonische Bauwerk mit unzähligen Reliefs und Inschriften versehen ist, muss seine Dekoration schnellstens dokumentiert werden, da sonst diese Zeitzeugnisse der Vergangenheit für die Wissenschaft und für die gesamte daran interessierte Nachwelt unwiederbringlich verloren gehen. Das wäre ein enormer Verlust, denn die schriftlichen Quellen au der Oase Dachla sind wichtige Beiträge für das Verständnis einer multikulturellen Gesellschaft, die vor knapp 2000 Jahren im Schnittpunkt afrikanischer, europäischer und vorderasiatischer Lebenswelten vielleicht sogar ganz ähnliche Integrationsprobleme zu meistern hatte, wie wir heute mitten in Europa oder andernorts. Aus vor langer Zeit gemachten Erfahrungen bei der Bewältigung dieser Probleme könnte man sicher heutzutage einiges lernen. Man muss Hinweise darauf jedoch erst einmal suchen, finden, dokumentieren auswerten und Bekannt machen - die langwierige und mühsame Arbeit aller historischer Disziplinen, die sich aber lohnt.

Dem Erforschen nicht nur der einzigartigen Vergangenheit der Oase Dachla sondern aller antiker Kulturen wird sich nicht nur der hehren Wissenschaft zuliebe gewidmet, auch dafür, das Wissen über die Anfänge unserer eigenen abendländischen Kultur zu vermehren, zu bewahren, und an unsere Kinder weiterzugeben. Dass wir an diesem Prozess schon als Studenten mitwirken konnten, war nicht nur spannend und erlebnisreich, sondern erfüllte uns – aller Strapazen zum Trotz – mit einer gewissen Portion Stolz. Nächstes Frühjahr wollen wir uns wieder auf den weiten Weg in die libysche Wüste zur Oase Dachla machen, um unsere verantwortungsvolle Aufgabe fortzusetzen: "Inscha' allah" würde man jetzt in Dachla sagen, "so Gott will", und wir erweitern den dort tausendfach gehörten Spruch zu: "so Gott – und unsere hoffentlich zahlreichen noch zu findenden Sponsoren! – es wollen" ...

Manuela Gander, Andreas Finger, Eva Lange, Marc Loth,
Vera Rohrschneider, Daniela Rosenow, Ines Teubner

Information und Kontakt:
Dr. (des.) Christian E. Loeben
Ägyptologie der Humboldt-Universität
christian.loeben@rz.hu-berlin.de